Sezession
15. November 2010

Bewältigungs-Perestroika?

Martin Lichtmesz

Allzu optimistisch wollen wir nicht sein. Das semi-legendäre Interview mit der damals 17jährigen Tochter von Johannes Rau in der Zeitschrift Max, die den Bewältigungs-Overkill an den Schulen kritisierte ("Der zweite Weltkrieg nervt mich extrem. Immer wieder dasselbe."), und damit so manchen Überdrüssigen Morgenluft wittern ließ, liegt inzwischen auch schon fast zehn Jahre zurück.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Eine Dekade später hat die Zeit nun eine ganze Ausgabe der Frage gewidmet, wie die heutigen Jugendlichen zu dem leidigen Thema stehen. Seit Anna Raus Schulzeiten hat sich nichts verändert, lediglich der Grad der Irrealität ist gestiegen. Inzwischen ist der zeitliche Abstand so groß, daß man schon fragen muß, ob UR-Opa "ein Nazi" war. Soll das etwa nun in alle Ewigkeit so weitergehen, und in zwanzig, dreißig Jahren zerbrechen sich die heute Geborenen den Kopf, ob Ur-Ur-Opa ein Nazi war?

Auch die Auszüge aus den von der Zeit angeregten Schulaufsätzen lassen stark daran zweifeln, was für einen positiven Sinn die ganze Nummer denn haben soll, wenn etwa wieder die "Schuld" und "Scham"-Spritze auf den Nachwuchs angesetzt wird:

"Ich weiß jetzt, wie gut ich es eigentlich habe, und dass ich mich eigentlich für mein Land schämen sollte, auch wenn ich nichts dafür kann." (Jonas, 8. Klasse)

Oder wenn die Gräben zwischen Eingebürgerten und autochthonen Deutschen, dem Wir und Ihr, dadurch vertieft und negativ aufgeladen werden:

"Ich als deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund spüre und höre heute noch vom tiefen Hass und der radikalen Feindlichkeit gegenüber Migranten... Ich habe Angst, dass nach einer gewissen Zeit die Menschen den Schmerz und die Fehler vergessen werden und diese schlimmen Fehler sogar wiederholen." (Enes, ohne Altersangabe)

Interessanterweise sieht die Mehrzahl der zitierten Schüler die landläufige Handhabung dieser Dinge durchaus kritisch, und bringt kluge Einwände vor:

"Oftmals scheint es, als ob man sich als Deutscher ducken muss, wenn bestimmte Tabuthemen angesprochen werden. … Selbstverständlich muss die Gedenkarbeit fortgesetzt werden, und dies ist auch gut so, doch der Blickwinkel und die Perspektive der Betrachtung müssen andere werden. … Die Erinnerung darf nicht einem stets mahnenden Vorhalten oder Anprangern gleichen." (Louis, 12. Klasse)

"Es kann allerdings nicht sein, dass das heutige Deutschland die Schuld trägt und als 'Wiedergutmachung' mehrere Millionen Euro an Überlebende zahlt und beispielsweise die Gesamtkosten für Austauschprogramme zur Prägung der internationalen Freundschaft trägt." (Mara, 17 Jahre)

"Es behagt mir nicht, meinen Lehrer als sadistisch zu bezeichnen, aber ich finde kein anderes Wort, um auszudrücken, wie er unser aller Entsetzen genießt, als er ausführliche, schockierende Geschichten über die KZs und die Verwendung der Leichenteile erzählt. Doch plötzlich weiß ich, was ich machen muss. 'Herr Solpak', sage ich und stehe auf, 'ich finde es sehr wichtig, zu erfahren, zu was für schreckliche Dinge die Menschen fähig waren und im Grunde fähig sind. Doch dieses detailreiche Ausschlachten der Schandtaten halte ich für Effekthascherei." (Nicola, ohne Altersangabe)

 Wie man auch immer es dreht, wen auch immer man fragt: es kann so nicht weitergehen. Darüber hat sich inzwischen ein recht breiter Konsens ausgebildet. Wo sind hier dagegen die Verteidiger des Status Quo und was für ernsthafte Rechtfertigungen haben sie noch vorzubringen?


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.