Sezession
19. Juli 2011

Familiäres und militärisches Ethos

Martin Lichtmesz

Die Aufregung um Erik Lehnerts Beitrag zum "Einsatz von Frauen in Kampfeinheiten" hat im Grunde vor allem eine Ursache: hier hat es nämlich einer tatsächlich gewagt, oh Schreck!, die Institution des Militärs von ihrem Sinn und Zweck her zu denken, der da lautet, eine effektive Kampfeinheit zu bilden, was die Bereitschaft und Befähigung zum Gehorchen, Töten und Sterben inkludiert. Diese Herangehensweise ist heute seltsamerweise nicht nur nicht selbstverständlich, sie wird gar als skandalös empfunden.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Dies ist der absurde Endpunkt einer Entwicklung, die Arnold Gehlen bereits 1969 in "Moral und Hypermoral" beschrieben hat.  Gehlen vertrat darin die Auffassung, daß jede Institution gemäß ihrer Aufgabe ihre eigenen ethischen Maßstäbe und Grundsätze haben muß, um zu funktionieren. Es kann kein einziges Ethos für alle Bereiche der Gesellschaft gelten. Der Versuch, dem "Humanitarismus" in sämtlichen Lebenskreisen oberste Geltung zu verschaffen, ist ein utopisches und realitätsfernes, also überaus riskantes Unterfangen. Gehlen sah den Ursprung des "Humanitarismus" im "Ethos der Großfamilie" begründet. Dieses zeichne sich durch "Tugenden spezifischer Art" aus:

Loyalität, Zuneigungsbereitschaft, Friedlichkeit, Solidarität. Wir glauben nun, den abstrakten Humanitarismus als elargiertes, schwellengesenktes Familienethos auffassen zu sollen, wobei die Ausformulierung, die gesinnungsethische Zuspitzung samt der dazugehörigen Intoleranz Sache bestimmter Trägerschichten war - der Gegenaristokratie der Intellektuellen.

Die allgemeine Weichspülung durch diese Ideologie der "Moralhypertrophie" hat inzwischen so gut wie sämtliche Lebensbereiche durchtränkt, bis zu einem Grad, daß man kaum mehr imstande ist, außerhalb dieses Rahmens zu denken.  Der Staat, die Nation, die "Gesellschaft", die Kirchen, die Schulen, die Universitäten und nun auch das Militär haben heute ihre einzige Existenzberechtigung darin, diesen "Humanitarismus" umzusetzen, unter den Schlagworten "Toleranz", "Weltoffenheit", "Menschenrechte", "Gleichheit", usw. usw.

Vor einigen Tagen hat Anni Mursula im Blog der Jungen Freiheit das neue Leitmotto der Bundeswehr aufgespießt, das da, mit aparter Interpunktion, lautet: „Wir. Dienen. Deutschland.“  Sie zeigt, wie jedes einzelne dieser Worte seinen ursprünglichen Sinn verloren hat, von innen ausgehöhlt, entkernt und verwässert wurde, um es der herrschenden Ideologie anzupassen.

In der neuen Ausgabe der Bundeswehr-Zeitschrift aktuell werden die einzelnen Worte der Kernbotschaft erklärt. Doch wer bei dem Satz „Wir. Dienen. Deutschland.“ nur ansatzweise etwas Patriotisches erwartete, wird bitter enttäuscht. Das Wort „Wir“ definiert die Bundeswehr nämlich so: „Wir sind Töchter und Söhne, Mütter und Väter, Freunde und Nachbarn. Wir engagieren uns in Vereinen, Kirchen und Verbänden, in unserer Gesellschaft – wie viele andere auch. (...) Wir sind ein Team.“

In Formulierungen wie diesen wird das Militär explizit von der sozialen Struktur der Familie her gedacht. Ein dazugehöriges offizielles PR-Bildchen der Bundeswehr stellt bezeichnenderweise eine uniformierte, lächelnde junge Frau, die laut Namensschild ausgerechnet "Grün" heißt, und einen älteren Herrn in Zivil in den Mittelpunkt. In den Hintergrund abgedrängt steht dagegen ein junger uniformierter Mann, leicht unscharf, gleichsam als "ferner liefen", das man sich wohl am liebsten gänzlich erspart hätte. Man gibt sich also bewußt ein feminines und ziviles, harmlos-friedfertiges Gesicht, und versucht jede Besonderheit und jeden Anschein des Militärischen zu nivellieren, indem die Bundeswehr als ein sozial gemeinnütziger Verein unter vielen anderen hingestellt wird.

Was auf dem Werbebildchen verschämt zur Nebensache degradiert wurde, ist natürlich der Hauptbestandteil der Institution des Militärs. Ein Heer ist normalerweise ein Verband von kämpfenden Männern, dessen Struktur und Aufgabe im starken Kontrast zur eher feminin geprägten Welt der Familie steht. Der Abgrund, der diese beiden Welten trennt, ist bis heute eine typische, geradezu archaische Erfahrung des Soldaten (das Thema taucht auch in Kathryn Bigelows oscargekröntem Film "The Hurt Locker" an zentraler Stelle auf.)

Der russische Maler Konstantin Wassiljew (1942-1976) hat diesen Ur-Konflikt in einem wuchtigen, mythischen Gemälde zum Ausdruck gebracht. Der Mann wendet sich im Dienste einer unabweisbaren. überpersönlichen Pflicht hart von der Welt der Familie und des Heims, von Frau und Kind ab, um sich in den Verband der kämpfenden Männer einzugliedern; gleichzeitig stehen Frau und Kind aber für das, was er zu verteidigen auszieht, sein Heim und seine Heimat, sein Volk und seine Sippe.  Er riskiert sein Leben nun für weitaus mehr als sein privates Glück. In den Augen der Frau und des Kindes spiegeln sich Angst, Abschiedsschmerz und Sorge; gleichzeitig aber Haltung und Schicksalsbereitschaft. Sie blicken dem Mann nach, dieser aber blickt nicht zurück, hat eisern und entschlossen den Blick nach vorne gerichtet, auf den Tod, der ihn vermutlich auf dem Schlachtfeld erwartet. Seine Augen glühen aber in der gleichen eisigen Helle, wie die seiner Frau und seines Kindes. Die Verbindung ist nicht aufgehoben, nur ausgesetzt und auf eine andere Stufe gehoben.  Das Opfer muß gebracht werden, der Kreis der Familie aufgesprengt werden, um sie zu erhalten, in der Hoffnung, daß der Mann lebend heimkehren wird, und die Trennung und der Zustand des Krieges ihn nur vorübergehend fortnehmen werden. Das Ethos der Welt des Mars und das Ethos der Welt der Ceres-Demeter ergänzen einander, funktionieren sozusagen "arbeitsteilig".


Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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