Sezession
1. April 2008

Autorenporträit Jörg Friedrich

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 23/April 2008

sez_nr_23von Karlheinz Weißmann

Bei einer Rundfunkdebatte im Südwestfunk über die NS-Zeit kam es vor gut zehn Jahren zu einer denkwürdigen Szene. Einer der Beteiligten, der Historiker Hans-Ulrich Thamer, beklagte neuere Tendenzen der Geschichtsschreibung, die auf die Relativierung deutscher Schuld hinausliefen, blickte sich im Kreis der Teilnehmer beifallheischend um und mußte zu seiner Überraschung erleben, daß ihm ausgerechnet der am schärfsten widersprach, auf dessen Unterstützung er sicher gerechnet hatte. Jörg Friedrich entgegnete Thamer, daß, wer von den Deutschen als Tätern spreche, ihre Opfer nicht verschweigen dürfe. Es sei jedenfalls inakzeptabel, wenn man wie Thamer in seiner Darstellung des Zweiten Weltkriegs über die Toten der Bombardierungen oder der Vertreibung kaum ein Wort verliere oder sogar den Eindruck erwecke, als handele es sich um gerechtfertigte Vergeltung an Alten, Frauen und Kindern. Thamer lenkte sofort ein und versuchte den Eindruck, der entstanden war, zu korrigieren, aber Friedrich insistierte und zeigte jedenfalls deutlich, daß er zu einem Formelkompromiß nicht bereit war.

Zweierlei ist an diesem Vorgang kennzeichnend für die Person Friedrichs: Unerschrockenheit und eine tiefe Abneigung gegenüber den Versuchen, das Schuldigwerden als Alleinstellungsmerkmal der Deutschen aufzufassen. Seine Konsequenz in dieser Frage hängt ohne Zweifel mit einem Lernprozeß zusammen, der bei jemandem seiner Generationenzugehörigkeit und seiner früheren politischen Orientierung überrascht. Friedrich wurde 1944 in Kitzbühel geboren, wuchs aber in Essen auf. Er geriet wie die meisten seiner Altersgenossen in den Sog der Studentenrevolte, gehörte aber nicht zu den Mitläufern oder Mitgerissenen, sondern zu den Wortführern. Er zog sich auch nicht einfach in die Normalität zurück, als der große Rausch vorbei war. Vielmehr übernahm er Anfang der siebziger Jahre die Führung der Berliner „Gruppe Internationale Marxisten" (GIM). Die GIM gehörte zu den Zerfallsprodukten der APO, unterschied sich aber von den Moskautreuen, den maoistisch oder sonst exotisch orientierten K-Gruppen, den Revisionisten des „Sozialistischen Büros" und selbstverständlich von den Resten der Antiautoritären. Denn die Gruppe war trotzkistisch ausgerichtet und stellte die deutsche Sektion der „4. Internationale", sie hatte einen gewissen Personalbestand aus der Nachkiegszeit übernommen, als sich die Trotzkisten auf die Einflußnahme in bestehenden Parteien und Gewerkschaften konzentrierten, vollzog aber unter dem Ein-druck des großen Linksrucks eine „revolutionäre" Kehre.


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