Sezession
29. November 2010

Unsichtbare Gegner (1): Der kommende Aufstand

Martin Lichtmesz

Ein Gespenst geht um in den deutschen Feuilletons: dort hat man nun ein radikales politisches Pamphlet aus Frankreich mit dem Titel Der kommende Aufstand als dernier cri entdeckt. Letzterer kommt allerdings mit einiger Verspätung; das von dem anonymen Autorenkollektiv "Das unsichtbare Kommitee" verfaßte Manifest zirkuliert im Original bereits seit 2007, eine deutsche Übersetzung erschien im August dieses Jahres.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Seit längerer Zeit ist im Netz auch eine englische Ausgabe greifbar, die dem durchgeknallten amerikanischen TV-Moderator Glenn Beck, einer Ikone der Tea-Party-Bewegung, Anlaß bot, tüchtig mit den linksradikalen Buhmann Dampf zu machen: "Dies ist möglicherweise das Böseste, was ich jemals gelesen habe."

In Deutschland haben Nils Minkmar in der FAZ und Alex Rühle in der SZ den Text mit einer kaum verhohlenen und etwas merkwürdigen Erregung besprochen, man vernimmt, es handelt sich um eine "glänzend geschriebene" Zeitdiagnostik, die etwa inzwischen "an britischen und französischen Universitäten als kanonischer Text studiert und besprochen" wird. Minkmar spekuliert gar:

Und wenn, wie in der vergangenen Woche in Berlin, nachts die Autos brennen, im Kanzleramt ein Sprengkörper griechischer Anarchisten gefunden wird und die S-Bahn aus ungeklärten Gründen ausfällt und sich in der Stadt das Gefühl einer nahenden Großstörung breitmacht, dann passt das dermaßen perfekt zu der in diesem Buch entwickelten Strategie, dass man an bloßen Zufall nicht mehr glauben mag.

Derlei Geraune klingt in meinen Ohren eher wie Aufmerksamkeitsheischen und Windgebläse in eigener Sache; immerhin bietet sich ein derartiges Thema dem fad gewordenen Feuilleton als leckerer Happen an, zu dem nun jeder was Kluges oder Kontroverses sagen kann, und jeder geistreicher und schneidiger als der andere sein will.  Nachgezogen haben inzwischen auch Deutschlandradio Kultur und der Spiegel. Von der radikalen und zutiefst pessimistischen Zeit- und Gesellschaftsanalyse zeigt man sich angetan und billigt ihr Legitimität und Klarsicht zu; die eigentliche Faszination ergibt sich aber wohl vor allem aus deren Kombination mit einem offenen Aufruf zu Gewalt, Kriminalität und Sabotage, was selbstverständlich verurteilt wird.

In den Bann zieht viele Leser wohl auch die Unbedingtheit und Härte des Tonfalls. Hier wird Tacheles geredet, ohne den humanistisch-weltverbessernden Zuckerguß und die "Wir meinen es ja nur gut"-Attitüde , mit der die Linke ihre Kopfschüsse und Bomben üblicherweise legitimiert. Der oder die Autoren sprechen vom äußersten Rand der Verzweiflung aus, "von einem Punkt der extremen Isolation, der extremen Ohnmacht".  Ihre Sentiments werden niemandem fremd sein, der über die Lage unserer Zeit wirklich gründlich nachgedacht hat.

Aus welcher Sicht man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ohne Ausweg. Das ist nicht die geringste ihrer Tugenden. Denjenigen, die unbedingt hoffen möchten, raubt sie jeden Halt. Diejenigen, die vorgeben Lösungen zu haben, werden sofort entkräftet. Es ist bekannt, dass alles nur noch schlimmer werden kann. »Die Zukunft hat keine Zukunft mehr« ist die Weisheit jener Epoche, die unter dem Anschein einer extremen Normalität auf der Bewusstseinsebene der ersten Punks angelangt ist.

Dem folgt die Absage an "sechzig Jahre der Befriedung, ausgesetzter historischer Umwälzungen, demokratischer Anästhesie". Im "laufenden Krieg" darf man keine Hoffnung mehr setzen in Parteien, Organisationen, "Bürgerkollektive", die in irgendeiner Weise etwas retten oder reformieren oder stabilisieren wollen, und am Ende doch nur Teil der stürzenden Ordnung sind. Daß diese im Untergang begriffen ist, wird ohne jeden Zweifel angenommen. Jetzt gilt nur mehr ein nietzscheanisches "Was fällt, soll man auch noch stossen", alles was zählt, ist, den unvermeidlichen Kollaps der Zivilisation noch zu beschleunigen.

Es gibt keinen Grund mehr zu warten – auf eine Aufheiterung, die Revolution,  die  atomare Apokalypse  oder  eine  soziale  Bewegung.  Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht, was kommt, sondern was da ist. Wir verorten uns bereits jetzt in der Bewegung des Zusammenbruchs einer Zivilisation. Dort ist es, wo man Partei ergreifen muss.

Während sich nun der bürgerliche Feuilleton mal wieder erotisch gekitzelt zeigt von der Aussicht auf die Ankunft der Barbaren,  kam der Zeigefinger ausgerechnet von der alten Tante taz (pun intended), einst "vom Verfassungsschutz beobachtetes" Flaggschiff aller Linksalternativen. Diese schwang sich als treudoof-konformistische Verteidigerin des Status Quo in den Sattel, und witterte in der "mißglückten Rezeption" des Pamphlets, auch auf der radikalen Linken gar einen Wiedergänger-haut-gout von "Spätweimarer Dekadenz" (eine für das Selbstverständnis des Autors, der einen "Mangel an historischer Bildung" bei den "deutschen Eliten" beklagt, aufschlußreiche Analogie). Überhaupt sei das ganze Machwerk alles andere als "links", sondern eine "rechte, antimoderne Hetzschrift".

Zwischen den Zeilen will man die bösen Geister von Carl Schmitt und Martin Heidegger (beide Angehörige der Schattenarmee Division Antaios), ausfindig gemacht haben, die der Autor im übrigen als "Nazijurist" respektive als "der Philosoph des nationalsozialistischen Denkdienstes" vorstellt - womit man über das intellektuelle Niveau des Artikels kein Wort mehr zu verlieren braucht. ( Und nebenbei:eine Linke, oder überhaupt eine Partisanenbewegung, die nicht von Schmitt lernen will, wäre ganz schon dumm.)

Tiefer blickte dagegen Felix Serrao in der SZ, der offenbar ab und zu in den Seiten der Sezession und ihrer diversen geheimen Transmissionsriemen blättert, und darum auch weiß, daß der "faschistische" Beigeschmack von Der kommende Aufstand, den der taz-Autor vage und irritiert wahrgenommen hat, aus einem merkwürdigen Mischmasch à la "ni gauche, ni droite" herrührt (wobei das gauche hier deutlich überwiegt). Serrao sieht aber vor allem Ernst Jüngers "Waldgänger" im weiteren Untergrund des Textes wirken. Dies ist nicht ganz unberechtigt, aber nur mit gravierenden Einschränkungen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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