Demokraten und Demagogen

Pro Köln hat nun ein Video im Netz veröffentlicht, das schon jetzt als das deutsche Pendant zu dem ...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

… berüch­tig­ten “Fit­na” von Geert Wil­ders gehan­delt wird. Bevor ich im Fol­gen­den aus­füh­re, war­um mir die­ser Film nicht gefällt, möch­te ich aus­drück­lich beto­nen, daß ich die Agen­da von Pro Köln im Gro­ßen und Gan­zen für rich­tig halte.

Die vor­an­schrei­ten­de Land­nah­me, die auf lan­ge Sicht unwei­ger­lich die Isla­mi­sie­rung Deutsch­lands zur Fol­ge haben wird, ist nicht mehr zu über­se­hen, eben­so­we­nig das ängst­li­che Zurück­wei­chen der iden­ti­täts­schwa­chen Auto­chtho­nen, die mit einer patho­lo­gi­schen Ver­drän­gung auf die Gefahr reagie­ren. Die Errich­tung einer Groß­mo­schee in Köln ist eine unmiß­ver­ständ­li­che poli­ti­sche Demons­tra­ti­on. Und schließ­lich habe ich mich ange­sichts der Vor­gän­ge in Köln im Sep­tem­ber 2008 gefühlt, wie sich wohl die west­deut­sche Lin­ke nach Ben­no Ohnes­orgs Tod gefühlt haben muß. Und ich glau­be Götz Kubit­schek ger­ne, daß bei Pro Köln vie­le muti­ge und auf­rich­tig über­zeug­te Bür­ger tätig sind.

Den­noch kann ich nicht anders als mit einem gewis­sen Ekel auf das etwa 15minütige Pro­pa­gan­da­vi­deo reagie­ren. Frei­lich: die Macher wol­len auf­rüt­teln, mobi­li­sie­ren, wer­ben, eben einen “popu­lis­ti­schen” Appeal ent­fal­ten. Dar­aus ergibt sich eine gewis­se dem­ago­gi­sche Form qua­si von selbst, und nichts ande­res kann man bei jedem belie­bi­gen Wahl­kampf sehen. Pas­send ins Licht gerück­te Poli­ti­ker lächeln ver­trau­ens­wür­dig und zukunfts­ori­en­tiert von den Pla­ka­ten, sekun­diert von grif­fi­gen Slo­gans oder Schlag­wör­tern mit einem Pünkt­chen hin­ten­dran. Längst ist die “Demo­kra­tie” nicht mehr ohne die ästhe­ti­schen Mit­tel der Pro­dukt­wer­bung zu den­ken, und im Grun­de funk­tio­niert der gan­ze Zir­kus nur des­we­gen, weil sich alle geei­nigt haben, sich für einen gewis­sen Zeit­raum düm­mer zu stel­len, als sie sind, weil man doch an all die Mil­lio­nen Son­der­schü­ler den­ken muß, die mit­ge­schleppt wer­den müs­sen, die ja auch ver­ste­hen sol­len, war­um sie wo ihr Kreuz­chen zu machen haben.

Das Dilem­ma von Pro Köln ist, eine so sys­te­ma­tisch stig­ma­ti­sier­te Sache wie die Behaup­tung des Eige­nen gegen­über dem Frem­den einem Popu­lum nahe­zu­brin­gen, das dar­auf kon­di­tio­niert ist, ein sol­ches Anlie­gen als proto-“nazistisch” und “unde­mo­kra­tisch” auf­zu­fas­sen. Um den­noch die rich­ti­gen Knöp­fe zu drü­cken, bedient man sich exakt jener Voka­beln, die als Emo­ti­ons­hül­sen den libe­ra­len Dis­kurs bestim­men,  beson­ders häu­fig “demo­kra­tisch”, “Demo­kra­tie” und “Demo­kra­ten”. Der Jar­gon von Pro Köln gleicht iro­ni­scher­wei­se dem­je­ni­gen des “Kamp­fes gegen Rechts” aufs Haar, wobei die Rol­le der “Faschis­ten” und “Rechts­ex­tre­men” nun eben den “tota­li­tä­ren Mus­li­men”, “Isla­mo­fa­schis­ten” und “Links­fa­schis­ten” zuge­wor­fen wird.

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Damit ist ein absur­des Ping-Pong-Spiel eröff­net, in dem jeder des ande­ren Nazi wird. Diver­se Poli­ti­ker der eta­blier­ten Par­tei­en wer­fen mit Kaker­la­ken-Aus­drü­cken wie “Nazi­dreck”, “brau­ne Soße”,  “Exkre­ment” um sich, um Pro-Köln zu brand­mar­ken, wäh­rend der ange­grif­fe­ne Mar­kus Bei­sicht vol­ler Empö­rung kon­tert, daß er “solch eine Spra­che in Deutsch­land nicht mehr hören möch­te”. Tan­te Gior­da­no unter­stellt den Pro-Köl­nern, daß sie ihn in eine “Gas­kam­mer” ste­cken wür­den, wenn sie könn­ten; der “deut­sche Fitna”-Film jedoch beginnt mit einer Ein­stel­lung auf  fins­te­re SA-Män­ner, die in einem Kel­ler (!?) “Kauft nicht bei Juden!”-Plakate anschla­gen, “JUDEN” noch­mal in Groß­auf­nah­me,  Unter­ti­tel in Frak­tur­schrift: “Köln, 20. Sep­tem­ber 1938” (dafür wür­de ich mal ger­ne die his­to­ri­sche Quel­le erfah­ren), Marsch­trom­mel, düs­te­re Musik, seriö­so­ide Fernsehonkelstimme:

Wer gedacht hat, daß die Zei­ten der Into­le­ranz und der Ver­fol­gung von Min­der­hei­ten mit all ihren schreck­li­chen Fol­gen end­gül­tig der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren, der wur­de an einem son­ni­gen Tag im Sep­tem­ber 2008 eines Bes­se­ren belehrt. Ban­den von Links­fa­schis­ten, her­bei­ge­ru­fen von Poli­tik und Medien…

So spielt man sich mun­ter gegen­sei­tig den Nazi­ball zu, jeder will der “Jude”, jeder “für Demo­kra­tie” und “gegen Into­le­ranz” sein, und damit affir­miert die Pro-Köln-Bewe­gung den infan­ti­len “Demo­kra­ten vs. Extremisten”-Diskurs des poli­ti­schen Main­streams, indem sie des­sen Zun­gen­schlag imi­tiert und sich selbst als die bes­se­ren “Demo­kra­ten” und “Anti­fa­schis­ten” prä­sen­tiert. Ande­re Pro-Köl­ner stel­len sich vor die “Stoppt die Islamisierungs”-Transparente und erklä­ren allen Erns­tes, sie woll­ten wie ihr “gro­ßes Vor­bild Ghan­di völ­lig gewalt­frei, völ­lig legal die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem isla­mis­ti­schen Extre­mis­mus anneh­men”, wäh­rend wie­der ande­re eif­rig Isra­el-oder gar US-Fah­nen schwen­ken, was in Deutsch­land sonst nur Sache der “anti­deut­schen” Bom­ber-Har­ris-Do-it-again-Frak­ti­on in Dres­den und anders­wo ist. (Mer­ke: Trau kei­nem deut­schen Schrei­hals, der die Isra­el-Fah­ne schwenkt, egal aus wel­cher Rich­tung er kommt.)

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Das Aus­drucks-Reper­toire des Films ist inge­samt nicht gera­de vom Sub­tils­ten: Zeit­lu­pen und Gru­sel­mu­sik, um irgend­wel­che Schlä­ger­ty­pen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund und aus­ra­sier­tem Nacken noch bedroh­li­cher aus­se­hen zu las­sen; idyl­li­sche deut­sche Dör­fer im Grü­nen, unter­malt mit Vogel­zwit­schern, sinn­fäl­lig kon­tras­tiert mit vom Dschi­had ver­wüs­te­ten Häu­sern in Sound­soi­stan; am Ende aber das gro­ße Auf­at­men und Hap­py End, wie­der ein zukunfts­ori­en­tier­ter, ver­trau­ens­wür­dig lächeln­der Poli­ti­ker und “Demo­krat”: “Kom­men auch Sie am 9. Mai zum Köl­ner Dom”, Applaus, stan­ding ova­tions,  Köl­ner Dom vor blau­em Him­mel, hoff­nungs­fro­he Klim­per­mu­sik, Abspann.

Nun gut: das ist ein Pro­pa­gan­da­vi­deo, es herrscht von mir aus ein Vor­bür­ger­krieg, der zu Dir kommt, wenn Du nicht hin­ge­hen willst, für Dif­fe­ren­zie­run­gen ist im Schlach­ten­ge­tüm­mel nicht viel Platz, und Grü­beln scha­det der Kampf­mo­ral. Aber was soll man als mit­den­ken­der Mensch sagen über eine trü­be Argu­men­ta­ti­on, die Innen- und Außen­po­li­tik sowie reli­giö­se, eth­ni­sche und migran­ti­sche Pro­ble­me durch­ein­an­der­mischt, den poli­ti­schen und geo­gra­phi­schen Kon­text aus­blen­det, und die gan­ze isla­mi­sche Kul­tur in ein undif­fe­ren­zier­tes Schwarz in Schwarz taucht?

Der Tief­punkt ist für mich erreicht, als eine Demons­tra­ti­on von Paläs­ti­nen­sern gezeigt wird, die offen­bar in Deutsch­land statt­fin­det, wird doch auf Deutsch skan­diert: “Wir sind alle Paläs­ti­nen­ser! Isra­el raus aus Paläs­ti­na! Zio­nis­ten lügen!” Die Fil­me­ma­cher unter­ti­teln die­se Bil­der jedoch fol­gen­der­ma­ßen: “ ‘Juden ab ins Gas’, dass (sic) for­der­ten Mus­li­me 2009 in Ams­ter­dam”.  Hier ist die Gren­ze zur, par­don, schmut­zi­gen Dem­ago­gie über­schrit­ten: und wer aus­ge­rech­net eine anti­zio­nis­ti­sche Paläs­ti­nen­ser-Demo für eine sol­che Stim­mungs­ma­che miß­braucht, von dem brau­che ich mir auch nichts über “Demo­kra­tie”, “Into­le­ranz” und bevor­ste­hen­de eth­ni­sche Säu­be­run­gen und Land­nah­men erzäh­len lassen.

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Bin ich zu zim­per­lich, sind Vide­os, deren mani­pu­la­ti­ve Mach­art bei höhe­rem Intel­li­genz- und Geschmacks­grad der­art leicht zu durch­schau­en ist, nötig, um ein mög­lichst gro­ßes Publi­kum zu mobi­li­sie­ren? Ich kann mir nicht hel­fen: letzt­lich wird die Qua­li­tät des Anspre­chen­den ihr Pen­dant in der Qua­li­tät der Ange­spro­che­nen fin­den, und es ist zwei­fel­haft, ob es gera­de die­se sind, die für eine poli­ti­sche Wen­de aus­schlag­ge­ge­bend sein wer­den. Ein paar hun­dert intel­li­gen­te Men­schen zu über­zeu­gen, wird viel­leicht am Ende mehr Wert haben, als ein paar tau­send Sim­pel popu­lis­tisch auf­zu­put­schen, was indes­sen mit “lin­ken” Paro­len immer viel leich­ter gelin­gen wird.  Nichts Gutes kam jemals aus dem Populismus…

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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