Ablehnung des Antrags zur Abschaffung der „DDR“

Sehr geehrter Genosse Alphonso,

Ihr Antrag zur Abschaffung der „DDR“ an das ZK des Deutschen Kulturbetriebs vom 10. Juli 2010 wird aufgrund von Formfehlern und inhaltlichen Fahrlässigkeiten abgelehnt. Solcherlei Anträge, die Betriebsgruppen „Literatur“, „Malerei“ und „vergleichende Beleidigung“ betreffend, können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Gymnasialbildung und/oder Hochschulstudium) nicht beantragt werden. Ausnahmegenehmigungen werden kurzfristig erteilt.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Die zustän­di­gen Abtei­lun­gen Kul­tur­be­trieb und Geschichts­po­li­tik sind ange­wie­sen, Blog­gern mit Paw­low­schem Bell­re­flex unver­züg­lich das Maul zu stop­fen, ohne daß dafür noch die Vor­aus­set­zun­gen für ein stän­di­ges Schreib­ver­bot in den ein­zel­nen Abtei­lun­gen vor­her geprüft wer­den müs­sen. Bit­te begrei­fen Sie, daß Joa­chim Gauck unser neu­er Oba­ma ist und wir kei­ne oppo­si­tio­nel­len Umtrie­be am Tegern­see dul­den. Gera­de jetzt, über 20 Jah­re nach dem Mau­er­fall, ist unse­re freie Zivil­ge­sell­schaft gefor­dert, Ver­ständ­nis­pro­zes­se über die jün­ge­re deut­sche Geschich­te auch dem Kul­tur­pro­le­ta­ri­at bei­zu­brin­gen, um die Über­le­gen­heit der Gegen­wart zu demonstrieren.

Lei­der müs­sen wir auf­grund einer Arbeits­kon­troll­di­rek­ti­ve vom 20. Dezem­ber 1999 der Pflicht nach­kom­men und Ihnen die vor­lie­gen­den inhalt­li­chen Fahr­läs­sig­kei­ten in aller Genau­ig­keit erklä­ren und in Kurz­form einen eige­nen Arbeits­nach­weis erbringen.

Sie wer­fen unse­rer ehren­wer­ten Kul­tur­ar­beit vor, die „’DDR’“ „saufad“ dar­zu­stel­len. Eini­ge Über­mitt­lungs­feh­ler in unse­rer Sek­ti­on Audio­vi­su­el­le Fik­tio­nen und Doku­men­ta­tio­nen haben zwar dazu geführt, daß der her­vor­ra­gen­de Film „Fried­li­che Zei­ten“ der auf­stre­ben­den Jung­re­gis­seu­rin Nee­le Lea­na Voll­mar letz­te Woche nur zu spä­ter Stun­de auf Arte lau­fen konn­te. Und auch am 8. März 2010 war sozia­lis­ti­sche Selbst­kri­tik ange­mes­sen, weil der Film „Hun­ger auf Leben“, der die wech­sel­vol­le Bio­gra­phie der Genos­sin Bri­git­te Rei­mann por­trai­tiert, bedau­er­li­cher­wei­se in die Nacht abge­scho­ben wur­de. Aber nichts­des­to­trotz konn­ten wir auch in die­ser Sek­ti­on im abge­lau­fe­nen Geschäfts­jahr das Plan­ziel errei­chen. Übri­gens soll­ten Sie beach­ten, daß die Blu­men­ta­pe­ten in die­sen Fil­men nicht gene­rell beige, son­dern zuwei­len auch hell­grün zur Ver­stär­kung des Bin­nen­plu­ra­lis­mus waren. Die Arbeits­grup­pe Requi­si­te hat hier ihre Auf­ga­ben zur volls­ten Zufrie­den­heit erfüllt.

Nach der erfolg­rei­chen Absol­vie­rung der Jubi­lä­ums­in­sze­nie­run­gen zu „20 Jah­re Mau­er­fall“ haben wir sogar soge­nann­te moder­ne, die ein­fa­chen Arbei­ter und Bau­ern anspre­chen­de Kul­tur­pro­duk­tio­nen frist­ge­recht fer­tig­ge­stellt. Mit dem action­rei­chen TV-Zwei­tei­ler „Die Gren­ze“ ist es dem ZK in Zusam­men­ar­beit mit dem staats­na­hen Betrieb team­worx gelun­gen, eine Debat­te dar­über aus­zu­lö­sen, ob wirk­lich nie­mand die Absicht hat, wie­der eine Mau­er zu errichten.

Frei nach Michail Gor­bat­schow umfor­mu­liert, hat team­worx es ver­stan­den, daß die Medi­en eines der wich­tigs­ten Kampf­mit­tel der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Par­tei sein müs­sen. Heu­te liegt eine beson­ders gro­ße Arbeit auf den Schul­tern der Par­tei, und dies bedeu­tet auch auf den Mas­sen­me­di­en, die wir von der Par­tei nicht tren­nen. Es läßt sich schwer­lich anneh­men, daß man ohne sie irgend­wel­che Pro­ble­me lösen kann. Aus die­sem Grund lau­fen die Kul­tur­pro­duk­tio­nen zur DDR-Geschich­te, die wich­tig sind, um den Sieg der frei­en Zivil­ge­sell­schaft zu unter­strei­chen, auch in Zukunft gemäß der Ver­ord­nung vom 12. Sep­tem­ber 2003 wei­ter. Im Herbst die­ses Jah­res wer­den wir zu den Fei­er­lich­kei­ten „20 Jah­re Wie­der­ver­ei­ni­gung“ die team­worx-Pro­duk­ti­on „Go West – Frei­heit um jeden Preis“ auf Pro­Sie­ben lau­fen las­sen. Außer­dem ent­steht in die­sem Hau­se gera­de ein his­to­ri­scher Zwei­tei­ler für das ZDF, in den zur not­wen­di­gen staats­bür­ger­li­chen Auf­klä­rung eben­falls eine Flucht­ge­schich­te inte­griert wurde.

Sie brau­chen sich auch kei­ne finan­zi­el­len Sor­gen zu machen, da unser Abschied vom Schuld­kult und die damit ver­bun­de­ne kos­ten­in­ten­si­ve Auf­sto­ckung der Beleuch­tung der deut­schen Geschich­te von 12 um mehr als 40 zusätz­li­che Jah­re im Rah­men einer kaum spür­ba­ren Kul­tur­kos­ten­pau­scha­le deut­lich bud­get­freund­li­cher ist als die Umschich­tungs­maß­nah­men nach Grie­chen­land auf Druck unse­res Gro­ßen Bruders.

 

Die Leis­tun­gen der Betriebs­grup­pen „Lite­ra­tur“ und „Male­rei“ betref­fend, for­dern wir Sie auf, sich öffent­lich von Ihrem Antrag zu distan­zie­ren. Denn etwa beim Anblick der Bil­der eines Neo Rauch, die Sie in Leip­zig und Mün­chen noch bis zum 15. August 2010 bewun­dern kön­nen, wer­den Sie kein „tris­tes Grau“, son­dern far­ben­fro­he Fugen fin­den, bei denen die werk­tä­ti­ge Bevöl­ke­rung aura­ti­sche Momen­te erlebt. Nen­nen Sie unse­rem ZK doch bit­te einen gegen­wär­ti­gen West-Künst­ler, der die­se Gabe besitzt! Soll­ten Sie sich ein­mal einen Über­blick über die Erzeug­nis­se der Betriebs­grup­pe „Male­rei“ in den letz­ten zwei Jahr­hun­der­ten ver­schafft haben, wer­den Sie fest­ge­stellt haben, daß die bedeu­tends­ten Bil­der aus­schließ­lich von Kul­tur­ar­bei­tern aus der Mit­te unse­res Lan­des her­ge­stellt wurden.

Der Roman­ti­ker Cas­par David Fried­rich wirk­te in Dres­den und Umge­bung. Genos­se Otto Dix war in Gera behei­ma­tet. Ihm zu Ehren wer­den wir 2011 ein Otto-Dix-Jahr ver­an­stal­ten. Der Genos­se Karl Schmidt-Rottluff stammt schließ­lich aus Chem­nitz. Soll­te Sie das noch immer nicht über­zeu­gen, emp­feh­le ich Ihnen einen Besuch im Pan­ora­ma-Muse­um in Bad Frankenhausen.

In der Betriebs­grup­pe „Lite­ra­tur“ hat nicht nur der von Ihnen kri­ti­sier­te Schrift­stel­ler Uwe Tell­kamp Leucht­tür­me errich­tet, die sehr viel mehr zum Ver­ständ­nis des bie­der­mei­er­li­chen Deut­schen bei­tra­gen als die Erzeug­nis­se aus der west­deut­schen Schuld­ko­lo­nie. Neh­men Sie zum Bei­spiel den 2002 von der Deut­schen Lite­ra­tur­kon­fe­renz mit der Karl-Preus­ker-Medail­le aus­ge­zeich­ne­ten Dr. h.c. Erich Loest, der sich mit dem Roman „Niko­lai­kir­che“ unser aller Aner­ken­nung ver­dient hat. Oder den­ken Sie an den Ost­ber­li­ner Genos­sen Tho­mas Brussig, der in der Arbeits­grup­pe Wit­zisch­keit kennt kei­ne Gren­zen, Wit­zisch­keit kennt kein Par­don tätig ist und des­sen Anti-Held Klaus Uhlzscht die Mau­er mit sei­nem äußerst stei­fen Geschlechts­or­gan zum Ein­sturz brachte.

Sie soll­ten nicht vor­schnell über unse­re Betriebs­grup­pen urtei­len, son­dern sich erst ein­mal der viel­fäl­ti­gen Auf­ga­ben unse­rer Kul­tur­ein­rich­tun­gen bewußt wer­den: Die deut­sche Lite­ra­tur­kon­fe­renz als Sek­ti­on des Deut­schen Kul­tur­ra­tes hat zum Bei­spiel fol­gen­den Arbeits­auf­trag zu erfüllen:

Die deut­sche Lite­ra­tur­kon­fe­renz ver­folgt als Sat­zungs­zweck die För­de­rung der deut­schen Lite­ra­tur. Sie will als Ver­ei­ni­gung der am lite­ra­ri­schen Leben in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land maß­geb­lich betei­lig­ten Ver­bän­de und Insti­tu­tio­nen auf die öffent­li­che Mei­nung, die Erzie­hung und die Gesetz­ge­bung ein­wir­ken, um der Lite­ra­tur die ihrer gesell­schaft­li­chen Bedeu­tung ent­spre­chen­de Stel­lung zu gewähr­leis­ten und Bei­trä­ge für die Wei­ter­ent­wick­lung der Lite­ra­tur zu leisten.

Da wir an das Gute im Men­schen glau­ben, möch­ten wir Ihnen eine letz­te Chan­ce geben. Über einen Bei­trag Ihrer­seits zur Wei­ter­ent­wick­lung der Lite­ra­tur wür­den wir uns mehr freu­en als über Ihre destruk­ti­ve Kri­tik, die den Umfang unse­rer Bemü­hun­gen hin­sicht­lich der Auf­ar­bei­tung der DDR-Dik­ta­tur nicht zu wür­di­gen weiß. Viel­leicht gelingt es Ihnen ja, den Vor­sprung der Besieg­ten auf­zu­ho­len. Dann wür­den wir sogar dar­über nach­den­ken, irgend­wann den Inge­borg-Bach­mann-Preis an Sie zu ver­ge­ben und wer­den unse­re zu 100 Pro­zent sys­tem­treu­en Genos­sen aus dem Osten auf das nächs­te Jahr vertrösten.

Mit bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schem Gruß,
i.A. für das ZK des Deut­schen Kulturbetriebs,
Felix Menzel

 

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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