Sezession
13. April 2012

Macht und Meinungsfreiheit

Martin Lichtmesz

Am 12. April lud Compact-Herausgeber Jürgen Elsässer in Berlin zu einer Gesprächsrunde mit dem ehemaligen rbb-Moderator Ken Jebsen, der letzten November wegen angeblich antisemitischer Äußerungen von seinem Posten gefeuert wurde. Maßgeblich beteiligt an dieser Chasse war Henryk Broder, der Jebsen auf Achse des Guten massiv attackiert hatte.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Methode war so primitiv wie effektiv: Broder spuckte Beschimpfungen, Unterstellungen und Diffamierungen, Jebsen sei "durchgeknallt", ein "Irrer", ein "Antisemit", ein Freak, ein Kryptonazi, ein Autobahnen-Fan und so weiter. Dies stammt von demselben Mann, der eben ein Buch mit dem Titel "Vergeßt Auschwitz" veröffentlicht hat, in dem der Fall Jebsen übrigens ausgiebig gewürdigt wird. Als Beweisstück der Anklage präsentierte Broder eine E-Mail Jebsens, die ihm ein Denunziant zugespielt hatte, daraus insbesondere den Satz 'ich weis wer den holocaust als PR erfunden hat' (sic).

Das reichte schon aus, um (den nebenbei iranischstämmigen) Jebsen in den Ruch eines "Holocaustleugners" zu setzen. Aus dem Kontext geht freilich hervor, daß damit die propagandistisch-politische Ausschlachtung des Holocaust gemeint war. Jebsen konnte mehrfach zu den Vorwürfen Stellung nehmen, siehe etwa hier und hier. Genützt hat es ihm wenig.

Gemessen am Inhalt der inkriminierten E-Mail ist Jebsen nichts von alledem, was ihm von Broder an den Kopf geworfen wurde. Man kann allerdings auch schwerlich behaupten, daß er eine besonders große Leuchte wäre.  Er machte auf mich einen eher naiven und zum Teil durchaus konfusen Eindruck. Auf seine Art ist auch er ein Gutmensch, wie etwa in diesen Zeilen seiner E-Mail zum Ausdruck kommt:

die erde ist rund. der kopf ist rund. damit das denken die richtung wechseln kann. einfach mal ausprobieren, an seinen “ erzfeind” unvoreingenommen heranzutreten und sich davon zu überzeugen das es sehrwohl viele gemeinsame nenner gibt. ob wir auf diese mal aufbauen ? oder doch die nächsten 30 jahre uns immer weiter die köpfe einschlagen ?

Der Schlag mit der Keule hat ihn nun in einen trotzigen Rausch versetzt. Nun wisse er ganz klar, so äußerte er auf Elsässers Podium, daß er in der NS-Zeit wie die Geschwister Scholl und nicht wie Traudl Junge gehandelt hätte.  Ein vermessener Satz wie dieser ist klassisches Fremdschäm-Material. Wir alle wären gern so edel wie die toten Helden von gestern, aber wir alle wären auch lieber lebendige Feiglinge, wenn es ernsthaft darauf ankommt. Und so widerwärtig ein Broder auch sein mag, er ist noch lange kein Freisler. Jebsen hat seinen Kopf noch obenauf sitzen, und wird einstweilen wohl kaum in Gefahr laufen, ihn zu verlieren - zumindest im buchstäblichen Sinne nicht.

Wer wie ich seit zehn Jahren die Junge Freiheit liest und auch noch dafür schreibt, dem hängen (leider unentbehrliche) Schlagwörter wie "Political Correctness" und "Meinungsfreiheit" schon bis auf den Boden zum Halse raus. Gegen "Political Correctness" zu sein, ist, neben aller inhaltlichen Berechtigung, zum Klischee, zur Tingeltangelnummer geworden.  Ein Ken Jebsen mag nun frisch motiviert und "optimistisch" (wie er häufig betonte) die Waffe des Internets und der alternativen Medien preisen, um die Monopole der Mainstreammedien und die Lügen der Regierungen weltweit zu untergraben und zu kontern, aber wir, die wir schon länger im "politisch unkorrekten" Business sind, und alle Frustrationen und Desillusionierungen hinter uns haben, wissen längst, daß man hier vor einer Machtfrage steht, die nicht zu unterschätzen ist.

Irgendwann kommt wohl jeder nachdenkende Mensch zu der Erkenntnis, daß das liberale System auf purer Heuchelei beruht. Es ist eine Berufskrankheit von Journalisten und Publizisten, zu glauben, daß die Medien tatsächlich vorrangig die Funktion von Aufklärung, Transparentmachung und Wahrheitsfindung haben und haben sollen. Ich selbst bin unheilbar davon befallen: jedesmal bin ich von neuem empört, daß die Antifa keinen herrschaftsfreien Diskurs mit mir führen will.  Jebsen zitiert in seiner E-Mail den PR-Pionier Edward Bernays, den Autor des programmatischen Klassikers "Propaganda" aus dem Jahre 1928.  Darin heißt es etwa:

Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land.

Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben. Sie beeinflussen unsere Meinungen, unseren Geschmack, unsere Gedanken. Doch das ist nicht überraschend, dieser Zustand ist nur eine logische Folge der Struktur unserer Demokratie: Wenn viele Menschen möglichst reibungslos in einer Gesellschaft zusammenleben sollen, sind Steuerungsprozesse dieser Art unumgänglich.

Die unsichtbaren Herrscher kennen sich auch untereinander meist nicht mit Namen. Die Mitglieder des Schattenkabinetts regieren uns wegen ihrer angeborenen Führungsqualitäten, ihrer Fähigkeit, der Gesellschaft dringend benötigte Impulse zu geben, und aufgrund der Schlüsselpositionen, die sie in der Gesellschaft einnehmen. Ob es uns gefällt oder nicht, Tatsache ist, dass wir in fast allen Aspekten des täglichen Lebens, ob in Wirtschaft oder Politik, unserem Sozialverhalten oder unseren ethischen Einstellungen, von einer (angesichts von 120 Millionen US-Bürgern) relativ kleinen Gruppe Menschen abhängig sind, die die meisten Abläufe und gesellschaftlichen Dynamiken von Massen verstehen. Sie steuern die öffentliche Meinung, stärken alte gesellschaftliche Kräfte und bedenken neue Wege, um die Welt zusammenzuhalten und zu führen.

Die Kontrolle über die öffentliche Meinung ist also ein Machtfaktor ersten Ranges. Das ist freilich eine Binsenweisheit, weshalb sie auch immer wieder vergessen wird. In dieser Perspektive schrumpft allerdings auch die große heilige Kuh der Liberalen, die "Meinungsfreiheit", zu einer Schachfigur in einem Machtspiel. Wir alle kennen bis zur Ermüdung das fälschlicherweise Voltaire zugeschriebene Zitat, eines der dümmsten, das es überhaupt gibt: "Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, daß Sie sie sagen dürfen." Das ist ungefähr genauso unsinnig wie "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin", denn der Krieg kommt zu dir, und kein Mensch hat sein Leben jemals für die verhaßte Meinung eines anderen geopfert. Die diesen Satz zitieren, sind nicht diejenigen, die etwas opfern wollen, sondern immer diejenigen, die ihre Meinung gerade nicht sagen dürfen, und sie tun es aus taktischen Gründen, um an den Edelmut des Gegners zu appellieren.  Aber die allermeisten Menschen würden sich in der umgekehrten Position wohl nicht anders verhalten als zuvor ihre Gegner.

Klonovsky faßte dies einmal treffend zusammen:

Wir wollen nur mitdiskutieren, sagen die Linken, wenn sie an die Macht wollen. Mit Rechten diskutieren wir nicht, sagen sie, wenn sie an der Macht sind.

In diesen Zusammenhang gehört auch eine andere Bemerkung Klonovskys:

Mit großem Getöse verkündet der linke Buch- oder Zeitungshändler, dass er das "rechte Machwerk" nicht mehr feilbiete; geschähe dasselbe mit politisch umgekehrtem Vorzeichen (was merkwürdigerweise nie passiert, Rechte sind erstaunlich generös gegenüber linkem Geschreibs), er schriee Zeter, Mordio und Zensur.

Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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