Sezession
16. Juli 2012

Eginald Schlattner – ein Lehrstück

Götz Kubitschek

47pdf der Druckfassung aus Sezession 47/ April 2012

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Den rumänien-deutschen Schriftsteller Eginald Schlattner besuchte ich zwei Mal in seinem Heimatort Rothberg/Rosia. Ich bin dabei seinem wunden Punkt sehr nahe gekommen und schrieb für die April-Ausgabe der Sezession ein ausführliches Autorenportrait: Schlattner - ein Lehrstück.

Wer studieren möchte, wie es aussieht, wenn ein Volk verschwindet, zurückflutet, nein: zurückwächst wie ein Gletscher, den sein Nährgebiet nicht mehr speist - der sollte nach Hermannstadt in Rumänien fahren. Es ist schön dort, wenn man sich abgefunden hat. Denn man geht durch eine deutsche Stadt, durch eine deutsche Kulisse, vorbildlich restauriert, durch den Krieg nicht zerstört, vergleichbar vielleicht mit Naumburg oder Heidelberg – Siebenbürger Sachsen jedoch trifft man nur noch an, wenn man sich mit ihnen verabredet oder einen jener wenigen Orte aufsucht, wo den Tag über ein paar von ihnen vorbeikommen: die Buchhandlung, die Volksgruppenvertretung, die Schule, ein Café.

Joachim Wittstock ist ein ruhiger, hochgebildeter, sehr behutsamer älterer Herr, der gründlich zuhört und antwortet. Er ist hartnäckig dort, wo es um die korrekte Darstellung des Geschehenen geht – ein Handwerker der Sprache, der mit jedem Aufsatz ein kompliziertes Mosaik pflastert, denn es geht verwickelt zu beim ewigen Ringkampf des Menschen mit dem Menschen, oder konkret für diesmal: beim Blick auf die bis zuletzt unversöhnlich gebliebenen Opfer des großen siebenbürgischen Schriftstellerprozesses von 1959. Wittstock, der selbst nicht involviert war, wägt ab, urteilt nicht, schildert bloß und reicht zwei Sonderdrucke aus seiner Feder zum Thema über den Tisch. Wie gut, mit ihm gesprochen zu haben, bevor man sich von Hermannstadt aus ins Harbachtal und nach Rothberg (rumänisch: Rosia) aufmacht.

In diesem deutschen Dorf ohne Deutsche hält der Gefängnispfarrer und Ortsgeistliche Eginald Schlattner jeden Sonntag einen völlig einsamen Gottesdienst, »um Gott zu trösten, und um mich selbst zu trösten«, die leeren Bänke dabei ausgelegt mit den schwarzen Schulter- und Kopftüchern der dörflichen Sonntagstracht, »von den auswandernden Bäuerinnen zurückgelassen, mißachtet, so, als müsse man sich dort, wohin man aufbrach, dafür schämen, daß man so bedeckt einmal selbstverständlich jeden Sonntag zur Kirche ging.« Schlattner predigt über den Ruf (»Gott zürnt nicht, wenn man dem Ruf nicht folgt, aber er ruft kein zweites Mal«) und über die Kompromißlosigkeit der Berufung, die einen ins Ungewisse, Neue hole. Dann über das Märchen vom Rattenfänger zu Hameln, der vor 800 Jahren die Kinder durch den Berg nach Siebenbürgen geführt habe; nun sei dieser Flötenton noch einmal erklungen, und zurück nach Deutschland sei alles Volk gezogen, nicht bloß die Kinder, auch die Eltern und Alten diesmal, von der Kirchenbank weg. »Wer hat gespielt und welches Stück ist erklungen?« Er, Schlattner, wisse es nicht.

Kaum aus der Kirche, ist Schlattner kein Pastor mehr. Er ist jetzt jener Schriftsteller und barocke Erzähler, dessentwegen Rothberg von Lesern und Rezensenten angesteuert wird: der Verfasser dreier Romane, in denen er Rechenschaft ablegt über sein mit Schicksal beladenes, in Schuld verstricktes Leben. Schlattner, 1933 geboren, wuchs in Fogarasch am Fuß der Karpaten auf, begann in den fünfziger Jahren ein Studium der Evangelischen Theologie in Klausenburg (Cluj), wechselte zu Mathematik und Hydrologie und gründete mit Kommilitonen Anfang 1957 einen Literaturkreis zur Förderung schriftstellerischer Leistungen der deutschen Volksgruppe.

Die ersten Aktivitäten dieses Kreises verliefen vielversprechend, es lasen Erwin Wittstock (der Vater des oben erwähnten Joachim Wittstock) und Alfred Meschendörfer – Autoren, die man entdecken kann, wenn man sich für den eigentümlichen Kulturkreis der Rumänendeutschen interessiert, angestoßen vielleicht durch die aus dem Banat stammende Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Der Staat aber, der dieser Selbstfindung einer wichtigen Volksgruppe für ein paar Jahre einen gewissen Raum ließ, schlug nach den Unruhen in Ungarn (1956) das Fenster wieder zu: Schlattner verschwand, und Ende 1957 erfuhr man, daß er in Kronstadt von der Securitate eingekerkert und der konspirativen Gruppenbildung beschuldigt worden sei.

In Kronstadt wurde Eginald Schlattner zunächst psychisch gebrochen und dann monatelang zu einer Figur aufgebaut, die in zwei Schauprozessen ihre Rolle spielen mußte. Im »Schwarze-Kirche-Prozeß« (November 1958) hatte er als Belastungszeuge auszusagen, im berühmteren »Schriftstellerprozeß« (September 1959) war er mitangeklagt und hatte die eigentlichen Zielpersonen dieser Säuberung zu beschuldigen. Zu Kerker und Zwangsarbeit nämlich wurden verurteilt die Schriftsteller Hans Bergel (15 Jahre), Wolf von Aichelburg (20 Jahre), Georg Scherg (20 Jahre), Andreas Birkner (25 Jahre) und Harald Siegmund (zehn Jahre).

Ihnen allen wurden Taten zur Last gelegt, die weder kriminell noch umstürzlerisch waren, sondern allenfalls Auslotungen des Sagbaren unter diktatorischem Regime oder bloß literarische Treffen und Gesprächsrunden. Die Anklage aber nagelte diese für jeden Autor selbstverständlichen Öffentlichkeits- und Schreibformen zu einem »Konspirationsblock« zusammen – unterstützt durch Aussagen Schlattners. Dieser Schauprozeß diente der Abschreckung, und Schlattner war nichts anderes als die weiße Billardkugel, mit deren Hilfe man die anderen, um die es eigentlich ging, ins Loch stieß.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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