Sezession
1. September 2010

Was macht die Linke?

Martin Lichtmesz

Nur mal ein stichprobenartiger Blick in die Runde. Als begeisterte Groupies der Groupies von Endstation Rechts warten wir natürlich alle schon seit Tagen sehnsüchtigst, daß der "Kämpfer mit erkenntnistheoretischen, anthropologischen Argumenten" und seine buckligen Diener auch mal ein gehaltvolles Statement zu ihrem widerborstigen Parteigenossen bringen. Leider Fehlanzeige, stattdessen spielt man erstmal Strauß Heinar, sendet ungerührt die tägliche Soap-Opera "365 umkippende braune Reissäcke" weiter und veranstaltet lustige Eierlikör-Preisverleihungen an minderbemittelte NPD-Aficionados.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Inzwischen verhält sich die SPD insgesamt auffallend zögerlich und abwartend mit ihrem Enfant Terrible. "Rübe ab!"-Rufe kommen zwar genug, aber der Ausschluß will nicht so recht zustande kommen, und offenbar gibt es auch beträchtliche Unterstützung innerhalb der Parteibasis.

Auf Deutschlandradio Kultur wurde einer der üblichen armseligen "Experten" zum Windschatten-Erfolg des IfS-Bestsellers "Der Fall Sarrazin" befragt, und zwar der altbekannte Berufsdenunziant und Andrea-Röpke-Kumpane Andreas Speit. Der darf mal wieder ein paar gestanzte Uralt-Phrasen zum Schlagwort "Neue Rechte" abfeuern (seufz, Dieter Stein hatte wohl doch recht), und seine stupende Kenntnislosigkeit der theoretischen Materie unter Beweis stellen, indem er in einem einzigen Absatz gleich vier verschiedene Dinge durcheinander bringt, bloß weil darin in Ableitungen das Wort "Mensch"  enthalten ist:

... hier wird ganz eindeutig der Grundgedanke, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben sollen, vehement widersprochen. In diesen Kreisen gilt immer noch Carl Schmitts Diktum: "Wer Menschheit sagt, lügt." Oder Ernst Jüngers Lamento, dass das Zeitalter der Humanität ein Zeitalter wäre, in dem die Menschen rar geworden wären. Also anders gesagt oder verkürzt gesagt: Dieses Milieu stellt sich außerhalb dessen, was eigentlich in der Bundesrepublik im Grundgesetz festgeschrieben ist, dass eben alle Menschen die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten haben sollen.

(Nur mal kurz zur Präzision angedeutet:  im Grundgesetz steht meines Wissens nicht festgeschrieben, daß "alle Menschen" automatisch in den Genuß aller Staatsbürgerrechte der Bundesrepublik Deutschland kommen müssen, dürfen, bzw. qua Menschsein allein darauf Anspruch hätten. Daß sich aus letzterer Vorstellung immense politische Probleme ergeben, ist wohl zu hoch für Speit. Schmitts ideologiekritisches Diktum lautet "Wer Menschheit sagt, will betrügen", und ist eine Paraphrase von Proudhons "Wer Gott sagt, will betrügen" - mit ungefähr demselben Sinn.  Und das Jünger-Zitat entstammt wieder einem anderen Kontext.)

Immerhin wird ganz im Sinne eines sich verbreitenden Trends Speit gleich zu Beginn des Beitrags als "linksstehend" markiert, was seine Aussage in eine bestimmte Perspektive rückt, ein Vorgang, der bisher nicht unbedingt üblich war. Und der Interviewer äußert sogar den Einwand:

Jetzt ist rechtes Denken ja genauso wenig verboten wie linkes Denken, und radikale Rechte muss eine Demokratie genauso aushalten wie radikale Linke.

Aber Speit weiß darauf die Antwort, daß das IfS seiner Meinung nach "am rechten Rand der Gesellschaft" positioniert, bzw. "rechtsextrem" sei. Das Kompliment kann man gerne zurückgeben, Andreas, und Dich guten Gewissens nicht nur als "links", sondern aufgrund Deiner Aktivitäten und Publikationen sogar als "linksextrem" bezeichnen, womit wir laut Wikipedia sogar mit dem Verfassungsschutz konform gingen.

Etwas enttäuscht bin ich von Jürgen Elsässer, der sonst so lautstark gegen die Metasprache der "political correctness" wettert, aber beim unzüchtigen Anblick des "Juden-Gens" pawlowreflexartig die Jalousien runtergefahren hat.

Sarrazin hat echt nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ich gebe zu, dass er am Anfang einen kleinen Bonus bei mir hatte: Dass ihn, den Sozialdemokraten, die Gutmenschen ala Petra Pau in die NPD abschieben wollten – nun, das haben diese Tugendwächter auch mit mir versucht, denen darf man gar nix glauben.

Aber mit der Entdeckung des „Judengens“ hat der Mann den Verdacht 100 pro bestätigt, dass er genetisch argumentiert – also rassistisch. Da brauch ich das Buch nicht mehr lesen. Der eine Satz reicht.

Nur ruhig Blut, Jürgen. Erstens einmal reden auch kluge Leute manchmal dummes Zeug (Du zum Beispiel), und zweitens bitte den Kontext der Argumentation zu beachten, nämlich die Frage "Gibt es Völker?", eben haargenau die blindbefleckte Schmerzfrage, wegen der Du es nicht schaffst, mit Deinem Nationalstaat- und "Volks"-Initiative-Modell die Füße vom Papier auf den Boden und Zähne im Mund zu bekommen.  Darum wohl diese Fehlleistung. Die Behauptung, daß eine "genetische Argumentation" per se "rassistisch" sei, ist insofern lustig, als etwa die Betreiber des Igenea-Instituts, das auch interessante "Judengen-Tests" anbietet, das glatte Gegenteil behaupten:

Die moderne Genetik zeige die Unsinnigkeit des Rassismus auf, sagte Imma Pazos, eine der Wissenschaftlerinnen. Alle Genanalysen bewiesen, dass jeder Mensch unzählig viele Wurzeln habe und in jedem ein „Mischmasch“ stecke.

(Tja, aber bestimmte "Mischmasch"-Gruppen kann man dabei offenbar deutlich von anderen Rezepten unterscheiden, und das nicht nur phänotypisch mit bloßem Auge, sondern eben auch humangenetisch. )

Aber ganz ist Elsässers Kopf vor Schreck noch nicht im Sand verschwunden:

Dabei sagt ja Sarrazin viel Richtiges, keine Frage. „Deutschland schafft sich ab“, dieser Befund ist doch offenkundig richtig.

Na siehste, Jürgen, Du kannst also getrost über das eher nebensächliche "Juden-" bzw. "Baskengen"  hinweglesen, wenn es Deine Gefühle verletzt, und zum Kern der Sache kommen, der Dich doch auch brennend interessieren müßte.

Das Beste zum Schluß: die ebenfalls rat- und argumentlosen Genossen von der SED machen inzwischen, was sie immer schon am besten konnten: bei Gedankenverbrechen nach dem Büttel rufen.

Das wird alles noch ein zäher Kampf, der wohl zu gefühlten 85% nicht auf der argumentativen Ebenen ausgetragen werden wird.

Update 3.9. : Na also, und gar nicht mal schlecht.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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