06. Juni 2012

No Future?

von Martin Lichtmesz / 17 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

1977 feierte Großbritannien das 25. Thronjubiläum von Queen Elizabeth II. Es war auch das große Blütejahr der Punkrockbewegung. Die zu diesem Zeitpunkt tonangebenden Sex Pistols brachten als kalkulierte Provokation die Single "God Save The Queen" heraus, die trotz Boykott der BBC rasch die Hitlisten anführte: "Gott schütze die Königin und das Faschistenregime, das dich zum Volltrottel gemacht hat..."

Der Song wurde zur Hymne einer ganzen Generation, besonders wegen des berühmten pessimistischen Slogans, der ihn beschloß:
There is no future
In England's dreaming -

No future, no future,
No future for you!
No future, no future,
No future for me!

No future, no future,
No future for you!
No future, no future
For you!

Zumindest was die Queen und das britische Königshaus betrifft, die in erster Linie mit dem "You" gemeint waren, haben sich die Sex Pistols offensichtlich geirrt. Elizabeth, die die Langlebigkeit der legendären Queen Mum geerbt hat, geht inzwischen auf die Neunzig zu und feierte kürzlich ihr diamantenes Thronjubiläum. Diesmal rotzten keine Punkrocker und Avantgardefilmer in die Suppe, stattdessen fand sich der Rock- und Popadel Großbritanniens beinah geschlossen zur unkontroversen Huldigung ein, vorzugsweise freilich die "Oldies", von Paul McCartney bis zum unvermeidlichen Elton John. Ohne Zweifel: die Briten lieben mehrheitlich ihre Monarchie, wie auch die rege Anteilnahme an Prinz Williams Hochzeit im letzten Jahr zeigte.

Die Bedürfnisse, die die monarchischen Feierlichkeiten befriedigen, haben allerdings wohl eher mit Nostalgie und Realitätsflucht als mit Zukunftszugewandtheit zu tun. Denn letztere sieht für die Briten momentan ebensowenig rosig aus wie die Gegenwart. Die Sex Pistols verhöhnten das Königshaus zwar schon 1977 treffend als Touristenattraktion, dennoch erfüllt es weiterhin eine gewisse Rolle als Repräsentant für die überzeitliche Kontinuität und die übergeordnete Idee der Nation. Die meisten Briten würden diese Dinge freilich nicht so abstrakt formulieren. Sie sehen wohl in erster Linie den blendenden Glamour und das Spektakel der Parallel- und Gegenwelt der Reichen und Schönen, die zugleich auch für Tugendhaftigkeit, Vorbildwirkung, Sicherheit und Dauer einstehen sollen. Umso gieriger und schadenfroher lauert man allerdings auf ihre Laster, Fehltritte und Allzumenschlichkeiten.

Indessen dient die britische Monarchie heute über weite Strecken als bloßes Opium fürs Volk, und das nicht nur auf dem Unterhaltungssektor der Klatschpresse. Auch die nationale Kontinuität, die sie suggeriert, ist nicht viel mehr als eine optische Täuschung und Beruhigungspille für die Massen. Denn seit Elizabeths Krönung hat sich das Land auf eine radikale Weise geändert, wie es sich in den Fünfziger Jahren kaum jemand vorstellen konnte. Kann man ernsthaft sagen, daß dies überwiegend zu seinem Guten geschehen sei? Es scheint zum Beispiel, daß gerade das, was die "Britishness" des Landes ausgemacht hat, heute immer mehr zum fernen Traum von Vorgestern wird.

Viele Engländer, die unter dem Chaos, der Unsicherheit und der Zersplitterung der gegenwärtigen Gesellschaft leiden, denken an die Vergangenheit mit einem zunehmenden Gefühl wehmütiger Verklärung zurück. Der ehemalige Smiths-Sänger Morrissey, selbst ein Kind der Punkrockgeneration, hat diesen Verlust des Britisch-Eigenen des öfteren öffentlich beklagt. In seinem Hit "Irish Blood, English Heart" (2004) plädierte er gar dafür, nicht nur die Tory- und Labour-Partei, sondern gleich die ganze korrupte "Royal Line" abzusetzen, und zwar gerade aus Liebe zu England. Sogar Sex Pistols-Kopf Johnny Rotten (alias Lydon) gab seiner "No Future"-Hymne später eine durchaus patriotische Deutung:
 Man schreibt einen Song wie ‚God Save the Queen‘ nicht, weil man die englische Rasse (sic!) haßt, sondern weil man sie liebt. Und weil man die Nase voll davon hat, wie sie mißhandelt wird...

Über den Wandel der "Britishness" seit Elisabeths Thronbesteigung schrieb FAZ-Korrespondentin Gina Thomas:
England sei ein Land, das sich mit wenig zufrieden gebe, berichtete der 1933 aus Göttingen geflohene Kunsthistoriker Nikolaus Pevsner seiner Frau und fluchte über die ungeheizten Häuser. Ausländer besäßen eine Seele, die Engländer stattdessen Understatement, witzelte der ungarische Humorist George Mikes. Der deutsch-jüdische Beirat riet Emigranten aus Hitler-Deutschland zur Diskretion: „Der Engländer legt sehr viel Wert auf Bescheidenheit, Understatement und Unauffälligkeit in Kleidung und Benehmen. Er schätzt gute Manieren weit mehr als sichtbare Beweise des Wohlstandes.“

Ein klassisches Beispiel dafür liefert das Jahresheft eines der führenden Jungeninternate, das Anfang der vierziger Jahre in der Rubrik über ehemalige Schüler zu Archibald Wavell, damals Oberbefehlshaber der britischen Armee im Nahen Osten, schrieb, er habe „seine Sache in Nordafrika gut gemacht“. An dieser Grundhaltung hatte sich im Krönungsjahr nichts geändert. Sie ging mit einer heute kaum vorstellbaren materiellen Bescheidenheit einher: Bis 1961 lag der Höchstlohn für Fußballspieler bei zwanzig Pfund in der Woche; George Cohen, der rechte Außenverteidiger der siegreichen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft von 1966, erinnerte sich später, wie peinlich es ihm mit siebzehn gewesen sei, fünfzig Pfund netto im Monat nach Hause gebracht zu haben, wo der Vater für eine Vierzigstundenwoche bloß zehn bis zwölf Pfund brutto verdiente.

Der durchschnittliche Hauspreis betrug im Krönungsjahr 2000 Pfund. Inzwischen ist er landesweit auf mehr als 160 000 Pfund eskaliert und liegt in London mit 360 721 Pfund außerhalb aller Möglichkeiten normal verdienender Erstkäufer.

(...)

Als Elisabeth II. den Thron bestieg, gab es noch die Todesstrafe, Homosexualität war verboten, Theater wurde zensiert, und die Luft war derart verpestet, dass die Smogkatastrophe vom Dezember 1952 12 000 Londoner das Leben kostete. Damals kamen 4,8 Prozent der Kinder unehelich auf die Welt, heute beträgt die Zahl 46,8 Prozent. 1952 wurden 33 922 Ehen geschieden, 2010 hatte sich diese Zahl mehr als verdreifacht. Frauentaillen waren damals wegen der anstrengenderen Hausarbeit fünfzehn Zentimeter schmaler, und das Pfund von 1952 wäre jetzt 24,34 Pfund wert.

Über die Todesstrafe läßt sich streiten, der Zensur, dem sinnlosen Verbot der Homosexualität, und der Umweltverpestung muß man nicht nachtrauern - der erschreckende Zerfall der Familie und der wirtschaftlichen Kaufkraft läßt allerdings auch für die Zukunft nichts Gutes erwarten.
Test

Besonders aufhorchen läßt aber dies:
Mit der immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich, mit Macht und Ungleichheit im heutigen Britannien befasst sich auch Ferdinand Mounts Betrachtung „The New Few or A Very British Oligarchy“, die umso mehr auffällt, als der Autor ein ehemaliger Mitarbeiter Margaret Thatchers und Konservativer ist. Er bezeichnet Britannien am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts als „eine schwabbelige, korrodierte Art von liberaler Demokratie, in der die Oligarchen freien Lauf genießen“.

Er führt die unselige Konzentrierung von Macht und Reichtum in den Händen einer kleinen Elite auf die Entmännlichung von Wählern und Aktionären zurück, auf die schwindende Bedeutung des Parlaments und die Degradierung der kommunalen Politik, mit der Folge, dass Regierung und Vorstandsetagen in eine Art parallele Welt abgedriftet seien, wo finanzielle und politische Macht eins werden und Firmenchefs sich das Vielhundertfache des Durchschnittsgehalts ihrer Angestellten gönnen, selbst dann, wenn die Unternehmensleistung es nicht rechtfertigt. Mount zählt zwei von der Allgemeinheit losgelöste Gruppen - oben die Oligarchen, unten die machtlose Unterklasse -, wodurch die Gesellschaft gebrochen sei wie nie zuvor.

Diese Machtkonzentrierungen sind ein europaweiter Trend: die Parlamente und demokratischen Kontrollinstanzen werden zunehmend entmachtet, zugunsten oligarchischer Eliten, die nur mehr sich selbst verpflichtet sind. Das britische Königshaus liefert dazu nicht mehr als eine hübsche, trügerische Fassade. Was Thomas nicht erwähnt, ist der Zusammenhang dieser Entwicklungen mit der zum Teil erheblich fortgeschrittenen Multikulturalisierung und demographischen Umwandlung des Landes, die unter anderem schwere Kriminalität, progressive Islamisierung und bürgerkriegsschwangere Brandherde mit sich gebracht haben.

Die Labourpartei hat sich in diesem Spiel zu einem der ärgsten Feinde ihrer traditionellen Wählerschicht gewandelt, der weißen englischen Arbeiterklasse, deren Mißhandlung einst Johnny Rotten so empörte und in deren Namen er gegen das System protestierte. So wurde etwa 2009 bekannt, daß Labour unter Tony Blair absichtlich die Einwanderung nach England forcierte, um den gegnerischen Parteien das Wasser abzugraben.

Im Dezember letzten Jahres habe ich über den Fall einer offenbar mental nicht ganz stabilen Frau aus der Unterschicht berichtet, die aufgrund mitgefilmter "rassistischer" Ausfälle zunächst per Twitter öffentlich gemobbt (unter aktiver Beteiligung von Labour-Chef Miliband) und schließlich verhaftet und vor Gericht gestellt wurde. Dabei hatte auch sie nur in Punkrockmanier ihren persönlichen "No Future"-Frust artikuliert:  "My Britain is fuck-all now."

Inzwischen wurde eine weitere Frau wegen eines ähnlichen Vorfalls zu 21 Wochen (!) Haft verurteilt. Schon kleine Kinder werden auf der Insel von oben her unter Druck gesetzt und eingeschüchtert, wenn sie Rassenunterschiede auch nur bemerken. Die Liste dieser orwellianischen Maßnahmen ist lang. Je "diverser" Großbritannien wird, umso massiver werden sie eingesetzt, und umso mehr beherrscht das Phantom des "Rassismus" den öffentlichen Diskurs (ähnlich wie in Obamas Vereinigten Staaten, die sich eher "hyperracial" als "postracial" entwickeln.)

Es gilt hier zu erkennen, daß die "political correctness" genau dort gedeiht, wo nach Ferdinand Mount eine „schwabbelige, korrodierte Art von liberaler Demokratie" herrscht, "in der die Oligarchen freien Lauf genießen“, und daß sie eben diesem System zum Machterhalt dient und darum von ihm gefördert wird.

Letzten August schrieb Karlheinz Weißmann auf diesem Blog über die Diskussionen, die den Krawallen in London-Tottenham und anderen Städten folgten:
... überraschenderweise geht es endlich einmal nicht um Diskriminierung und Ungleichheit, um die armen Opfer ohne Schulabschluß und Plasmabildschirm, um die Notwendigkeit, noch mehr Verständnis zu haben, mehr Pädagogen zu schicken und mehr Geld in Stadtviertel zu pumpen, die längst zu no go areas geworden sind, sondern um den Skandal jenes ungeheuren Zerstörungsprozesses, den das Establishment zu verantworten hat, das sich auf seine politische Korrektheit so viel zu gute hält, wo letztlich kein Unterschied mehr ist zwischen Labour und Liberal und Tory, und das es fertig gebracht hat – ganz ohne Krieg und Pestilenz – eine Gesellschaftsordnung an den Rand der Katastrophe zu führen.

Herr Dr. Weißmann, der im Gegensatz zu mir vermutlich kein Sex Pistols-Fan ist, wird mir hoffentlich verzeihen, wenn ich ihn zum Abschluß mit Johnny Rotten/Lydon kurzschließe:
Diese Textzeile ,no future‘ ist prophetisch gemeint: Wenn du deine Zukunft nicht selbst in die Hand nimmst, dann wirst du auch keine haben – so einfach ist das.

Test

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (17)

Daniel
06. Juni 2012 08:15
Eine kleine Anektode darüber, wie sehr sich die Zeiten innerhalb Lissis Regentschaft geändert haben: in den frühen 1950er Jahren unternahm die Königin eine Reise durch ihr englisches Reich und befand im Anschluß daran, sie hätte den Eindruck sich nicht mehr in England zu befinden, so viele Schwarze und andere Fremdvölker aus den Kolonien hatte sie dabei angetroffen. Die damalige Regierung reagierte umgehend und startete ein Abschiebungsprogramm, das aber offenbar nur vorübergehend Ergebnisse zeigte. Ob irgendjemand zu dem aktuellen Jubiläum daran erinnert?

Sorry, aber die Quelle hierzu kann ich nicht mehr nennen, ich fand das vor 10 Jahren während einer Recherche zum Islam in einem Buch in der hiesigen Uni-Bibiliothek.
Sixty
06. Juni 2012 10:10
Wieder mal ein Beitrag von Martin Lichtmesz, der mir sehr gefällt.
Als jemand, der auch den klassischen Punkrock und Britpop à la Oasis oder Blur mag, kann ich seine Ausführungen nur unterstreichen.
Maggie Thatcher hat auch viel Schlimmes angerichtet (die Gewerkschaften waren sicherlich zu mächtig in GB, aber sie hat es mit dem dann folgenden Sozialabbau viel zu weit getrieben, dafür ist sie auch vollkommen zu Recht kritisiert worden). Aber verglichen mit dem, was Blair&Co. den Briten später zugemutet haben, insbesondere die Multikulti- und Political Correctness-Exzesse, die M.L. auf Seite 2 sehr treffend beschreibt, war sie noch vergleichsweise harmlos:

"Die Labourpartei hat sich in diesem Spiel zu einem der ärgsten Feinde ihrer traditionellen Wählerschicht gewandelt, der weißen englischen Arbeiterklasse, deren Mißhandlung einst Johnny Rotten so empörte und in deren Namen er gegen das System protestierte. So wurde etwa 2009 bekannt, daß Labour unter Tony Blair absichtlich die Einwanderung nach England forcierte, um den gegnerischen Parteien das Wasser abzugraben."

Dem ist nichts hinzuzufügen.
Zadok Allen
06. Juni 2012 10:27
Eine kleine Sprachkritik:

Diese Dame ist nicht "die Queen" und auch nicht "Queen Elizabeth II.", sondern die Königin von England (und Schottland), und es schadet auch nichts, sie Elisabeth zu schreiben und auszusprechen. Auch klingt es mir nach der peinlichen Anglophilie der Gossenpresse, wenn das "englische" Königshaus (i.e. Sachsen-Coburg-Gotha) stets und ständig als "die Royals" bezeichnet wird.

Dabei lacht mir bei dem englischen Lexem "queen" eigentlich das Indogermanistenherz im Leibe: es handelt sich nämlich um die Kognate (das Schwesterwort) zu gotisch qino (Weib), griechisch gyné (dass.), russisch žená (dass.). Grundbedeutung: die Erzeugerin, die Hervorbringende.
Ein Fremder aus Elea
06. Juni 2012 10:31
Ich finde auch Agatha Christie's Haltung zu diesem ganzen Themenkomplex ganz interessant. Eine Weile hat sie offenbar mit einer Restauration geliebäugelt, aber schließlich aus einer Mischung aus Pietät und Vertrauen auf die Jugend heraus den Wandel akzpetiert.

Insbesondere "One, Two, Buckle My Shoe" ist vor diesem Hintergrund geschrieben worden, und zwar bereits 1940.
Toni Roidl
06. Juni 2012 11:03
Immer wieder erstaunlich, wie viele Punkrocker aus der Ära der 1980er man heute im rechtskonservativen Lager antrifft. Ich gehöre auch dazu.

M.L.: Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel von Gavin McInnes auf Takimag: Why Punk Rockers Make Good Conservatives
Martin Lichtmesz
06. Juni 2012 11:40
Ach, die gute alte Agatha Christie.... die hat als erste mein Bild von England geprägt. Die war aber zu ihrer Zeit schon sehr nostalgisch gestimmt. Später kamen dann für mich unter anderem The Who und Monty Python's dazu. Britishness at its best sind auch die wunderbaren Filme von Michael Powell und Emeric Pressburger, A Canterbury Tale, I Know Where I'm Going, A Matter of Life and Death, Colonel Blimp,... auch die kann man sich heute kaum mehr ansehen als unter Schmerzen.
Christoph Nahr
06. Juni 2012 11:43
Agatha Christie ist ein interessanter Fall. In ihren Poirot-Geschichten aus den 1930er und 40er Jahren behandelt sie Deutschland mit einer gewissen wohlwollenden Neutralität und läßt sich durchaus nicht zu patriotischer Propaganda hinreißen.

Das ist jedoch in der britischen TV-Verfilmung mit David Suchet ab 1989 komplett umgedreht. Nun springen böse deutsche Nazis aus jeder Versenkung, aus englischen Bomberplänen werden Pläne für einen Abfangjäger gegen deutsche Bomber (!), und die von Christie oft mit witzigen Sticheleien geschilderten Ausländer oder Juden sind entweder komplett entfernt oder in Sympathieträger umgeschrieben, die unter ungerechten Vorurteilen leiden. Außer natürlich Deutsche, die sind jetzt immer alle extraböse Unsympathen.

Diese schreiende Propaganda-Umdichtung hat mir die Lust an der Serie recht schnell vergällt, trotz Suchets hervorragendem Poirot. Glücklicherweise leidet die TV-Serie "Sherlock Holmes" mit Jeremy Brett nicht unter solchen Verfälschungen.
Johannes P.
06. Juni 2012 12:11
Verboten war natürlich nicht die Homosexualität (was ist das überhaupt?), sondern die Sodomie. Es bleibt mir schleierhaft, wie man im selben Atemzug ein solches Verbot als sinnlos bezeichnen und die "Entmännlichung" der Gesellschaft und den Verfall von Ehe und Familie beklagen kann. Der rechtsphilosophische und pädagogische Nutzen, der von diesen Verboten ausging, scheint mir unbestreitbar. Wo sie fallen, ziehen Verwirrung und Zügellosigkeit ein, und die grundlegendsten Fakten der menschlichen Natur werden verspottet.
Toni Roidl
06. Juni 2012 12:28
»M.L.: Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel von Gavin McInnes auf Takimag: Why Punk Rockers Make Good Conservatives«

Großartiger Text! Herzlichen Dank!
Marcus Junge
06. Juni 2012 12:55
Also ich kann dem ganzen Rummel um die englische Monarchie nichts abgewinnen. Was interessiert uns ein fremdes Königshaus? Noch dazu eines, welches nach Edward VIII. sich immer antideutsch aufführte und dessen Königin (Queen Mum), bis zum Lebensende nur von den Hunnen gesprochen haben soll?
Noch befremdlicher wird es, wenn solch Interesse (bis Anhimmelung) von Leuten kommt, die mit aller Macht gegen einen deutschen König oder Kaiser argumentieren würden und selbst die vermurksten Neubauten in Potsdam / Berlin (Stadtschlösser) bekämpfen (aber nicht wegen dem Vermurksten).

Also sollen die Engländer doch feiern, aber dann ohne Echtzeitübertragungen bei X deutschen Sendern. Hier hätte Understatement eine Wohltat sein können.

Es ist eh fraglich, wie lange es diese Linie noch gibt. Wenn die islamische Eroberung der Insel erst beendet ist, dann gibt es auch keine Monarchie mehr. Daher wirkte die Veranstaltung wie eine verfrühte Feier zu Ehren des demnächst vergangenen Adelshauses, weil es hinterher sicherlich keine Feier geben wird.
Gottfried
06. Juni 2012 14:27
@ Johannes P.

"Wo sie fallen, ziehen Verwirrung und Zügellosigkeit ein, und die grundlegendsten Fakten der menschlichen Natur werden verspottet."

Nun überschreiten wir die Kultur aber. Nicht mehr fortpflanzungsfähige Frauen, die Kinder zumal schon flügge, werden bei uns z.B. nicht verbrannt. Der Rückschluß von dem Detail Fortpflanzung auf das Ganze scheint mir außeracht zu lassen, daß wir über die Gesamtbedeutung der Geschlechtlichkeit doch keine harten Fakten besitzen, sondern letztlich nur Theorien, Spökenkiekereien.
Geschlechtlichkeit im weitesten Sinne bedeutet Erotik, was führt dazu, daß Einzelne sich zueinander hingezogen fühlen - oder sich meiden?
Man denke nur an die Homoerotik im Fußballstadion - die in der Regel tabuisiert wird und nur als Scherzeinlage angesprochen werden darf.
Es fällt schon auf, daß sehr viele Große, vom Mazedonier Alexander bis Tschaikovsky, Thomas Mann mutmaßlich homosexuell gewesen sind.

Die Gegengeschlechtlichkeit ist offenkundig für unsere Zukunft da.
Vielleicht ist Gleichgeschlechtlichkeit ja die rätselhafte geheime Bindekraft, die für den Zusammenhalt im Hier und Jetzt sorgt. Alle Gesellschaften waren bis zur Großen Kulturrevolution ab Ende der 60er immer homosozial organisiert.
Und danach haben wir uns in der nun heterosozialen Gesellschaft kaum noch vermehrt.
Weiterhin kann es den eigentlich Mächtigen doch nur recht sein, wenn eine Spaltung zwischen "neocons" und "liberals" noch angeheizt wird.
Wohlgemerkt, ich meine nur, Gleichgeschlechtlichkeit kommt in der Natur halt nachweislich vor, ich will sie gar nicht bewerten. Die ganze Gleichschaltungsdiktatur, also die Entwertung der Ehe und der Familie sollte man freilich mit allen Mitteln bekämpfen. Die Subventionierung privater geschlechtlicher Stilbildungen ist einfach nur pervers.
Was ansonsten die urprivaten Ideen meiner Nächsten anbelangt, ziehe ich es grundsätzlich vor, diese nicht zu kommentieren.

M.L.: Von all diesen Theorien einmal abgesehen, hat es einfach keinen Sinn, erwachsene Leute dafür zu verfolgen und zu bestrafen, was sie privat in ihrem Schlafzimmer machen. Dieser Meinung war nebenbei auch ein Hans-Joachim Schoeps. Und mir ist "schleierhaft", wie man auf die Idee kommt, deswegen wären nun ernsthaft Ehe und Familie bedroht, da gab es schon weitaus gewichtigere Dinge, die hier geschadet haben. Siehe auch hier. Ansonsten bitte ich, diese off-topic-Diskussion nicht mehr weiterzuführen.
Schon länger besorgt
06. Juni 2012 15:37
Der Text über den kleinen englischen Buben ist ja von geradezu himmelschreiendem Inhalt. Daß der Junge aus kindlichem Interesse heraus gesprochen haben könnte, scheint den in ihrer Toleranz-Ideologie völlig Verbohrten nicht einmal in den Sinn zu kommen. Ich selbst pflege übrigens bis heute dieses "kindliche" Interesse und frage Leute, die mir interessant erscheinen und mit denen ich ins Gespräch gekommen bin, wenn es sich ergibt, gerne mal, woher sie denn kommen. Die meisten - sofern es sich nicht um die dauerbeleidigten Wortführer mancher Interessengruppen handelt - antworten auch ganz gerne, seien es Niederländer, Iren, Ägypter, Saarländer oder Spanier.
Das Schlimme ist, wie M. L. auch schreibt, daß die Kinder nicht mehr benennen sollen, was sie sehen und was Faktum ist. Ein kleiner Junge könnte auch erstaunt feststellen - sofern er keine Schwester hat -, daß die Mädchen ja ganz anders aussehen. Womöglich würde dann auch die Mutter in die Schule zitiert.
Horst
06. Juni 2012 16:38
Über die Todesstrafe läßt sich streiten, der Zensur, dem sinnlosen Verbot der Homosexualität, und der Umweltverpestung muß man nicht nachtrauern – der erschreckende Zerfall der Familie und der wirtschaftlichen Kaufkraft läßt allerdings auch für die Zukunft nichts Gutes erwarten.


Hat das eine nicht mit dem anderen zu tun? Die Idylle gedeiht in den Zwischenräumen eisernen Zwanges.

Wir trauern dem paradiesischen Augenblick nach, als der der alten Ordnung die Zähne gezogen waren, aber die Gewohnheit fürs erste noch vor den Folgen schützte.
Sixty
06. Juni 2012 19:38
"Immer wieder erstaunlich, wie viele Punkrocker aus der Ära der 1980er man heute im rechtskonservativen Lager antrifft. Ich gehöre auch dazu." (Zitat Toni Roidl)

Tut mir leid, aber bei "rechtskonservativ" muß ich an Personen wie Alfred Dregger, Karl Carstens oder Gerhard Löwenthal denken ... ich glaube doch eher nicht, daß man das mit "Punkrock" assoziieren kann ;-)
Ich ("linksnational") würde mich auch durchaus irgendwo (z.B. im kulturellen Sinne) als "konservativ" bezeichnen, aber nicht als "rechtskonservativ" im politischen Sinne.

"M.L.: Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel von Gavin McInnes auf Takimag: Why Punk Rockers Make Good Conservatives"


Dieser Artikel ist durchaus interessant, aber er enthält auch Aussagen, die ich nicht nachvollziehen kann, wie etwa:

" IF YOU’RE NOT AN ANARCHIST WHEN YOU’RE YOUNG, YOU HAVE NO HEART; IF YOU’RE NOT A LIBERTARIAN WHEN YOU’RE OLD, YOU HAVE NO BRAIN"

Das finde ich furchtbar platt und klischeehaft.

"I consider myself just as liberal as I’ve always been. I’m still an anti-racist, pro-gay feminist who cares about the environment and hates big government."

Und das wiederum klingt nicht "konservativ", sondern eher "liberal" und auch ziemlich "politisch korrekt".
Gottfried
06. Juni 2012 20:08
@ Horst

"... die Gewohnheit fürs erste noch vor den Folgen schützte..."

So sieht es wohl aus!
Der Reiz des flüchtigen Übergangs von der Zucht zum fortschreitenden Verfall. Die kurzlebige Phase der beginnenden Dekadenz, die man wohl attraktiver finden mag als alles andere.
Citizen Kane
06. Juni 2012 20:39
@ Marcus Junge

Lieber ML, es geht in Ihrem fabelhaften Beitrag um etwas Anders als mein oberflächlicher Bezug.
Um meine Gedanken dazu darzulegen, brauchte ich Stunden.
Am Ende landete ich doch bei Emma West (sie lässt mich auch nicht los)
und bei Orwell.
Mich wundert, dass in dem Zusammenhang immer nur Orwell angeführt wird und nicht auch Huxley's "Brave New World" - passt mindestens genauso gut!

Also
@ Marcus Junge

Also ich kann dem ganzen Rummel um die englische Monarchie nichts abgewinnen. Was interessiert uns ein fremdes Königshaus?
Noch dazu eines, welches nach Edward VIII. sich immer antideutsch aufführte und dessen Königin (Queen Mum), bis zum Lebensende nur von den Hunnen gesprochen haben soll?


Sachsen-Coburg-Gotha
Windsor
Battenberg
Mountbattan
Har! Har!

Die Angelsachsen haben schon ein Riesenproblem damit,
-dass sie unsere nächsten Verwandten sind (ausgenommen die Österreicher, lieber ML)
Britannien: Har!Har!, die Kelten wollten nie was mit denen zu tun haben
Sie wollen raus aus Groß Britannien, was bleibt dann von Britannien
Har!Har!

-dass sie uns nur mit den verhassten Frogs über Jahrhunderte klein halten konnten am Ende nur mit Hilfe ihrer größten Kolonie, deren Einwohner zu allem Überdruss auch noch mehrheitlich von den Hunnen abstammen.
-dass sie die Vormacht des Empire nur dadurch erhalten konnten, in dem sie dem beneideten Bruder einen zweiten 30 jährigen Krieg aufzwangen dessen Ursache sie bis heute mit einer Lüge verschleiern müssen -und am Ende doch beides verloren haben.
-dass die Eingeborenen von Trizonesien trotzdem am Ende die Besseren in allem sind (nicht nur, aber gerade eben auch, beim Fußball!)

Bis heute erniedrigen sie sich selbst, in dem Sie ihren Minderwertigkeitskomplex mit den Hasstiraden in der "Sun" und ihren Nazisoaps vor aller Welt zur Schau tragen.
Ich mag sie trotzdem, eben wegen der in ML's Beitrag genannten Literaten, und Künstler.
Agatha Christie, Conan Doyle und Monty Python - hervorgehoben.

Und dann noch im Königshaus alles Spätaussiedler!!
Der Mum blieb doch nicht anders übrig , was hätten Sie unter den Umständen getan?

Alles deutsche Migranten, sie hassen uns , wie wir uns selbst, aber sie fürchten und beneiden uns wenigstens.
Gönnen wir ihnen den Selbstbetrug, sie haben einen guten Kern! :-)

Doch, ich kann dem englischen Königshaus was abgewinnen:
Es verkörpert für mich unsere europäische Zivilisation, die wir im Begriff sind aufzugeben.
Christoph Nahr
07. Juni 2012 12:23
Hat das eine nicht mit dem anderen zu tun? Die Idylle gedeiht in den Zwischenräumen eisernen Zwanges.

Wir trauern dem paradiesischen Augenblick nach, als der der alten Ordnung die Zähne gezogen waren, aber die Gewohnheit fürs erste noch vor den Folgen schützte.


Wunderbar formuliert. Das ist der Kern der Ausweglosigkeit jeder gesellschaftlichen Endzeit: niemand will wirklich die alten Zwänge zurück. Die Gentlemen sind erst dann liebenswerte Vorbilder, wenn sie ihre feudale Machtstellung verloren haben. Dann sind sie aber auch schon ein wehrloses Relikt, das in Kürze verschwinden wird.

M.L.: Am liebsten wäre man halt selber der Gentleman in der feudalen Machtstellung gewesen.

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