Paläokonservative Punkrocker

Noch mehr Punkrock vu de droite: letzte Woche schrieb Claus Wolfschlag im Blog der JF über das Trash-Magazin Vice, dem Zentralorgan des internationalen hedonistischen Hipstertums, und seiner recht trüben Klientel, die sich an einer unappetitlichen Mischung aus Freakshow, ironisch-schicker Pose und Dauerparty delektiert.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Da mag es über­ra­schen, daß einer der Mit­be­grün­der von Vice, Gavin McIn­nes, heu­te Sei­te an Sei­te mit Kali­bern wie Pat Buchanan und Paul Gott­fried in dem “paläokonservativ”-libertären Netz­ma­ga­zin Taki­mag schreibt. Sei­ne Bei­trä­ge atta­ckie­ren mit viel Witz die “Poli­ti­cal Cor­rect­ness”, aber nicht aus blo­ßem Zynis­mus oder Lan­ge­wei­le her­aus, wie etwa bei Vice üblich ist, son­dern auf der Grund­la­ge eines sym­pa­thi­schen Com­mon sen­se und einer ech­ten, weil geer­de­ten Libe­ra­li­tät, wie etwa die­ser klu­ge Arti­kel gegen Abtrei­bung zeigt.

Lesens­wert ist auch die­ser (frei­lich augen­zwin­kern­de) Arti­kel, war­um “Punk­ro­cker gute Kon­ser­va­ti­ve abge­ben”, in der McIn­nes die Lebens­lek­tio­nen sei­ner wil­den Jah­ren reka­pi­tu­liert: ein jugend­li­cher Pun­ker gewe­sen zu sein, sieht er als her­vor­ra­gen­des Trai­ning, um spä­ter ein “ver­nünf­ti­ger, liber­tä­rer, paläo­kon­ser­va­ti­ver Erwach­se­ner” zu werden.

Als frei­wil­li­ger “Freak” habe er etwa gelernt, sich gegen den Druck von Gedan­ken­po­li­zis­ten zu immu­ni­sie­ren, und die Angst zu ver­lie­ren, wegen sei­ner abwei­chen­den Mei­nung zum sozia­len Außen­sei­ter zu wer­den. Die Melo­die der Anti­kriegs­lie­der aus den Acht­zi­ger Jah­ren fin­det er in den Anti-Inter­ven­ti­ons-Arti­keln von Pat Buchanan wie­der, außer­dem sei­en sich Punks und Paleo­cons dar­in einig, daß der Staat nicht zuviel Macht haben soll, und daß es gut ist, wenn jeder nach sei­ner Façon selig wird und die ande­ren in Ruhe läßt, woge­gen Lin­ke (im Ame­ri­ka­ni­schen “libe­rals”) und Neo­cons stän­dig die gan­ze Welt umer­zie­hen wollen.

Es sei auch nicht die schlech­tes­te Erfah­rung gewe­sen, im Selbst­ver­such aus­pro­biert zu haben, daß “Anar­chy & Peace” ein reich­lich nai­ver Slo­gan ist, und zu erken­nen, daß auch “Gewalt ihren Platz” hat. Aus kon­ser­va­ti­ver Sicht ist ers­te­res frei­lich noch unter­trie­ben: in Wirk­lich­keit tre­ten Frie­den und Anar­chie meis­tens als Gegen­sät­ze auf, bedingt durch die Natur des Men­schen, der sei­ne Frei­heit lei­der ger­ne zu aller­lei häß­li­chen, unfried­li­chen Din­gen mißbraucht.

Das vor­aus­ge­schickt, möch­te ich hier einen Text einer mei­ner Lieb­lings­bands aus dem Gen­re zitie­ren. Crass (1977–1984) waren Ultra­lin­ke, die eben­falls an “Anar­chie und Frie­den” glaub­ten, die sie in einer eige­nen Kom­mu­ne ver­wirk­li­chen woll­ten. Sie ent­wi­ckel­ten einen unver­kenn­ba­ren, optisch kraft­vol­len Agit­prop-Stil, der an die Col­la­gen von John Heart­field erin­nert, und schrie­ben eine Men­ge sehr guter Songs, die zum Teil weit über das übli­che Drei-Akkord-Geschram­mel hin­aus­gin­gen und kom­plex struk­tu­riert waren. Ihr bes­ter Titel ist wahr­schein­lich die Hym­ne  “Bloo­dy Revo­lu­ti­ons”, eine sati­ri­sche Absa­ge an die “revo­lu­tio­nä­re” Lin­ke, ins­be­son­de­re die Kom­mu­nis­ten, die expli­zit mit den Nazis gleich­ge­setzt wer­den. Crass woll­ten mit dem radi­ka­len Anar­chis­mus ernst­ma­chen, und wie­sen fol­ge­rich­tig auch jeg­li­che Macht­an­sprü­che von Links ent­schie­den zurück.

Und nach­dem ich mir neu­lich erlaubt habe, Karl­heinz Weiß­mann mit John­ny Rot­ten kurz­zu­schlie­ßen, so also dies­mal Ste­ve Igno­rant mit mir sel­ber.  In einem 3sat-Bericht über die “Sezes­si­on” wur­de behaup­tet, ich “träu­me” von einer “Revo­lu­ti­on von Rechts” (was auch immer das sein soll). In Wirk­lich­keit habe ich dem Inter­view­er das genaue Gegen­teil gesagt (dies war nicht die ein­zi­ge gro­be Ver­fäl­schung in dem Bericht), und es ist das­sel­be, was ich auch immer den Kata­stro­phen­rech­ten und Mau­re­ta­ni­ern sage, die glau­ben, daß mit sich dem gro­ßen Crash ihr Blatt end­lich zum Guten wen­den wer­de, und es ist selbst­ver­ständ­lich und vor allem das­sel­be, was ich mir den­ke, wenn ich mal wie­der mit lin­kem “Revolutions”-Gequatsche und sons­ti­gem Uto­pis­mus kon­fron­tiert bin – und unge­fähr das­sel­be wie eben Crass in “Bloo­dy Revo­lu­ti­ons” san­gen, minus dem pazi­fis­ti­schen Anar­chis­mus, den ich zwar sym­pa­thisch, aber heil­los illu­so­risch finde.

Hier also mei­ne Lieb­lings­zei­len aus dem Text, über­setzt ohne die Rei­me des Ori­gi­nals (denn soweit reicht mei­ne Artis­tik heu­te abend lei­der nicht):

Du redest von dei­ner Revo­lu­ti­on, na wie toll,
aber was wirst du tun, wenn es soweit ist?
Den gro­ßen Macker mit der Maschi­nen­pis­to­le spielen?
Von Frei­heit spre­chen, wenn das Blut zu flie­ßen beginnt?

Du redest davon, die Macht mit Gewalt zu stürzen,
von Befrei­ung, und daß die Men­schen herr­schen sol­len (Wort­spiel: peop­le= Volk, Menschen)
Sind das etwa kei­ne Men­schen, die jetzt herr­schen, was wäre denn der Unterschied?
Nur eine ande­re Sor­te von Bigot­ten, die mit dem Gewehr auf mich zielt.

Und was ist mit den Men­schen, die eure neu­en Restrik­tio­nen nicht wollen?
Die euch wider­spre­chen und ihre eige­nen Über­zeu­gun­gen haben?
Ihr sagt, sie lie­gen falsch, weil sie nicht eurer Mei­nung sind,
nun, wenn die Revo­lu­ti­on kommt, wer­det ihr sie ihnen schon einhämmern.

Du sagst, die Revo­lu­ti­on wird uns allen die Frei­heit bringen,
Aber Frei­heit ist nicht Frei­heit, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht.
Wirst du die Mas­sen dann indok­tri­nie­ren für dein neu­es Regime?
Und die bei­sei­te schaf­fen, deren Ansich­ten zu extrem sind?

Es ist die alte Geschich­te, der Mensch zer­stört den Menschen,
wir müs­sen nach ande­ren Ant­wor­ten auf die Pro­ble­me die­ses Lan­des suchen!
Sie scheint ja so ein­fach zu sein, die Revoluzzerspielerei
wie schnell sieht das anders aus, wenn der Spaß vorbei!

Dei­ne intel­lek­tu­el­len Theo­rien, wie es kom­men wird,
schei­nen mir ziem­lich rea­li­täts­fern zu sein.
In Wahr­heit bedeu­tet dein Gere­de bei einem Gläs­chen Bier
Schmerz und Tod und Lei­den, aber das ist dir egal.

Dafür bist du hart genug, was Mao kann, kannst du auch
Was ist schon die Frei­heit von uns allen gegen das Lei­den ein paar weniger?
Die­se Art von Selbst­täu­schung hat zehn (sic) Mil­lio­nen Juden getötet,
Es ist die­sel­be fal­sche Logik, derer sich alle Macht­ha­ber bedienen.

Denk also nicht, du könn­test mich täu­schen mit dei­nen poli­ti­schen Tricks,
Rechts oder Links, rutscht mir den Buckel run­ter mit eurer Politik
Regie­rung ist Regie­rung und jede Regie­rung bedeu­tet Gewalt,
Links oder Rechts, Rechts oder Links, das ist am Ende einerlei,

Unter­drü­ckung und Restrik­tio­nen, Herr­schaft und Gesetz,
Der Griff nach die­ser Macht, das ist alles, wor­um es geht.
Du roman­ti­sierst dei­ne Hel­den, zitierst Mao und Marx,
Nun, ihre Ideen von Frei­heit bedeu­ten heu­te nur mehr Unterdrückung

Sovie­le Tote haben sie ver­schul­det, aber nichts hat sich verändert
Es ist das­sel­be alte faschis­ti­sche Spiel, nur die Regeln blei­ben unklar
Nichts ist wirk­lich anders, alle Regie­run­gen sind gleich,
Sie nen­nen es Frei­heit, und mei­nen Sklaverei!

Test

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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