Criticón, Staatsbriefe, Junge Freiheit

pdf der Druckfassung aus Sezession 38 / Oktober 2010

Sie haben ja recht, die Bücherverbrenner, Zensoren und Meinungspolizisten. Eine gute Zeitschrift ist ebenso wie ein gutes Buch mehr als nur bedrucktes Papier. Sie ist ein lebendiges Wesen, beseelt von einem individuellen Genius, der über gute und böse Geister herrscht. Wie überspringende Funken greifen sie nach den Lesern. Wenn ihnen die Eroberung gelingt, lösen sie Besessenheitserscheinungen unterschiedlichen Grades aus. Die Qualität zusammengehefteter Kopien genügt dafür mitunter völlig. Das Randständige, Seltene, Geächtete, hat einen besonderen Reiz, vor allem für diejenigen, die hungrig nach Alternativen sind. Durch das Internet mit seiner Tyrannis des allzeit möglichen Zugriffs ist viel von dieser Magie verloren gegangen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wür­de man mich nun fra­gen, wel­che Zeit­schrif­ten auf mich per­sön­lich den größ­ten poli­ti­schen Ein­fluß hat­ten (außer der Sezes­si­on natür­lich), dann wüß­te ich drei Namen zu nen­nen: Cri­ticón, Staats­brie­fe und Jun­ge Frei­heit. Ich näher­te mich die­sen Orga­nen ver­spä­tet, im Krebs­gang, als Nach­züg­ler und Schatz­su­cher. Wer sich den Bestand des deut­schen Nach­kriegs­kon­ser­va­ti­vis­mus aneig­nen will, muß gra­ben; denn vie­les, was zu Tage geför­der­te war, ist wie­der ver­sun­ken. Vie­le Fackeln fan­den kei­ne Hand, in die sie wei­ter­ge­reicht wer­den konnten.
Nichts kann bei die­ser Aneig­nung mehr hel­fen als ein Stu­di­um der ers­ten 25 Jahr­gän­ge von Cri­ticón. Cas­par von Schrenck-Not­zing (1927–2009) hat die­se Zeit­schrift her­aus­ge­ge­be­nen, die ers­te Num­mer erschien im Som­mer 1970. Ich begann um 2001 her­um, mich im Zuge einer Begeis­te­rung für Armin Moh­ler in die Lite­ra­tur der intel­lek­tu­el­len Rech­ten hin­ein­zu­fres­sen. Ein Dut­zend dicker Wäl­zer aus der Preu­ßi­schen Staats­bi­blio­thek mit den gesam­mel­ten Cri­ticón-Jahr­gän­gen eröff­ne­te mir nicht nur die Welt des deut­schen Kon­ser­va­ti­vis­mus, son­dern die gan­ze gro­ße Tra­di­ti­on kon­ser­va­ti­ven Den­kens über­haupt. Schrenck-Not­zing ließ sie alle zu Wort kom­men: »von den katho­li­schen Tra­di­tio­na­lis­ten über die Ade­nau­er-Frak­ti­on und die Klas­sisch-Libe­ra­len bis zu den Nomi­na­lis­ten und Natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren« (Karl­heinz Weiss­mann). Hier stieß ich zum ers­ten Mal auf Namen wie Erik von Kuehnelt Led­dihn und Tho­mas Mol­nar, Gün­ther Rohr­mo­ser und Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner, Robert Hepp und Hans-Diet­rich San­der, Alain de Benoist und Gün­ter Masch­ke, sowie auf die »Ste­fan Scheils« ihrer Zeit, die His­to­ri­ker Diet­rich Aigner, Hans Wer­ner Neu­len und Hanns­joa­chim W. Koch. Mit gestei­ger­ter Auf­merk­sam­keit stürz­te ich mich natür­lich auf die Bei­trä­ge Moh­lers: pro Heft etwa ein »gro­ßer«, und zwei bis drei »klei­ne­re«. Dabei zähl­te natür­lich beson­ders sei­ne Buch­re­zen­si­ons­sei­te »Scri­bi­fax las für Sie« zu den weg­wei­sen­den Glanz­lich­tern. Anspre­chend war auch die ele­gan­te Auf­ma­chung mit ihrem Hang zum Angel­säch­si­schen und Romanischen.
Die »Autoren­por­träts«, deren Tra­di­ti­on die Sezes­si­on heu­te fort­führt, wür­den anein­an­der­ge­reiht eine Enzy­klo­pä­die der kon­ser­va­ti­ven Meis­ter­den­ker und Dich­ter erge­ben. Der Reiz von Cri­ticón besteht aller­dings auch in der Moment­auf­nah­me einer Zeit, die heu­te fast nur mehr durch die lin­ke Bril­le ver­mit­telt wird. Dabei mag pes­si­mis­tisch stim­men, wie wenig sich die Lage seit­her grund­sätz­lich geän­dert hat: Was die Autoren gegen die Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, den lin­ken Kul­tur­kampf, gegen die Mas­sen­ein­wan­de­rung und über die demo­gra­phi­sche Kata­stro­phe vor­brach­ten, liest sich bedrü­ckend aktuell.
Das Ende für Cri­ticón kam, als Schrenck-Not­zing sein Maga­zin an einen nichts­wür­di­gen Nach­fol­ger über­gab: Gun­nar Sohn fuhr die eins­ti­ge kon­ser­va­ti­ve Insti­tu­ti­on mit Kara­cho an die Wand, indem er sie in ein jam­mer­vol­les »Maga­zin für Mit­tel­stand und Markt­wirt­schaft« ver­wan­del­te. 2005 starb das Blatt den Gna­den­tod, aus­ge­zehrt auch durch den Umstand, daß sich eine Neu­grün­dung unter dem Namen Sezes­si­on »am Markt« durch­ge­setzt hatte.

Sicher­lich haben auch die Staats­brie­fe in der ein­zi­gen Deka­de ihres Bestehens dem Cri­ticón schon gehö­rig zuge­setzt und sein Mono­pol unter­gra­ben. Wer sich heu­te als Staats­brie­fe-Fan bekennt, ern­tet ent­we­der ein gereiz­tes Augen­ver­dre­hen oder enthu­si­as­ti­sche Zustim­mung: bei kei­ner Zeit­schrift aus dem rech­ten Spek­trum schei­den sich die Geis­ter so scharf wie hier. Das liegt wohl vor allem an deren streit­ba­rem Her­aus­ge­ber Hans-Diet­rich San­der (1928). Peter Glotz urteil­te über das Werk des 1928 gebo­re­nen »natio­na­len Dis­si­den­ten«: »Ein Ton, der jun­ge Deut­sche in der Geschich­te immer wie­der beein­druckt hat. Kon­se­quent, hoch­mü­tig und rück­sichts­los – der Kom­pro­miß wird der Ver­ach­tung preis­ge­ge­ben.« Dies mün­de­te in den gera­de­zu ver­hei­ßungs­vol­len Appell: »Was ver­hü­tet wer­den muß, ist, daß die­se sti­li­sier­te Ein­sam­keit, die­se Kleist­sche Radi­ka­li­tät wie­der Anhän­ger fin­det. Schon ein paar Tau­send wäre zu viel für die zivi­le par­la­men­ta­ri­sche Bundesrepublik.«
San­ders noto­ri­sche Intran­si­genz hat­te ihn all­mäh­lich vom Feuil­le­ton-Redak­teur der Welt zum ein­sa­men Gue­ril­le­ro im Pferch des »rech­ten Ghet­tos« gemacht. Pünkt­lich zur Wen­de ver­wirk­lich­te er 1990 das lang­ge­heg­te Pro­jekt einer eige­nen Zeit­schrift. Unter dem von T. S. Eli­ot ent­lehn­ten Mot­to »Style and Order« war der Umschlag in schlich­tem Grau gehal­ten, als Emblem dien­te der Grund­riß des Cas­tel del Mon­te, ent­spre­chend dem küh­nen Pro­gramm der Wie­der­be­le­bung einer ghi­bel­li­ni­schen Reichs­idee, an der San­der mit pro­vo­zie­ren­der Unbe­irrt­heit fest­hielt. Fixe Ein­rich­tun­gen bis zum Ende der Staats­brie­fe im Jah­re 2001 blie­ben die fun­kelnd geschlif­fe­nen Leit­ar­ti­kel San­ders, die Berich­te und Betrach­tun­gen von Wolf­gang Strauss über Ruß­land, der Nach­druck ver­ges­se­ner Tex­te aus der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on und die der Kon­tro­ver­se gewid­me­ten Sei­ten unter dem Titel »In arte dis­pu­tan­di«. San­ders Hoff­nung, mit der Zeit­schrift alle zu ver­sam­meln, »die sich der Renais­sance des natio­na­len Den­kens« ver­schrie­ben hat­ten, »ob links, ob rechts, ob heid­nisch, ob christ­lich«, zer­schlug sich jedoch bald, aus Man­gel an Lesern eben­so wie an wirk­lich guten Autoren. Waren zu Beginn noch vie­le aus Cri­ticón bekann­te Köp­fe mit an Bord, wie Moh­ler, Zehm, Hans-Joa­chim Arndt, Robert Hepp oder Sal­cia Land­mann, so waren am Ende nur noch weni­ge wirk­lich hoch­ka­rä­ti­ge Federn wie Josef Schüs­s­l­bur­ner oder Thor von Wald­stein übriggeblieben.
Nach Jah­ren hat der einst mäch­ti­ge Bann, den die Staats­brie­fe auf mich aus­ge­übt haben, deut­lich nach­ge­las­sen, vie­les sehe ich nun kri­ti­scher, vie­les geht mir gar mas­siv gegen den Strich. Aber ein­mal ein­ge­taucht zu sein in die­se Art von uner­schro­cke­ner Total­op­po­si­ti­on und unzeit­ge­mä­ßer Radi­ka­li­tät, ist ein prä­gen­des Erleb­nis. Es macht einen gleich­gül­tig gegen den Zeit­geist, und mutig zur Sezes­si­on und zur Avant­gar­de des Eigen­sinns. Und nir­gend­wo anders habe ich bes­ser begrif­fen, daß Deutsch­land mehr ist, als sei­ne wech­seln­den Regie­run­gen, Staa­ten und Teil­staa­ten. Es ist ein »Lebe­we­sen, das 2000 Jah­re alt ist« (Alex­an­der Klu­ge). Das Reich ist und bleibt die eigent­li­che poli­ti­sche Form und Hei­mat der Deut­schen; das wird auch über alle Repu­bli­ken der Zukunft hin­weg Gül­tig­keit haben.
Der Sprung zur gänz­lich anders gewi­ckel­ten Jun­gen Frei­heit mag nun etwas abrupt erschei­nen. Was kann man dazu noch sagen, was nicht schon gesagt wor­den ist? Wir alle haben schon ein­mal auf sie geschimpft, waren genervt von dem nicht immer geschmacks­si­che­ren popu­lär­pa­trio­ti­schen Ton­fall und die zum Teil skur­ri­len, unter dem Zwang zum Affir­ma­ti­ven kom­pi­lier­ten Foto­mon­ta­gen auf der Titel­sei­te, waren ent­täuscht über die Anpas­sun­gen an den Main­stream, trau­er­ten weh­mü­tig den guten alten Zei­ten nach, als die Linie – wie wir uns zu erin­nern glau­ben – gepfef­fer­ter, pro­vo­kan­ter und schnei­di­ger als heu­te war. Aber man kann es dre­hen und wen­den, wie man will: Die Jun­ge Frei­heit bleibt unser aller Ein­stiegs­dro­ge und unser aller Mut­ti, und ohne den beacht­li­chen Spiel­raum, den das 1986 als Schü­ler­zei­tung gegrün­de­te Blatt gegen alle Wider­stän­de und Wahr­schein­lich­kei­ten finan­zi­el­ler und poli­ti­scher Art erkämpft hat, hät­te die rech­te Publi­zis­tik in Deutsch­land heu­te kaum eine Fuß­brei­te Boden unter den Füßen. Die­sen den Nach­kom­men­den zu bestel­len, haben die Moh­lers, Schrenk-Not­zings und San­ders näm­lich sträf­lich ver­säumt. Da bedurf­te es schon eines Beses­se­nen wie Die­ter Stein (1967), der die­ses Gelän­de zu beset­zen und zu hal­ten wußte.
Man wünscht der Jun­gen Frei­heit für die Zukunft mehr Leser, mehr Brei­ten­wir­kung, mehr Geld, mehr wirk­lich gute Autoren, aber auch, daß sie ihr Pro­fil nicht preis­gibt, und sich die­sen eigen­tüm­li­chen, wider­stän­di­gen Idea­lis­mus bewahrt, der für ihre Macher eben­so wie für ihre Leser so cha­rak­te­ris­tisch ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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