Wie weiter? (XI): Sezession, Jahrgang 2011

Das Eigentümliche an der redaktionellen Arbeit für die Sezession ist leicht erklärt: Sezession erscheint in gedruckter...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Form so sel­ten und ist so weit vor jeder Tages­po­li­tik ange­sie­delt, daß die Arbeit an ihr nicht von Trends, Moden oder poli­ti­schen Kli­ma­schwan­kun­gen bestimmt wird.

Der Blick auf den nun­mehr zu Ende gebrach­ten Jahr­gang 2010 zeigt: Ein »Faschismus«-Heft (Febru­ar) hät­te auch zwei Jah­re frü­her oder spä­ter erschei­nen kön­nen, »Sex­po­li­tik« (Juni) lag als Idee schon län­ge­re Zeit in der Schub­la­de und rück­te anläß­lich der neu­er­li­chen Gen­der-Wahn-Schü­be und der Debat­te um den Kin­des­miß­brauch an die Stel­le der ange­kün­dig­ten »Geo­po­li­tik«.

Für das Okto­ber-Heft dik­tier­te uns dann die Groß­wet­ter­la­ge nur den Titel, nicht den Inhalt. Jene »Alter­na­ti­ven nach 45« oder »Alter­na­ti­ven von rechts« sind wie geplant The­ma des Hef­tes – die Redak­ti­on ent­schied sich erst kurz vor Druck­be­ginn für das Stich­wort »Kon­ser­va­tiv«, weil Roland Kochs anma­ßen­de Begriffs­be­set­zung nicht unbe­ant­wor­tet blei­ben soll­te: Sein Buch mit dem Titel Kon­ser­va­tiv hat mit dem Sinn die­ses Wor­tes nichts zu tun. Mitt­ler­wei­le muß man fra­gen: Was war da einst mit Kochs Buch? Es ist doch schon wie­der ver­schwun­den aus der CDU-inter­nen Debat­te (die gar kei­ne rich­ti­ge war).

Wenn es hoch­kommt, sind ein paar tau­send Exem­pla­re von die­sem Pro­fi­lie­rungs­ver­such ver­kauft wor­den – weni­ger jeden­falls als von Karl­heinz Weiß­manns Das kon­ser­va­ti­ve Mini­mum. Das Sezes­si­on-The­men­heft »Kon­ser­va­tiv« aber gilt, wenn wir den Leser­zu­schrif­ten glau­ben dür­fen, als eines unse­rer bes­ten, als gül­ti­ger Über­blick über das, was nach 1945 an kon­ser­va­ti­ven Strö­mun­gen viru­lent war und es teil­wei­se noch ist.

Wir erzäh­len, wir klä­ren, wir erin­nern, wir deu­ten, wir fas­sen zusam­men, wir tra­die­ren, wir hal­ten fest: So arbei­tend haben wir für 2011 die drei The­men­hef­te bestimmt und den Kern­be­stand der Arti­kel notiert : im Febru­ar »Islam«, im Juni »Carl Schmitt« (die Rei­he unse­rer per­so­nen­be­zo­ge­nen Hef­te fort­set­zend: Speng­ler, Elia­de, Jün­ger, Lorenz), im Okto­ber »Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on« – ein Pro­gramm, das sich nicht recht­fer­ti­gen muß und das auch dann ange­mes­sen bleibt, wenn bei­spiels­wei­se im Früh­som­mer das Finanz­sys­tem zusam­men­bricht oder bei vor­ge­zo­ge­nen Wah­len die Grü­nen ihre ers­te Bun­des­kanz­le­rIn stel­len. Sol­ches zunächst zu kom­men­tie­ren und in sei­ner momen­ta­nen Bedeu­tung auf­zu­wer­ten, bleibt Tages- und Wochen­zei­tun­gen, Maga­zi­nen und Trend­ver­la­gen vor­be­hal­ten. Sezes­si­on ist dem »Dik­tat der Welt« (Ador­no) nicht im sel­ben Maße unter­wor­fen: Was wir beden­ken und ver­öf­fent­li­chen, kann nicht unmit­tel­bar benutzt und damit ver­nutzt wer­den, und wir sind uns sicher, daß unse­re Abon­nen­ten und Gele­gen­heits­le­ser Sezes­si­on auf­blät­tern, um durch die Ober­flä­che auf den Grund zu kommen.

Klingt das ein biß­chen zu fern, zu wald­gän­ge­risch, zu abge­wandt und zu des­il­lu­sio­niert (»den­noch die Schwer­ter hal­ten« usw./ Gott­fried Benn). Das Jahr 2010 wird uns allen doch als denk­wür­di­ges Jahr in Erin­ne­rung blei­ben, als Jahr, in dem wir uns jäh und elek­tri­siert dem »Dik­tat der Welt« unter­war­fen, wenigs­tens für ein paar lan­ge Wochen. Denn als der Som­mer schon bei­na­he kei­ner mehr war, Mit­te August, ver­öf­fent­lich­ten Bild und Spie­gel Vor­ab­dru­cke aus Thi­lo Sar­ra­zins Buch Deutsch­land schafft sich ab, und plötz­lich begann »unser Wei­zen zu blü­hen«, wie wir hier zu sagen pfle­gen: Die Sar­ra­zin-Stu­die des Insti­tuts für Staats­po­li­tik (immer­hin Her­aus­ge­ber der Sezes­si­on und zur Hälf­te mit der Redak­ti­on iden­tisch) hat sich zehn­tau­send Mal inner­halb von sechs Wochen ver­kauft, The­men wie »Deut­schen­feind­lich­keit«, »Über­frem­dung« oder »Par­tei­grün­dung von rechts« sind dis­ku­ta­bel geworden.

Wir wuß­ten, daß wir die­sen Moment nicht unge­nutzt ver­strei­chen las­sen durf­ten, und haben inner­halb weni­ger Wochen das Son­der­heft Sar­ra­zin lesen erstellt – frü­her als jede ande­re Insti­tu­ti­on, die uns wich­ti­gen Aspek­te der Debat­te abde­ckend, in ein­ge­spiel­ter Zusam­men­ar­beit zwi­schen Redak­ti­on, Autoren, Satz und Druck. »Ein­ge­spielt« – das ist nichts Selbst­ver­ständ­li­ches, das ist der Beweis für unse­re Arbeits­fä­hig­keit auch unter Druck, für Auf­bau­ar­beit und Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren. Das ist viel, das kön­nen wir nach jah­re­lan­ger Erfah­rung mit auf­tre­ten­den und wie­der ver­schwin­den­den Ver­la­gen, Zeit­schrif­ten, Pro­jek­ten, Initia­ti­ven sehr wohl beurteilen.

Wir fas­sen zu, spit­zen zu, sto­ßen zu, wir sind nicht aus der Welt, nicht im Elfen­bein­turm, ste­cken nicht in der Aus­sichts­lo­sig­keit eines »eher­nen Zeit­al­ters« á la Evo­la  fest: Zum Selbst­zweck tritt der Zweck, die­ser »Dop­pel­cha­rak­ter der Bil­dung« (wie­der­um Ador­no) scheint auf, wir tun etwas, wol­len etwas, hal­ten etwas für möglich.

Goe­the hat die Archi­tek­tur sei­nes Dra­mas über den urdeut­schen Faust-Stoff nach dem Prin­zip von Systole und Dia­sto­le des Herz­schlags ange­legt: Anspannung/Entspannung, Ausstoßphase/Füllungsphase, Spee­re werfen/Speere spit­zen — so kann es wei­ter­ge­hen, und viel­leicht kommt es doch so, daß – soll­te der Euro das nächs­te Jahr nicht über­ste­hen – wir das Fül­lungs- und Sub­stanz­heft »Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on« zuguns­ten eines Anspan­nungs- und Aus­stoß-Hef­tes verschieben.

So weit sind wir noch nicht. Heu­te und mor­gen müß­te erst ein­mal die letz­te Sezes­si­on für die­ses Jahr bei den Abon­nen­ten ein­tref­fen, dar­in die wich­ti­gen Tex­te von Gün­ter Scholdt über “Kon­ser­va­ti­ve und Lite­ra­tur”, von Sieg­fried Ger­lich über “Die Stel­lung der jüdi­schen Fra­ge” und von Peter Kunt­ze über “Chi­na und Mao” (die­ser Text: eine Rei­be­flä­che!). Ellen Kositza hat end­lich dem viel­fa­chen Leser­wunsch ent­spro­chen und unter “Vor­le­sen” Prin­zi­pi­el­les und Detail­lier­tes zur Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur geschrieben.

Wer­fen Sie hier einen Blick in die Inhalts­an­ga­be der 39. Sezes­si­on, dort kann das Heft auch bestellt werden.
Und hier gehts zum Abon­ne­ment – die nächs­ten 25 Neu-Abon­nen­ten bekom­men ein kapla­ken ihrer Wahl mit­ge­lie­fert (geben Sie eine ePost-adres­se an, wir fra­gen dann nach, wel­ches Bänd­chen es sein soll).

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.