Sezession
1. Oktober 2010

Der Bruch von 45

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 38 / Oktober 2010

von Thorsten Hinz

Mit der bedingungslosen Kapitulation vom 8. Mai 1945 war für Deutschland mehr verlorengegangen als der Zweite Weltkrieg und die militärische Macht. Geschichtlich und politisch war es mit dem Versuch, einen Nationalstaat aus eigenem Recht im Herzen Europas zu behaupten, an sein Ende gekommen. Auch in dieser Hinsicht war die Niederlage total. Das Gefühl, in Hitler habe sich eine Tragödie viel älteren Ursprungs vollendet, war allgemein. Gleich nach Kriegsende erschienen zahlreiche Bücher und Broschüren, deren Titel auf dieselbe programmatische Aussage hinausliefen. Ernst Niekisch sprach von einer »Deutschen Daseinsverfehlung«, Friedrich Meinecke von der »Deutschen Katastrophe«, der Kommunist Alexander Abusch vom »Irrweg einer Nation«, und Alfred Weber forderte den »Abschied von der bisherigen Geschichte«. Der Historiker Gerhard Ritter faßte das beherrschende Gefühl in die Worte: »Irgend etwas muß doch wohl in unserem politischen Leben von jeher verfehlt oder doch wenigstens gefährlich gewesen sein, wenn wir so oft und jedesmal so gründlich in Abgründe und Katastrophen hineingeraten sind.« Für Hermann Heimpel war der Nürnberger Prozeß eine Fortsetzung des Prozesses gegen Konradin, den letzten Staufer-Erben, der 1268 in Neapel durch Karl von Anjou hingerichtet worden war. Mit Konradins Tod hatte der guelfisch-päpstliche über den ghibellinisch-kaiserlichen Entwurf von der Welt gesiegt. »Isolierung, Überanstrengung, dem verfrühten Anfang folgende Verspätung im Werden der Nation sollten lastende Motive der deutschen Geschichte bleiben.«Total war die Niederlage noch in einem unmittelbaren, biopolitischen Sinn. Körper und Seelen der Deutschen waren millionenfach zum Zielobjekt der Kriegseinwirkungen geworden, die Niederlage hatte sich qualvoll in sie eingesenkt: durch Menschenverluste, Verkrüppelungen, durch Todesangst im Bombenkrieg, Obdachlosigkeit, Trümmerexistenzen, Heimatverlust, Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Hunger. Wo private Refugien der Zerstörung entgangen waren, konnten die Sieger jederzeit die Hand darauf legen. So gewiß das Dritte Reich ein Willkürstaat gewesen war, gingen mit ihm jegliche Reste deutscher Staatlichkeit dahin, die den Bürgern Schutz bieten konnte vor den Begehrlichkeiten der Sieger. Deutschland war nun reduziert auf den Objekt- und Beutecharakter. Unmittelbar galt das für seine Ostgebiete, seine Industrieanlagen, seine wissenschaftlichen Kapazitäten, seine Arbeitskräfte, für seine Frauen, die insbesondere in Ost- und Mitteldeutschland massenhaft Opfer von Vergewaltigungen wurden.
Das Kriegsende war Erlösung und Niederlage – dieser Doppelcharakter läßt sich um so weniger auftrennen, als viele Maßnahmen und Unterlassungen der Alliierten darauf angelegt waren, die Hunger- und Trümmerexistenz der Besiegten und damit zugleich das Bewußtsein ihres Unwerts und ihrer Abhängigkeit zu verlängern. Konrad Adenauer klagte im März 1949 in einer Rede in Bern die Alliierten an, die Baustoffproduktion und den Wohnungsbau zu sabotieren. Die Hauptsorge der Deutschen nach 1945 war es, die grundlegenden animalischen Bedürfnisse zu stillen. Für einen politischen Ehrgeiz, der sie womöglich noch in Gegensatz zu den Siegern bringen würde, von denen ihr Überleben abhing, war kein Platz. Woran hätte er sich nach dem allgemeinen Zusammenbruch auch aufrichten sollen?


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