Sezession
1. Oktober 2010

Plädoyer für das Recht auf Nation

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 38 / Oktober 2010

von Michael Wiesberg

1982 sei Bernard Willms »wie ein Wirbelwind in die konservative Szene eingebrochen«; er habe mit seinem Buch Die deutsche Nation »einen neuen Ton in die Debatte gebracht«, konstatierte Armin Mohler in der Juli-August-Ausgabe 1983 von Criticón und umriß mit knappen Worten den Stellenwert dieser wohl wichtigsten Publikation des 1991 unter tragischen Umständen freiwillig aus dem Leben geschiedenen Bochumer Politikwissenschaftlers. Eine Einschätzung, die auch von dem linken Soziologen Arno Klönne geteilt wurde. In einem Beitrag für die damals noch einflußreichen Gewerkschaftlichen Monatshefte (Heft 1/1986) konstatierte er: Mit seinem Buch Die deutsche Nation sei Willms »zum führenden Theoretiker des westdeutschen Neonationalismus avanciert«.

Um die Bedeutung von Willms Schrift richtig einzuordnen, muß man auf die Zeitumstände am Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre Bezug nehmen. Bezeichnende Vorgänge waren die Auseinandersetzung um Die Geschichte der Deutschen des konservativen Historikers Hellmut Diwald, die Debatte über die Ausstrahlung der US-Fernsehserie Holocaust, die Konflikte, die sich am Besuch von US-Präsident Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg und der Rede von Bundespräsident Weizsäcker am 8. Mai 1985 entzündeten, schließlich der Historikerstreit. Gleichzeitig gab es eine breite Diskussion um die von dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) propagierte »geistig-moralische Wende«; eine »Wende«, die nicht nur ausblieb, sondern noch nicht einmal in Ansätzen erkennbar wurde. Eine Reaktion auf diese Entwicklungen war die Gründung des (kurzlebigen) »Deutschlandrates« im Dezember 1983, in dessen Gründungserklärung es hieß: »Wir wollen wieder eine normale Nation sein. Dazu gehört die Entkriminalisierung unserer Geschichte.« Zu den Unterzeichnern gehörten unter anderem Hans-Joachim Arndt, Hellmut Diwald, Robert Hepp, Armin Mohler und eben Bernard Willms. Willms hatte in bezug auf diese »Entkriminalisierung« klare Vorstellungen: »Die Deutschen müssen die ›Vergangenheitsbewältigung‹ zu einer Sache der Wissenschaft neutralisieren. Wer Schuld predigt oder die Wunde Hitler offenhält, kämpft nicht um, sondern gegen die Identität.«
Ganz im Sinne dieser Einlassung hatte Willms gleich in der Vorbemerkung seines Buches erklärt, »daß für die Deutschen nichts so notwendig ist wie ein neuer Nationalismus«. Dafür versuchte er, die geistigen Grundlagen zu definieren beziehungsweise die »Wirklichkeit der Deutschen« neu zu bestimmen: »Die Grundlage politischer Realität ist die Wirklichkeit der Deutschen als Deutsche, ist das Bewußtsein ihrer Lage als Nation.« Nachdenken über die Nation stoße unausweichlich auf zwei Befunde, nämlich »auf den Bereich der historischen Identität oder den Komplex ›Vergangenheitsbewältigung‹ und auf den der zukünftigen Identität oder das Problem der Wiederherstellung der Nation«. Eine angemessene geistige Durchdringung dieses Befundes mußte aus der Sicht von Willms das hinter sich lassen, was er als »Ebene der Meinungen, der Gesinnungen, des Bestreitbaren« bezeichnet, nämlich »Freiheit, Grundwerte, Demokratie«. Es müsse zur »Wirklichkeit der Lage«, zur »nationalen Wirklichkeit« vorgestoßen werden. Für Willms kam dieser Bemühung deshalb entscheidende Bedeutung zu, weil nur so Orientierung möglich werde: »… es muß begriffen werden, was wirklich ist, dann weiß man auch, worauf es ankommt«. Wer etwas zu begreifen versuche, steht vor der »Notwendigkeit gründlicheren Denkens«. Die Basis dafür eröffnete aus der Sicht von Willms die Philosophie, genauer gesagt der deutsche Idealismus, auf den die Deutschen verwiesen seien. Als »Kern des Idealismus« hat Willms die »Wiederholung von Hobbes’ Einsicht von der harten Unentrinnbarkeit der Freiheit und ihrer gewaltsamen Verwirklichung« bestimmt. Freiheit sei im Staat nur »wirklich« als »Wirklichkeit der sittlichen Idee, d. h. der Freiheit«. Oder anders gewendet: »Die Wirklichkeit der Freiheit ist Staat und Politik.« Freiheit sei durch Ordnung zu bestimmen. Diese Ordnung als jeweils konkrete seien »wir«, dies sei »unsere Freiheit«; dies sei die »Idee der Nation«. Menschliche Existenz ist mithin politische Existenz. Die Arbeit an der Verwirklichung der menschlichen Existenz nannte Willms Politik. Als Subjekt der politischen Arbeit bestimmte er den Staat: »Der Begriff des Staates ist das Merkmal, an dem reelle Philosophie zu erkennen ist. Jedes Denken, das sich dieser Notwendigkeit nicht stellt, bleibt politisch defizitär.«


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