Autorenportrait Peter Sloterdijk

pdf der Druckfassung aus Sezession 24/Juni 2008

sez_nr_24Im November 2006 war es wieder einmal soweit: Der Generationenwechsel in der Philosophie wurde beschworen, diesmal vom Monatsmagazin Cicero. Unter dem Motto „Vergeßt Habermas! Cicero stellt Deutschlands neue Denker vor" präsentierte die Zeitschrift sechs Professoren der Jahrgänge zwischen 1944 und 1965, darunter auch Peter Sloterdijk, Jahrgang 1947 und seit fast dreißig Jahren im Geschäft. „Neu" ist offenbar eine dehnbare Qualifikation, die sich weder auf das Lebensalter noch die mediale Präsenz beziehen muß.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Viel­leicht ist damit aber die Ori­gi­na­li­tät der Gedan­ken gemeint, die die „neu­en Den­ker” vom alten Den­ken unter­schei­det. Damit wäre man zumin­dest bei Slo­ter­di­jk auf der rich­ti­gen Spur, und offen­bar hat auch der Cice­ro gemerkt, daß Slo­ter­di­jk anders ist als die gewohn­te uni­ver­si­tä­re Phi­lo­so­phie: „Kei­ner hat mehr The­sen. Und kei­ner weiß sie geschick­ter zu plazieren.”
In der Gegen­über­stel­lung von alt und neu schwingt aber auch mit, daß die Phi­lo­so­phie der spä­ten Bun­des­re­pu­blik, die sich vor allem von der Kri­ti­schen Theo­rie ablei­te­te, von Beginn an mit der ver­än­der­ten Situa­ti­on Deutsch­lands nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung und im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung über­for­dert war. Offen­bar stößt hier eben jene Theo­rie an die Gren­zen der Rea­li­tät, hat also kei­ne Begrif­fe mehr, um das zu beschrei­ben und zu inter­pre­tie­ren, was ein wacher Geist wahr­neh­men kann und in Wor­te gefaßt haben möch­te. Die­ses Unver­mö­gen hat die Phi­lo­so­phie auch in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung völ­lig mar­gi­na­li­siert. Hier darf Slo­ter­di­jk als eine abso­lu­te Aus­nah­me­ge­stalt der gegen­wär­ti­gen Phi­lo­so­phie bezeich­net wer­den, denn ihm gelingt es immer wie­der Debat­ten aus­zu­lö­sen, Stand­punk­te zu pola­ri­sie­ren und phi­lo­so­phi­sche Kom­men­ta­re zum Zeit­ge­sche­hen zu formulieren.
Peter Slo­ter­di­jk, am 26. Juni 1947 als Sohn einer Deut­schen und eines Nie­der­län­ders in Karls­ru­he gebo­ren, war eigent­lich schon immer so. Ab 1968 absol­vier­te er ein Stu­di­um der Phi­lo­so­phie, Ger­ma­nis­tik und Geschich­te in Mün­chen und Ham­burg. Wie er sich zu den dama­li­gen Auf­wal­lun­gen ver­hal­ten hat, ist nicht bekannt. Sein zügi­ges Stu­di­um dürf­te ihm aller­dings nicht viel Zeit für ande­re Din­ge gelas­sen haben: 1971 leg­te er in Ham­burg sei­ne Magis­ter­ar­beit Über­le­gun­gen zu neue­ren struk­tu­ra­lis­ti­schen Metho­den in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft vor. Anschlie­ßend befaß­te er sich mit Geschichts­theo­rie und Lin­gu­is­tik und pro­mo­vier­te 1976 mit einer Arbeit über Gat­tungs­theo­rie und Gat­tungs­ge­schich­te der Auto­bio­gra­phie in der Wei­ma­rer Repu­blik in Ham­burg bei Klaus Brieg­leb (Jahr­gang 1932), der selbst wie­der­um 2002 mit einer Streit­schrift über den Anti­se­mi­tis­mus der Grup­pe 47 Auf­merk­sam­keit erreg­te. Anschlie­ßend ent­deck­te Slo­ter­di­jk Bhag­wan (Osho), den Guru und „Meis­ter der Her­zen” (J. E. Berendt), und hielt sich von 1978 bis 1980 in des­sen Ashram im indi­schen Poo­na auf. Seit Anfang der acht­zi­ger Jah­re leb­te Slo­ter­di­jk als frei­er Schrift­stel­ler in München.

Schlag­ar­tig bekannt wur­de Slo­ter­di­jk vor ziem­lich genau 25 Jah­ren, als sein ers­tes Haupt­werk Kri­tik der zyni­schen Ver­nunft in zwei Bän­den bei Suhr­kamp erschien. Das Buch ent­wi­ckel­te sich rasch zu einem Best­sel­ler, von dem bis heu­te 120.000 Exem­pla­re ver­kauft wor­den sind und das mit­hin das erfolg­reichs­te phi­lo­so­phi­sche Buch nach 1945 ist. Der erstaun­li­che Erfolg (immer­hin han­delt es sich um ein Buch von fast tau­send Sei­ten) erklärt sich zum einen aus der sprach­li­chen Ele­ganz, die von nahe­zu allen Rezen­sen­ten her­vor­ge­ho­ben wur­de, zum ande­ren aus der kon­tro­ver­sen Art, mit der Slo­ter­di­jk den Zeit­geist darstellt.
An den poli­ti­schen Rän­dern des öffent­li­chen Dis­kur­ses wur­de das Buch zwie­späl­tig beur­teilt. Armin Moh­ler etwa warn­te in sei­ner Bespre­chung vor „umge­dreh­ten Weg­wei­sern: ‚Kyni­ker‘ con­tra ‚Zyni­ker‘ – die neu­es­te Fin­te unse­rer Intel­li­g­ent­zia”, muß­te aber zuge­ben, daß Slo­ter­di­jk den Punkt, „auf den alle Aus­ein­an­der­set­zun­gen von Rang zurück­ge­hen” genau sah: die Fra­ge, ob wir die Wirk­lich­keit erken­nen und damit for­men kön­nen oder ob sie uns nur ein­zeln im Han­deln zugäng­lich ist. Moh­ler warf Slo­ter­di­jk den­noch Halb­her­zig­keit vor, weil er die­sen ent­schei­den­den Gedan­ken nicht zu Ende den­ke und damit hin­ter den Resul­ta­ten kon­ser­va­ti­ven Den­kens zurückbleibe.
Für die ande­re Sei­te bewer­te­te Jür­gen Haber­mas das Buch, trotz des offen­siv vor­ge­tra­ge­nen Angriffs auf die Kri­ti­sche Theo­rie der Frank­fur­ter Schu­le, eben­falls wohl­wol­lend kri­tisch. Das ver­wun­dert ange­sichts von Sät­zen wie: „Ihr Vor­ur­teil lau­tet, daß aus die­ser Welt nur böse Macht gegen das Leben­di­ge kom­men kön­ne. Hier­in grün­det die Sta­gna­ti­on der Kri­ti­schen Theo­rie. Die Offen­siv­wir­kung des Sich­ver­wei­gerns hat sich längst erschöpft.” Haber­mas lob­te die „glanz­vol­le Ver­bin­dung von phi­lo­so­phi­scher Essay­is­tik und Zeit­dia­gnos­tik”, unter­stell­te Slo­ter­di­jk jedoch eine „argu­ment­freie Metho­de”, die sich ledig­lich an den Gedan­ken ande­rer abar­bei­te, ohne selbst schöp­fe­risch zu sein.
Damit hat­te Haber­mas die für ihn ent­schei­den­de Fra­ge gestellt: Inwie­weit führt Slo­ter­di­jk einen begriff­lich argu­men­tie­ren­den Dia­log, der nach Haber­mas Vor­aus­set­zung für die Ver­bes­se­rung der Welt im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs ist? Jedoch: Dar­um geht es Slo­ter­di­jk nun gera­de nicht. Viel­mehr ver­sucht er durch die von ihm favo­ri­sier­te Hal­tung des Kyni­kers gegen­über der des Zyni­kers zu zei­gen, daß es im Jahr des zwei­hun­dert­jäh­ri­gen Jubi­lä­ums von Kants Kri­tik der rei­nen Ver­nunft den Selbst­be­trug der mensch­li­chen Ver­nunft gibt, der schnell in die Hal­tung des Zyni­kers führt. Dage­gen setzt Slo­ter­di­jk die nicht-dia­lek­ti­sche Distanz zur Gesellschaft.
Woll­te Haber­mas damals offen­bar ein Bei­spiel für die Nütz­lich­keit sei­ner eige­nen Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Dis­kur­ses geben, der selbst den Kyni­ker (den Hun­de­phi­lo­so­phen) mit ein­be­zieht, sah die Sache weni­ge Jah­re spä­ter anders aus. Das lag vor allem an der ver­än­der­ten Situa­ti­on: Die deut­sche Ein­heit hat­te den beschau­li­chen bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Dis­kurs über­holt. Slo­ter­di­jk nutz­te die Gunst der Stun­de und hielt am 10. Dezem­ber 1989 eine Rede über das eige­ne Land, in der er die neue Lage in ihrer Wider­sprüch­lich­keit zu fas­sen such­te: „Wer, wenn nicht wir, hat­te denn das mat­te Leuch­ten, das aus der selbst­ge­woll­ten Mit­tel­mä­ßig­keit kommt, die­se Behag­lich­keit im Schul­dig­sein, die­se Spann­kraft in der Selbst­be­zich­ti­gung, die­se Satt­heit in der Beschä­mung und die­se aggres­si­ve Reser­ve gegen Über­durch­schnitt­li­ches?” Wenn es Slo­ter­di­jk im Lau­fe sei­ner Rede auch nicht an den bekann­ten Mah­nun­gen feh­len ließ, die vor einem Über­schwang der Gefüh­le warn­ten, so bleibt doch bestehen, daß er in den Ereig­nis­sen so etwas wie die Mani­fes­ta­ti­on einer deut­schen Intel­li­genz aus­zu­ma­chen mein­te. Dage­gen setz­te Haber­mas sein Dik­tum: „Der gan­ze intel­lek­tu­el­le Müll, den wir uns vom Hals geschafft hat­ten, wird wie­der auf­be­rei­tet, und das mit dem Ges­tus, für das Neue Deutsch­land die neu­en Ant­wor­ten parat zu haben.” Er sprach damit einer deut­schen Intel­li­genz aus der See­le, die für die Deut­schen das Schlimms­te fürchtete.

Slo­ter­di­jk ließ sich davon nicht ein­schüch­tern. Für ihn war das „Ende der Geschich­te” noch längst nicht in Sicht. Er hat­te offen­bar als einer der weni­gen das gleich­na­mi­ge Buch von Fran­cis Fuku­ya­ma zu Ende gele­sen, der immer­hin die Mög­lich­keit sah, daß die Men­schen sich in der libe­ra­len Demo­kra­tie lang­wei­len und des­halb „zu einer neu­en, noch wei­te­ren Rei­se” auf­bre­chen könn­ten. In die­sem Sin­ne ist sein Ver­such über Hyper­po­li­tik zu ver­ste­hen, in dem er bereits 1993 die Kon­se­quen­zen aus der vor­an­schrei­ten­den Glo­ba­li­sie­rung zog und die Kunst des Mög­li­chen nicht mehr als Poli­tik, son­dern als Hyper­po­li­tik defi­nier­te, weil die Bin­dungs­kräf­te der klas­si­schen poli­ti­schen Ein­hei­ten über­for­dert wür­den. Anhand eines Drei-Sta­di­en-Modells (Paläo­po­li­tik, Poli­tik, Hyper­po­li­tik) gelingt ihm die theo­re­ti­sche Begrün­dung einer „kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on”: Die Auf­he­bung der Poli­tik wie auch der Paläo­po­li­tik in der Hyper­po­li­tik bedeu­tet, den Men­schen wie­der zum Dreh- und Angel­punkt zu machen und sei­nen Fort­be­stand zu sichern. Slo­ter­di­jk schießt in die­sem wei­ter­hin hoch­ak­tu­el­len Bänd­chen scharf gegen das „Lager der Wohl­ge­sinn­ten”, die nicht wahr­ha­ben wol­len, daß dem Demo­kra­tie-Export Gren­zen gesetzt sind. Um die­se Gren­zen geht es Slo­ter­di­jk: Nüch­tern stellt er den „Zer­fall der Super­struk­tu­ren” fest und sieht eben­so nüch­tern die Mög­lich­keit der „Rege­ne­ra­ti­on auf klei­ner Ebene”.
Hyper­po­li­tik ist Poli­tik für das „Zeit­al­ter der Reichs­lo­sig­keit”, das an früh­mit­tel­al­ter­li­che Struk­tu­ren erin­nert. Slo­ter­di­jk stell­te des­halb die ket­ze­ri­sche Fra­ge, wie „Euro­pa zur Werk­statt einer zeit­ge­mä­ßen Reichs­me­ta­mor­pho­se wer­den” könn­te. Das spe­zi­fisch Euro­päi­sche sei der Reichs­ge­dan­ke, der im „Prin­zip Staa­ten-Uni­on” auf­ge­ho­ben wer­den müs­se. Dabei hat Slo­ter­di­jk nicht die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka vor Augen, son­dern einen eige­nen „gro­ßen” Ent­wurf: Falls Euro­pa erwacht, wer­de das vom Glau­ben der Euro­pä­er an „ihre Rech­te auf Erfolg” und der Begeg­nung mit den „Chan­cen des Welt­au­gen­blicks auf Augen­hö­he” abhän­gen. Aber trotz der Rede von einer „euro­päi­schen Visi­on” ver­kann­te Slo­ter­di­jk nicht, daß die­ser For­mie­rungs­pro­zeß in eine Zeit fiel, in der sich „gro­ße Stür­me” ankün­dig­ten. Hier kom­me den Euro­pä­ern ihre Tra­di­ti­on zugu­te, die auf eige­ne Wei­se nach der Wahr­heit fra­ge und Erkennt­nis an den Anfang des Han­delns set­ze: „Seh­kraft für Gro­ßes wird aber in ris­kan­ten Erzie­hun­gen erlernt und überliefert.”
Für die deut­sche Gemüt­lich­keit sah Slo­ter­di­jk (seit 1992 Pro­fes­sor an der Staat­li­chen Hoch­schu­le für Gestal­tung Karls­ru­he und seit 2001 deren Rek­tor) Mit­te der neun­zi­ger Jah­re also das Ende gekom­men, erst recht aber als der Regie­rungs­wech­sel 1998 ganz offen­siv die neue „Ber­li­ner Repu­blik” pro­pa­gier­te und damit gleich die Befürch­tun­gen neu­en Groß­macht­stre­bens und Schuld­ver­leug­nung her­vor­rief. Slo­ter­di­jk beschreibt die Nati­on als einen „unier­ten Anstren­gungs­kör­per”, der sich „selbst mora­lisch die Spo­ren” geben muß, was ohne Fein­de schwer­lich zu bewerk­stel­li­gen sei. Hin­zu kommt, daß eben das, was Slo­ter­di­jk den „star­ken Grund zusam­men zu sein” nennt, durch den libe­ral­de­mo­kra­ti­schen Kapi­ta­lis­mus not­wen­dig geschwächt wird. Er deu­tet an, daß uns nur der schwa­che Grund: die gemein­sa­me Spra­che bleibt. Doch ange­sichts der „Kul­tur­kämp­fe in der moder­nen Gesell­schaft” kann man auch von einem zu schwa­chen Grund reden. Wenn die Nati­on „von der exis­ten­ti­el­len Para­noia, von der unmit­tel­ba­ren Eifer­sucht auf den nächs­ten Riva­len” bestimmt ist, bedarf es stär­ke­rer Grün­de, um zusammenzubleiben.

Doch die­se stär­ke­ren Grün­de sind nir­gends in Sicht. Die Mas­sen­ge­sell­schaft rich­tet sich an inne­ren, nicht an äuße­ren Kämp­fen aus: „Eman­zi­pa­ti­on” lau­tet das Stich­wort. Die Zei­ten aber, in denen sich die Mas­se mas­sen­haft zur Eman­zi­pa­ti­on ver­sam­mel­te, sind vor­bei und inso­fern tref­fen auch, so Slo­ter­di­jk, die klas­si­schen Mas­sen­ana­ly­sen nicht mehr auf die heu­ti­gen Ver­hält­nis­se zu. Der Mas­sen­cha­rak­ter kom­me heu­te als „Mas­sen­in­di­vi­dua­lis­mus” „in der Teil­nah­me an Pro­gram­men von Mas­sen­me­di­en” zum Aus­druck, die sich von der Not­wen­dig­keit eines Ver­samm­lungs­or­tes eman­zi­piert haben: In der „pro­gramm­be­zo­ge­nen Mas­se” ist man „als Indi­vi­du­um Mas­se. Man ist jetzt Mas­se, ohne die ande­ren zu sehen.”
Das ist aber gleich­sam nur die von außen sicht­ba­re Sei­te. In Wirk­lich­keit herr­sche nach wie vor ein erbit­ter­ter Aner­ken­nungs­kampf, der mit Hil­fe des Ent­frem­dungs­theo­rems geführt wer­de. Da die Mas­se immer zur Ver­ach­tung her­aus­for­de­re, ent­wi­cke­le sie, so Slo­ter­di­jk, eine Lei­den­schaft zur Selbst­ach­tung, die zur Ent­schei­dung zwin­ge: Es bleibt nichts wei­ter übrig, als sich ihr gegen­über ent­we­der schmei­chelnd (hori­zon­tal) oder belei­di­gend (ver­ti­kal) zu ver­hal­ten. Beim ers­te­ren gehört man dazu, das zwei­te ist seit den Zei­ten des „anthro­po­lo­gi­schen Ega­li­ta­ris­mus” zuneh­mend unmög­lich gewor­den. Die Fra­ge nach dem Sinn poli­ti­schen Han­delns stellt sich damit für jeden Ein­zel­nen: Will ich mehr ver­än­dern als nur mich selbst, brau­che ich die Mas­se, die mich nicht legi­ti­mie­ren wird, wenn ich sie belei­di­ge. Also muß ich mich ver­stel­len, ihr schmei­cheln, um so selbst dazu­zu­ge­hö­ren oder als Zyni­ker zu enden. Die von Slo­ter­di­jk ins Spiel gebrach­te kyni­sche Hal­tung ist viel­leicht die ehr­lichs­te, bedeu­tet aber auch, der Mas­se vor der Haus­tür das Feld zu überlassen.
Was bleibt, ist die Belei­di­gung, die Pro­vo­ka­ti­on als Mit­tel der Macht­lo­sen, der Min­der­heit: „Die Phi­lo­so­phen haben den Gesell­schaf­ten nur ver­schie­den geschmei­chelt; es kommt dar­auf an, sie zu pro­vo­zie­ren.” Die­ses Mit­tel hat eini­ge Aus­sicht auf Erfolg, weil die Mas­se als Empor­kömm­ling für Belei­di­gun­gen sehr emp­fäng­lich ist. Daher wird Slo­ter­di­jk in dem Text unge­wohnt scharf, er will dem „auf­rech­ten Gang in die Bana­li­tät” etwas ent­ge­gen­set­zen. Die Mas­se mün­de zwangs­läu­fig in das „demo­kra­ti­sche Pro­jekt”, das vor­ge­fun­de­ne Unter­schie­de durch gemach­te ersetz­te. Dadurch wer­de jede anthro­po­lo­gi­sche Dif­fe­renz unmög­lich, gleich­zei­tig zwin­ge der „hori­zon­ta­le Dif­fe­renz­kult” zur Unter­schei­dung, so daß die Mas­se als „dif­fe­ren­zier­te Indif­fe­renz” daste­he, in der es nur ein Tabu gebe: das der gegen das Gleich­heits­theo­rem gerich­te­ten ver­ti­ka­len Unterscheidung.
Ein schö­nes Bei­spiel für den aus dem Ver­bot not­wen­dig fol­gen­den Ver­lust an Wert­emp­fin­den und Dif­fe­renz­ver­mö­gen war die Dis­kus­si­on um Slo­ter­di­jks Vor­trag Regeln für den Men­schen­park, in dem er nach der For­mung des gegen­wär­ti­gen Men­schen frag­te. Die Auf­re­gung, die damals, im Herbst 1999, herrsch­te, ist sach­lich kaum nach­zu­voll­zie­hen. Der Skan­dal lag viel­leicht schon dar­in begrün­det, daß Slo­ter­di­jk in sei­nem Vor­trag Pla­ton, Nietz­sche und Hei­deg­ger als Phi­lo­so­phen ernst nimmt und nicht, wie üblich, ver­sucht, ihnen ledig­lich phi­lo­so­phie­ge­schicht­lich etwas abzu­ge­win­nen. (Bereits Slo­ter­di­jks Samm­lung phi­lo­so­phi­scher Klas­si­ker unter dem Mot­to „Phi­lo­so­phie jetzt!” wies in die­se Rich­tung.) Das hät­te viel­leicht schon gereicht. Hin­zu kam, daß Slo­ter­di­jk in sei­nem Vor­trag die Wor­te „Bio­po­li­tik” und „Selek­ti­on” ver­wen­de­te, was natür­lich Betrof­fen­heit aus­lö­sen mußte.

Wei­ter­hin hat Slo­ter­di­jk in der Debat­te nicht nach­ge­ge­ben, son­dern nach­ge­legt, indem er der Kri­ti­schen Theo­rie den Toten­schein aus­ge­stell­te, was deren Ver­we­ser Haber­mas auf den Plan rief und lan­ge auf­ge­stau­ten Groll zuta­ge för­der­te: „Der neu­heid­ni­sche Slo­ter­di­jk prä­sen­tiert sich als die gesun­de Vor­hut einer nach­rü­cken­den Genera­ti­on …, etwas Neu­es auf dem Markt der Ber­li­ner Repu­blik …, der 1999 von sich behaup­tet, er kön­ne sich sei­ne Ver­gan­gen­heit frei aus­su­chen.” Da sind alle Vor­wür­fe ver­sam­melt, obwohl oder gera­de weil Haber­mas in der Sache aus­drück­lich nicht Stel­lung bezie­hen woll­te. Slo­ter­di­jk kom­men­tiert die Angrif­fe auf sich mit einem Ver­weis auf die „neue anti-iro­ni­sche Stim­mung im Wes­ten”, die von „der Kom­ple­xi­tät des ande­ren” nichts mehr hören wolle.
Die­se Aus­ein­an­der­set­zung fand vor dem Hin­ter­grund des Sphä­ren-Pro­jekts statt. Slo­ter­di­jk führt dar­in einen Schlag gegen die abend­län­di­sche Sub­stanz­me­ta­phy­sik. Sphä­ren (3 Bän­de, 1998–2004) ist ein opus magnum, das sich sowohl vom Umfang als auch von der Bedeu­tung her hin­ter dem Unter­gang des Abend­lan­des oder dem Geist als Wider­sa­cher der See­le nicht ver­ste­cken muß. Sei­ne The­se lau­tet, Leben bedeu­tet Sphä­ren zu bil­den. Von der Bla­se, in der sich der Mensch im Mut­ter­leib befin­de, über die Glo­ben als begreif­ba­ren Vor­stel­lungs­kos­mos bis hin zu den Schäu­men, in denen wir exis­tie­ren, ohne es wahr­ha­ben zu wol­len. Neben die­sem anthro­po­lo­gi­schen Ansatz ver­folgt Slo­ter­di­jk die Absicht, die gro­ße Erzäh­lung der Mensch­heit zu schrei­ben, ohne dabei im Sei­en­den ste­hen­zu­blei­ben; getreu Hei­deg­gers Satz: „Der vul­gä­re Ver­stand sieht vor lau­ter Sei­en­dem die Welt nicht”. Die unfaß­ba­re Kom­ple­xi­tät der Wirk­lich­keit ord­net Slo­ter­di­jk, im Anschluß an Speng­lers Mor­pho­lo­gie, in Sphä­ren, um sie so theo­re­tisch beschrei­ben zu können.
Dar­auf auf­bau­end, ent­wi­ckelt er mit Im Welt­in­nen­raum des Kapitals Grund­la­gen für eine phi­lo­so­phi­sche Theo­rie der Glo­ba­li­sie­rung. Wie­der­um in einem Drei-Pha­sen-Modell schil­dert er den Vor­gang von der anti­ken Kos­mo­lo­gie über die „ter­res­tri­sche Glo­ba­li­sie­rung” (1492–1944) bis hin zur seit­dem ein­set­zen­den und bis heu­te anhal­ten­den Auf­lö­sung (Slo­ter­di­jk spricht von „Kom­pres­si­on”) des glo­ba­len Raums in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Damit sei die klas­si­sche Ver­bin­dung von Ord­nung und Ortung (Carl Schmitt) auf­ge­ho­ben. Was bei Schmitt zum Nihi­lis­mus führt, ist bei Slo­ter­di­jk eine offe­ne Mög­lich­keit, da die con­di­tio huma­na nicht an den Raum gebun­den sei.
Über die Gefähr­dung des Men­schen macht sich Slo­ter­di­jk den­noch kei­ne Illu­sio­nen. Der Huma­nis­mus ist es, wie Slo­ter­di­jk in Anleh­nung an Geh­len und Hei­deg­ger behaup­tet, der uns schwächt und uns vor den Her­aus­for­de­run­gen ver­sa­gen läßt. Des­halb for­dert er in sei­nem „poli­tisch-psy­cho­lo­gi­schen Ver­such” Zorn und Zeit eine Reha­bi­li­tie­rung des Zorns im Sin­ne der bipo­la­ren Psy­cho­lo­gie der Grie­chen als Gegen­ge­wicht zur huma­ni­tä­ren Gesin­nung. Unter Zorn ver­steht Slo­ter­di­jk das „Eins­wer­den mit dem puren Antrieb”, wie er es am Bei­spiel des Achill demons­triert. Die­se krie­ge­ri­sche Tugend ver­fiel bereits in Grie­chen­land, den­noch sei das Bewußt­sein erhal­ten geblie­ben, daß es ohne „Beherzt­heit” (einer Schwund­stu­fe des Zorns) nicht mög­lich sei, ein Gemein­we­sen zu ver­tei­di­gen. In der durch die Psy­cho­ana­ly­se ver­dor­be­nen Kul­tur West­eu­ro­pas, so Slo­ter­di­jk, gel­te jede die­ser Regun­gen wie „Stolz, Empö­rung, Zorn, Ambi­ti­on, hoher Selbst­be­haup­tungs­wil­le und aku­te Kampf­be­reit­schaft” als Fol­ge eines neu­ro­ti­schen Kom­ple­xes. Slo­ter­di­jk for­dert den Stolz als not­wen­di­ges Kor­rek­tiv, um unser Han­deln aus der Ein­sei­tig­keit zu befrei­en: „Gro­ße Poli­tik geschieht allein im Modus von Balan­ce­übun­gen. Die Balan­ce üben heißt kei­nem not­wen­di­gen Kampf aus­wei­chen, kei­nen über­flüs­si­gen provozieren.”

Die­ser bipo­la­ren Sicht der Din­ge ist Slo­ter­di­jk auch in sei­nem jüngs­ten Buch Got­tes Eifer. Vom Kampf der drei Mono­the­is­men ver­pflich­tet. Vor dem Hin­ter­grund einer viel­be­schwo­re­nen „Rück­kehr der Reli­gio­nen” bleibt Slo­ter­di­jk sei­ner Reli­gi­ons­kri­tik treu und wirkt damit um vie­les ehr­li­cher als ein Jür­gen Haber­mas, der auf sei­ne alten Tage zu der Ein­sicht kommt, daß es doch ganz nütz­lich sei, wenn die ande­ren an Gott glau­ben. Slo­ter­di­jk sieht bei den betref­fen­den Intel­lek­tu­el­len „eine zum Fin­den ent­schlos­se­ne Suche nach dem Halt im Objek­ti­ven” am Werk, die dar­aus zu erklä­ren sei, daß eben Stolz und Zorn kei­nen Platz in unse­ren Gesell­schaf­ten haben. Der Eifer der Reli­gio­nen fol­ge aus deren ein­wer­ti­gem Den­ken, das sich wei­ge­re anzu­er­ken­nen, daß Leben nicht ent­we­der schwarz oder weiß bedeu­te, son­dern durch die Far­be Grau geprägt sei. Inwie­weit man dann, wenn die Reli­gio­nen die­sen „zivi­li­sa­to­ri­schen Weg” ein­ge­schla­gen haben (was im Pro­tes­tan­tis­mus ja lan­ge der Fall ist), noch im Wort­sin­ne von Reli­gio­nen und nicht ledig­lich von Welt­an­schau­un­gen spre­chen kann, bleibt frag­lich. Und damit ist das Pro­blem des Eifers, der offen­bar zur Grund­aus­stat­tung des Men­schen gehört, nicht erle­digt. Das weiß Slo­ter­di­jk, der die­sen reli­giö­sen Eifer auch bei säku­la­ren Erschei­nun­gen aus­macht, und das nicht nur beim Kom­mu­nis­mus, son­dern auch beim Libe­ra­lis­mus, den „auf­ge­klär­ten ‚Gesell­schaf­ten‘ des heu­ti­gen Wes­tens”. Hier feh­le es nicht an Bei­spie­len dafür, „wie die zivil­re­li­gi­ös enga­gier­te tota­le Mit­te zur Treib­jagd auf ein­zel­ne Frev­ler gegen den libe­ra­len Kon­sen­sus bläst – einer Jagd, die den sozia­len Tod des Gejag­ten bil­li­gend in Kauf nimmt.”
Durch die unge­heu­re Pro­duk­ti­vi­tät und über­mä­ßi­ge media­le Prä­senz Slo­ter­di­jks (seit 2002 mode­riert er mit Rüdi­ger Safran­ski im ZDF das „Phi­lo­so­phi­sche Quar­tett”) droht ihm manch­mal der rote Faden ver­lo­ren­zu­ge­hen. Man kann in die­ser Schwä­che Slo­ter­di­jks eigent­li­che Stär­ke sehen: Er zeigt, daß die Welt nicht in ein Sys­tem paßt, daß Uto­pien Selbst­be­trug sind und daß die Wahr­heit kei­ne aus­ge­mach­te Sache ist. Damit bestä­tigt er auf ver­blüf­fen­de Wei­se alte Ein­sich­ten. Im Gegen­satz zu denen, die das immer wuß­ten und immer wis­sen, hat Slo­ter­di­jk den Anspruch, die­se Erkennt­nis immer wie­der zu über­prü­fen. Dabei geht er den­ke­ri­sche Wag­nis­se ein und stellt in jede Rich­tung ket­ze­ri­sche Fra­gen. Viel­leicht ist dies ein Weg, auf dem etwas von der phi­lo­so­phi­schen Sou­ve­rä­ni­tät zurück­ge­won­nen wird, die uns Deut­schen im 20. Jahr­hun­dert auf dra­ma­ti­sche Wei­se abhan­den gekom­men ist.
Aber: Eine Schwä­che ist eben doch immer eine Schwä­che. Das Unsys­te­ma­ti­sche im Den­ken Slo­ter­di­jks stellt uns vor ein Dilem­ma: Er trifft in sei­nen Büchern den Punkt, wie gegen­wär­tig kein Zwei­ter. Den­noch kommt es immer wie­der dazu, daß er längst über­wun­de­ne Stand­punk­te, die er in sei­nem Werk selbst demon­tiert hat, punk­tu­ell wie­der ein­nimmt – so wie jüngst im „Phi­lo­so­phi­schen Quar­tett”, als er sich ohne Not und tie­fe­ren Sinn als Lin­ker glaub­te bezeich­nen zu müs­sen. Die­se typisch post­mo­der­ne Inkon­se­quenz (Wie Haber­mas bereits 1983 bemän­gel­te) hat ihren Grund auch in sei­ner phä­no­me­no­lo­gi­schen Metho­de, die es ihm ver­bie­tet, Kon­se­quen­zen zu for­mu­lie­ren und einen Stand­punkt ein­zu­neh­men – der sogar ein ver­lo­re­ner Pos­ten sein könn­te, wie­der­um mit Kon­se­quen­zen für den Den­ker selbst.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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