5. Juni 2012

Unter Geächteten – noch ein Nachtrag

Gastbeitrag / 7 Kommentare

 Es rief, und alle kamen: von Süden, von Westen, aus dem Herzen Deutschlands und aus seiner lahmen Hauptstadt, und es war, als sei ein geheimer Befehl an die jungen Männer ergangen, der sie wegrief von ihren Studiengängen und Trinkrunden.

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Man stieß auf den schnurgeraden Landstraßen beinahe zusammen, und erkannte sich am Stil, denn die Sicht war weit und der Blick war klar, und man wußte, daß dort, wo es sich drängte und kreuzte, die Gefahr am größten sein würde. Aber alles fand sich, und bald gingen Rufe hin und her durch den Gastraum: „Du auch hier?“ – „Ja, auch ich, ich auch wieder mit dabei!“

Dann ging das Gerücht, daß Jünger selbst anwesend sei, und ein Hurra brandete auf, als man ihn auf einem der geteerten Feldwege in die wogende Weite eines Wintergerstefeldes auf subtile Jagd ausgehen sah. Halb verschwand er in einem Graben, als ein Wagen der Unseren in rascher Fahrt zum Treffpunkt eilte, aber dann sah man ihn wieder und prostete ihm aus der Ferne zu: „Du abenteuerliches Herz, das, an unsichtbaren Fäden gezogen, den Weg zu uns fand!“

Später im Saal, als die Machtfrage gestellt wurde, war die Entscheidung schon gefallen. Wir waren ausgezogen, um an den Bruchlinien Wacht zu halten, aber der Bodensatz verspottete uns, während die Bürger Gewinn und Verlust sinnenden Hauptes erwogen. Hatte uns der Staat auch verraten, hatte uns das Volk auch verkannt – Deutschland wußte um uns, Deutschland war da, wo wir waren, lebte, wo wir lebten, glühte, wo wir um jedes Wort, jede Deutung, jede Stimmung rangen, und was am Ende den Tumult auslöste, war uns einerlei, als wir uns über die anderen warfen und sie mit Stühlen einkeilten, um Genugtuung zu fordern.

Selbst Jünger, der mit kaltem Blick die Ringenden wie Käfer studierte, geriet noch in Bedrängnis. Dann war es Thorsten, der uns Einhalt gebot und in die Stille hinein die Frage stellte: „Sind wir nicht alle Geächtete?“

Dem konnte keiner widersprechen, und als sich zaghaft noch eine Stimme aus der Mitte vernehmen ließ, wurde sie zum Schweigen gebracht.


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Kommentare (7)

Saxnot
5. Juni 2012 09:39

"Mögen wir niemals so alt werden, daß wir das rechte Lachen verlieren über die Taten derer, die plötzlich als Taugenichtse auf und davon gingen, weil ihnen die Bücher den Kopf verdrehten. Mögen wir im Gegenteil immer bei denen sein, die eines Morgens ausziehen, fest in den Steigbügeln und mitten in die Sonne hinein, mit dem festen Glauben an sich und die Schatzkammern der Welt. Von solchen zu hören, von ihrer Begeisterung, ihrem Kampf und Untergang, kann man nicht müde werden. Was ist dagegen der Erfolg, den der Krämer mit der Elle mißt?"

Unke
5. Juni 2012 10:11

Nun, so richtig geht dieser Text nicht an mich ran; vielleicht, weil er zu kurz ist (um was es geht es dort etc.), vielleicht auch weil ich (selbst im betrunkenen Zustand) zu nüchtern für solche Elogen bin.
Letzteres hat einen Grund: ich komme aus Verhältnissen, aus denen früher Schlagetots, Landsknechte oder Auswanderer rekrutiert wurden. Folglich geht es mir persönlich primär um Möglichkeiten zu prosperieren (optimalerweise in einem preussisch-freien Umfeld à la Singapur) und darüber letztlich auch sich zu emanzipieren (was zwar nicht zwingend gegen Stände oder Adel spricht, wohl aber z.B. gegen klerikal dominierte Gesellschaften wie einige islamische Staaten).
Wenn man unsereinem mit "Vaterlandsliebe" oder "Patriotismus" kommt weiss man, dass es wieder mal 5 nach 12 ist: das Land wurde wieder mal heruntergewirtschaftet, und nun "darf" der Untertan wieder einmal Opfer bringen.
Tja.
Euroland ist abgebrannt und ich denke durchaus "global" darüber nach wie es weitergehend. Wir sind hier hoffnungslos verbonzt und die Nichtbonzen streben unweigerlich der Verarmung zu (wenn sie es nicht schon sind); das wird nichts mehr.

Johannes
5. Juni 2012 11:13

Sehr schön geschrieben! Kreuzten Oswald S. und Filipo Tommasso Marinetti auch die Wege des Anarchen auf dem Felde - in der Flur verblassenden Asphalts futuristische Autorennen abhaltend - ganz dem kriegerischen Geiste des Eisernen Zeitalter zugetan?

Martin Höfer
5. Juni 2012 12:46

Großartig! Der Ton ist getroffen, die Bilder sprechend. Mußte lachen, während ich am Schreibtisch sitze und Arbeit verrichte, für die es leider nur Verstand und kein Herz braucht, während meine Gedanken in den "nahen Osten" zu einem sagenumwobenen Rittergut fliegen. Weitermachen!

zentralwerkstatt
5. Juni 2012 13:07

Wer ächtet wen und wer hat Grund dazu?

Die Schäbigen sind leicht auszumachen. Diebstahl ist NIE gut, genauso wie Mord nie gut ist. Es sind Verbrechen. Die das begehen, sind Verbrecher.

Eine politisch organisierte Bande bereichert sich über den Ausverkauf unserer Heimat. Und wir lassen es geschehen, sehen dem Mottenfraß an unserem Land zu und flüchten uns in ein Deutschland im Herzen...

Das wahre Deutschland liegt aber in Mitteleuropa, ein Landstrich, dessen benachbarte Verlierermächte es wieder einmal zum Vorhof der Hölle werden lassen. Und wir lassen geschehen.

RG
5. Juni 2012 15:44

Sommernachtsträume? Gespenstersonaten? Geisterseher?

Oder schöpfen wir unsere Poesie jetzt aus der Vergangenheit? Und jeder borgt sich das Kostüm eines teuren Toten. Mal sehn, dann komme ich ...vielleicht als Gottfried Benn.

erwalf
5. Juni 2012 17:58

Liebe Sezession!
Ernst von Salomon kam in den Knast für mehr als nur Gedanken. Ich dagegen bin nur ein kleiner Amerikanischer-Bürgerkriegs-Leugner. Weißt Du vieleicht, ob man dafür heute in unserem freihesten Staat, den es ja auf deutschem Boden gab, strafrechtlich belangt werden kann. Falls ja, stelle ich natürlich sofort das Leugnen ein und gehe auf des Anarchen Spuren Wald- und Felderwandern. Dir aber wünsche ich für die Zukunft viel Macht zum Wohle des deutschen Volkes!

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