Sezession
21. August 2010

Variante FAZ, Variante Brodkorb

Martin Lichtmesz

"Die Zeichen mehren sich", meint Karlheinz Weißmann, und ich meine, ein paar weitere entdeckt zu haben. In der FAZ wurde unlängst unser allseits beliebter Meister Brodkorb mal wieder als eine Art Lichtgestalt und Intelligenzbestie jenseits des grünen Klees angeharft. Anläßlich des juristischen Endsieges Brodkorbs über "Thor Steinar" referiert der Verfasser dessen bisherige Werke und Taten, vom Storchenkalauer bis zur Totalitarismustheorie, in einem Tonfall, der eher sympathisierende Zustimmung als kritische Distanz erkennen läßt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Nehmen wir den Brodkorb selbst einmal beiseite, und tun wir einmal versuchsweise so, als wäre er nur der Vorwand, um auch in der FAZ ungestraft bestimmte Thesen zu lancieren, so kann man, wenn man will, zwischen und in den Zeilen u. a. folgendes herauslesen:

* eine demokratische Rechtspartei ist legitim.

* die SPD begeht einen Fehler, wenn sie alles, was rechts von Merkel steht, ausgrenzt.

* die CDU insgesamt ist stark nach links gerutscht und kaum noch als konservative Partei zu bezeichnen.

* ein "rechter CDU-Mann" an der Regierung ist besser als ein Linksextremer.

* die Junge Freiheit ist keine rechtsextreme Zeitung.

* Es gibt eine klare Trennlinie zwischen NPD und JF.

* für die JF zu schreiben ist auch für CDU-Leute legitim, die Ausgrenzung der betroffenen Übeltäter (Beispiel Krause und Rohbohm) unzulässig.

* Thorsten Hinz ist eine "rechte Edelfeder" und einer respektvollen Auseinandersetzung würdig.

* die NPD vertritt zum Teil, etwa in geschichtspolitischer Hinsicht, "durchaus legitime Interessen",  die von ihr allerdings "rechtsradikal besetzt werden".

Das ist ja schon eine ganze Menge.

Inzwischen hat auch der linksliberale Wiener Standard den neuen Star der Kampf-gegen-Rechts-Szene entdeckt und interviewt. Ich erlaube mir, auch hieraus ein paar Punkte herauszupicken und sie zugespitzt umzuformulieren, möglichst ohne dabei den Kontext zu verfälschen:

* die Teilnahme an einer Anti-Nazi-Blockade bedeutet einen Rechtsbruch und ist mit einem demokratischen Rechtsstaat nicht zu vereinbaren.

* "Es ist schwierig, wenn eine einzelne Gruppe festlegen will, wer Verfassungsfeind ist, wenn in dieser Gruppe selbst Verfassungsfeinde sind."

* Intelligente, sinnsuchende junge Menschen wenden sich nicht selten nach Rechts.

* "Die Menschenrechte" sind "zu einer Art Ersatzreligion geworden (...), an die man glaubt, die man aber nicht begründet."

* Die übermäßige Fixierung auf Auschwitz hat eine negative Beschreibung der eigenen Identität zur Folge.

* Bezüglich des Rechtsextremismus sei "Alarmismus nicht angemessen, auch wenn es in einigen Regionen sicher sehr problematische Zustände gibt."

* Extremistische Entwicklungen kann man "auch als Problemanzeiger sehen."

* Von diesen "Problemen" ist das gravierendste dieses: daß der jetzige liberale demokratische Staat keinerlei spirituelle oder geistige Inhalte anbieten kann, die den Menschen Halt und Orientierung geben. "Wir diskutieren nicht über den Sinn des Lebens, über Glück, über den Tod, also über all' diese fundamentalen Themen, die uns Menschen bewegen."

* Die "moderne Welt ist im Rahmen eines globalisierten Kapitalismus - wo an die Stelle von Sinn der Konsum tritt - (...) sinnentleert... Jeder, der einmal kurz nachdenkt, spürt, daß wir dieses Problem haben."

* "Volksverhetzungsparagrafen" sind nutzlos. "Denn die sind so unpräzise formuliert, daß sie einen großen Interpretationsspielraum bieten."

* "Am rechten Rand" wird das "zulässige Denken sehr viel enger und rigider beurteilt, als das am linken Rand zulässige Denken – auch wieder aufgrund unserer Vergangenheit. Wir haben eine Art Linksverschiebung in der Republik, sonst wäre Frau Merkel nicht Bundeskanzlerin."

Abweichende Wertungen, Gewichtungen, Formulierungen und etwaige daraus gezogene Konsequenzen abgerechnet, sind all das Thesen, die tagtäglich von der JF, der Sezession und in der inzwischen schon stattlich angewachsenen und weiter wachsenden konservativen Blogosphäre vertreten werden.

Implizit gibt Brodkorb auch zu, daß die Linke auf diese Probleme, vor allem die Sinn- und Identitätsfrage, keine Antwort zu geben imstande ist. Alles, was er selbst anzubieten hat, ist der Glaube an die vermeintlich vollkommene Rationalität der Menschenrechte (zu denen er ein beinah scholastisches Verhältnis pflegt) als auch politisches summum bonum. Das wird theoretisch nicht zu halten sein und praktisch nicht ausreichen. Aufgrund seiner vorwiegend abstrakt-mathematischen Denkungsweise fehlt Brodkorb der Sinn für das Politische als "konkretes Ordnungsdenken", ebenso wie für historische Konkretionen und die nationale Frage überhaupt. (Denn wer sind denn etwa "wir", die wir, also offenbar auch er, "unsere" Identität via "Auschwitz" negativ beschreiben?)

Entgegen der Brodkorb-Legende in eigener Sache steht eine wirklich argumentative Auseinandersetzung mit dem konservativen Lager jenseits von fleißigem Reader's Digesting und eher verständnislosen Oberflächenbetrachtungen noch aus.  Was bisher an Signalen von Klonovsky, Bolz, und nun auch Brodkorb gekommen ist, sind erstmal nichts weiter als grüne Lichter, die Schranken freizugeben, um die Diskussion endlich zu eröffnen. Diese Öffnung ist überfällig, denn inzwischen haben aus purer Notwendigkeit schon genug Güter die immer durchlässiger werdende Grenze passiert.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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