Sezession
1. Juni 2008

Autorenportrait Peter Sloterdijk

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 24/Juni 2008

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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sez_nr_24Im November 2006 war es wieder einmal soweit: Der Generationenwechsel in der Philosophie wurde beschworen, diesmal vom Monatsmagazin Cicero. Unter dem Motto „Vergeßt Habermas! Cicero stellt Deutschlands neue Denker vor" präsentierte die Zeitschrift sechs Professoren der Jahrgänge zwischen 1944 und 1965, darunter auch Peter Sloterdijk, Jahrgang 1947 und seit fast dreißig Jahren im Geschäft. „Neu" ist offenbar eine dehnbare Qualifikation, die sich weder auf das Lebensalter noch die mediale Präsenz beziehen muß.

Vielleicht ist damit aber die Originalität der Gedanken gemeint, die die „neuen Denker" vom alten Denken unterscheidet. Damit wäre man zumindest bei Sloterdijk auf der richtigen Spur, und offenbar hat auch der Cicero gemerkt, daß Sloterdijk anders ist als die gewohnte universitäre Philosophie: „Keiner hat mehr Thesen. Und keiner weiß sie geschickter zu plazieren."
In der Gegenüberstellung von alt und neu schwingt aber auch mit, daß die Philosophie der späten Bundesrepublik, die sich vor allem von der Kritischen Theorie ableitete, von Beginn an mit der veränderten Situation Deutschlands nach der Wiedervereinigung und im Zuge der Globalisierung überfordert war. Offenbar stößt hier eben jene Theorie an die Grenzen der Realität, hat also keine Begriffe mehr, um das zu beschreiben und zu interpretieren, was ein wacher Geist wahrnehmen kann und in Worte gefaßt haben möchte. Dieses Unvermögen hat die Philosophie auch in der öffentlichen Wahrnehmung völlig marginalisiert. Hier darf Sloterdijk als eine absolute Ausnahmegestalt der gegenwärtigen Philosophie bezeichnet werden, denn ihm gelingt es immer wieder Debatten auszulösen, Standpunkte zu polarisieren und philosophische Kommentare zum Zeitgeschehen zu formulieren.
Peter Sloterdijk, am 26. Juni 1947 als Sohn einer Deutschen und eines Niederländers in Karlsruhe geboren, war eigentlich schon immer so. Ab 1968 absolvierte er ein Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in München und Hamburg. Wie er sich zu den damaligen Aufwallungen verhalten hat, ist nicht bekannt. Sein zügiges Studium dürfte ihm allerdings nicht viel Zeit für andere Dinge gelassen haben: 1971 legte er in Hamburg seine Magisterarbeit Überlegungen zu neueren strukturalistischen Methoden in der Literaturwissenschaft vor. Anschließend befaßte er sich mit Geschichtstheorie und Linguistik und promovierte 1976 mit einer Arbeit über Gattungstheorie und Gattungsgeschichte der Autobiographie in der Weimarer Republik in Hamburg bei Klaus Briegleb (Jahrgang 1932), der selbst wiederum 2002 mit einer Streitschrift über den Antisemitismus der Gruppe 47 Aufmerksamkeit erregte. Anschließend entdeckte Sloterdijk Bhagwan (Osho), den Guru und „Meister der Herzen" (J. E. Berendt), und hielt sich von 1978 bis 1980 in dessen Ashram im indischen Poona auf. Seit Anfang der achtziger Jahre lebte Sloterdijk als freier Schriftsteller in München.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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