Der politische Sinn der Gedenkveranstaltung

Ein kritischer, aber grundsätzlich wohlwollender Leser kommentierte meinen satirischen Eintrag zu der Berliner Gedenkveranstaltung...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

“für die Opfer der Zwi­ckau­er Ter­ror­zel­le” fol­gen­der­ma­ßen:  “Dass die Ver­an­stal­ter mit allen über­lie­fer­ten Trau­er­ri­tua­len auf­war­te­ten, kann kein Grund sein, das Ritu­al an sich lächer­lich zu machen.  Zu prä­sent sind mir da jene Momen­te, in denen es genau die­se ritua­li­ser­ten For­men der Trau­er sind, die einem über Schlim­mes hinweghelfen.”

So ähn­lich haben eini­ge wei­te­re Leser die­ses Blogs argu­men­tiert, und so hört man es auch aus dem Kom­men­tar von Die­ter Stein im Blog der JF her­aus, der in der Ver­an­stal­tung vor­ran­gig eine “Äch­tung poli­ti­scher Gewalt” sehen will (es ging natür­lich, ent­ge­gen sei­nen Hoff­nun­gen, aus­schließ­lich um sol­che “rechts­ex­tre­mis­ti­scher” Pro­ve­ni­enz). Jedoch:

Den­noch bleibt ein ungu­ter Ein­druck: Tat­säch­lich hat offen­sicht­lich der Ver­fas­sungs­schutz bei den Ermitt­lun­gen gegen die Täter geschlampt, ihre Moti­ve und Quer­ver­bin­dun­gen zu Sicher­heits­be­hör­den sind bis­lang nicht voll­stän­dig auf­ge­klärt. Und es drängt sich bei eini­gen Äuße­run­gen von Poli­ti­kern der bit­te­re Ein­druck auf, daß die Taten innen­po­li­tisch instru­men­ta­li­siert wer­den sollen.

Ein Dilem­ma, das sich offen­bar eini­gen Kon­ser­va­ti­ven bot: eine Sei­te im Inne­ren reagiert, wie es den eige­nen Wer­ten ent­spricht, mit Pie­tät und Respekt­ab­stand, eine ande­re hat ein merk­wür­dig “ungu­tes” Gefühl, daß hier doch nicht alles mit rech­ten Din­gen zugeht. Wie ich bereits aus­führ­lich erläu­tert habe, hal­te ich es für einen gut­gläu­bi­gen Irr­tum, zu den­ken, es gäbe nun eine ehren­wer­te Trau­er- und Gedenk­ver­an­stal­tung auf der einen Sei­te und eine frag­wür­di­ge poli­ti­sche “Instru­men­ta­li­sie­rung” und Aus­schlach­tung auf der ande­ren. Man darf sich hier von den Kulis­sen nicht täu­schen las­sen. Der oben erwähn­te Kom­men­ta­tor schrieb: “Auf dem Fried­hof muss man dem Teu­fel kei­ne Nase dre­hen.” Rich­tig, aber ich habe kei­nen Fried­hof gese­hen, kein Grab und auch kein Begräb­nis. Wohl aber den Bocksfuß!

In Wirk­lich­keit gibt es hier nichts aus­ein­an­der­zu­di­vi­die­ren. Die gesam­te Ver­an­stal­tung war von vorn­her­ein eine effekt­voll insze­nier­te “Instru­men­ta­li­sie­rung” mit geschick­tem Cas­ting, die mit lan­des­wei­ten Maß­nah­men wie Gedenk­mi­nu­ten in Schu­len und Betrie­ben sowie mit brei­ter Rund­funk­aus­wer­tung und Laut­spre­cher­durch­sa­gen im Nah­ver­kehr von Ber­lin und Ham­burg (dort sogar am Flug­ha­fen) unter­stri­chen wur­de.  Daß mei­ne Deu­tung der sym­bol­po­li­ti­schen Ebe­ne die­ses Hoch­amts völ­lig rich­tig war, bestä­tig­te sich ges­tern, als auf den Titel­sei­ten der Zei­tun­gen die Ern­te der Schau ein­ge­fah­ren wurde.

Doch zuerst die Punk­te, an denen ich stut­zig wur­de: Wun­dert sich nie­mand, daß über­haupt die gan­ze Geschich­te per Staats­akt kano­ni­siert wird, ehe noch eine Gerichts­ver­hand­lung statt­ge­fun­den hat, Täter ver­ur­teilt wur­den, und zahl­lo­se Details, die auf eine Ver­wick­lung von Staats­or­ga­nen hin­deu­ten, geklärt sind? Die Geschich­te, die, wenn sie sich so zuge­tra­gen hat, in jeder Hin­sicht bizarr, aben­teu­er­lich und prä­ze­denz­los ist, wird ver­mut­lich des­halb der­art bereit­wil­lig und kri­tik­los auf­ge­so­gen, weil sie sich aus­ge­zeich­net in die gän­gi­gen Mus­ter deut­scher Selbst­wahr­neh­mun­gen fügt: die mut­maß­li­chen Täter (so heißt es immer noch offi­zi­ell), sind nicht ein­fach drei dege­ne­rier­te Psy­cho­pa­then, nicht ein­fach drei obsku­re Außen­sei­ter, die selbst mit ihren eige­nen poli­ti­schen Krei­sen kei­nen Kon­takt mehr hat­ten und von die­sen mehr­heit­lich abge­lehnt wer­den, nein, sie sind in Wirk­lich­keit Reprä­sen­tan­ten des “ewi­gen Hit­ler in uns”, des ewi­gen “häß­li­chen Deut­schen”, die Spit­ze des Eis­bergs einer immer noch durch und durch “ras­sis­ti­schen” Volks­ge­nos­sen­schaft.  Eine Art per­ver­ses “Wir sind NSU” klang in zahl­lo­sen Kom­men­ta­ren zu dem Phä­no­men durch.

Die kom­ple­men­tä­re Pro­jek­ti­ons­flä­che sind die aus­län­di­schen Opfer. Die­se ste­hen in der Opfer­hier­ar­chie bekannt­lich höher als ande­re, sofern die Täter Deut­sche waren. Das sind dann qua­si die Alpha-Opfer, und jene, auf die sich die Medi­en am liebs­ten stür­zen. Daß es die­se Hier­ar­chi­sie­run­gen gibt, ist wohl all­seits bekannt. Deut­sche Opfer aus­län­di­scher Täter – zur Zeit sind es meh­re­re Dut­zend pro Jahr – bekom­men bekannt­lich weit­aus weni­ger Pres­se, Publi­ci­ty und öffent­li­che Kro­ko­dils­trä­nen zuge­bil­ligt.  Aber auch aus­län­di­sche Opfer aus­län­di­scher Täter ste­hen nicht gera­de hoch im Kurs:  laut die­ser Stu­die kamen in Deutsch­land inner­halb von zehn Jah­ren an die 100 Men­schen durch “Ehren­mor­de” ums Leben ( “Wir schät­zen die mög­li­che Gesamt­zahl der Ehren­mor­de auf etwa zwölf pro Jahr, davon drei Ehren­mor­de im enge­ren Sin­ne.”)  Das sei aber halb so wild, so die Autoren der Stu­die, denn:

Ange­sichts einer Gesamt­zahl von ca. 700 Men­schen, die pro Jahr in Deutsch­land bei einem Tötungs­de­likt ster­ben, dar­un­ter vie­le in Fami­li­en und Part­ner­schaf­ten, sind Ehren­mor­de quan­ti­ta­tiv sehr sel­te­ne Ereignisse.

Bedenkt man all dies, dann wirkt fol­gen­de, typisch mer­kel­trie­fi­ge Pro­sa aus der Gedenk­re­de beson­ders ekel­er­re­gend und heuchlerisch:

Wir ver­ges­sen zu schnell – viel zu schnell. Wir ver­drän­gen, was mit­ten unter uns geschieht; viel­leicht, weil wir zu beschäf­tigt sind mit ande­rem; viel­leicht auch, weil wir uns ohn­mäch­tig füh­len gegen­über dem, was um uns geschieht.

Oder auch aus Gleich­gül­tig­keit? Gleich­gül­tig­keit – sie hat eine schlei­chen­de, aber ver­hee­ren­de Wir­kung. Sie treibt Ris­se mit­ten durch unse­re Gesell­schaft. Gleich­gül­tig­keit hin­ter­lässt auch die Opfer ohne Namen, ohne Gesicht, ohne Geschichte.

Auch um die Opfer des “Döner­kil­lers” hat sich bis­her nie­mand groß geküm­mert: sie waren, salopp gesagt, stink­nor­ma­le Ermor­de­te unter tau­sen­den ande­ren, um die nie­mand außer­halb der Fami­li­en trau­er­te, schon gar nicht eine Mer­kel. Nach­dem nun das “Zwi­ckau­er Trio” als mut­maß­li­che Täter iden­ti­fi­ziert wur­de, ist ihr Tod in einen qua­si sakra­len Kon­text geho­ben, und sie wer­den zu wah­ren Mär­ty­rern erklärt. Ich bit­te um Ent­schul­di­gung (ha!), wenn das in man­chem sen­si­blen Ohr immer noch zu bru­tal oder zynisch klingt, aber dies ist eben der Vor­gang: hier wird das Simu­la­krum einer öffent­li­chen Trau­er, der sich jeder­mann anschlie­ßen soll, erst künst­lich fabri­ziert, und zwar allein des­we­gen, weil es einen Wider­hall in einem höhe­ren sinn­stif­ten­den Kon­zept fin­det. Und hier­in wie­gen man­che Leben eben schwe­rer, sind wert­vol­ler als andere.

Und all dies trat nun bei der Mer­kel­schen Gedenk­fei­er klar her­aus. Man muß­te dazu nicht ein­mal beson­ders fei­ne Ohren haben. Oder doch? Als ich die Über­schrift “Mer­kel bit­tet Ange­hö­ri­ge um Ver­zei­hung” las, war mir klar, wohin der Hase läuft. Im Wort­laut heißt es:

Eini­ge Ange­hö­ri­ge stan­den jah­re­lang selbst zu Unrecht unter Ver­dacht. Das ist beson­ders beklem­mend. Dafür bit­te ich sie um Verzeihung.

Deut­sche Poli­ti­ker spre­chen heu­te bekannt­lich sehr ger­ne von ihren Gefüh­len, und Poli­tik ist für sie eine Sache, in der man etwa nicht “die Gefüh­le von Men­schen in die­sem Land ver­let­zen” (Mer­kel apro­pos Sar­ra­zin) darf. Man sen­ti­men­ta­li­siert und ver­kitscht und emo­tio­na­li­siert, man gibt sich “ver­letz­lich” und “offen” und “mensch­lich”. Und vor allem: die deut­schen Poli­ti­ker ent­schul­di­gen sich ger­ne, wie Gut­ten­berg oder Wul­ff, sagen mit zer­knirsch­ter Reui­ge-Sün­der-Stirn: “Ich habe einen schwe­ren Feh­ler began­gen”, und gucken einen dann auf Pres­se­fo­tos mit neu­en Fri­su­ren und mit streng-geläu­ter­tem “Aber nun kön­nen Sie mir ver­trau­en, ver­spro­chen, ehrlich”-Blick an.  Vor allem aber ent­schul­di­gen sie sich mit Vor­lie­be bei Fran­zo­sen, Polen, Rus­sen, Ita­lie­nern, Grie­chen, Here­ros, Pyg­mä­en usw. usf. für den ers­ten, zwei­ten und drit­ten Welt­krieg, und das gehört inzwi­schen fix zu ihrem Amt und sei­nen Ritua­len. Um “Ver­zei­hung zu bit­ten” ist die zwei­te Natur des deut­schen Poli­ti­kers gewor­den. In die­sen Reso­nanz­raum wird auch das neue Merkel’sche Lied gesungen.

Es ist näher betrach­tet ziem­lich abwe­gig, daß sich ein Regie­rungs­ober­haupt bei zu Unrecht Ver­däch­tig­ten dafür ent­schul­digt, daß die Poli­zei ihre Arbeit gemacht hat.  Es ist näm­lich bekannt­lich deren Job, zu “ver­däch­ti­gen”, wobei gemäß der Natur der Sache die aller­meis­ten “Ver­däch­tig­ten” zu Unrecht ver­däch­tigt wer­den, und soviel wir wis­sen, wur­de ja kei­ner der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ver­haf­tet oder ein­ge­sperrt. All das wird ver­schlei­ert durch emo­tio­na­li­sie­ren­de Wört­chen wie “beklem­mend”, die dra­ma­ti­sche Bil­der wie aus einem Film beschwören.

Die­se böse, wohl latent ras­sis­ti­sche deut­sche Poli­zei, sie bringt es tat­säch­lich übers kal­te Herz, Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge von Mord­op­fern zu ver­däch­ti­gen! Man hat also offen­bar wie­der “Gefüh­le von Men­schen in die­sem Land” ver­letzt, vor allem die beson­ders kost­ba­ren Gefüh­le von “Min­der­hei­ten”. Wir wis­sen indes­sen über­haupt nicht ein­mal, wer wo wie und war­um “ver­däch­tigt” wur­de,  ja, ob die­se Behaup­tung über­haupt wahr ist. Nach Anga­ben der Poli­zei hat­ten übri­gens min­des­tens drei der Mord­op­fer Kon­tak­te ins “Dro­gen- und Rotlichtmilieu”.

Ver­mut­lich war dies also ledig­lich der Vor­wand, um die “Schuld­glo­cke” zu bim­meln und die übli­chen Refle­xe zu akti­vie­ren. Auch ande­re Tei­le der Mer­kel­re­de benutz­ten alt­be­kann­tes Vokabular:

…die alles über­ra­gen­den Fra­gen “Wie konn­te das gesche­hen?”, “War­um sind wir nicht frü­her auf­merk­sam gewor­den?”, “War­um konn­ten wir das nicht verhindern?”.…

Es ist klar: es han­delt sich hier um die Inau­gu­ra­ti­on einer Art “Neo-Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung” mit – end­lich! – ganz neu­en, fri­schen Nazis, und nicht den ad nau­seam durch­ge­kau­ten, zu Staub zer­fal­le­nen Stie­feln in Schwarz-Weiß von Anno Reichs­tags­brand. Es ist wohl nur eine Fra­ge der Zeit, bis ihre Opfer Gedenk­ta­feln, Stra­ßen­na­men und Stol­per­stei­ne gewid­met bekom­men oder Stif­tun­gen nach ihnen benannt wer­den. Mer­kels Rede war in der Tat eine pure, poli­ti­sche “Kampf-gegen-Rechts”-Einschwörung mit allen Ingredienzien:

Wir tun dies, weil wir nicht hin­neh­men, dass Men­schen Hass, Ver­ach­tung und Gewalt aus­ge­setzt wer­den. Wir tun dies, weil wir ent­schie­den gegen jene vor­ge­hen, die ande­re wegen ihrer Her­kunft, Haut­far­be, Reli­gi­on ver­fol­gen. Über­all dort, wo an den Grund­fes­ten der Mensch­lich­keit gerüt­telt wird, ist Tole­ranz fehl am Platz. Tole­ranz rich­te­te sich selbst zugrun­de, wenn sie sich nicht vor Into­le­ranz schützte.

“Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar. Sie zu ach­ten und zu schüt­zen ist Ver­pflich­tung aller staat­li­chen Gewalt.” – So beginnt unser Grund­ge­setz. Das war die Ant­wort auf zwölf Jah­re Natio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land, auf unsäg­li­che Men­schen­ver­ach­tung und Bar­ba­rei, auf den Zivi­li­sa­ti­ons­bruch durch die Sho­ah. “Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar.” – Das ist das Fun­da­ment des Zusam­men­le­bens in unse­rem Land, der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung der Bun­des­re­pu­blik Deutschland.

(…)

Ich sehe auch vie­le ermu­ti­gen­de Zei­chen, vie­le Men­schen, die sich für ein fried­li­ches Mit­ein­an­der enga­gie­ren – zum Bei­spiel in Dres­den, wo vor weni­gen Tagen Tau­sen­de Bür­ge­rin­nen und Bür­ger des Jah­res­ta­ges der Bom­bar­die­rung der Stadt gedach­ten und sich dabei die Hän­de reich­ten. Mit die­ser Ges­te boten sie den Neo­na­zis Ein­halt, die die­ses Geden­ken miss­brau­chen woll­ten. Tag­täg­lich set­zen zahl­rei­che klei­ne und grö­ße­re Initia­ti­ven in unse­rem Land Zei­chen gegen Hass und Gewalt. Ins Leben geru­fen wur­den sie von cou­ra­gier­ten, muti­gen Men­schen. Eini­ge von ihnen sit­zen hier unter uns. Ich dan­ke Ihnen stell­ver­tre­tend für vie­le ande­re in unse­rem Land. Ich dan­ke den Stif­tun­gen, den Medi­en, den Leh­rern und Geist­li­chen, den Unter­neh­mern, den Ver­tre­tern von Ver­bän­den und Ver­ei­nen, die alle mit ihren Mög­lich­kei­ten für ein gedeih­li­ches Mit­ein­an­der wer­ben und gegen Hass und Gewalt eintreten.

Der Kampf gegen Vor­ur­tei­le, Ver­ach­tung und Aus­gren­zung muss täg­lich geführt wer­den – in Eltern­häu­sern, in der Nach­bar­schaft, in Schu­len, Kul­tur- und Frei­zeit­ein­rich­tun­gen, in reli­giö­sen Gemein­den, in Betrie­ben. Über­all soll­ten wir ein fei­nes Gehör und Gespür für die klei­nen Bemer­kun­gen, die hin­ge­wor­fe­nen Sät­ze ent­wi­ckeln. So man­che Bemer­kung nimmt man schnell mal auf die leich­te Schul­ter – nach dem Mot­to: Der oder die meint das doch nicht so ernst.

Doch Into­le­ranz und Ras­sis­mus äußern sich kei­nes­wegs erst in Gewalt. Gefähr­lich sind nicht nur Extre­mis­ten. Gefähr­lich sind auch die­je­ni­gen, die Vor­ur­tei­le schü­ren, die ein Kli­ma der Ver­ach­tung erzeu­gen. Wie wich­tig sind daher Sen­si­bi­li­tät und ein waches Bewusst­sein dafür, wann Aus­gren­zung, wann Abwer­tung beginnt.

Gleich­gül­tig­keit und Unacht­sam­keit ste­hen oft am Anfang eines Pro­zes­ses der schlei­chen­den Ver­ro­hung des Geis­tes. Aus Wor­ten kön­nen Taten wer­den. Der iri­sche Den­ker Edmund Bur­ke hat ein­mal gesagt – ich zitie­re: „Für den Tri­umph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun.“ Ja, Demo­kra­tie lebt vom Hin­se­hen, vom Mit­ma­chen. Sie lebt davon, dass wir alle für sie ein­ste­hen, Tag für Tag und jeder an sei­nem Platz.

Orwell läßt wie­der mal grü­ßen. Ist nun auch den aus Pie­täts­grun­den abge­schreck­ten und bene­bel­ten Kon­ser­va­ti­ven auf­ge­gan­gen, wel­ches Spiel hier gespielt wird?

Und sie­he da: am fol­gen­den Tag über­setz­te die B.Z. den Mer­kel­satz flugs in die eigent­li­che Bot­schaft, damit jeder Dum­mi ver­steht, was eigent­lich gemeint ist. Auf der Titel­sei­te erschien ein ganz­sei­ti­ges Foto von Mer­kel, die einem Tür­ken die Hand schüt­telt, dazu die Bildunterschrift:

„Deutsch­land sagt: Biz özur dili­yo­ruz. Wir ent­schul­di­gen uns!“

Damit wur­de Mer­kels Satz also qua­si “bis zur Kennt­lich­keit ent­stellt”, als ein Unter­wer­fungs­ri­tu­al ganz Deutsch­lands unter sei­ne Tür­ken. Dies ist exakt der Sub­text, den ich in mei­ner Ana­ly­se beschrie­ben habe: die Türken

…wer­den von der Pres­se und Poli­tik in den Glau­ben ver­setzt, daß ihnen als Gan­zes ein Unrecht gesche­hen sei, für das das gan­ze deut­sche Volk mit­ver­ant­wort­lich sei.

Letz­te­res soll natür­lich auch den Deut­schen ver­mit­telt werden.

Nach der Ver­si­on fürs Fuß­volk nun zur kom­pli­zier­te­ren Fas­sung für die High-Brows.  Die liest sich, bei­spiels­wei­se, so wie der Arti­kel von Georg Paul Hef­ty in der FAZ:

Die Kanz­le­rin bat um Ver­zei­hung, sie hat das Wort von der Ent­schul­di­gung ver­mie­den: der Staat, des­sen Sicher­heits­or­ga­ne nach den ers­ten Mor­den auf die fal­sche Spur gerie­ten und daher wei­te­re Opfer nicht ver­hin­dern konn­ten, steht in der Schuld nicht allein der Hin­ter­blie­be­nen, son­dern gan­zer Bevöl­ke­rungs­grup­pen, deren Bedro­hung nicht durch staat­li­ches Durch­grei­fen been­det wur­de, son­dern erst durch die Selbst­mor­de der bis zuletzt unent­deck­ten Täter. Die fei­er­li­che Rede der Kanz­le­rin war die ein­zig denk­ba­re Ges­te; der Staat war sie sei­nen Bür­gern aus­län­di­scher Her­kunft, jedoch eben­so der gan­zen Gesell­schaft, eigent­lich auch sich selbst, schul­dig. Die­se Ges­te ist zugleich ein wich­ti­ger Teil des poli­ti­schen Ver­mächt­nis­ses des frü­he­ren Bun­des­prä­si­den­ten Wulff.

Wul­ff? Das war doch der Typ mit der “bun­ten Repu­blik”? Richtig:

Es ist eine Tra­gik, dass unser Staat von Ver­bre­chern und unzu­läng­li­chen Behör­den in die Defen­si­ve gezwun­gen wor­den ist, kurz nach­dem er mit dem Inte­gra­ti­ons­gip­fel, der Islam­kon­fe­renz, der Aner­ken­nung des Islams als nun­mehr zuge­hö­ri­ger Reli­gi­on und dem prä­si­dia­len Wort von der bun­ten Repu­blik in Sachen Ein­wan­de­rung in die Offen­si­ve gegan­gen war.

Der Staat war “in Sachen Ein­wan­de­rung” in die “Offen­si­ve” gegan­gen! Eine inter­es­san­te For­mu­lie­rung! Wie mili­tant, wie mili­tä­risch das klingt! Gegen wen eigent­lich? Und kann man das, was nun gera­de geschieht, denn wirk­lich eine “Defen­si­ve” nennen?

Die Ver­bre­chen des letz­ten Jahr­zehnts aber ziel­ten auf die Spal­tung in Ein­hei­mi­sche und Ein­ge­wan­der­te, auf die Zer­stö­rung der Inte­gra­ti­ons­fort­schrit­te und die Unter­mi­nie­rung des bei­der­sei­ti­gen Integrationswillens.

Die Fei­er im Kon­zert­haus am Gen­dar­men­markt ist ein Mark­stein im Zusam­men­wach­sen der Bevöl­ke­rung Deutsch­lands. Die sozio­lo­gisch signi­fi­kan­te Zusam­men­set­zung der hier­zu­lan­de Leben­den ist das Ergeb­nis nicht ver­schie­den­ar­ti­ger lang­fris­ti­ger Pla­nun­gen auf der einen oder ande­ren Sei­te, son­dern einer frei­zü­gi­gen Ent­wick­lung, wie sie dem Land nach der Befrei­ung von der Nazi­herr­schaft gut zu Gesicht stand. Die Bevöl­ke­rung Deutsch­lands ist im Lau­fe von Jahr­zehn­ten nicht ledig­lich euro­päi­scher und trans­at­lan­ti­scher, son­dern glo­ba­li­sier­ter geworden.

Die “Mul­ti­kul­tu­ra­li­sie­rung” (denn die ist hier gemeint) ist also dem­nach ein­fach so, ganz neben­bei “pas­siert”. Das ist nach­weis­lich eine Lüge. Und nun, da wir vor (noch nicht ganz) voll­ende­ten Tat­sa­chen ste­hen, die kein Zurück zulas­sen, kann man die zukünf­ti­ge “sozio­lo­gisch signi­fi­kan­te Zusam­men­set­zung der hier­zu­lan­de Leben­den” (was für eine Umschrei­bung!) auch offen “lang­fris­tig pla­nen”. Die­ser Plan ist alles ande­re als “demo­kra­tisch”, und lebt eher vom kol­lek­tiv erzwun­ge­nen “Weg­se­hen” als vom “Hin­se­hen”.

Die anfäng­li­che Export­na­ti­on muss­te demo­gra­phisch zur Import­na­ti­on wer­den, um indus­tri­ell als Export­na­ti­on über­le­ben zu können.

Noch eine Lüge aus dem TINA-Genre.

Sie war aber mora­lisch so dis­kre­di­tiert, dass sie sich nie so anstel­len konn­te, wie die klas­si­schen Ein­wan­de­rungs­län­der mit ihren Quo­ten und Noten. Zugleich war das Land so anzie­hend, dass es zum Lieb­lings­ziel von Aus­wan­de­rern aus allen Kul­tur­krei­sen wur­de. Wer woll­te sich, wer ver­moch­te sich da zum Rich­ter dar­über auf­schwin­gen, wel­che Kul­tu­ren will­kom­men, wel­che unwill­kom­men sei­en – der demo­kra­ti­sche Rechts­staat kam schon mit der Zulas­sung oder Zurück­wei­sung von Ein­zel­per­so­nen an sei­ne Gren­zen, die nicht zuletzt durch Men­sch­rechts­ab­kom­men gesteckt sind.

Über­set­zung: es gab kein mora­li­sches Recht mehr, Eigen­in­ter­es­sen zu ver­fol­gen. Ich erspa­re mir nun jeg­li­chen wei­te­ren Kom­men­tar und las­se den Text für sich selbst spre­chen: es ist die auf die­ser Sei­te und auf Blogs wie Kor­rekt­hei­ten und Fjor­d­man beschrie­be­ne radi­kal­glo­ba­lis­ti­sche Ideo­lo­gie in Rein­form, mit jener deut­schen Akzen­tu­ie­rung, die die Mul­ti­kul­tu­ra­li­sie­rung als Süh­ne für die NS- (und nun die NSU-)Verbrechen betrachtet.

Die NSU-Geschich­te wird also expli­zit benutzt, um den bereits ein­ge­schla­ge­nen Weg vor­an­zu­trei­ben und jeden wei­te­ren Wider­stand dage­gen zu läh­men und ethisch zu äch­ten: Deutsch­land soll demo­gra­phisch völ­lig umge­wan­delt wer­den, das bedeu­tet unter ande­rem:  die “mul­ti­kul­tu­rel­le” Selbst­auf­lö­sung der Stamm­be­völ­ke­rung, bis sie zu einer eth­ni­schen Min­der­heit unter vie­len (?) ande­ren wird, ihre Ent­mach­tung als Staats­volk, die Abschlei­fung des Natio­nal­staa­tes, die Ent­or­tung und Ver­stand­or­tung des Lan­des als belie­bi­ger und belie­big zu peu­plie­ren­der Fleck auf der Kar­te, die Min­de­rung der demo­kra­ti­schen Mit­be­stim­mung, die geför­der­te Aus­brei­tung des Islams, die fort­schrei­ten­de kul­tu­rel­le Frag­men­tie­rung (genannt “Viel­falt”) und damit im letz­ten dia­lek­ti­schen Schritt die Auf­lö­sung aller kul­tu­rel­len und sozia­len Ver­bind­lich­kei­ten, die nicht “zivil­ge­sell­schaft­lich” bestimmt werden.

Jeg­li­cher Wider­stand gegen die­se qua­si-bol­sche­wis­ti­sche Pla­nier­rau­pe des Fort­schritts in die erlös­te post­na­tio­na­le Welt ist zweck­los und böse.  Am Schluß wird Hef­ty noch ein­mal beson­ders deutlich:

Es hat lan­ge gedau­ert, bis sich die deut­sche Poli­tik und mit ihr die Gesell­schaft zur Inte­gra­ti­on der Ein­wan­de­rer bekannt haben. Damit war der gleich­na­mi­ge Pro­zess eröff­net, kei­nes­wegs jedoch abge­schlos­sen. Er wird wahr­schein­lich nie mehr abge­schlos­sen sein wer­den, das bringt die Glo­ba­li­sie­rung mit sich. Doch darf die­ser Pro­zess auch nicht noch ein­mal und von nie­man­dem mehr mit Gewalt gestört, in Zwei­fel gezo­gen wer­den. Dafür steht die­ser Staat ein. So sind die Wor­te der Bun­des­kanz­le­rin zu verstehen.

Dies las­se man sich auf der Zun­ge zer­ge­hen: der “Pro­zeß” darf noch nicht ein­mal mehr “in Zwei­fel gezo­gen wer­den”! Ein Pro­zeß, der nie­mals abge­schlos­sen ist, eine Art per­ma­nen­ter Revo­lu­ti­on, mit nie enden­den, immer wei­te­ren “Ver­viel­fal­tun­gen”, in dem “Inte­gra­ti­on” zur puren Tau­to­lo­gie wird, die sich wie die berühm­te mythi­sche Schlan­ge in den eige­nen Schwanz beißt, – mit ande­ren Wor­ten: nichts weni­ger als die Selbst­ab­schaf­fung und Selbst­auf­lö­sung Deutsch­lands, und “dafür steht die­ser Staat” ein. Das ist nach­weis­bar der Fall, man kann es den Selbst­aus­sa­gen unse­rer herr­schen­den Eli­ten direkt ent­neh­men. Vom pro­pa­gan­dis­ti­schen Stand­punkt kommt die­ser Poli­tik die “NSU” wie geru­fen. Thors­ten Hinz schrieb zu Beginn der Kampagne:

Es ver­dich­tet sich das Gefühl, vor einem Abgrund, vor einem Arkan-Bereich der Poli­tik zu ste­hen! Die Medi­en, die im Ein­heits­takt das Lied von der „Brau­nen Armee Frak­ti­on“ skan­die­ren, ver­stär­ken die Schwin­del­ge­füh­le noch.

Nun: Wenn es wirk­lich zutrifft, daß hier eine per­fi­de Insze­nie­rung vor­liegt, dann ist mit Sicher­heit davon aus­zu­ge­hen, daß Mer­kel davon weiß. Es ist mei­ne per­sön­li­che Über­zeu­gung, daß dies der Fall ist – und dann hät­te sie, dies den Pie­täts­ängst­li­chen zum Beden­ken gege­ben, am 23. 2. den Ange­hö­ri­gen der Opfer eis­kalt ins Gesicht gelogen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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