9. Januar 2012

Stephen Lawrence und der „institutionelle Rassismus“

Martin Lichtmesz

Taz, Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und andere Medien berichteten letzte Woche ausführlich von der Wiederaufrollung eines über 18 Jahre zurückliegenden Mordfalles an einem schwarzen jamaikanischen Studenten in Großbritannien. Zwei weiße Männer, die bereits 1993 wegen der Tat vor Gericht saßen und freigesprochen wurden, wurden in einem zweiten Prozeß aufgrund neu entdeckter forensischer Beweise nun doch für schuldig befunden.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Das Motiv scheint purer Rassenhaß gewesen zu sein; die Täter sind offenbar gewalttätige Kleinkriminelle aus der Unterschicht, denen man eine solche Tat durchaus zutrauen kann;  die Justiz scheint beim ersten Durchlauf tatsächlich schludrig gearbeitet zu haben. Politisch Interessierte haben seit den Neunziger Jahren solche Fälle massiv instrumentalisiert und eine Änderung des britischen Rechts durchgesetzt. Die im Jahr 2003 beschlossene und 2005 in Kraft getretene Aufhebung des (rund 800 Jahre!) alten Rechtsgrundsatzes, der verbietet, daß ein einmal freigesprochener Angeklagter ein weiteres Mal wegen derselben Sache vor Gericht gestellt werden kann, stand in direktem Zusammenhang mit dem Fall Stephen Lawrence.

Hierzulande ist der Fall nahezu unbekannt, auf der britischen Insel ist er  jedoch politisch ebenso aufgeladen wie vergleichsweise in den USA der Fall Mumia Abu-Jamal, der einen absurden Märtyrerkult hervorgebracht hat, mit dem Unterschied, daß hier der Mörder zum Opfer gemacht wurde.  Es ist offenbar tatsächlich eine reine Frage der Hautfarbe, wessen Partei die Linke ergreift, und wen sie als ewiges Opfer wahrnimmt.  In diesem Kontext muß man auch das verspätete Urteil von London sehen.

Der Fall Lawrence führte nach 1993 zu heftigen politischen Kampagnen.  1997 gab Innenminister Jack Straw eine offizielle Untersuchung in Auftrag, die zu dem Schluß kam, daß "institutioneller Rassismus" der Polizei die Aufklärung der Mordtat behindert hätte. (Straw ist, zur Erinnerung, einer der Hauptverantwortlichen der von Labour mit voller Absicht forcierten Politik der Masseneinwanderung ins Vereinigte Königreich, an der vor allem die angestammte weiße Arbeiterklasse zu leiden hat. Siehe hier und hier.)

Bei dem Vorwurf an die Polizei blieb es freilich nicht; er wurde zu einer Generalanklage gegen die britische Gesellschaft ausgeweitet, die dem in Deutschland sogenannten "Extremismus der Mitte"- Begriff verwandt ist. Stephen Lawrence wurde zu einer Symbolfigur des "Antirassismus".  Preise und Institutionen wurden nach ihm benannt, als wäre er Martin Luther King. Ein Fernsehfilm über seinen Fall wurde gedreht, und seine Witwe hat eine aktivistische Karriere als Stimme des Gewissens gemacht, unter anderem mit Unterstützung staatlicher Institutionen wie dem mit Einwanderungsfragen befaßten "Home Office".

Einer der wenigen kritischen Kommentare zu der Ausschlachtung des Lawrence-Falles findet sich in dem Netzmagazin Spiked:

... der Fall Lawrence ist der am meisten ausgebeutete und politisierte Mord der jüngeren Geschichte. (...) Er war das erste schwarze Mordopfer, dessen tragisches Schicksal von der kulturellen Elite zynisch instrumentalisiert und als Vorwand benutzt wurde, um einen moralischen Kreuzzug gegen das "alte Britannien" und seine verkommenen, rückständigen Einwohner zu starten. Lawrences Tod wurde von den Eliten gleich dreifach gemolken: um die weiße Arbeiterklasse als die neuen "Brutalos unter uns" zu dämonisieren; um Rassismus als eine Art Gehirnkrankheit statt einer Machtbeziehung zu definieren; und um traditionelle Rechtsgrundsätze aufzuheben, die lange Zeit als grundlegend für das Justizsystem betrachtet wurden.

(...)

Der Mord an Lawrence wurde dazu benutzt, weite Teile der weißen Arbeiterklasse Großbritanniens zu problematisieren. In den Händen einer Elite, die sich von der angestammten Arbeiterklasse des Landes zunehmends entfremdet und angeekelt zeigt, wurde der Mord zu einem entscheidenden Wendepunkt, was den Tonfall betraf, mit dem die weißen Arbeiterklassen diskutiert, beurteilt, und - gefürchtet wurden.

(...)

Die fünf Verdächtigen (inklusive Norris und Dobson, die nun verurteilt wurde) wurden von der Presse als typische Vertreter der weißen Arbeiterklasse hingestellt. In den Worten von Michael Collins tendierten die Intellektuellen im Nachspiel des Lawrence-Urteils dazu, diese als "fremdenfeindlich, dumpf, analphabetisch und borniert" hinzustellen. Die Lawrence-Familie wurde häufig zum Hort des Anstands in scharfem Kontrast zur Wertlosigkeit und Ignoranz des Milieus der weißen Arbeiterklasse stilisiert, die als unzivilisierte Wilde hingestellt wurden.  (...) die Faulheit und mangelnde Arbeitsmoral der fünf verdächtigen Mörder dienten als genaues Gegenbild zur "Hingabe der Lawrences an Bildung, harte Arbeit und religiösem Glauben".

(...)

Von rechten Boulevard-Blättern bis zu liberalen Großformaten, von den Tories bis zu "New Labour"-Politikern stimmten die verschiedenen Eliten einhellig in die Verdammung des sozialen und moralischen Zusammenbruchs des kranken "weißen Britanniens" ein. Daran konnte man ablesen, wie intensiv der Mord politisiert worden war. Dies geschah an einem Zeitpunkt, an dem die Arbeiterklassen ihr politisches Gewicht verloren hatten und die Eliten sich immer weiter von den Massen entfernten; der Fall wurde zum perfekten Anlaß für die Eliten, ihre Angst und Abscheu vor dem Mob zum Ausdruck zu bringen. Ein Großteil der heutigen Sprachregelungen über die weißen Arbeiterklassen als prollig ("chavvy"), vorurteilsbeladen und einer moralischen Umerziehung bedürftig, hat seine Wurzel in der Politisierung des Lawrence-Falles.

Dies ist der weitere Kontext, in dem der Fall der wegen "rassistischer Unruhestiftung" an den öffentlichen Pranger gestellten proletarischen "Tram Lady" Emma West gesehen werden muß, über den die Sezession im Netz ausführlich berichtet hat.
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In diesen Zusammenhang gehört auch die Neudefinition des Rassismus-Begriffes in der Nachfolge des Lawrence-Prozesses. So interpretiert es zumindest Spiked:

Die Macpherson-Untersuchung des Jahres 1999 rekonzeptualisierte den Rassismus insofern, als man ihn nun eher als einen instinktiven Tick als eine ideologische Sache betrachtete. Er wurde vom Instrument der Mächtigen zur Krankheit der Machtlosen.

Viel wurde von Macphersons Behauptung gesprochen, es gäbe einen weitverbreiteten "institutionellen Rassismus" in Großbritannien. Er meinte damit nicht, daß bestimmte Institutionen wie die Polizei oder das Einwanderungamt rassistisch seien, sondern daß man Rassismus in den "Handlungen, Einstellungen und dem Verhalten" mancher Individuen "beobachten" könne, die in solchen Institutionen arbeiten. Kurz gesagt, wurde damit das Problem des Rassismus von Fragen wie Macht und Ideologie abgetrennt, und zum krankhaften Charakterzug unter gedankenlosen Individuen erklärt, der dringend ausgemerzt werden muß. (...)

Seither wird der offizielle "Antirassismus" in Stellung gebracht um alles und jeden einzuschüchtern und zu "heilen", von ungezogenen Reality-TV-Stars bis zu fluchenden Fußballern, die in diesem neuen und zutiefst zersplitterten "rassisch korrekten" Großbritannien als Todsünder gelten.

Hierbei wird freilich mit zweierlei Maß gemessen: denn im Zentrum des "Antirassismus"-Diskurses steht natürlich in erster Linie der "Rassismus" der Weißen. Das hat im englischsprachigen Netz den treffenden Slogan "Antiracism is a code word for Antiwhite" aufgebracht, dem wohl auch unser hauseigener Dr. Weißmann (no pun intended) zustimmen würde.  Daß dieser Diskurs in erster Linie von Weißen selbst angeführt wird, macht den Vorgang noch absurder, wenn nicht geradezu pathologisch.  Die Pathologisierung des (weißen) "Rassismus" ist offenbar vor allem eine psychologische Projektion, wenn nicht gar Teil einer psychologischen Kriegsführung.

Denn gerade am Fall Stephen Lawrence kann man ablesen, wie dergleichen eine rein "gemachte" Sache ist, eine mediale Bewußtseinsbildung, die mit der Realität selber wenig zu tun hat. Es kommt in der Tat in Großbritannien nicht gerade selten vor, daß Menschen Opfer von Rassenhaß werden, sie bekommen jedoch nicht annähernd so viel Publicity, wenn sie weiß sind. Schon gar nicht sieht hier irgendjemand grundsätzlichen politischen Handlungsbedarf. Einer der jüngeren Fälle ist etwa der Mord an dem 18jährigen Danny O'Shea durch eine schwarze Gang, der sich in rein gar nichts von dem Mord an Stephen Lawrence unterscheidet.  Aber Fälle wie dieser werden keineswegs zum Anlaß genommen, schwarze (und andere) Einwanderer- und Unterschichten an sich zu problematisieren. (Ein weiterer ähnlicher Fall hier, eine "schwarze Liste" hier. )

Wozu man indessen weitaus mehr Grund hätte als im Hinblick auf die weißen proles. Der Anteil von Schwarzen an schwerer Kriminalität in London ist überproportional hoch (siehe auch hier), ebenso waren die Unruhen in mehreren britischen Städten im Sommer 2011 ein von Schwarzen dominiertes Phänomen.  Wer aber wagt, anzudeuten, hier könne eventuell ein "kultureller" Zusammenhang bestehen, muß mit gehörigem Gegenwind rechnen.  Die Tendenzen, die Brendan O'Neill von Spiked kritisiert, sind klar ideologisch motiviert, insbesondere die von ihm so benannte Entideologisierung und Pathologisierung des "Rassismus".

Und innerhalb dieser Ideologie gibt es eben, was die Begleiterscheinungen des Multikulturalismus betrifft, zwei Klassen von Opfern: diejenigen, die bösartigen, krankhaften, sakrilegartigen Verbrechen gegen die Menschheit zum Opfer fallen, und die paar Zerquetschten, die nicht mehr bedeuten als die bedauerlichen, aber eher nebensächlichen Kollateralschäden eines, wie man uns sagt, unvermeidlichen und alternativlosen Fortschritts in eine bessere Welt.  Wenn dies kein "institutioneller Rassismus" ist, was dann?
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Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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