Sezession
14. April 2011

Wölkische Ideologie und ablenkende Diskurse

Martin Lichtmesz

Leider konnte ich neulich auf dieser Seite nur teilweise über die Veranstaltung "Endstation Brodkorb" in der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin berichten, weil ich als böser Diversant enttarnt und ausgesondert wurde. Der Herrgott jedoch ist gütig und gerecht, und bringt unerbittlich das Verborgene ans Licht:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Sein Segen begleitet die konterrevolutionären Agenten der Bourgeoisie, denn unter den etwa 20-30 Eingebunkerten befand sich auch FAZ-Autor Martin Otto, der die antifaschistische Lehrstunde in der heutigen Ausgabe der Zeitung genüßlich auseinandernimmt.

Otto erwähnt auch meinen kurzen Auftritt, womit ich endlich meine fünf Minuten Ruhm bekommen habe. Sonst habe ich dabei offenbar allerhand verpaßt. Hier die Highlights:

* Nachdem ich, nebenbei unter Androhung seitens eines Antifanten "eins in die Fresse" zu bekommen, den Raum verlassen hatte, erklärte einer der Sekundanten Wölks, der Politologe Friedhelm Burschel, daß heute eben nicht jeder kommen könne, auch - trotz seines Angebotes - Brodkorb nicht, denn (und nun festhalten)

ein "herrschaftsfreier Diskurs" wäre mit diesem nicht möglich gewesen.

Weil das mit denen nicht geht, über die man Herrschaft ausüben will? Diesen vor Meta-Ironie triefenden Schenkelklopfer muß ich wohl nicht weiter kommentieren. Jetzt wissen wir wenigstens endlich, was mit der Phrase gemeint ist.

Analog dazu wurde ich übrigens von demselben Herrn aufgefordert, den Raum zu verlassen, weil meine Anwesenheit "die freie Meinungsäußerung behindern könne".  Angesichts der entblößenden Ergebnisse dieser freien Äußerungen wundert mich das nicht...

* ...  denn es kommt noch viel besser, mit einer herrlichen Pointe:

Wölk bündelt seine Vorwürfe in einem Satz, der manchem konservativen Revolutionär gefallen hätte: "Brodkorb kann Freund und Feind nicht unterscheiden", ein unfreiwilliges Beispiel linker Carl-Schmitt-Rezeption.

Allein daraus ließe sich eine prima Antifa-Denunziation stricken: "Wölk zitiert offen den Nazi-Juristen Carl Schmitt, betreibt also Querfront".

Ein anderer Teilnehmer beschreibt treuherzig sein Problem mit Brodkorb: "Der will ja immer diskutieren, man kann zum ihm 'A....loch' sagen, und er will dann darüber reden." Hier hält man es offenbar wirklich eher mit Schmitt als mit Habermas.

Diskutieren will die Kanaille!

* Daß die ganze Runde von einer etwas verklemmten Humorlosigkeit erfüllt war, ist nicht nur mir aufgefallen:

Sonst wird hier wenig gelacht; niemand hat Lust, mit Brodkorb zu reden, doch wie man mit ihm umgehen soll, weiß trotzdem keiner so recht.

Daß nun die Genossen einander lieber verdächtigen, und wie in guten alten Münzenburg-Luxemberg-Zeiten bekämpfen, als miteinander zu reden, hat mich übrigens auch schon gewundert. Aber das liegt wohl daran, daß ich naiverweise unheilbar "diskursorientiert" bin. Nun könnte ich hier durchaus Schadenfreude empfinden, da ER zu 80% immer noch eine stinknormale und jämmerliche NPD-Watching- und Berufsdenunziantenseite ist.  Diese verkneife ich mir aber, da es hier um prinzipielle Dinge geht, unter der die politischen Diskussionen nicht nur innerhalb der Linken, sondern überhaupt in diesem Lande leiden.
Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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