Sezession
1. Juni 2011

Erkenne die Lage!

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 42 / Juni 2011

ein Gespräch mit Günter Maschke

Sezession: Vier Jahre nach Ihrer Rückkehr aus Kuba erschien die Kritik des Guerillero (1973), eine Abrechnung mit Che Guevara in Anlehnung an Carl Schmitt. Warum, Herr Maschke, hat es sechs weitere Jahre gedauert, bis Sie Schmitt persönlich kennenlernten?
Maschke: Ich habe Schmitt damals für einen bösen Mann gehalten. Meine Ablösung vom Kommunismus dauerte jahrelang. Selbst in der Kritik des Guerillero kritisiere ich Schmitt ja. Damals hatte ich erst ein Buch von ihm gelesen, die Theorie des Partisanen. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich Interesse bekam, Schmitt zu kontaktieren. Ich schrieb 1979 die Sendung »Carl Schmitt und der Nationalsozialismus« für den Hessischen Rundfunk; und glaube mich erinnern zu können, daß Schmitt telefonisch diese Sendung von mir auch kritisierte. Und dann habe ich ihn 1979 besucht, in der Gründungsphase der Edition Maschke. Vorher hatte ich antiquarisch den Leviathan gefunden, für stolze sechs Mark, und wollte dieses Buch unbedingt herausbringen. Ich war fasziniert von dem Buch, das ich damals nicht verstand und heute noch nicht glaube zur Gänze zu verstehen. Ich habe mit ihm Verträge abgeschlossen über Hamlet und Hekuba, über Land und Meer, über Römischer Katholizismus und über den Leviathan. Er hat den Vertrag unterschrieben, am anderen Tag rief er mich an und wollte davon zurücktreten. Und dann habe ich gesagt: »Nein, Sie haben unterschrieben, ich mache das Buch jetzt.« Das war immer so bei Schmitt, daß er zuerst herumzeterte; doch wenn man ihm etwas energisch kam, neigte er dazu, einzuknicken. Und er glaubte, daß das etwas bedeute auf der Weltenuhr, daß der Leviathan verlegt wird. Er hätte ja sagen können, das interessiert den Maschke als Buch oder er will damit Geld verdienen. Er sagte: »Dann erklärt Menachem Begin der Bundesrepublik den Krieg.«

Sezession: Was hielt Carl Schmitt eigentlich vonIhnen?
Maschke: Das Problem des Verhältnisses zwischen Schmitt und mir war, daß er sich keinen Vers darauf machen konnte, daß ich a) sehr frech zu ihm war, sehr dreist, aber b) gleichzeitig einer der wenigen sein würde, die mit ihm durch Dick und Dünn gingen. Und dann hat ihn mein angeblich so abenteuerliches Leben interessiert (er kannte ja den »üblichen« Akademiker), wobei er immer sagte, er habe Probleme mit der Mentalität des Revolutionärs, der ich ja vielleicht war — er wäre Jurist. Er hat mich immer gewarnt vor meinem Engagement für ihn, das würde mir sehr schaden (was sich dann übrigens auch bewahrheiten sollte). Als ich das erste Mal zu ihm kam, ’79, hat er in der Tür noch im Stehen einen Konvent entwickelt und gesagt, er hätte ja ’32 noch massiv vor den Nazis gewarnt und ’36 hätte ihn das SS-Organ Das Schwarze Korps schwer angegriffen. Da sagte ich mit donnernder Stimme: »Da waren doch ein paar Jahre dazwischen!« Er hatte ein merkwürdiges Bedürfnis, immer darauf hinzuweisen, daß er kein »Nazi« gewesen war. Ich sagte: »Mich interessiert das wenig. Man kann nicht sein ganzes Leben ununterbrochen anständig sein.« Das gefiel ihm. Ich halte die Aufregung auch heute noch für völlig überproportioniert. Selbst wenn alle Vorwürfe gegen Schmitt stimmen und man sie so bewertet, wie eine Anti-Schmitt-Industrie sie zu bewerten pflegt, ist das eigentlich für den Rang und das Interesse an einem großen Theoretiker unwichtig. Ich selbst habe ihn oft genug getroffen und würde behaupten, daß sein Charakter wohl besser war als die Fama davon. Ich habe ihn als guten Freund kennengelernt. Man darf auch nicht vergessen, daß Schmitt lebenslange Freundschaften hegte zu Leuten, die ihm keineswegs geistig nahestanden, zum Beispiel die jahrzehntelange Freundschaft mit einem Mann wie dem spanischen Rechtswissenschaftler Álvaro d’Ors, der ihn eigentlich nur kritisiert hat, und zwar ziemlich heftig, wenn sie auch die gleichen Feinde hatten, vielleicht. Die Freundschaft hing bei ihm nicht ab von Übereinstimmungen.

Sezession: Er hatte Freunde im gesamten politischen Spektrum. Kann man von Schmitt selbst sagen, daß er konservativ war oder rechts?
Maschke: Er war rechts, würde ich sagen. Es ist ein Eingriffsdenken. Man muß einen Damm bauen gegen das Chaos. Wer besiegt das Chaos, wer hält den Bürgerkrieg zurück? Das ist das Primäre. Mit welchen Mitteln, das ist weniger wichtig. Für mich gehört er auch gar nicht zur »Konservativen Revolution«, das ist ja zum Teil Politische Romantik, »Poesie« – das fehlt bei ihm. Er wäre für die Monarchie gewesen, wenn ihm das als ein plausibles Modell zur Hintanhaltung oder Verhinderung des Bürgerkriegs gedient hätte. Er hat sich auf gewisse juristische Mittel der Auslegung einer Verfassung, deren Grundlegung er akzeptierte, beschränkt. Es gibt ja eigentlich nur einen bedeutenderen Staatsrechtslehrer der Weimarer Zeit, nämlich Axel Freiherr von Freytagh-Loringhoven, der sagte: »Weimar ist eine illegale Geschichte.« Der war ja nicht einmal Mitglied der Deutschen Staatsrechtslehrer-Vereinigung.


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