Sezession
17. Mai 2012

Mit der Wurzel ausmerzen

Ellen Kositza

Von unserem Nachbarn zur Linken fiel vor Jahren, kurz nachdem wir hierher gezogen waren, mal die Aussage: „Was ihr sonst so treibt; angeblich, sag ich mal, das ist mir unheimlich. Damit will ich nichts zu tun haben. Aber wir können ja dennoch gute Nachbarn sein.“ Ein wahnsinnig wahrer Satz, weil er auf einer vollständigen Symmetrie beruht. Sprich: Wir sehen es umgekehrt genauso.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wie andernorts auch, ist hier heute Feiertag, Christi Himmelfahrt sagen wir, Männertag sagen die andern; und das ist gut mitteldeutsch eine vergleichsweise ehrliche Aussage, der westdeutsche „Vatertag“ ist ja ein erbärmlich euphemistischer Titel. Ob sich die Genderwissenschaften da mal drum kümmern könnten?

 Unser Nachbar zur Linken ist Mann und Vater, saufen geht er nicht. Er hat eine Gasmaske auf dem Gesicht, und die dient mitnichten als Fetisch. So ist er nicht, im Gegenteil.  Auf dem Rücken trägt er einen Plastekanister, in der Hand hält er eine Düse. Er geht konzentriert vor, wie ein Chirurg, nein, wie ein Kosmonaut, es ist jedenfalls keine unwichtige Mission. Es gilt, all das Zeug auszumerzen, das da in den Fugen des Kopfsteinpflasters vor seinem Anwesen sich breitzumachen droht. Schon wieder! Er hat wirklich alles ausprobiert. In früheren Jahren krochen er samt Frau, Mutter und Tochter mit Fugemessern in monatlichen Rhythmus, bei Regen auch mal häufiger, über die Katzenköpfe, um auszukratzen, was sich dort breitmacht, wo es defintiv nicht hingehört. Stundenlange Arbeitseinsätze! Hau weg den Unrat, Dein Name sei mir gleichgültig, ob Löwenzahn, Taubnessel oder wildes Veilchen, hier gehörst du nicht hin! Aber die Biester sind verdammt hinterhältig, kaum hast Du sie entdeckt, haben sie sich schon hinterrücks durch Samenabwurf vermehrt, alles wächst nach, nichts ist mit Ausrotten! Hätte man ihn gefragt, den Herrn Gründlich, er hätte Abhilfe gewußt: Warum braucht so ein Rittergutsplatz so ein olles Pflaster, wo leben wir denn? In der Steinzeit? Einmal Asphalt druff und Ruhe ist!

Im vergangenen Jahr kam im Mai ein strombetriebenes Infrarotgerät zum Einsatz, um das Kroppzeug gründlich zu bestrahlen. Zellzerstörung, klang verdammt gründlich! War erstens zu teuer (Leihgerät), zweitens kehrte ja dennoch keine Ruhe ein. Die Dinger sind nicht totzukriegen! Beeindruckend martialisch war hinterher der Einsatz mit dem Abflammgerät. Oder der Einsatz mit der Salzwassergießkanne, der exakt abgegrenzte weißliche Spuren hinterließ. Millimeterarbeit! Bis zur Grundstückgrenze und kein Haar weiter! Man kennt die Gesetze und hält sich dran. Doch der Schoß ist fruchtbar noch und läßt sich von Salz nur kurzeitig in die Schranken weisen. Jetzt also die Giftkanone. Der Enkel zieht mit, samt wichtigtuerischter Miene, die so ein Dreijähriger aufsetzen kann. Kindergasmasken gibt’s leider nicht, man muß solche Schutzmaßnahmen ja auch nicht übertreiben. Man wird eh sehen, Unkraut vergeht nicht, das verdammte Zeug wird wiederkommen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Wie verschieden die Geschmäcker doch sind! Wir finden unseren Hofteil schöner. Dieses Jahr macht sich in den Fugen sogar unangeforderter Lavendel breit. Dessen aromatische Teile sollen ja entspannend wirken.
Test


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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