Der “Verband Biologie, Biowissenschaften & Biomedizin in Deutschland” (VBiO) hat grundlegende genetische Zusammenhänge falsch verstanden

von Andreas Vonderach

Der Verband Biolologie, Biowissenschaften & Biomedizin in Deutschland (VBiO) - das ist laut Wikipedia Deutschlands größter Dachverband für alle,...

 Gastbeitrag

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die im Bereich Bio­lo­gie, Bio­wis­sen­schaf­ten und Bio­me­di­zin tätig sind – wirft in sei­ner Pres­ser­klä­rung Thi­lo Sar­ra­zin vor, “grund­le­gen­de gene­ti­sche Zusam­men­hän­ge falsch ver­stan­den” zu haben und Halb­wis­sen zu ver­brei­ten, “das nicht dem Stand der For­schung entspricht”.

Schaut man sich aber die­se Pres­se­mit­tei­lung ein­mal genau­er an, stößt man auf das Mär­chen, der Mensch habe sich in den letz­ten 50 000 Jah­ren nicht mehr ver­än­dert. Offen­sicht­lich haben die Wis­sen­schaft­ler vom VBiO die Ent­wick­lung in der Human­ge­ne­tik der letz­ten zehn Jah­re ver­schla­fen. Dort hat man näm­lich das eben­falls her­aus­ge­fun­den, was die Anthro­po­lo­gen schon lan­ge wis­sen: Die Mensch­heit ist eine poly­ty­pi­sche Spezies.

Die Unter­schie­de zwi­schen ihren Ras­sen und Popu­la­tio­nen sind erheb­lich grö­ßer, als bei den meis­ten Tier­ar­ten. Das weiß jeder, der Augen im Kopf hat. Die Unter­schie­de zwi­schen ver­schie­de­nen Vogel- oder Ele­fan­ten r a s s e n  kann dage­gen in der Regel nur ein Fach­mann erken­nen. Nach einer Unter­su­chung beträgt die größ­te mor­pho­lo­gi­sche Distanz zwi­schen zwei Schim­pan­sen a r t e n  20,0 und zwi­schen zwei Goril­la­sub­spe­zi­es, bei denen es sich mög­li­cher­wei­se um A r t e n han­delt, 24,7, wäh­rend die größ­te Distanz zwi­schen mensch­li­chen Popu­la­tio­nen 46,0 beträgt (Sarich u. Mie­le, Race. The rea­li­ty of human dif­fe­ren­ces, 2004, S. 170 ff.).

Die mensch­li­chen Ras­sen­ty­pen sind in der Regel nicht älter als 10 000 Jah­re. Tat­säch­lich kann man an den Ske­lett­fun­den sehen, wie die Men­schen sich gleich­zei­tig mit der zivi­li­sa­to­ri­schen Ent­wick­lung ver­än­dert haben, sie wur­den gra­zi­ler, und archai­sche Merk­ma­le wie star­ke Über­au­gen­wülls­te, gro­ße Wan­gen­kno­chen oder gro­ße Zäh­ne redu­zier­ten sich. Popu­la­tio­nen, die bei der alt­stein­zeit­li­chen Lebens­wei­se als Jäger und Samm­ler blie­ben, wie die aus­tra­li­schen Urein­woh­ner, behiel­ten dage­gen auch mor­pho­lo­gisch ihren archai­schen Habi­tus bei. Ein Aus­tral­ne­ger, in Euro­pa aus­ge­gra­ben, wür­de in das Jung­pa­läo­li­thi­kum vor mehr als 10 000 Jah­ren datiert werden.

Die Behaup­tung, es habe in den letz­ten 50 000 Jah­ren kei­ne Evo­lu­ti­on mehr gege­ben, zeugt also von Unkennt­nis. Zum Glück haben inzwi­schen vie­le Human­ge­ne­ti­ker erkannt, daß das Unsinn ist. So haben die Unter­su­chun­gen von John Hawks, Eric T. Wang, Gre­go­ry Coch­ran, Hen­ry Har­pen­ding und ande­ren gezeigt, daß sich im mensch­li­chen Genom Zei­chen dafür fin­den, daß die Evo­lu­ti­on sich in den letz­ten 40 000 Jah­ren und vor allem in den letz­ten 10 000 Jah­ren rasant beschleu­nigt hat. Etwa 7 % des mensch­li­chen Genoms haben sich in die­ser Zeit verändert.

Es gibt dabei star­ke Hin­wei­se dar­auf, daß die­se Ver­än­de­run­gen bei den Popu­la­tio­nen, die sich auch zivi­li­sa­to­risch und mor­pho­lo­gisch am wei­tes­ten ent­wi­ckelt haben, näm­lich den Euro­pä­ern und Ost­asia­ten, am größ­ten waren. Dabei sind vier Fünf­tel der evo­lu­ier­ten Gene ras­sen­spe­zi­fisch, und nur ein Fünf­tel fin­det sich bei allen Men­schen. Beson­ders bri­sant ist dabei, daß ein beson­ders gro­ßer Teil der in den letz­ten Jahr­tau­sen­den durch Selek­ti­on evo­lu­ier­ten Gene das Gehirn und das Ner­ven­sys­tem betref­fen! Ich habe in mei­nem letz­ten Blog-Bei­trag auf die für die mensch­li­che Psy­che wich­ti­gen Gene für das Dopa­min-Rezep­tor-Gen 4 (DRD4) und das Sero­to­nin ‑Trans­por­ter-Gen (SERT) hin­ge­wie­sen. Bei bei­den Genen bestehen sehr gro­ße Bevöl­ke­rungs­un­ter­schie­de, und die psy­cho-gene­ti­schen Befun­den las­sen sich gut mit den jewei­li­gen kul­tu­rel­len Beson­der­hei­ten in Zusam­men­hang bringen.

Von all­dem schei­nen die Bio­lo­gen der VBiO kei­ne Ahnung zu haben. Indem Thi­lo Sar­ra­zin sich auf die For­schungs­er­geb­nis­se von Gre­go­ry Coch­ran und Hen­ry Har­pen­ding beruft, ist er auf einem sehr viel aktu­el­le­ren Stand der Human­ge­ne­tik als die Damen und Her­ren von der VBiO, die offen­sicht­lich in den letz­ten zehn Jah­ren geschla­fen haben.

Ver­wei­se:
Bei­trag von Andre­as Von­der­ach in der Sezession
https://www.pnas.org/content/104/52/20753

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