Lektüre-Liste 3: Erzählungen

Es ist einige Zeit verstrichen, seit ich in zwei Gängen je zehn Romane (Teil1/ Teil2) serviert habe. Nun sind die...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Erzäh­lun­gen dran, die kur­zen Tex­te, die im Ver­gleich zu den gro­ßen Wer­ken meist weni­ger wert­ge­schätzt wer­den. Es mag dar­an lie­gen, daß sie für Fin­ger­übun­gen gel­ten, und dar­an, daß in einem Band Erzäh­lun­gen unter­schied­li­cher Güte ver­sam­melt sind. Der Erzähl­band als Res­ter­am­pe: Die eine, glän­zen­de Per­le liegt in einem Hau­fen Zeugs und muß gebor­gen wer­den. Das Ergeb­nis mei­ner Bergungsarbeit:

1. Franz Füh­mann: Mar­s­yas
(Wo liegt der Grund für Über­he­bung, für die Her­aus­for­de­rung des Gottes?)

2. Gerd Gai­ser: Gib acht in Domokosch
(Sol­da­ten­le­ben zwi­schen Auf­trag und Informationslücke)

3. Fried­rich Georg Jün­ger: Major Dob­sa
(Krieg, Feind­fahrt, Zwie­licht, das Spiel mit der Zwischen-Welt)

4. Franz Kaf­ka: In der Strafkolonie
(Mal ein Klas­si­ker, ein Urbild der Seelen-Marter)

5. Georg Klein: Chicago/Baracken
(Gran­di­os der “Hei­mat­künst­ler der Ber­li­ner Repu­blik”: In einem Schup­pen in Chi­ca­go wird Mein Kampf über­setzt, ein­fach so)

6. Hart­mut Lan­ge: Die Wald­stein­so­na­te
(Mit dem Kla­vier gegen Mag­da Goe­b­bels: Über den Ver­such, den Tod der Kin­der zu verhindern)

7. Horst Lan­ge: Die Leucht­ku­geln
(Die stärks­te Erzäh­lung aus dem Ruß­land­feld­zug, die ich kenne)

8. Bern­hard Schlink: Der Sohn
(Wehr­los oder Was vom Man­ne übrigblieb)

9. Hel­mut H. Schultz: Rula­man
(Zwi­schen Wider­stand und SS: ein Jun­ge wird erwachsen)

10. Ger­trud von le Fort: Das Gericht des Meeres
(Mein ist die Rache, redet Gott)

Ich habe mich wie­der auf Erzäh­lun­gen aus den letz­ten hun­dert Jah­ren beschränkt. Kel­ler, Mey­er, Stif­ter, Haupt­mann tau­chen nicht auf. Dies ist Ergän­zun­gen vor­be­hal­ten. Wir blei­ben aber zunächst noch im deutsch­spra­chi­gen Raum.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (4)

Teja

24. März 2009 12:22

Rainer Maria Rilke: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (grandiose Schilderung von Eros, Krieg und Tod)

zugegebenermaßen zweifach auf der Grenze, erschien erstmals 1899 und in manchem eher lyrisch als nur Prosa

Venator

24. März 2009 16:36

1. Gottfried Benn: Der Ptolemäer
(Tabula rasa, Stunde Null, die Welt steht still)

2. Arno Schmidt: Leviathan
(Betrachtung über einen dunklen Gott im Feb. 45)

3. Schnitzler: Traumnovelle
(Verführung und der Schritt über die Schwelle)

4. Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt
(Der geheime Bund: Fahrt in das unsichtbare heiligen Land)

5. Ernst Jünger: Besuch auf Godenholm
(Die Große Passage: Jünger durchfährt die Pforten der Wahrnehmung)

6. Hans Erich Nossack: Der Untergang
(Gomorrah: Die Zerstörung Hamburgs als Totentanz)

7. Thomas Mann: Der Tod in Venedig
(Musik, Eros, Krankheit: Abgesang auf das alte Europa ante 1914)

Alles andere, das mich beeindruckt hat, ist ausländisch: Nabokov, Borges, Stanslaw Lem, Philipp K. Dick, Houllebecq

Martin

24. März 2009 20:47

Tja, Venator, im Ausland wurde und wird die Form der "Erzählung" auch mehr gepflegt als in Deutschland .... in Deutschland muss es dann schon gleich ein "Roman" sein, damit es Bedeutung hat ...

aber auch in der deutschen Literatur gibt es - wie in den Listen zuvor und auch in der Ihren gezeigt - sehr gute Erzählungen, bspw. die Erzählungen Thomas Manns, neben der von ihnen genannten "Tod in Vendig", möchte ich hier auch

Tonio Kröger

u.a. wegen seines Monologs an Lisaweta Iwanowna nennen.

Rivaldinho

28. März 2009 12:58

Huch. Entweder lesen nur wenige der deutschsprachigen Menschen Erzählungen, oder sie kennen keine, die gefallen.
Aber ein paar hat selbst der deutsche Sprachraum im 20. Jhd. hervorgebracht, die es zu lesen lohnt, u.a.:
Kafka: "Ein Landarzt" (Schrecken und Ironie, Traum und Wirklichkeit mal ordentlich nah beieinander)
Bernhard: "Der Keller" (dem Leben ein Sinn, und dem Mythos vom "einfachen Menschen" eine Dekonstruktion)
Bernhard: "Ein Kind" ("Nur aus Liebe zu meinem Großvater habe ich mich in meiner Kindheit nicht umgebracht.")
Robert Walser: "Kleist in Thun" (der beste Schweizer über den besten preußischen Dichter)

Ansonsten kommen einen eher Novellen (Musil, Andres, Benn, Th. Mann) in den Sinn. Aber das sind wahrscheinlich keine Erzählungen, und in jedem Germanistikseminar würde man es sich auf der Stelle verscherzen ...

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