Sezession
1. Oktober 2010

Technokratischer Konservatismus

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 38 / Oktober 2010

von Rainer Waßner

Der Begriff »Technokratischer Konservativismus« wurde von dem Stuttgarter Politikwissenschaftler Martin Greiffenhagen geprägt, nachträglich und – unschwer zu erraten – in herabsetzender Absicht. Er bezeichnete eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern, die sich in den sechziger Jahren, in der konsolidierten Bonner Republik, unzeitgemäße Gedanken über die moderne Zivilisation unter Anwendung auf deutsche Verhältnisse machten. Sie bildeten keine politische, weltanschauliche, organisatorische Einheit und dürften sich anfänglich weder als »Alternative«, nicht einmal als »Konservative« empfunden haben. Zwar fanden ihre Analysen ein zwiespältiges Echo, doch wurden sie mit Interesse aufgenommen, keinesfalls polemisch verrissen, denn die bevorstehende Kulturrevolution verharrte noch im embryonalen Zustand.Gemeinsam ist diesen Gelehrten (von denen im folgenden die vier markantesten vorgestellt werden), den gewaltigen Komplex aus Wirtschaft, Bürokratie, Wissenschaft, Technik und Militär, wie er sich in den Nachkriegsstaaten herausgebildet hatte, als erhaltensnotwendig und theoretisch unübergehbar einzustufen; insoweit mag man sie als Vertreter einer neuen konservativen Haltung einschätzen, die nicht mehr auf die Restaurierung vormoderner Zustände baut. Der Publizist Armin Mohler brachte es 1969 auf den Punkt. »Für den Konservativen, der sich nicht in Romantizismen verlieren will, gibt es nur einen Weg, sich mit den Problemen seiner Zeit zu befassen: durch die industrielle Gesellschaft mitten durch.«
Die später einsetzende linksintellektuelle Schelte füllt heute einige verstaubte Regalmeter. Sie hat ihren Verfassern im Klima des Umbruchs Lob, Ehre, Einkommen und Titel zugeschanzt, kommt aber meist über die üblichen Vorwürfe (antiaufklärerisch, undemokratisch, prokapitalistisch und so weiter, und so fort) nicht hinaus.
Der nicht wirklich vollzogenen Auseinandersetzung liegt ein letzter, unausgesprochener und unauflösbarer Konflikt zugrunde: Kann man sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem bloßen Wollen, durch Umsetzung von Vorstellungen über die »richtige« Gesellschaft in radikale politisch-soziale Praxis, – nicht zuletzt mittels materieller und Herrschafts-»Techniken« – erfolgreich zum Herrn und Macher der Geschichte aufschwingen oder tragen Interventionen in das überkommene soziale und technologische Gefüge immer ein unkalkulierbares Folgerisiko für das staatliche und gesellschaftliche Leben, das aus deren Eigendynamik und Verlaufsnotwendigkeiten resultiert?


 Gastbeitrag

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