Sezession
1. Oktober 2010

Die Gaullisten

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 38 / Oktober 2010

von Karlheinz Weißmann

Am 31. Mai 1963 fand ein zweites oder drittes »Ammerländer Gespräch« auf dem Besitz Caspar von Schrenck-Notzings am Starnberger See statt. Es handelte sich dabei um den informellen Gedankenaustausch eines kleinen Kreises unabhängiger konservativer Intellektueller. Vorbereitet wurde die Tagung durch Schrenck-Notzing und Armin Mohler. Beide hatten seit Anfang der fünfziger Jahre Kontakt zueinander, der auch nicht abriß, nachdem Mohler als Korrespondent verschiedener schweizerischer und deutscher Blätter nach Paris gegangen war. Bei allen Differenzen im Detail gab es zwischen Schrenck-Notzing und Mohler einen Konsens: Es sei nötig, die eingefahrenen Gleise zu verlassen. Man müsse endlich mit der Vorstellung brechen, daß eine Restauration – der Hohenzollern, der Habsburger, Preußens, des Reiches, des Abendlandes – möglich sei oder man sich darauf verlassen könne, daß das »Ende der Ideologien« schon alle weltanschaulichen Konflikte von selbst regeln werde.Das Ammerländer Gespräch sollte einer Klärung der eigenen Stellung im Grundsätzlichen dienen. Sie fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. In seinem Vortrag über »Die politische Rechte in der industriellen Gesellschaft« sagte Mohler: »Für mich gibt es durchaus noch die Scheidung in ›rechts‹ und ›links‹. Daß es eine solche Scheidung nicht mehr gebe, ist eine optische Täuschung bei Leuten, welche die mit diesen Wörtern bezeichneten Grundhaltungen mit deren vorübergehenden sozialen oder ideologischen Fixierungen verwechseln. Statt ›rechts‹ könnte man auch ›konservativ‹ sagen. Dieses Wort ist aber wohl auf lange hinaus nicht mehr verwendungsfähig. Das zeigt sich an zweierlei. Erstens weckt es keinen Haß mehr. Zweitens ist es von der Linken mit Erfolg zur Etikette jener Mehrheit verfälscht worden, die allein von der Schwerkraft bestimmt wird. Die Rechte und die Linke sind aktive Minderheiten.« Die Linke sei fixiert auf das »Abstraktum«, die Rechte auf die Wirklichkeit, wissend, daß die sich ändert, aber »daß die Wirklichkeit – im Menschen wie außerhalb des Menschen – unveränderlichen Grundgesetzen unterworfen ist«. Dazu gehörte nach Mohler das Vorhandensein eines Ordnungssystems und die Zurückweisung jener liberalen oder linken Illusionen, die an die Verheißungen der natürlichen Güte und Gleichheit des Menschen Glauben machten. Gerade in der technischen Gesellschaft seien Hierarchie, Institution und Elite unverzichtbar.
Mit solchen Vorstellungen stand Mohler jenen Etatisten nahe, die sich am Ende der Ära Adenauer neu zu sammeln begannen. Es handelte sich vor allem um Universitätslehrer wie Arnold Gehlen und seinen Schüler Hanno Kesting, und dann um Carl Schmitt und dessen Anhänger, die sich gerade in der Zeitschrift Der Staat ein renommiertes Organ geschaffen hatten, und mit Ernst Forsthoff oder Werner Weber über einflußreiche akademische Sprecher, mit Roman Schnur oder Helmut Quaritsch über Begabungen im Nachwuchs verfügten. Allerdings war man hier an praktisch-politischer Wirksamkeit weniger interessiert und auch nicht an der Frage, wie unter den Bedingungen der Bundesrepublik eine Umsetzung der eigenen Ideen zu denken sei. Auf diese Frage konzentrierte sich die Aufmerksamkeit Mohlers und Schrenck-Notzings. Von letzterem stammt die Feststellung, daß man dem wachsenden Einfluß der Linken entgegentreten und den Kulturkampf aufnehmen müsse: Der »Prozeß der zunehmenden Manipulierbarkeit der politischen Sphäre ist irreversibel«. Man könne darüber klagen und von einer organischen Gesellschaft träumen, aber das führe zu nichts, die Konservativen müßten ihrerseits lernen, das »psycho-technische Schaltbrett« zu bedienen.


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