Sezession
12. Februar 2011

Dr. Seltsam in Dresden oder Wie ich lernte, die Bomber zu lieben

Martin Lichtmesz

Vor einem Jahr hat Sezession im Netz intensiv die Gedenkveranstaltungen und Demonstrationen zum 13. Februar in Dresden kommentiert. Ich habe damals in einer längeren Polemik das ganze unentwirrbare Knäuel aus deutsch-deutschen Komplexen, das sich alljährlich in Form von "Menschenketten", "Trauermärschen" und "Naziblockaden" ein explosives Stelldichein gibt, herzhaft in seiner Gesamtheit zum Teufel gewünscht.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Daraufhin hagelte es in unseren Kommentarspalten Kritik vor allem aus der nationalistischen bis national-sozialistischen Szene, die den "Trauermarsch" hauptsächlich trägt.  Aber auch einige Vertreter der "Neuen Rechten" hielten und halten es für legitim, die Demonstration zu unterstützen. Götz Kubitschek hat die Gründe für seine Teilnahme im letzten Jahr hier dargelegt, Ellen Kositza ihren Rückblick hier. Ich selbst bewegte mich als Beobachter auf der anderen Seite der Barrikade und habe meine Eindrücke hier geschildert.

Da es also auch bei nicht-NPD-affinen Rechten und Konservativen eine Neigung gibt, den "Trauermarsch" für eine politisch sinnvolle Idee zu halten, will ich nochmal zusammenfassen, was ich schon letztes Jahr gesagt habe. Dabei möchte ich teilweise an den Kommentar von Thorsten Hinz in der aktuellen JF anknüpfen, der diese Dinge wie immer klarer und kompakter formuliert, als ich das je könnte.

1.  Die Misere von Dresden kann nur erfaßt werden, wenn man das Versagen der bürgerlichen Mitte als Hauptursache annimmt. Um genauer zu sein, müßte man hier allerdings den Begriff der "Mitte" in einem erweiterten und ursprünglicheren Sinn benutzen, als in dem landläufigen politischen. Wir leben in einem Land, dem seine innere "Mitte", seine Zentrum, sein Herz, seine Seele, sein Existenzkern, seinen Standort oder wie man es nennen mag, abhanden gekommen ist. Wenn der Kern des Ganzen zerfallen ist, wuchern seine äußeren Ränder, die "Extremitäten" aus.

Das Auftreten des linken und rechten Extremismus ist nichts weiter als die verdiente Quittung an eine Gesellschaft, die diese innere Mitte und Balance verloren hat.  Das bedeutet auch, daß sie im Grunde gar nicht mehr weiß, wie sie sich selbst legitimieren soll. Ihre Begriffe schmecken verräterisch nach Papierphrase und nach Infantilität, offenbaren eher ihre innere Leere, Dezentrierung und Ratlosigkeit, statt sie zu verdecken: "Demokratie", "Toleranz", "Weltoffenheit", "bunt", "vielfältig" usw. usf.

Solange der Extremismus nicht als ernstes Krankheitssymptom begriffen wird, wird auch alle Extremismusbekämpfung und -definiererei nur an der Oberfläche kratzen.  (Der inzwischen fester Bestandteil des Verfassungsschutzberichtes gewordene "Ausländerextremismus" ist ebenso eine Quittung - für eine verfehlten Einwanderungspolitik, die sich wiederum ebenfalls direkt aus dem Verlust der Mitte speist).

2. In dieser Lage ist auch kaum jemand imstande, klipp und klar auszusprechen, warum das Gedenken an die Bombardierung Dresdens zum Problemfall geworden ist. Hinz: "Grund ist die schlichte Tatsache, daß die Opfer des Dresdner Massenmordes  - Deutsche waren!" Im Kern dieser Dinge liegt ganz klar die neurotische "Unfähigkeit zu trauern",  die verweigerte, verdrängte, verbotene Totenklage.  Dieser Zustand ist so weit fortgeschritten, daß seine Problematik schon gar nicht mehr bemerkt wird.

Es ist den Deutschen geradezu in Fleisch und Blut übergegangen, die eigenen Opfer nur mehr unter dem Gesichtspunkt von "Rache, Vergeltung, verdienter Strafe" (Hinz) wahrzunehmen, zu relativieren oder gar zu rechtfertigen, und seien es noch so viele hundertausend bis Millionen Tote, seien es noch so viele eindeutige und gezielt begangene Kriegsverbrechen, die hier zur Debatte stehen. Das treibt mitunter Blüten, deren Bizarrerie offenbar ebenfalls niemandem mehr auffällt. Ein bekannter deutscher Historiker wollte letztes Jahr gar eine Rose auf das Grab von "Bomber"-Harris legen. In Abwandlung eines Kubrick-Filmtitels: "Dr. Aly Seltsam oder Wie ich lernte die Bomber zu lieben."

3. Damit wären wir im Grunde schon jenseits der eigentlichen Politik bei der Betrachtung einer tieferen Pathologie der deutschen Seele angelangt. Ich glaube, daß der Ausdruck angemessen ist, und die Vorgänge in der deutschen Politik längst nur mehr unter psychologischen Gesichtspunkten zu begreifen sind. Mit dem Verlust der Mitte in dem oben angedeuteten Sinn werden politische Argumente zwecklos, weil überhaupt nicht mehr verstanden wird, was denn das Politische überhaupt ist.

Deshalb ist diesen Dingen kaum mehr mit politischer Argumentation beizukommen, denn es gibt keine Einigkeit, auf welcher Ebene man denn nun eigentlich argumentiert. Politische Selbstverständlichkeiten wie die Frage nach dem nationalen Eigeninteresse sind jenseits des allgemeinen Verständnishorizonts gerutscht.  Man ist schon zwangsläufig auf die psychologische Ebene verwiesen, als hilfloser Diagnostiker und Beobachter einer Krankheit, die endlos und "bunt" schillernd vor sichhinfiebert und Metastasen bildet.

4. Exemplarisch für diese Verfassung ist etwa die als Reaktion auf den "Trauermarsch" eingerichtete, stadtoffizielle Netzseite www.13februar.dresden.de. Da präsentieren sich händchenhaltende erwachsene Menschen mit betonter Lammfrommheit in den Gesichtern, geradezu platzend vor zivilgesellschaftlicher Artigkeit, die sich (schamloserweise) in Anlehnung an die Widerstandsgruppe der Geschwister Scholl "weiße Rosen" an die Kleidung geheftet haben.  Schon allein das macht den Eindruck eines Irrenhauses, meiner bescheidenen rückständigen Minderheitenmeinung nach zumindest.

Der dazugehörige Slogan lautet "Erinnern und Handeln - für mein Dresden", aber eine tatsächliche "Erinnerung" und Vergegenwärtigung der Ungeheuerlichkeit der Bombennacht hat nur zweitrangige Bedeutung. Das Thema der Seite ist hauptsächlich die Abwehr von "Rechtsextremismus" inklusive aller dazugehörigen Appelle an  "Demokratie und Menschenrechte", "Weltoffenheit", gegen "Fremdenfeindlichkeit" und "rassistische und menschenverachtende Ideologien" usw.  Damit ist der Gedenktag praktisch in eine "Kampf-gegen-Rechts"-Nummer umfunktioniert worden, was den Vorzug hat, daß man sich eben nicht an die Bombardierung Dresdens erinnert und erinnern muß, und damit auch die peinliche Frage nach der "Totenklage" umgehen kann. Welche Erleichterung!

5. Ich glaube, niemand, der sich noch einen Rest von Verstand und ethischem Urteil bewahrt hat, wird leugnen können, daß hier etwas zutiefst Unangemessenes und Verlogenes geschieht. Das gilt erst recht angesichts des geschwollenen humanistischen Pathos, mit dem der Massenmord von Dresden systematisch bagatellisiert und rhetorisch den Blicken und der emotionalen Anteilnahme entzogen wird.

Das fängt bei den törichten Menschenkettlern und Berufspfaffen wie Wolfgang Thierse an, und erreicht seine äußerste Grenze bei den linksextremen Blockieren, "Antideutschen" und Antifanten, die am Gedenktag Partys feiern, sich als Clowns verkleiden, Sowjetfahnen und Union Jacks schwenken, und durch ihre Parolen zeigen, daß Menschheit und Menschlichkeit für sie teilbare Begriffe sind, und manche Massenmorde durchaus gerechtfertigt sind und bejubelt werden dürfen. Das klassische, häßliche, geschichtsnotorische Janusgesicht der radikalen Linken also.

6. Im Vergleich zu den Linksextremen, die von der hysterisch naziphoben bürgerlichen Mitte nicht nur geduldet, sondern aktiv unterstützt und als Kettenhunde eingesetzt werden (wobei oft fraglich ist, wer wen an der Kette zieht), sind die Anliegen der "Jungen Landsmannschaft Ostpreußen" (JLO) zumindest auf dem Papier durchaus vernünftig und legitim. Das gilt auch prinzipiell für ihre Erklärungen zum Trauermarsch.

Wie sich die Dinge nun allerdings eskalativ entwickelt haben, ist der Trauermarsch inzwischen selbst Teil des Gordischen Knotens, und nicht etwa sein Schwert. Dem Milieu, das ihn trägt, geht es eben doch "weniger um Totengedenken", als um "die Ausweitung politischer Spielräume" (Hinz). Dabei werden natürlich auch die Opfer von Dresden mit revanchistischem Zungenschlag vor sich hergeschoben, um Werbung für den "nationalen Sozialismus" zu machen.

Das ist nicht anders als die Strategie der Linken, die Leichenberge des "Holocaust" auf die Schilder, Speere und Barrikaden zu heften. Angesichts der Rolle, die dieser im öffentlichen Bewußtsein spielt, haben sie damit einen entscheidenden Feldvorteil, und ihre Strategie geht auch fast immer auf. Die extreme Rechte dagegen sitzt am anderen Ende der Teufelspirale.  Alles, was sie anfaßt, wird in den Augen der Öffentlichkeit diskreditiert. Und das ist nicht nur Sache von feindseligen Medien, die in der NPD ihre Lieblingsneger und -untermenschen gefunden haben, sondern auch Schuld dieses Milieus selber, das sich trotzig in eine unproduktive NS-Nostalgie und -verherrlichung verbissen hat, und auch sonst bedenkliche Ghettokoller-Symptome zeitigt, die auf den Normalbürger allenfalls gruselig und bizarr wirken.

7. Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, daß meiner Meinung nach die Gedenkmärschler geschichtspolitisch einen unendlichen Schaden anrichten. Auch hier sagt es wieder Hinz am besten:

Auf längere Sicht besteht die Gefahr daß Trauerbekundungen für die Opfer des Bombenkriegs in den Ruch reiner 'Nazi-Veranstaltungen' rücken.

"Dresden" und "Nazis", das ist inzwischen eine Assoziationskette, die als Gemeinplatz in der Gesellschaft weit verbreitet ist. Das Milieu, das dem Trauermarsch sein Gesicht gibt, bestätigt dieses Image, und wird damit zum fleischgewordenen feuchten Traum der Antifanten, die sich auf das alljährliche Dresdenspektakel mindestens so sehr freuen wie auf den 1. Mai.  Jetzt haben sie endlich ihre "Nazis", nach denen sie so süchtig sind, und die sie so dringend brauchen, um sich politischen Raum zu sichern und darin ausbreiten zu können. Das könnte so weit gehen, daß irgendwann selbst das offizielle bürgerliche Gedenken auf der Abschußliste steht - entsprechende Tendenzen zeigen sich jetzt schon.

Günter Maschke schrieb einmal in einem berüchtigten Essay, die Bundesrepublik sei auf einer schiefen Ebene errichtet worden, dergestalt, daß wer Adenauer sagt, auch Dutschke und RAF sagen müsse. Das war krass ausgedrückt. Aber kann man diese Lage nicht gerade in Dresden am 13. Februar gut studieren? Es ist ja nicht nur so, daß wer "Antifa" sagt, auch "Nazis" oder "NPD" sagen muß und umgekehrt.  Die Republik selbst als Ganzes hat die Extremisten, die sie verdient hat. Und die typischen BRD-Nazis hängen von dem verhaßten Staat letztlich ebenso ab, wie er von ihnen, weit mehr zumindest, als sie oder er es wahrhaben wollen. Wiederum ist all das ebenso politisch wie psychologisch. Ich schrieb vor einem Jahr:

In dieser Schieflage ist es kein Wunder, wenn das Verdrängte in Form eines JLO-Trauermarsches wiederkehrt und den verängstigten Bürger an seine verschüttete Geschichte, an sein verleugnetes Ich erinnert. „Versöhnung“ bedeutet ihm, sich selbst zu vergessen, bis er nicht mehr Roß noch Reiter zu nennen imstande ist. Der „Nazi“ ist nichts anderes als sein „Schatten“ im Sinne C. G. Jungs.

Und nun ähnlich Hinz:

Diese allgemeine Neurotisierung objektiviert  sich mit dialektischer Zwangsläufigkeit in der Gestalt des vermeintlichen Neonazis beziehungsweise Rechtsextremisten, der das Verdrängte auszusprechen wagt. Damit macht er sich zum Haß- und Jagdobjekt. In ihm bekämpft der Staatsmensch, was auch in ihm verbotenerweise nach oben zu drängen droht.

8. Wer das erkannt hat, kann zwar unmöglich für irgendeinen der Stränge des Gordischen Knotens Partei ergreifen, er kann aber zumindest hoffen, daß der Zusammenprall von Dresden eine Krise auslöst, die eventuell den jetzigen Status Quo in irgendeiner Weise in Bewegung bringt. In diese Richtung verweist vielleicht auch das überraschend scharfe und klare Urteil des Verwaltungsgerichts über das Verhalten der Polizei angesichts der Blockade im letzten Jahr.

Wenn es die durch Dresden marschierenden "Nazis" schaffen, wie ein Haufen Punkrocker in die  Händchenhalte-Garten-Party zu platzen, dann wird es Grund zur Schadenfreude geben. Wenn die Linken ausflippen, die halbe Stadt verwüsten und in Brand setzen, und sich damit wiedermal peinlich demaskieren, auch.  Die Freude über Quälgeister kann indessen schnell schwinden, wenn man sie nicht mehr los wird.  Irgendwann muß auch das deutsche Irrenhaus zur Vernunft kommen, aber wer auf die letzten Jahrzehnte zurückblickt, könnte leicht befürchten, daß es ewig so weitergehen wird.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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