Sezession
11. Dezember 2010

Unsichtbare Gegner (3): Bürger, Mafia & Polizei

Martin Lichtmesz

Im Spiegel vom 29.11. stellte Georg Diez das vieldiskutierte linksradikale Pamphlet Der kommende Aufstand in eine Reihe mit zwei weiteren Buchhits dieser Saison: dem Schmöker Von der Kunst, kein Egoist zu sein des (verdächtig gut aussehenden) Modephilosophen Richard David Precht und dem Traktat Müdigkeitsgesellschaft des deutsch schreibenden koreanischen Professors Byung-Chul Han.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Alle drei böten "dem Bürger", "hervorragend zum Nebel der Jahreszeit" eine tüchtige Dosis "Antikapitalismus", "Antimodernismus" und "Technologiefeindlichkeit" und "schöne, warme Wut" zum "schweren Rotwein", abends am Kamin.  Was sie eint, sei vor allem die Klage über die "westliche Leistungsgesellschaft" und die Totalherrschaft des "Marktes" über die Seelen. Bei Precht liest sich das etwa so:

Der psychische Ausverkauf der Seelenreservate an die Unerbittlichkeit des Marktes ist weiter fortgeschritten, als wir wahrhaben wollen.

Vorgetragen wird der Bericht über die fashionablen "Wutbücher" und "Traktate der schlechten Laune" mit dem Spiegel-üblichen Sound der wohlfeilen Herablassung, die sich so prima aus der Luft heraus absondern läßt, ohne daß man selbst Farbe für einen konkreten Standort bekennen müßte. Überall reinfingern, aber nirgends zugreifen, in alle Richtungen mit Wasser spritzen, aber nicht naß werden.

Der Begriff vom "Bürger" wird da in allen Ableitungen als Signalklischee eingesetzt, das wohl vage auf die Überlegenheit des sich vom "Bürger" oder auch vom "Bildungsbürger" absetzenden (natürlich linkslastigen) Durchblicksintellektuellen verweisen soll. Also der übliche Wettbewerb der radikalen Posen, ein letztlich unverbindliches "Schere, Stein, Papier"-Spielchen: das Vernichtendste, was man über diese Traktate sagen kann, ist dann, daß sie in Wirklichkeit "Kontemplation, nicht Kommunikation" fördern, "Innerlichkeit, Ledersessel, Ruhe. Das gute Leben, wie es sich der Bürger vorstellt, wenn er in seinen Kamin starrt."

(Ich kann diese Rede, diesen ganzen veralteten Begriffsballast vom "Bürger", jedenfalls auf diese ausgeleierte Krampfmelodie gesungen, nicht mehr hören. Denn wer ist denn heute nicht "Bürger" und wer ist keiner, und wer will es nicht sein, und warum nicht? Alle Spiegel-Leser und -autoren sind "Bürger", alle Sezessions-Leser und -autoren sind "Bürger", ich, Lichtmesz und Sie, und alle anderen. Und nebenbei, welcher "Bürger" hat denn heute noch einen "Kamin"?)

Ich habe weder Precht noch Han gelesen, und kann darüber kein Urteil abgeben. Das Argument, daß der Konsum solcher Bücher zum Inventar derselben Misere gehört, die sie kritisieren, hat gewiß etwas für sich. Aber daraus folgt nun was? Es führt nirgendwo hin, und sagt auch rein gar nichts über den analytischen Wert dieser Bücher aus.  Da kann auch Diez nur mit der Spiegel-Schulter zucken:

Die alternde Gesellschaft, die Angst vor dem Abstieg der Mittelschicht, das Schwinden des Westens, das Outsourcing unserer Intelligenz an eine Maschine mit ein paar Tasten, all das findet ja statt. Und es ist ein ganz menschlicher Reflex, dass man das Unangenehme (sic! M. L.) nicht mag.

Dem gleichen Autor, der die "Wutbücher" als bloße Schlafmittel und Simulacren lächerlich zu machen versucht, fällt zu den "unangenehmen" Dingen, die "ja stattfinden", also nichts besseres ein, als zu bagatellisieren und rhetorisch zu zerfuzzeln, bis nur mehr ein müdes "Jetzt entkrampft euch doch mal bißchen, ihr Miesepeter" übrigbleibt:

Problematisch wird es nur, wenn das individuelle Unbehagen zu einer allgemeinen Denkfigur wird. Wenn schlechte Laune die Fundamente der Demokratie untergräbt. Wenn die Angst des Einzelnen zur Maxime für alle wird.

Gemessen an ihren Intentionen ist es für die Autoren des "unsichtbaren Komitees" natürlich vernichtend, mit einem Precht in Verbindung gebracht zu werden, oder ohne viel Federlesens selbst als "bürgerlich" klassifiziert zu werden. Und das ist gar nicht mal so verkehrt, auch wenn sich das die Militanten aller Zeiten seit jeher um die Ohren gehauen haben, um sich gegenseitig zu beleidigen und diskreditieren. Dabei scheint der apokalyptische, zu Gewalt und Chaos aufrufende Tenor des Pamphlets für den Spiegel-Autor seltsamerweise völlig unerheblich, eine quantité negligable zu sein. Ist das die übliche Wurschtigkeit gegenüber linker Militanz, oder hat es damit zu tun, daß man die Aufrufe zu Anarchie, Straßenkampf und Banlieue-Revolte in der Tat schwerlich ernstnehmen kann?

Beim Lesen habe ich mich nämlich oft gefragt, ob das Ganze nicht in erster Linie eine literarische Fiktion ist. Nachdem man als Inspiratoren nun schon Deleuze, Agamben, Debord, Heidegger, Schmitt, Mao, Palahniuk, Godard, Jünger zu identifizieren glaubte, möchte ich noch ein paar weitere hinzufügen:  die Pose des nihilistischen Zerstörers zielt im Grunde genau darauf ab, Reaktionen wie die von Glenn Beck ("Das Böseste, was ich je gelesen habe") zu provozieren. Es ist die "satanische" Tradition eines Baudelaire, Lautréamont und Jean Genet, an die hier wohl ziemlich bewußt angeknüpft wird. Man will eben bewußt "böse" und verletzend sein, der Gesellschaft genau den Satan geben, den sie haben will.  An Genet erinnern besonders Passagen, die das "Apachentum", Straßenbanden, Arbeitsscheue, kriminelles Gelichter und ähnliches glorifizieren. Jeder davon ist Sand im Getriebe des Systems, jeder eine nützliche Made mehr, die den hinfälligen Kadaver der Zivilisation zersetzt. Was fällt soll man stossen, hurrah! Und diese Abwracker sind, so stellt sich der Autor das vor, glücklich in ihrer gerechtfertigten Bösartigkeit:

Diese Banden, die der Arbeit entfliehen, sich nach
ihrem Stadtteil benennen und gegen die Polizei kämpfen, sind der Albtraum des guten Bürgers, individualisiert à la française: Sie verkörpern all das, worauf er verzichtet hat, all die mögliche Freude, die zu erreichen ihm nie möglich sein wird.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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