Sezession
23. März 2009

Lektüre-Liste 3: Erzählungen

Götz Kubitschek / 4 Kommentare

Es ist einige Zeit verstrichen, seit ich in zwei Gängen je zehn Romane (Teil1/ Teil2) serviert habe. Nun sind die Erzählungen dran, die kurzen Texte, die im Vergleich zu den großen Werken meist weniger wertgeschätzt werden. Es mag daran liegen, daß sie für Fingerübungen gelten, und daran, daß in einem Band Erzählungen unterschiedlicher Güte versammelt sind. Der Erzählband als Resterampe: Die eine, glänzende Perle liegt in einem Haufen Zeugs und muß geborgen werden. Das Ergebnis meiner Bergungsarbeit:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

1. Franz Fühmann: Marsyas
(Wo liegt der Grund für Überhebung, für die Herausforderung des Gottes?)

2. Gerd Gaiser: Gib acht in Domokosch
(Soldatenleben zwischen Auftrag und Informationslücke)

3. Friedrich Georg Jünger: Major Dobsa
(Krieg, Feindfahrt, Zwielicht, das Spiel mit der Zwischen-Welt)

4. Franz Kafka: In der Strafkolonie
(Mal ein Klassiker, ein Urbild der Seelen-Marter)

5. Georg Klein: Chicago/Baracken
(Grandios der "Heimatkünstler der Berliner Republik": In einem Schuppen in Chicago wird Mein Kampf übersetzt, einfach so)

6. Hartmut Lange: Die Waldsteinsonate
(Mit dem Klavier gegen Magda Goebbels: Über den Versuch, den Tod der Kinder zu verhindern)

7. Horst Lange: Die Leuchtkugeln
(Die stärkste Erzählung aus dem Rußlandfeldzug, die ich kenne)

8. Bernhard Schlink: Der Sohn
(Wehrlos oder Was vom Manne übrigblieb)

9. Helmut H. Schultz: Rulaman
(Zwischen Widerstand und SS: ein Junge wird erwachsen)

10. Gertrud von le Fort: Das Gericht des Meeres
(Mein ist die Rache, redet Gott)

 

Ich habe mich wieder auf Erzählungen aus den letzten hundert Jahren beschränkt. Keller, Meyer, Stifter, Hauptmann tauchen nicht auf. Dies ist Ergänzungen vorbehalten. Wir bleiben aber zunächst noch im deutschsprachigen Raum.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (4)

Teja
24. März 2009 12:22

Rainer Maria Rilke: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (grandiose Schilderung von Eros, Krieg und Tod)

zugegebenermaßen zweifach auf der Grenze, erschien erstmals 1899 und in manchem eher lyrisch als nur Prosa

Venator
24. März 2009 16:36

1. Gottfried Benn: Der Ptolemäer
(Tabula rasa, Stunde Null, die Welt steht still)

2. Arno Schmidt: Leviathan
(Betrachtung über einen dunklen Gott im Feb. 45)

3. Schnitzler: Traumnovelle
(Verführung und der Schritt über die Schwelle)

4. Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt
(Der geheime Bund: Fahrt in das unsichtbare heiligen Land)

5. Ernst Jünger: Besuch auf Godenholm
(Die Große Passage: Jünger durchfährt die Pforten der Wahrnehmung)

6. Hans Erich Nossack: Der Untergang
(Gomorrah: Die Zerstörung Hamburgs als Totentanz)

7. Thomas Mann: Der Tod in Venedig
(Musik, Eros, Krankheit: Abgesang auf das alte Europa ante 1914)

Alles andere, das mich beeindruckt hat, ist ausländisch: Nabokov, Borges, Stanslaw Lem, Philipp K. Dick, Houllebecq

Martin
24. März 2009 20:47

Tja, Venator, im Ausland wurde und wird die Form der "Erzählung" auch mehr gepflegt als in Deutschland .... in Deutschland muss es dann schon gleich ein "Roman" sein, damit es Bedeutung hat ...

aber auch in der deutschen Literatur gibt es - wie in den Listen zuvor und auch in der Ihren gezeigt - sehr gute Erzählungen, bspw. die Erzählungen Thomas Manns, neben der von ihnen genannten "Tod in Vendig", möchte ich hier auch

Tonio Kröger

u.a. wegen seines Monologs an Lisaweta Iwanowna nennen.

Rivaldinho
28. März 2009 12:58

Huch. Entweder lesen nur wenige der deutschsprachigen Menschen Erzählungen, oder sie kennen keine, die gefallen.
Aber ein paar hat selbst der deutsche Sprachraum im 20. Jhd. hervorgebracht, die es zu lesen lohnt, u.a.:
Kafka: "Ein Landarzt" (Schrecken und Ironie, Traum und Wirklichkeit mal ordentlich nah beieinander)
Bernhard: "Der Keller" (dem Leben ein Sinn, und dem Mythos vom "einfachen Menschen" eine Dekonstruktion)
Bernhard: "Ein Kind" ("Nur aus Liebe zu meinem Großvater habe ich mich in meiner Kindheit nicht umgebracht.")
Robert Walser: "Kleist in Thun" (der beste Schweizer über den besten preußischen Dichter)

Ansonsten kommen einen eher Novellen (Musil, Andres, Benn, Th. Mann) in den Sinn. Aber das sind wahrscheinlich keine Erzählungen, und in jedem Germanistikseminar würde man es sich auf der Stelle verscherzen ...

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