Sezession
7. April 2009

Demokraten und Demagogen

Martin Lichtmesz

pk-logoPro Köln hat nun ein Video im Netz veröffentlicht, das schon jetzt als das deutsche Pendant zu dem berüchtigten "Fitna" von Geert Wilders gehandelt wird. Bevor ich im Folgenden ausführe, warum mir dieser Film nicht gefällt, möchte ich ausdrücklich betonen, daß ich die Agenda von Pro Köln im Großen und Ganzen für richtig halte.  Die voranschreitende Landnahme, die auf lange Sicht unweigerlich die Islamisierung Deutschlands zur Folge haben wird, ist nicht mehr zu übersehen, ebensowenig das ängstliche Zurückweichen der identitätsschwachen Autochthonen, die mit einer pathologischen Verdrängung auf die Gefahr reagieren. Die Errichtung einer Großmoschee in Köln ist eine unmißverständliche politische Demonstration. Und schließlich habe ich mich angesichts der Vorgänge in Köln im September 2008 gefühlt, wie sich wohl die westdeutsche Linke nach Benno Ohnesorgs Tod gefühlt haben muß. Und ich glaube Götz Kubitschek gerne, daß bei Pro Köln viele mutige und aufrichtig überzeugte Bürger tätig sind.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Dennoch kann ich nicht anders als mit einem gewissen Ekel auf das etwa 15minütige Propagandavideo reagieren. Freilich: die Macher wollen aufrütteln, mobilisieren, werben, eben einen "populistischen" Appeal entfalten. Daraus ergibt sich eine gewisse demagogische Form quasi von selbst, und nichts anderes kann man bei jedem beliebigen Wahlkampf sehen. Passend ins Licht gerückte Politiker lächeln vertrauenswürdig und zukunftsorientiert von den Plakaten, sekundiert von griffigen Slogans oder Schlagwörtern mit einem Pünktchen hintendran. Längst ist die "Demokratie" nicht mehr ohne die ästhetischen Mittel der Produktwerbung zu denken, und im Grunde funktioniert der ganze Zirkus nur deswegen, weil sich alle geeinigt haben, sich für einen gewissen Zeitraum dümmer zu stellen, als sie sind, weil man doch an all die Millionen Sonderschüler denken muß, die mitgeschleppt werden müssen, die ja auch verstehen sollen, warum sie wo ihr Kreuzchen zu machen haben.

Das Dilemma von Pro Köln ist, eine so systematisch stigmatisierte Sache wie die Behauptung des Eigenen gegenüber dem Fremden einem Populum nahezubringen, das darauf konditioniert ist, ein solches Anliegen als proto-"nazistisch" und "undemokratisch" aufzufassen. Um dennoch die richtigen Knöpfe zu drücken, bedient man sich exakt jener Vokabeln, die als Emotionshülsen den liberalen Diskurs bestimmen,  besonders häufig "demokratisch", "Demokratie" und "Demokraten". Der Jargon von Pro Köln gleicht ironischerweise demjenigen des "Kampfes gegen Rechts" aufs Haar, wobei die Rolle der "Faschisten" und "Rechtsextremen" nun eben den "totalitären Muslimen", "Islamofaschisten" und "Linksfaschisten" zugeworfen wird.

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Damit ist ein absurdes Ping-Pong-Spiel eröffnet, in dem jeder des anderen Nazi wird. Diverse Politiker der etablierten Parteien werfen mit Kakerlaken-Ausdrücken wie "Nazidreck", "braune Soße",  "Exkrement" um sich, um Pro-Köln zu brandmarken, während der angegriffene Markus Beisicht voller Empörung kontert, daß er "solch eine Sprache in Deutschland nicht mehr hören möchte". Tante Giordano unterstellt den Pro-Kölnern, daß sie ihn in eine "Gaskammer" stecken würden, wenn sie könnten; der "deutsche Fitna"-Film jedoch beginnt mit einer Einstellung auf  finstere SA-Männer, die in einem Keller (!?) "Kauft nicht bei Juden!"-Plakate anschlagen, "JUDEN" nochmal in Großaufnahme,  Untertitel in Frakturschrift: "Köln, 20. September 1938" (dafür würde ich mal gerne die historische Quelle erfahren), Marschtrommel, düstere Musik, seriösoide Fernsehonkelstimme:

Wer gedacht hat, daß die Zeiten der Intoleranz und der Verfolgung von Minderheiten mit all ihren schrecklichen Folgen endgültig der Vergangenheit angehören, der wurde an einem sonnigen Tag im September 2008 eines Besseren belehrt. Banden von Linksfaschisten, herbeigerufen von Politik und Medien...

So spielt man sich munter gegenseitig den Naziball zu, jeder will der "Jude", jeder "für Demokratie" und "gegen Intoleranz" sein, und damit affirmiert die Pro-Köln-Bewegung den infantilen "Demokraten vs. Extremisten"-Diskurs des politischen Mainstreams, indem sie dessen Zungenschlag imitiert und sich selbst als die besseren "Demokraten" und "Antifaschisten" präsentiert. Andere Pro-Kölner stellen sich vor die "Stoppt die Islamisierungs"-Transparente und erklären allen Ernstes, sie wollten wie ihr "großes Vorbild Ghandi völlig gewaltfrei, völlig legal die Auseinandersetzung mit dem islamistischen Extremismus annehmen", während wieder andere eifrig Israel-oder gar US-Fahnen schwenken, was in Deutschland sonst nur Sache der "antideutschen" Bomber-Harris-Do-it-again-Fraktion in Dresden und anderswo ist. (Merke: Trau keinem deutschen Schreihals, der die Israel-Fahne schwenkt, egal aus welcher Richtung er kommt.)

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Das Ausdrucks-Repertoire des Films ist ingesamt nicht gerade vom Subtilsten: Zeitlupen und Gruselmusik, um irgendwelche Schlägertypen mit Migrationshintergrund und ausrasiertem Nacken noch bedrohlicher aussehen zu lassen; idyllische deutsche Dörfer im Grünen, untermalt mit Vogelzwitschern, sinnfällig kontrastiert mit vom Dschihad verwüsteten Häusern in Soundsoistan; am Ende aber das große Aufatmen und Happy End, wieder ein zukunftsorientierter, vertrauenswürdig lächelnder Politiker und "Demokrat": "Kommen auch Sie am 9. Mai zum Kölner Dom", Applaus, standing ovations,  Kölner Dom vor blauem Himmel, hoffnungsfrohe Klimpermusik, Abspann.

Nun gut: das ist ein Propagandavideo, es herrscht von mir aus ein Vorbürgerkrieg, der zu Dir kommt, wenn Du nicht hingehen willst, für Differenzierungen ist im Schlachtengetümmel nicht viel Platz, und Grübeln schadet der Kampfmoral. Aber was soll man als mitdenkender Mensch sagen über eine trübe Argumentation, die Innen- und Außenpolitik sowie religiöse, ethnische und migrantische Probleme durcheinandermischt, den politischen und geographischen Kontext ausblendet, und die ganze islamische Kultur in ein undifferenziertes Schwarz in Schwarz taucht?

Der Tiefpunkt ist für mich erreicht, als eine Demonstration von Palästinensern gezeigt wird, die offenbar in Deutschland stattfindet, wird doch auf Deutsch skandiert: "Wir sind alle Palästinenser! Israel raus aus Palästina! Zionisten lügen!" Die Filmemacher untertiteln diese Bilder jedoch folgendermaßen: "'Juden ab ins Gas', dass (sic) forderten Muslime 2009 in Amsterdam".  Hier ist die Grenze zur, pardon, schmutzigen Demagogie überschritten: und wer ausgerechnet eine antizionistische Palästinenser-Demo für eine solche Stimmungsmache mißbraucht, von dem brauche ich mir auch nichts über "Demokratie", "Intoleranz" und bevorstehende ethnische Säuberungen und Landnahmen erzählen lassen.

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Bin ich zu zimperlich, sind Videos, deren manipulative Machart bei höherem Intelligenz- und Geschmacksgrad derart leicht zu durchschauen ist, nötig, um ein möglichst großes Publikum zu mobilisieren? Ich kann mir nicht helfen: letztlich wird die Qualität des Ansprechenden ihr Pendant in der Qualität der Angesprochenen finden, und es ist zweifelhaft, ob es gerade diese sind, die für eine politische Wende ausschlaggegebend sein werden. Ein paar hundert intelligente Menschen zu überzeugen, wird vielleicht am Ende mehr Wert haben, als ein paar tausend Simpel populistisch aufzuputschen, was indessen mit "linken" Parolen immer viel leichter gelingen wird.  Nichts Gutes kam jemals aus dem Populismus...


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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