Faschismus – prä

von Karlheinz Weißmann

Jüngst hat Wolfgang Wippermann ein Buch angekündigt, das den Faschismus „Von Bonaparte bis Berlusconi" behandeln soll.

 Gastbeitrag

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Der von Wip­per­mann zugrun­de­ge­leg­te Begriff von „Faschis­mus” ist so umfas­send, daß nicht nur Bewe­gun­gen und Regime, die im genau­en Sinn als „faschis­tisch” bezeich­net wer­den kön­nen, son­dern auch Mili­tär- und Ent­wick­lungs­dik­ta­tu­ren und alle mög­li­chen For­men „bür­ger­li­cher” Herr­schaft dar­un­ter fal­len. Wip­per­manns Absicht ist denun­zia­to­risch, aber es bleibt durch­aus eine legi­ti­me Fra­ge, ob nicht vie­le Regime der Ver­gan­gen­heit etwas wie einen faschis­ti­schen Kern hatten.

Mau­rice Bar­dè­che, einer der weni­gen beken­nen­den Faschis­ten der Nach­kriegs­zeit, äußer­te, daß Faschis­mus im wesent­li­chen zu defi­nie­ren sei, als Ver­such, jene auto­ri­tä­re Form, die die Völ­ker in Not­zei­ten wil­lig akzep­tier­ten, auf Dau­er zu stel­len: “Die faschis­ti­schen Par­tei­en neh­men an, daß der gewohn­heits­mä­ßi­ge Miß­brauch der Frei­heit die gefähr­li­chen Peri­oden her­auf­be­schwört, in denen Unab­hän­gig­keit und Leben der Nati­on in Gefahr gera­ten. Sie glau­ben, daß man der Wie­der­kehr die­ser Kri­sen­zei­ten vor­beu­gen kann, wenn man im Nor­mal­fall eine gewis­se natio­na­le Dis­zi­plin hinnimmt.”

Die Schwä­che der Inter­pre­ta­tio­nen von Wip­per­mann wie Bar­dè­che liegt dar­in, daß sie den Faschis­mus zu for­mal bestim­men und die Bedeu­tung der mobi­li­sie­ren­den Idee unter­schät­zen. Die faschis­ti­sche Idee ging der faschis­ti­schen Bewe­gung vor, und sie ent­stand nicht erst in Reak­ti­on auf Krieg und Revo­lu­ti­on. 1936 erschien in der fran­zö­si­schen Zeit­schrift Com­bat ein Arti­kel mit der Über­schrift „Faschis­mus 1913”, der auf einen Faschis­mus avant la lett­re Bezug nahm, und fast zur glei­chen Zeit notier­te Pierre Dri­eu la Rochel­le, einer der bedeu­tends­ten faschis­ti­schen Intel­lek­tu­el­len, über den ideo­lo­gi­schen Wan­del der Vor­kriegs­zeit: „Wenn man sich auf jene Epo­che bezieht, bemerkt man, daß eini­ge Ele­men­te der faschis­ti­schen Atmo­sphä­re in Frank­reich schon um 1913 ver­ei­nigt waren, bevor das anders­wo der Fall war. Es gab jun­ge Män­ner, aus ver­schie­de­nen Gesell­schafts­klas­sen, die die Lie­be zum Hero­is­mus und zur Gewalt anzog und die davon träum­ten, das zu bekämp­fen, was sie das Übel auf bei­den Sei­ten nann­ten, Kapi­ta­lis­mus und par­la­men­ta­ri­schen Sozia­lis­mus, und davon, das Gute bei­der Sei­ten zu über­neh­men. … Schon war die Ver­bin­dung von Natio­na­lis­mus und Sozia­lis­mus entworfen.”

Frank­reich hat nach der gro­ßen Revo­lu­ti­on hun­dert Jah­re als poli­ti­sches Labo­ra­to­ri­um Euro­pas gedient. Hier wur­den alle mög­li­chen Ver­fas­sun­gen erprobt, hier ent­fal­te­te sich zuerst das Spek­trum Lin­ke-Mit­te-Rech­te, Sozia­lis­ten / Demo­kra­ten – Libe­ra­le – Kon­ser­va­ti­ve / Roya­lis­ten, hier war es aber auch früh wie­der in Fra­ge gestellt wor­den. Das hat­te mit der Dyna­mik des revo­lu­tio­nä­ren Natio­na­lis­mus zu tun, der zur Grund­la­ge eines neu­en gesell­schaft­li­chen Kon­sens wur­de, aber bei Über­nah­me durch die Mit­te und die Rech­te sei­nen revo­lu­tio­nä­ren Cha­rak­ter abstreif­te, das hat­te aber auch zu tun mit der Frak­tio­nie­rung der Lin­ken. So weit die­se am jako­bi­ni­schen Erbe – und das bedeu­te­te: am Natio­na­lis­mus – fest­hielt, sah sie sich zuneh­mend dem Druck neu­er Strö­mun­gen – vor allem des Mar­xis­mus – aus­ge­setzt, die die­se Ori­en­tie­rung ablehn­ten. In der Fol­ge ent­stand eine „reak­tio­nä­re Lin­ke” (Marc Cra­pez), die die Ideen von 1793, den Ega­li­ta­ris­mus der Sans­cu­lot­ten, aber auch eine Vor­stel­lung von „Patrio­tis­mus” ver­tei­dig­te, die jedem Aus­län­der, zumal Deut­schen und Juden, miß­trau­isch oder vol­ler Haß gegen­über­stand. Das erklärt wei­ter die Bereit­schaft zur Auf­nah­me von Ras­sen­leh­re und Anti­se­mi­tis­mus in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts und die Ent­ste­hung jener Strö­mun­gen der fran­zö­si­schen Lin­ken, die sich als „sozia­lis­tisch” und „natio­na­lis­tisch” bezeichneten.

Ihr berühm­tes­ter Ver­tre­ter war der Schrift­stel­ler Mau­rice Bar­rès, der in sei­nen Scè­nes et Doc­tri­nes du Natio­na­lisme so etwas wie die ideo­lo­gi­sche Grund­la­ge des Präfa­schis­mus schuf: mit sei­ner Rede von der Illu­si­on der Indi­vi­dua­li­tät und der objek­ti­ven Bin­dung an „die Erde und die Toten”, vom Deter­mi­nis­mus, den das für jeden bedeu­tet und dem mora­li­schen Gesetz, das dar­aus folgt, von der Ableh­nung des Par­la­men­ta­ris­mus bis zur For­de­rung nach einer ple­bis­zi­tä­ren, kol­lek­ti­ven Ord­nung, die die Mas­sen erfaßt und auf die künf­ti­gen Kämp­fe gegen inne­re und äuße­re Fein­de vor­be­rei­tet. Im „Pro­gramm von Nan­cy”, das Bar­rès 1889 auf­stell­te, um sei­ne Kan­di­da­tur für die Par­la­ments­wahl zu betrei­ben, hieß es: „Das oppor­tu­nis­ti­sche Sys­tem hat seit zwan­zig Jah­ren den Juden, den Frem­den, den Kos­mo­po­li­ten bevor­zugt. Die, die die­sen kri­mi­nel­len Irr­tum ver­tei­di­gen, nen­nen als Grund, daß die­se Exo­ten Frank­reich Ele­men­te der Ener­gie zuschie­ßen. … Hier die gro­ße Wahr­heit: Die Ele­men­te der Ener­gie, derer die fran­zö­si­sche Gesell­schaft tat­säch­lich bedarf, fin­det sie in sich selbst, indem sie die Ganz-Ent­erb­ten, die Ganz-Armen, bevor­zugt, indem sie ihnen mehr gibt als Wohl­stand und Berufs­aus­bil­dung. – Man sieht, wie der Natio­na­lis­mus not­wen­dig den Sozia­lis­mus erzeugt.”

Bar­rès war schon ein Ver­tre­ter der „faschis­ti­schen Kul­tur”, die am Ende des 19. Jahr­hun­derts Ein­fluß auf den Zeit­geist gewann, mit dem Deka­denz­emp­fin­den und dem Wider­wil­len gegen Posi­ti­vis­mus, Libe­ra­lis­mus, Demo­kra­tie, dem Kult des Lebens und der Viri­li­tät. Es gab ande­re in ande­ren Län­dern, die ähn­lich dach­ten wie er, Anhän­ger einer neu­ar­ti­gen Mas­sen­po­li­tik, Befür­wor­ter der Ver­schmel­zung von Natio­na­lis­mus und Sozia­lis­mus, Dar­wi­nis­ten, Ver­äch­ter von Bür­ger­lich­keit, Chris­ten­tum und über­lie­fer­ter Moral. Aber nir­gends war der Boden in glei­chem Maße berei­tet wie in Frank­reich, einem gede­mü­tig­ten Land, des­sen Volk die Nie­der­la­ge von 1871 nicht ver­ges­sen konn­te und jenem Gene­ral Bou­lan­ger zuge­ju­belt hat­te, von dem Jako­bi­ner eben­so wie Roya­lis­ten einen Putsch und die Revan­che erwar­te­ten. Bar­rès kan­di­dier­te als „Bou­lan­gist” und war mit sei­nem natio­na­len Sozia­lis­mus, sozia­len Natio­na­lis­mus, dem, was kom­men wür­de, ungleich näher als der Agi­ta­tor Edouard Dru­mond, Katho­lik und popu­lä­rer Anti­se­mit, oder die mon­ar­chis­ti­sche Action Fran­çai­se (AF), die sonst bevor­zugt in die Ahnen­rei­he des Faschis­mus auf­ge­nom­men werden.

Es gab in der AF zwar für kur­ze Zeit – in der Hoch­pha­se der Drey­fus-Affä­re – ein Inter­es­se am Bünd­nis mit der „reak­tio­nä­ren Lin­ken”, aber ihr Chef­ideo­lo­ge, Charles Mau­rras, blieb immer viel zu sehr den Leit­ideen des alten Frank­reich ver­haf­tet, um tat­säch­lich einen sol­chen Pakt zu schlie­ßen. Anders ver­hält es sich mit der Gegen­sei­te, den Grenz­gän­gern des fran­zö­si­schen Sozia­lis­mus, etwa Geor­ges Sorel, Edouard Berth oder Geor­ges Valo­is. Valo­is kam aus den Rei­hen der Anar­chis­ten, bevor er zu Mau­rras über­trat, den er nach dem Ers­ten Welt­krieg ver­ließ, um die ers­te faschis­ti­sche Bewe­gung Frank­reichs zu grün­den, den Fais­ceau; er wand­te sich aber rasch von die­ser Welt­an­schau­ung ab und kehr­te in die Lin­ke zurück, ging nach der Beset­zung durch die Wehr­macht in die Résis­tance an, geriet in Gefan­gen­schaft und starb 1943 im KZ Buchen­wald. Berth blieb für die Ver­su­chung ganz unemp­find­lich, wäh­rend vie­le sei­nen Leh­rer Sorel zu den Kir­chen­vä­tern des Faschis­mus rech­nen. Der Grund liegt vor allem in sei­ner Ver­ach­tung der moder­nen Demo­kra­tie, der Hoch­schät­zung irra­tio­na­ler Antrie­be im See­len­le­ben der Mas­se, der vor­wärts­trei­ben­den Kraft spon­tan ent­ste­hen­der, kol­lek­ti­ver Mythen, der Erzie­hung des Revo­lu­tio­närs durch die „direk­te Akti­on”. Aber das Auf­tre­ten des Faschis­mus als Bewe­gung hat Sorel nicht mehr erlebt und die letz­te Fas­sung sei­ner berühm­ten Réfle­xi­ons sur la vio­lence Lenin gewid­met. Immer­hin schrieb er an sei­nen Freund Vilf­re­do Pare­to über den jun­gen ita­lie­ni­schen Arbei­ter­füh­rer Mus­so­li­ni: „Das ist kein Sozia­list in bür­ger­li­cher Sau­ce … Er hat etwas gefun­den, was es in mei­nen Büchern nicht gibt: die Ver­bin­dung des Natio­na­len und des Sozialen.”

Abbil­dun­gen von oben nach unten: Bar­rès nach einem Por­trät von Jac­ques-Emi­le Blan­che, 1891; “Der Staat der Drey­fus-Affä­re”, Zeich­nung aus der Zeit­schrift Le Rire, 1893; Arm­bin­de der Came­lots du roi, der Schutz­trup­pe der AF.

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