Sezession
3. Juni 2012

Die Mannequins der Meinungsmache

Martin Lichtmesz

Meinungen müssen wie Kleider verkauft werden. Denn für die meisten Menschen ist das entscheidende Aneignungskriterium, ob man darin schick, modisch und sexy genug aussieht, um weiterhin zum In-Crowd zu gehören. Meinungen sind fast immer strategischer Natur. Man heftet sie sich an wie Orden, als Eintrittskarte, Intelligenzbescheinigung, "Good-Guy-Badge", Durchblicker-Button oder Clubausweis für garantiert obenauf schwimmende Nudelsuppenfettaugen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Analog dazu ist es eine beliebte und effektive Strategie, konkurrierende Meinungen möglichst dumm, schlecht, altbacken, überholt, häßlich, blamabel und hanswurstig hinzustellen, damit sie sich niemand mehr anziehen will. Die meinungsbildenden Intellektuellen posieren dabei als die Mannequins ihrer Weltanschauung, mit der Mission, die Welt dahingehend zu manipulieren, sich doch so schick und schneidig zu kleiden wie sie selber. Intellektuelle sind meistens narzißtische Persönlichkeiten, und als solche versiert im Betreiben von Statusspielchen.

Kaum war Sarrazins neues Buch erschienen, wurde es auch schon als schlechtsitzender Narrenanzug mit kleinen braunen Karos präsentiert: der Stern etwa stellte Sarrazin als Schwätzer, Geschäftemacher, Fetzenschädel und Maschenstricker hin, der sich mit "schrillen" Thesen wichtig mache, Reinhold Robbe (SPD) nannte ihn "schwachsinnig" , Trittin (Grüne) "unerträglich", Schäuble (CDU) sprach von "himmelschreiendem Blödsinn" und "verachtenswertem Kalkül", David Hugendick (Zeit) von "Ressentiments", Mely Kiyak bediente sich gar der Untermenschen-Terminologie und natürlich ist überhaupt die ganze Sache "populistisch", "krude" und "umstritten", man könne sich also damit keinesfalls in der Öffentlichkeit blicken lassen.

Nils Minkmar bediente sich der Methode in einer Fernsehkritik der FAZ, in der er den "coolen", nüchternen, logischen, unaufgeregten, taktisch überlegten, aufgeklärten, sachkundigen Peer Steinbrück gegen das multi-ignorante, schwammgefühlige "Vorurteils"-, Ressentiments- und Nervenbündel Sarrazin ausspielte.

Hier war es ganz gut, dass sowohl Steinbrück wie Jauch jede Schnappatmung unterdrückt haben und cool geblieben sind in ihren Fragen, Sarrazin wurde umso fahriger. Man muss das aber besprechen, auf diesem Gebiet hilft nur Präzision. Am Ende der Sendung stand der nach eigener Selbstdarstelllung so rationale, auf Fakten und Daten bezogene Fachmann als der eigentlich Sentimentale da, der seinen Vorurteilen und Emotionen freien Lauf lässt, wenn ein warmer Südwind weht. (...)

In Wahrheit wird auch dieses Buch von Sarrazin als eine versteckte Autobiographie zu lesen sein: Was wäre gewesen, wenn man mehr auf mich gehört hätte, wie leuchtend hell war es damals, als ich jung war und sofort. Viele sind in seinem Alter, teilen seine Nostalgie. Peer Steinbrück kommt das Verdienst zu, den Autor - sine ira et studio – wieder ins das richtige Bücherregal sortiert zu haben, denn keine politische Diagnostik hat er geschrieben, sondern melancholische Memoiren.

Ich habe "Europa braucht den Euro nicht" noch nicht gelesen, aber es reicht schon aus, sich die fragliche Günter-Jauch-Sendung anzugucken, um die ganze Skrupellosigkeit dieser Schreibe zu offenbaren. Die Show soll "fair" gewesen sein, so Minkmar, seine Berichterstattung ist dies aber kaum - er hebt die "Fairness" vor allem deswegen hervor, um den Vorwurf zu entkräften, Sarrazin setze sich (innerhalb der tonangebenden Klasse und unter "Experten") nicht durch, weil seine Meinung unterdrückt und ausgegrenzt würde. Dazu gehört komplementär die Unterstellung, der fleischgewordene Scirocco aus der Bundesbank setze sich ansonsten (unter seinen Millionen von Lesern und sonstigem Fußvolk) deshalb durch, weil er an niedere Instinkte wie "Emotionen" und "Vorurteile" appelliere.

Schwer zu sagen, ob Minkmar hier bei völligem Bewußtsein ein derart verzerrendes Bild malt, als schriebe er für die Sowjet-Prawda (also: lügt), oder ob sich da ein Film aus Wunschdenken zwischen sein Gehirn und die Fernsehröhre geschoben hat. Die erstaunliche linke Befähigung zur Autohypnose bedenkend tippe ich sogar eher auf letzteres. So wandeln sich jedenfalls die Diskreditierungsstrategien: vor einem Jahr noch war Sarrazin der kalte, zynische, fies sozialdarwinistische Technokrat, der uns die soziale Wärme und bunte Gemeinschaft rauben will, heute ist er weich, alt, emotional, sentimental, nostalgisch, melancholisch, regressiv und so weiter.

Warum eigentlich, und in Bezug auf was? Darüber gibt Minkmar keine klare Auskunft. Er behauptet einfach. Aus einer Kritik an den Grundverfehlungen der Euro-Politik wird dann ein privates Problem eines müden, alten Sarrazin und ein Beklagen der guten, alten Zeit, als noch die harte D-Mark über den Tisch rubelrollte. Oder das sentimentale, pennerhafte, verschnarchte, ewiggestrige Kleben am angeblich guten, alten, demokratischen Nationalstaat, während die Zukunft doch einer modernen, weltoffenen, flexiblen, unsentimentalen, vom nationalen Ballast befreiten, europäischen Geldtransferunion gehört.

Das erinnert alles verdächtig an den alten Vorwurf des "Jammerns" an die Konservativen, der ebenfalls aus dem Arsenal des "Shaming, Blaming, Naming" stammt, und kritische Äußerungen als lächerlich und schwächlich hinstellen soll. Indesse bekomme ich bei der Lektüre Minkmars Lust, einmal eine Art Apologie des "Jammerns", der Nostalgie, der "Vorurteile" und der Sentimentalität zu schreiben, und eine schamlos-unkritische Hymne darauf, daß "früher alles besser war". Eine Verteidigung "mißachteter Dinge" à la Gilbert Keith Chesterton:

Es heißt immer, man könne die Uhren nicht zurückdrehen. Aber wenn sie falsch gehen, kann man genau das machen: sie zurückdrehen.

Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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