Sezession
5. Mai 2011

Dschihad-Slapstick und Alarmismus

Martin Lichtmesz

Apropos Terrorismus:  im Schlußkapitel von Deutschland schafft sich ab entwirft Sarrazin ein Zukunftsszenario, in dem ein islamistischer Bombenanschlag in Berlin, der über 70 Menschenleben fordert, das Land endlich aufrüttelt und zum Umdenken bringt. Der Mann ist ein unheilbarer Optimist. Etwas ähnliches ist, heute beinah vergessen, immerhin bereits am 7. Juli 2005 in London geschehen, und hat nicht weniger als 56 Todesopfer und über 700 Verletzte gefordert.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Das ist eine ungeheuerliche Zahl, und nur vier fanatische  Selbstmordattentäter haben ausgereicht, um diese ruchlose Tat durchzuführen. Und was tut man heute im Vereinigten Königreich? Man dreht lustige Filme über tolpatschige Terroristen von nebenan, die am Ende auch nur Menschen sind wie Du und Ich. Auf diesen Nenner könnte man die britische Komödie "Four Lions" bringen, die seit Ende April in den deutschen Kinos läuft.

Als ich den Trailer vor einigen Monaten zum ersten Mal gesehen habe, ist mir erstmal ungläubig der Mund offengestanden, so surreal deplaziert wirkte die bloße Idee auf mich. Und da ich ein eingefleischter, mithin abgebrühter Monty Python's-Fan bin, will das was heißen. Mich stört allerdings nicht der schwarze Humor oder die "Geschmacklosigkeiten" des Films, sondern eher, daß er so niedlich geraten ist. Mein Problem ist gänzlich anderer Natur als das eines routiniert auf der Appeasement-und-Duck-Dich-Schleimspur rutschenden CSU-Politikers, der den Start des Films bremsen wollte, weil, na was wohl,  "es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen" und "Öl ins Feuer gegossen werden" könnte.

Da kann er sich beruhigen, denn der Regisseur Chris Morris verriet dem linksliberalen Wiener Blatt Der Standard, daß "auch viele Muslime" den Film mögen würden.  Daß sie zumindest nicht ausgerastet sind, wie sonst üblich, wundert auf den zweiten Blick schon weniger. Morris gibt selbst zu, wogegen sich seine Satire wirklich richtet:

Standard: Interessanterweise hat "Four Lions" bisher keinen neuen Karikaturenstreit ausgelöst.

Morris: Viele Muslime mögen den Film, weil er nichts beleidigt, was ihnen wirklich wichtig ist. Ich beleidige ja nicht die Religion, dies ist eine Satire auf eine verblasene Ideologie, die mit der Religion nichts mehr zu tun hat. Die Karikaturen wurden ausdrücklich als Provokation veröffentlicht und nachgedruckt, sie stellten eine Herausforderung dar und wurden auch als solche angenommen. "Four Lions" fordert nicht die Muslime heraus, sondern unseren massenmedialen Mainstream.
(...)
Mein Prinzip ist: Ich mache etwas lächerlich, um Autorität zu unterminieren. Im Falle von "Four Lions" geht es gegen einen bestimmten Mainstream des Umgangs mit dem radikalen Islam, in dem sich Ignoranz mit Didaktik unheilvoll vermischt. Four Lions ist komisch, weil er real ist - und gerade deswegen den Erwartungen zuwiderläuft.

Real? Real sind die 56 Toten und 700 Verletzten von London, die 191 Toten und 2500 Verwundeten von Madrid, die 37 Toten und 180 Verletzen von Moskau, die 23 Toten und 97 Verletzten in Alexandria, die neun Toten und 150 Verletzten in der australischen Botschaft in Jakarta, die zwei Toten und zwei Verletzten von Frankfurt, die Bomben von Stockholm und Exeter und wieder London, die Kopenhagener Attentatvorbereitungen gegen die "Jyllands-Posten".

Komisch? Komisch ist das alles nicht. Aber Morris gehört eben zu jener Sorte Liberaler, denen weniger die Ausbreitung islamisch-terroristischer Netzwerke schlaflose Nächte bereitet, als die Sorge vor "alarmistischen" (vulgo: "islamfeindlichen", "islamophoben" etc) Medien. Dementsprechend kommentiert der Standard den Film:  "Komik als Waffe gegen eine alarmistische Öffentlichkeit."  Morris' message ist also ungefähr: "Beruhigt euch mal Leute, auch Islamisten sind nur Menschen, und meine Terroristen sind so lustig-dämlich, daß man sie knuddeln könnte, außerdem könnt ihr euch getrost entspannen, wenn in der Nachbarschaft mal wieder eine Moschee gebaut wird, denn die schrägen Ideen dieser Bombenleger-Vögel haben rein gar nichts mit dem Islam zu tun."

Wie weit diese Verblendung geht, wird in einem anderen Interview mit Morris deutlich:

Es war ein Versuch herauszufinden, was hier vorgeht.  Der "Krieg gegen den Terror" nimmt so große Teile unseres Lebens ein, beeinflußt unsere Kultur so stark, bringt diese gewaltigen politischen Mühlen zum laufen. (...) 7/7 (das Londoner U-Bahn-Attentat) schlug an dieser Stelle mit einer ziemlichen Wucht ein, denn plötzlich konnte man all diese Leute mit einem Yorkshire-Akzent sehen. Plötzlich hat man es nicht mehr mit einer amorphen arabischen Welt, zu tun, sondern mit Briten, die schon lange Zeit hier leben, die Curry machen und Teil der Landschaft sind.

"Briten" bezieht sich offenbar darauf, daß alle vier Londoner Attentäter (drei Pakistani, ein Jamaikaner) in England aufgewachsen sind, und drei von ihnen dort auch geboren sind.  Sie besassen allesamt britische Pässe, wie der Attentäter von Stockholm vom Dezember 2010 einen schwedischen Paß und der Mörder Theo van Goghs einen niederländischen. Es ist so einfach zu begreifen: ein Kalb wird eben nicht zum Pferd, wenn es in einem Pferdestall geboren wird.
Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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