Bewältigungs-Perestroika?

Allzu optimistisch wollen wir nicht sein. Das semi-legendäre Interview mit der damals 17jährigen Tochter von Johannes Rau in der Zeitschrift Max, die den Bewältigungs-Overkill an den Schulen kritisierte ("Der zweite Weltkrieg nervt mich extrem. Immer wieder dasselbe."), und damit so manchen Überdrüssigen Morgenluft wittern ließ, liegt inzwischen auch schon fast zehn Jahre zurück.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Eine Deka­de spä­ter hat die Zeit nun eine gan­ze Aus­ga­be der Fra­ge gewid­met, wie die heu­ti­gen Jugend­li­chen zu dem lei­di­gen The­ma ste­hen. Seit Anna Raus Schul­zei­ten hat sich nichts ver­än­dert, ledig­lich der Grad der Irrea­li­tät ist gestie­gen. Inzwi­schen ist der zeit­li­che Abstand so groß, daß man schon fra­gen muß, ob UR-Opa “ein Nazi” war. Soll das etwa nun in alle Ewig­keit so wei­ter­ge­hen, und in zwan­zig, drei­ßig Jah­ren zer­bre­chen sich die heu­te Gebo­re­nen den Kopf, ob Ur-Ur-Opa ein Nazi war?

Auch die Aus­zü­ge aus den von der Zeit ange­reg­ten Schul­auf­sät­zen las­sen stark dar­an zwei­feln, was für einen posi­ti­ven Sinn die gan­ze Num­mer denn haben soll, wenn etwa wie­der die “Schuld” und “Scham”-Spritze auf den Nach­wuchs ange­setzt wird:

“Ich weiß jetzt, wie gut ich es eigent­lich habe, und dass ich mich eigent­lich für mein Land schä­men soll­te, auch wenn ich nichts dafür kann.” (Jonas, 8. Klasse)

Oder wenn die Grä­ben zwi­schen Ein­ge­bür­ger­ten und auto­chtho­nen Deut­schen, dem Wir und Ihr, dadurch ver­tieft und nega­tiv auf­ge­la­den werden:

“Ich als deut­scher Staats­bür­ger mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund spü­re und höre heu­te noch vom tie­fen Hass und der radi­ka­len Feind­lich­keit gegen­über Migran­ten… Ich habe Angst, dass nach einer gewis­sen Zeit die Men­schen den Schmerz und die Feh­ler ver­ges­sen wer­den und die­se schlim­men Feh­ler sogar wie­der­ho­len.” (Enes, ohne Altersangabe)

Inter­es­san­ter­wei­se sieht die Mehr­zahl der zitier­ten Schü­ler die land­läu­fi­ge Hand­ha­bung die­ser Din­ge durch­aus kri­tisch, und bringt klu­ge Ein­wän­de vor:

“Oft­mals scheint es, als ob man sich als Deut­scher ducken muss, wenn bestimm­te Tabu­the­men ange­spro­chen wer­den. … Selbst­ver­ständ­lich muss die Gedenk­ar­beit fort­ge­setzt wer­den, und dies ist auch gut so, doch der Blick­win­kel und die Per­spek­ti­ve der Betrach­tung müs­sen ande­re wer­den. … Die Erin­ne­rung darf nicht einem stets mah­nen­den Vor­hal­ten oder Anpran­gern glei­chen.” (Lou­is, 12. Klasse)

“Es kann aller­dings nicht sein, dass das heu­ti­ge Deutsch­land die Schuld trägt und als ‘Wie­der­gut­ma­chung’ meh­re­re Mil­lio­nen Euro an Über­le­ben­de zahlt und bei­spiels­wei­se die Gesamt­kos­ten für Aus­tausch­pro­gram­me zur Prä­gung der inter­na­tio­na­len Freund­schaft trägt.” (Mara, 17 Jahre)

“Es behagt mir nicht, mei­nen Leh­rer als sadis­tisch zu bezeich­nen, aber ich fin­de kein ande­res Wort, um aus­zu­drü­cken, wie er unser aller Ent­set­zen genießt, als er aus­führ­li­che, scho­ckie­ren­de Geschich­ten über die KZs und die Ver­wen­dung der Lei­chen­tei­le erzählt. Doch plötz­lich weiß ich, was ich machen muss. ‘Herr Sol­pak’, sage ich und ste­he auf, ‘ich fin­de es sehr wich­tig, zu erfah­ren, zu was für schreck­li­che Din­ge die Men­schen fähig waren und im Grun­de fähig sind. Doch die­ses detail­rei­che Aus­schlach­ten der Schand­ta­ten hal­te ich für Effekt­ha­sche­rei.” (Nico­la, ohne Altersangabe)

 Wie man auch immer es dreht, wen auch immer man fragt: es kann so nicht wei­ter­ge­hen. Dar­über hat sich inzwi­schen ein recht brei­ter Kon­sens aus­ge­bil­det. Wo sind hier dage­gen die Ver­tei­di­ger des Sta­tus Quo und was für ernst­haf­te Recht­fer­ti­gun­gen haben sie noch vorzubringen?

Pas­send dazu brach­te Deutsch­land­ra­dio Kul­tur am Sams­tag ein Fea­ture zu dem The­ma “NS-Ver­gan­gen­heit in den Fami­li­en”. Zu Gast war die Jour­na­lis­tin Sabi­ne Bode, deren sehr emp­feh­lens­wer­te Bücher die Fol­gen der Kriegs- und Nach­kriegs­t­rau­ma­ta bis tief in die Ver­zwei­gun­gen der deut­schen Fami­li­en­ro­ma­ne zu ver­fol­gen ver­such­ten. Es ist bezeich­nend, daß der Mode­ra­tor die­se als ein­sei­tig mit der “Nazi-Ver­gan­gen­heit” befaß­te Bücher prä­sen­tier­te – das gro­ße Ver­dienst Bodes war viel­mehr, auf­zu­zei­gen, wie sehr infol­ge der Fixie­rung auf die NS-“Schuld” die deut­schen Opfer und Lei­den des Krie­ges in der öffent­li­chen (und schließ­lich auch pri­va­ten) Erin­ne­rung abge­drängt und tabui­siert wurden.

Inter­es­san­ter als Bodes hier recht kon­ven­tio­nel­ler Bei­trag schei­nen mir in die­ser Sen­dung aller­dings die Stel­lung­nah­men des Erin­ne­rungs­for­schers Dr. Chris­ti­an Gude­hus zu sein. Die­ser wirft näm­lich die grund­sätz­li­che Fra­ge auf, was denn das über­haupt ist: Erin­ne­rung – und dar­über hin­aus das, was wir denn als ver­bind­li­che  Geschich­te akzep­tie­ren. Denn bei­des fällt nicht fer­tig vom Him­mel her­ab wie Moses’ Gesetz­ta­feln, son­dern wird erst durch einen lang­wie­ri­gen Pro­zeß redi­giert und zu einem sinn­vol­len Gan­zen zusammengefaßt.

Auf die Fra­ge des Inter­view­ers, ob etwa Gui­do Knopp wei­ter­hel­fen kann, wenn es dar­um geht, die eige­ne Erin­ne­rung und Fami­li­en­ge­schich­te inner­halb eines grö­ße­ren Gan­zen zu “kon­tex­tua­li­sie­ren”, ant­wor­tet Gudehus:

Die Men­schen machen aus den Erzeug­nis­sen der Kul­tur­in­dus­trie das, was sie möch­ten. Sie benut­zen sie, so wie sie möch­ten, sie sehen das, was sie möch­ten, und sie inter­pre­tie­ren das so, wie sie möch­ten. Und dann gibt sicher­lich wel­che, die das als Anre­gung neh­men, um nach­zu­fra­gen, gleich­zei­tig gibt es ande­re, die das eher pro­ble­ma­tisch fin­den, wie da Geschich­te erfun­den wird, und wie Geschich­te da dar­ge­stellt wird, über die­se Zeit­zeu­gen­in­sze­nie­rung und so weiter.

Gude­hus betont, daß das Erin­nern nicht etwas Zweck­frei­es ist, son­dern immer im Dienst einer Selbst­for­mung und Selbst­ver­ge­wis­se­rung, einer Sinn­ge­bung steht. Es gibt ein mensch­li­ches Bedürf­nis, das Leben in eine Geschich­te zu fas­sen, in der es ein Anfang und ein Ende, ein Woher und Wohin gibt.  Dabei muß die Erin­ne­rung nicht not­wen­dig “wahr” sein:

Die Auf­ga­be des Gedächt­nis­ses, daß es sich an Geschich­te und Geschich­ten erin­nert, ist ja nicht zwangs­läu­fig, wie­der­zu­ge­ben, wie es genau gewe­sen ist, son­dern die Auf­ga­be von auto­bio­gra­phi­scher Erin­ne­rung ist, daß man eine Geschich­te über sich selbst erzäh­len kann, mit der man, um das mal stark ver­ein­facht zu sagen, gut leben kann. In der man all das, was einem pas­siert ist, irgend­wie in einen Zusam­men­hang brin­gen kann.

Mit ande­ren Wor­ten: jeder­mann hat sozu­sa­gen eine Art inne­ren Schnei­de­tisch in sei­nem Kopf, in dem der Film sei­nes Lebens geschnit­ten wird, das heißt über­flüs­si­ges und miß­lun­ge­nes Mate­ri­al aus­ge­son­dert, unlieb­sa­mes zen­siert, und aus­ge­wähl­tes getrimmt und sinn­voll mon­tiert. Da ist aber auch ein Stu­dio, in dem Sze­nen nach­ge­dreht, in der Post-Pro­duc­tion nach­be­ar­bei­tet und gele­gent­lich sogar mit frem­dem “found foo­ta­ge” ange­rei­chert und über­blen­det werden.

Erst mal wählt man sowie­so aus, das meis­te wird ver­ges­sen,  ein Teil bleibt bestehen, und dann ver­än­dert sich die­ser Teil per­ma­nent, im Lau­fe des Leben, er ver­än­dert sich kom­mu­ni­ka­tiv, immer, wenn man ihn neu erzählt, gibts eine klei­ne neue Geschich­te. Das ist natür­lich häu­fig so, und da ist der NS ein extre­mes Bei­spiel, daß es Quel­len außer­halb der eige­nen Geschich­te gibt, die plötz­lich Bestand­teil von Geschich­ten wer­den. Alle For­scher, die zu die­sem The­ma for­schen, stel­len fest, daß sie immer wie­der Geschich­ten und Figu­ren fin­den, die sie aus Fil­men ken­nen, bei­spiels­wei­se. (…) Das heißt nicht, daß sich jemand absicht­lich hin­stellt und lügt, son­dern das pas­siert einfach.

Bude­hus deu­tet an, daß die­ser Pro­zeß auch auf einer kol­lek­ti­ven Ebe­ne statt­fin­det, und daß er in Deutsch­land nicht unbe­dingt zum Bes­ten geglückt ist. Man hat aus der Ver­gan­gen­heit nicht gera­de eine über­ge­ord­ne­te Geschich­te geformt, mit der “es sich gut leben kann” (und ich füge hin­zu: das Gegen­teil ist der Fall). Die Fixie­rung auf das Ges­tern macht blind und gleich­gül­tig gegen­über der Zukunft:

Die Zukunft spielt inter­es­san­ter­wei­se gar nicht so eine zen­tra­le Rol­le, son­dern wir sind eine Gesell­schaft, die sich sehr stark mit der Ver­gan­gen­heit beschäf­tigt. (…) Wir müs­sen eine Zukunft bewäl­ti­gen, die sich fun­da­men­tal von dem unter­schei­det, was in der Ver­gan­gen­heit pas­siert ist, aber die Fra­ge ist, ob die­se Geschich­ten über die Ver­gan­gen­heit, die wir da haben, die rich­ti­gen sind, um die Zukunft zu bewäl­ti­gen, und das mei­ne ich eher auf einer über­ge­ord­ne­ten Ebe­ne – per­sön­lich soll jeder in sei­ner Fami­lie das, was für ihn oder sie wich­tig ist, klä­ren und bespre­chen, und das muß auch nicht nur mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus zusammenhängen.

Das sind grund­le­gen­de Fra­gen, die ich mir auch in mei­nem Kapla­ken-Bänd­chen “Besetz­tes Gelän­de” gestellt habe. Indem ich anhand der Film­kunst die Über­set­zung von Geschich­te in Geschich­ten unter­su­che, will ich natür­lich auch das Bewußt­sein dafür schär­fen, daß kein his­to­ri­sches Nar­ra­tiv end­gül­tig ist, und von Gott hims­elf in ewi­ge Geset­zes­ta­feln gemei­ßelt, und daß jedes his­to­ri­sche Nar­ra­tiv auch immer ein per­spek­ti­vi­sches, men­schen­ge­mach­tes ist, das bestimm­ten Inter­es­sen dient, vor allem jener, die es erzäh­len.  Bei den Deut­schen ist das heu­te kraß umge­kehrt. Aber wir sind kei­nes­wegs ver­dammt, hier stehenzubleiben.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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