Eginald Schlattner – ein Lehrstück

pdf der Druckfassung aus Sezession 47/ April 2012

Den rumänien-deutschen Schriftsteller Eginald Schlattner besuchte ich...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

zwei Mal in sei­nem Hei­mat­ort Rothberg/Rosia. Ich bin dabei sei­nem wun­den Punkt sehr nahe gekom­men und schrieb für die April-Aus­ga­be der Sezes­si­on ein aus­führ­li­ches Autoren­por­trait: Schlatt­ner – ein Lehrstück.

Wer stu­die­ren möch­te, wie es aus­sieht, wenn ein Volk ver­schwin­det, zurück­flu­tet, nein: zurück­wächst wie ein Glet­scher, den sein Nähr­ge­biet nicht mehr speist – der soll­te nach Her­mann­stadt in Rumä­ni­en fah­ren. Es ist schön dort, wenn man sich abge­fun­den hat. Denn man geht durch eine deut­sche Stadt, durch eine deut­sche Kulis­se, vor­bild­lich restau­riert, durch den Krieg nicht zer­stört, ver­gleich­bar viel­leicht mit Naum­burg oder Hei­del­berg – Sie­ben­bür­ger Sach­sen jedoch trifft man nur noch an, wenn man sich mit ihnen ver­ab­re­det oder einen jener weni­gen Orte auf­sucht, wo den Tag über ein paar von ihnen vor­bei­kom­men: die Buch­hand­lung, die Volks­grup­pen­ver­tre­tung, die Schu­le, ein Café.

Joa­chim Wittstock ist ein ruhi­ger, hoch­ge­bil­de­ter, sehr behut­sa­mer älte­rer Herr, der gründ­lich zuhört und ant­wor­tet. Er ist hart­nä­ckig dort, wo es um die kor­rek­te Dar­stel­lung des Gesche­he­nen geht – ein Hand­wer­ker der Spra­che, der mit jedem Auf­satz ein kom­pli­zier­tes Mosa­ik pflas­tert, denn es geht ver­wi­ckelt zu beim ewi­gen Ring­kampf des Men­schen mit dem Men­schen, oder kon­kret für dies­mal: beim Blick auf die bis zuletzt unver­söhn­lich geblie­be­nen Opfer des gro­ßen sie­ben­bür­gi­schen Schrift­stel­ler­pro­zes­ses von 1959. Witt­stock, der selbst nicht invol­viert war, wägt ab, urteilt nicht, schil­dert bloß und reicht zwei Son­der­dru­cke aus sei­ner Feder zum The­ma über den Tisch. Wie gut, mit ihm gespro­chen zu haben, bevor man sich von Her­mann­stadt aus ins Har­bach­tal und nach Roth­berg (rumä­nisch: Rosia) aufmacht.

In die­sem deut­schen Dorf ohne Deut­sche hält der Gefäng­nis­pfar­rer und Orts­geist­li­che Egi­nald Schlatt­ner jeden Sonn­tag einen völ­lig ein­sa­men Got­tes­dienst, »um Gott zu trös­ten, und um mich selbst zu trös­ten«, die lee­ren Bän­ke dabei aus­ge­legt mit den schwar­zen Schul­ter- und Kopf­tü­chern der dörf­li­chen Sonn­tagstracht, »von den aus­wan­dern­den Bäue­rin­nen zurück­ge­las­sen, miß­ach­tet, so, als müs­se man sich dort, wohin man auf­brach, dafür schä­men, daß man so bedeckt ein­mal selbst­ver­ständ­lich jeden Sonn­tag zur Kir­che ging.« Schlatt­ner pre­digt über den Ruf (»Gott zürnt nicht, wenn man dem Ruf nicht folgt, aber er ruft kein zwei­tes Mal«) und über die Kom­pro­miß­lo­sig­keit der Beru­fung, die einen ins Unge­wis­se, Neue hole. Dann über das Mär­chen vom Rat­ten­fän­ger zu Hameln, der vor 800 Jah­ren die Kin­der durch den Berg nach Sie­ben­bür­gen geführt habe; nun sei die­ser Flö­ten­ton noch ein­mal erklun­gen, und zurück nach Deutsch­land sei alles Volk gezo­gen, nicht bloß die Kin­der, auch die Eltern und Alten dies­mal, von der Kir­chen­bank weg. »Wer hat gespielt und wel­ches Stück ist erklun­gen?« Er, Schlatt­ner, wis­se es nicht.

Kaum aus der Kir­che, ist Schlatt­ner kein Pas­tor mehr. Er ist jetzt jener Schrift­stel­ler und baro­cke Erzäh­ler, des­sent­we­gen Roth­berg von Lesern und Rezen­sen­ten ange­steu­ert wird: der Ver­fas­ser drei­er Roma­ne, in denen er Rechen­schaft ablegt über sein mit Schick­sal bela­de­nes, in Schuld ver­strick­tes Leben. Schlatt­ner, 1933 gebo­ren, wuchs in Foga­rasch am Fuß der Kar­pa­ten auf, begann in den fünf­zi­ger Jah­ren ein Stu­di­um der Evan­ge­li­schen Theo­lo­gie in Klau­sen­burg (Cluj), wech­sel­te zu Mathe­ma­tik und Hydro­lo­gie und grün­de­te mit Kom­mi­li­to­nen Anfang 1957 einen Lite­ra­tur­kreis zur För­de­rung schrift­stel­le­ri­scher Leis­tun­gen der deut­schen Volksgruppe.

Die ers­ten Akti­vi­tä­ten die­ses Krei­ses ver­lie­fen viel­ver­spre­chend, es lasen Erwin Witt­stock (der Vater des oben erwähn­ten Joa­chim Witt­stock) und Alfred Meschen­dör­fer – Autoren, die man ent­de­cken kann, wenn man sich für den eigen­tüm­li­chen Kul­tur­kreis der Rumä­nen­deut­schen inter­es­siert, ange­sto­ßen viel­leicht durch die aus dem Banat stam­men­de Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin Her­ta Mül­ler. Der Staat aber, der die­ser Selbst­fin­dung einer wich­ti­gen Volks­grup­pe für ein paar Jah­re einen gewis­sen Raum ließ, schlug nach den Unru­hen in Ungarn (1956) das Fens­ter wie­der zu: Schlatt­ner ver­schwand, und Ende 1957 erfuhr man, daß er in Kron­stadt von der Secu­ri­ta­te ein­ge­ker­kert und der kon­spi­ra­ti­ven Grup­pen­bil­dung beschul­digt wor­den sei.

In Kron­stadt wur­de Egi­nald Schlatt­ner zunächst psy­chisch gebro­chen und dann mona­te­lang zu einer Figur auf­ge­baut, die in zwei Schau­pro­zes­sen ihre Rol­le spie­len muß­te. Im »Schwar­ze-Kir­che-Pro­zeß« (Novem­ber 1958) hat­te er als Belas­tungs­zeu­ge aus­zu­sa­gen, im berühm­te­ren »Schrift­stel­ler­pro­zeß« (Sep­tem­ber 1959) war er mit­an­ge­klagt und hat­te die eigent­li­chen Ziel­per­so­nen die­ser Säu­be­rung zu beschul­di­gen. Zu Ker­ker und Zwangs­ar­beit näm­lich wur­den ver­ur­teilt die Schrift­stel­ler Hans Ber­gel (15 Jah­re), Wolf von Aichel­burg (20 Jah­re), Georg Scherg (20 Jah­re), Andre­as Bir­kner (25 Jah­re) und Harald Sieg­mund (zehn Jahre).

Ihnen allen wur­den Taten zur Last gelegt, die weder kri­mi­nell noch umstürz­le­risch waren, son­dern allen­falls Aus­lo­tun­gen des Sag­ba­ren unter dik­ta­to­ri­schem Regime oder bloß lite­ra­ri­sche Tref­fen und Gesprächs­run­den. Die Ankla­ge aber nagel­te die­se für jeden Autor selbst­ver­ständ­li­chen Öffent­lich­keits- und Schreib­for­men zu einem »Kon­spi­ra­ti­ons­block« zusam­men – unter­stützt durch Aus­sa­gen Schlatt­ners. Die­ser Schau­pro­zeß dien­te der Abschre­ckung, und Schlatt­ner war nichts ande­res als die wei­ße Bil­lard­ku­gel, mit deren Hil­fe man die ande­ren, um die es eigent­lich ging, ins Loch stieß.

Schlatt­ner selbst wur­de mit einer gerin­gen Stra­fe belegt und kurz nach dem Pro­zeß ent­las­sen, die ande­ren kamen zum Glück bis 1964 wie­der frei. Er arbei­te­te nach sei­ner Ent­las­sung in einer Zie­gel­fa­brik und danach als Inge­nieur. 1973 nahm er das Stu­di­um der Evan­ge­li­schen Theo­lo­gie wie­der auf. Seit­her ist er als Pfar­rer in sei­ner (nicht mehr vor­han­de­nen) Gemein­de in Roth­berg und als Seel­sor­ger in rumä­ni­schen Gefäng­nis­sen ein­ge­setzt. Mit dem Schrei­ben begann er Anfang der neun­zi­ger Jah­re wieder.

Schlatt­ner ist einer jener Autoren, die nie­der­schrei­ben, was sie sagen müs­sen – um danach wie­der zu ver­stum­men. Der Erzähl­bo­gen der exis­ten­ti­el­len Tri­lo­gie Schlatt­ners erfaßt die Vor­kriegs­jah­re nebst Infi­zie­rung der deut­schen Volks­grup­pe durch den Her­ren­men­schen-Wahn, spannt sich über den Krieg und den Front­wech­sel der Rumä­nen (bis hier­her in Der geköpf­te Hahn, 1998) und die Ent­eig­nung der Deut­schen in Sie­ben­bür­gen und im Banat (Das Kla­vier im Nebel, 2005) und schließt mit Ver­haf­tung, Ver­hö­ren, Prä­pa­rie­rung und Pro­zeß sowie den tau­meln­den Schrit­ten des ent­las­se­nen Stu­den­ten, der als ein ganz ande­rer wei­ter­le­ben muß (Rote Hand­schu­he, 2000).

Viel­leicht ist die Zer­set­zung eines jun­gen Man­nes durch Haft und Fol­ter in einem Secu­ri­ta­te-Ker­ker nie ein­dring­li­cher lite­ra­risch dar­ge­stellt wor­den als in Rote Hand­schu­he: Wie der Ich-Erzäh­ler sei­ne Ver­haf­tung zunächst für einen Irr­tum hält, wie er dabei bleibt, daß er nichts zu erzäh­len, geschwei­ge denn zu geste­hen hät­te; wie er dann, nach Mona­ten der Haft, nach stun­den­lan­gen Ver­hö­ren, nach Gesprä­chen mit ande­ren Gefan­ge­nen (die seit Jah­ren in sich nach dem Geständ­nis suchen, das man wohl von ihnen hören möch­te) zusam­men­bricht – und end­lich ver­meint, ent­lang eines sozia­lis­ti­schen Deu­tungs­ras­ters sich selbst auf die Spur zu kom­men und den Staats­feind in sich ent­de­cken zu kön­nen: Das ist eben­so ein­dring­lich, atem­los und beklem­mend geschil­dert wie die Aus­sa­ge nach Dreh­buch im Schauprozeß.

Nach dem Ende die­ser Far­ce wur­de unter ande­rem der bereits erwähn­te Hans Ber­gel nicht in die Frei­heit ent­las­sen (wie Schlatt­ner), son­dern für lan­ge Jah­re in Arbeits­la­ger und Ker­ker ver­schleppt. Er hält daher Schlatt­ners Schil­de­run­gen für läp­pisch, ver­gli­che man sie mit dem, was es wirk­lich zu erlei­den und durch­zu­ste­hen gegol­ten habe in den Ver­hör­müh­len der Secu­ri­ta­te. Aus allem, was Schlatt­ner schrei­be, sei­en die pri­vi­le­gier­ten Bedin­gun­gen sei­ner Haft ables­bar. Ber­gel selbst hat in sei­nem Der Tanz in Ket­ten die Höl­le der Haft, die Kunst der Zer­set­zun­gen, die Ver­äs­te­lun­gen des Ver­rats geschil­dert und in die­sem auto­bio­gra­phisch auf­ge­la­de­nen Buch Bil­der geprägt, die man nicht mehr ver­ges­sen kann: Wenn Ber­gel es selbst war, der in kal­ten Kata­kom­ben Tage der Ein­zel­haft in knie­tie­fem Was­ser durch­stand, dann hat er mehr ertra­gen, als ein Mensch gemein­hin ertra­gen kann – und dann hat er alles Recht, die Schil­de­run­gen Schlatt­ners als ein Krat­zen am Höl­len­tor und Rote Hand­schu­he als selbst­sti­li­sie­ren­de Ver­zeich­nung der wah­ren Bege­ben­heit abzutun.

Dies ändert aber nichts dar­an, daß Schlatt­ner ein begna­de­ter Erzäh­ler ist, ein Epi­ker von gran­dio­sem For­mat, der nun ein­mal sei­ne Geschich­te erzählt – sie ist schlimm genug. Wie er in Der geköpf­te Hahn sei­nen Roman um einen ein­zi­gen, ent­schei­den­den Tag her­um anord­net (den 23. August 1944, an dem Rumä­ni­en die Deut­schen ver­riet und die Front wech­sel­te) und in Rück­blen­den alles auf ein Ent­la­dungs­fi­na­le (zer­bre­chen­de Freund­schaft, zer­bre­chen­de Front, zer­bre­chen­de Gewit­ter­wand) hin kom­po­niert: Das ist eine Kunst, die man nicht erler­nen oder nach­ah­men kann.

»Kom­men Sie her­ein, kom­men Sie her­ein, hier wird erzählt, auf dem Bal­kan kann man noch erzäh­len«, ruft Egi­nald Schlatt­ner den Besu­chern zu, eben­so eitel wie selbst­si­cher, eben­so gast­freund­lich wie vol­ler spür­ba­rer Lust auf ein Publi­kum. Schlatt­ner weiß, daß die Rede auf sei­ne Bücher kom­men wird, auf sei­ne gro­ßen Rechen­schafts­be­rich­te. Er zögert die­sen Moment hin­aus, er insze­niert die­se Ver­zö­ge­rung gera­de­zu, und man merkt, daß er die­ses The­ma scheut, weil er weiß, daß der Besu­cher unbe­que­me Fra­gen mit­bringt und nicht nur Schlatt­ner gele­sen hat.

Wäh­rend also zunächst ein­mal über dies und das berich­tet, von die­ser oder jener Begeg­nung erzählt wird, erscheint auf dem Altan eine ortho­do­xe Non­ne. Sie ist zu Gast, liest die Brü­der Kara­ma­sow in deut­scher Über­set­zung und tischt in k.u.k.-Manier auf: Grieß­knö­del­sup­pe, Boh­nen­topf mit Wurst, Nuß­stol­len, dazu Likör und Kaf­fee. Drau­ßen wird der­weil die Kut­sche ange­spannt, ein Cou­pé, und wäh­rend man fährt, winkt Schlatt­ner (der Pfar­rer, der Schrift­stel­ler, das baro­cke Gemüt) den Leu­ten mit einem ein­zel­nen roten Hand­schuh(!) zu. Wie­der zurück, bezahlt der Gast den Kut­scher, das geschieht alles ganz selbst­ver­ständ­lich. Es gibt Schwarz­tee mit Küm­mel, Kaf­fee und Gebäck, man nimmt im Wind­fang Platz, und dann muß unaus­weich­lich das Gespräch end­lich auf die Bücher kom­men, oder doch eigent­lich nur auf Rote Hand­schu­he.

Dar­in, in die­ser gro­ßen, auto­bio­gra­phi­schen Auf­zeich­nung und Recht­fer­ti­gung einer ent­setz­li­chen Lebens­pha­se, kommt Schlatt­ner jener ver­söhn­li­che Humor abhan­den, den er sonst nie ver­lo­ren hat als Erzäh­ler sie­ben­bür­gi­schen Schick­sals drei­er Jahr­zehn­te: Schlatt­ner kari­kiert auf selt­sam arro­gan­te Art jene fünf Schrift­stel­ler, die im Pro­zeß von 1959 auch auf­grund sei­ner erpreß­ten Aus­sa­ge ver­ur­teilt wor­den waren.

Hans Ber­gel: Er, der gro­ße, statt­li­che Mann und Leis­tungs­sport­ler, erscheint als der klei­ne Mann »Hugo Hügel«, maß­los von sich selbst über­zeugt, dem auf Lese­rei­sen stän­dig ein paar jun­ge Stu­den­tin­nen am Arm hän­gen. Er wird von Schlatt­ner halb als ver­kapp­ter Nazi, halb als will­fäh­rig Angepaß­ter an das sozia­lis­ti­sche Rumä­ni­en geschil­dert. Dabei war man einst befreun­det, und es ist ver­bürgt, daß Ber­gel als eine Art Men­tor dem jün­ge­ren Schlatt­ner eines Tages die ver­steck­te Regime­kri­tik in sei­nem Jugend­buch Fürst und Lau­ten­schlä­ger (1946, aus­ge­zeich­net 1957) in allen Details auslegte.

Oder Harald Sieg­mund: Aus ihm – Pfar­rer wie Schlatt­ner – wird »Her­wald Schön­mund«, ein »gelern­ter Wort­ver­dre­her und gott­be­gna­de­ter Poet«, Ver­fas­ser eini­ger Sonet­te für den Haus­ge­brauch und etli­cher Pre­dig­ten, »wo weni­ger von Jesus Chris­tus als von Gott­fried Benn und Tho­mas Mann die Rede war«. Andre­as Bir­kner erscheint unter dem Pseud­onym Oinz Erler »als der säch­si­sche Über­mensch im Kir­chen­pelz«, und hin­ter Getz Schräg ver­birgt sich Georg Scherg, dem es »in sechs Wochen gelang, einen Fami­li­en­ro­man zu schrei­ben« – wird nichts Geschei­tes her­aus­ge­kom­men sein dabei.

War­um sol­che Back­pfei­fen, wozu die­ser Hohn? Ver­blas­sen nicht die Kunst oder das Nicht­kön­nen eines Schrift­stel­lers hin­ter sei­ner Ver­haf­tung und Abur­tei­lung, die allein aus dem Grund erfolg­te, daß er schrieb? Muß man nach­tre­ten, wenn doch end­lich Ruhe ein­ge­kehrt ist und man selbst mit einem Best­sel­ler (Rote Hand­schu­he liegt in zehn Auf­la­gen und als Taschen­buch vor und ist ver­filmt) den Blick einer gan­zen Leser­ge­nera­ti­on prä­gen kann? Kann man es den in die­ser Hin­sicht dop­pelt Unter­le­ge­nen (im Pro­zeß, in den Bes­ten­lis­ten) ver­den­ken, daß sie nach der Lek­tü­re die­ses Romans jede Ver­söh­nung für obso­let, jeden Annä­he­rungs­ver­such für geschei­tert erklären?

Egi­nald Schlatt­ner schwimmt, er ver­sucht sich in ein paar selt­sa­men Erklä­run­gen und Recht­fer­ti­gun­gen und des­avou­iert Ber­gel erneut: Ver­rä­ter habe der ihn genannt, und das sei ein häß­li­ches Wort. Und schon ist Rote Hand­schu­he auf­ge­schla­gen, und Schlatt­ner liest vor, um den Angriff abzu­weh­ren: »Aber recht betrach­tet ist der Ver­rä­ter einer, der den Mut hat, sich von den Regeln und dem Druck sei­ner Grup­pe frei­zu­ma­chen, manch­mal sogar aus edlen Grün­den.« Nicht er habe sich also bei Ber­gel, jener habe sich bei ihm zu entschuldigen.

Doch wofür? Und wozu über­haupt? Viel Zeit ist ver­gan­gen, und wäre der Spott in Rote Hand­schu­he nicht so offen­sicht­lich und unnö­tig, kein Mensch wür­de die­se alte Sache, bei der es wohl nur Ver­lie­rer gab, noch ein­mal auf­rüh­ren wol­len. Über­haupt das Zitat eben – jetzt schlägt der Besu­cher auf: Schlatt­ner habe an der fal­schen Stel­le zu lesen auf­ge­hört, denn der Mit­häft­ling spre­che noch wei­ter. »Jun­ger Freund, du wirst es drau­ßen schwer haben. Vor­sicht! Kei­ne unnö­ti­ge Bewe­gung, kein Wort zuviel.« War­um er dies nicht beher­zigt habe? War­um zuviel der unschö­nen, unnö­ti­gen, her­ab­las­sen­den Wor­te über Ber­gel, Scherg, Bir­kner und die andern? Hät­te sein Roman etwas ver­lo­ren, wenn er die­se Stel­len anders for­mu­liert hät­te? Zuge­neigt, behü­tend, respekt­voll? So aber habe sich Schlatt­ner für sei­ne Lese­rei­sen in Deutsch­land mit Ber­gel einen hart­nä­cki­gen Ver­fol­ger ein­ge­brockt, der aus der Zuhö­rerrei­he her­aus das Wort ergrei­fe und sei­ne Ver­si­on der Geschich­te erzähle!

»Es war mei­ne Ent­schei­dung!« Jetzt pol­tert Schlatt­ner. Er sei hier der Schrift­stel­ler, und man kön­ne Ber­gel und ihn gar nicht ver­glei­chen, weder lite­ra­risch noch per­sön­lich, lite­ra­risch also auf gar kei­nen Fall – oder sei hier jeman­dem ein Buch aus der Feder Ber­gels bekannt, das ver­filmt wor­den sei? – Wider­spruch, erneut: als ob es dar­auf ankom­me, als ob es plötz­lich auf den Erfolg ankom­me, wo es um Wahr­heit, Per­spek­ti­ve und Ver­söh­nung gehe!

Dann ist es still am Tisch, der Kaf­fee ist getrun­ken, der Tee ist kalt gewor­den, der Gesprächs­fa­den geris­sen. Anknüp­fungs­ver­such: Man habe sich vor der Fahrt nach Rumä­ni­en noch ein­mal mit dem Bana­ter Schrift­stel­ler Richard Wag­ner getrof­fen. Er habe, befragt nach sei­nen Kennt­nis­sen der Cau­sa Schlatt­ner, kate­go­risch gespro­chen: Auch er, Wag­ner, habe die Secu­ri­ta­te ken­nen­ge­lernt und sei ein paar Tage lang ver­hört wor­den. Ande­re hät­ten län­ger ein­ge­ses­sen und sei­en miß­han­delt wor­den. Den­noch sei es bei der Aus­he­bung der von ihm mit­in­iti­ier­ten Bana­ter Grup­pe Mit­te der sieb­zi­ger Jah­re nicht um Leben und Tod gegan­gen. Bei Schlatt­ner, Ber­gel und den ande­ren habe es sich hin­ge­gen nicht um ein Mehr oder Weni­ger (etwa: kann man publi­zie­ren oder nicht?) gehan­delt, son­dern grund­sätz­lich um ein Alles oder Nichts: um Ver­nich­tung oder Davon­kom­men. Er kön­ne über Schlatt­ner daher nicht den Stab bre­chen, über die infor­mel­len Mit­ar­bei­ter sei­ner eige­nen Zeit hin­ge­gen sehr wohl, und dies sei der Grund, war­um er in den Pro­zes­sen gegen die Denun­zi­an­ten sei­ner Genera­ti­on sich finan­zi­ell und phy­sisch bis an den Rand des Erträg­li­chen bege­ben habe.

Schlatt­ner sin­niert jetzt und will nicht mehr spre­chen. Im Haus räumt die Zigeu­ne­rin Car­men das Geschirr auf. Sie gehört zu Schlatt­ners Zög­lin­gen, »sie ist die Zukunft die­ses Lan­des, sie über­nimmt das Erbe derer, die abge­hau­en sind, die weg­war­fen, was ihnen gege­ben war. Und jetzt? Schau­en Sie sich um: Kulis­sen nur noch. Aber es sind wie­der Men­schen dar­in, ande­re eben. Und in dem, was Sie sag­ten, eben: Da waren zwei, drei neue Gedan­ken auch für mich mit dabei. Aber bit­te: Wozu das noch? Es ist vor­bei, und es geht ganz anders wei­ter, hier, und doch auch bei Ihnen in Deutsch­land, nicht?« Nost­al­gi­scher Schmelz war noch nie in der Stim­me Schlatt­ners, eher sogar so etwas wie Distanz zum Eige­nen, das nun zu Ende geht – unwiderruflich.

(von zu Hau­se aus)
»Lie­ber Herr Pfar­rer Schlattner,
ich bin zurück in Schnell­ro­da. Ich dan­ke für Gespräch, Kost, Kutsch­fahrt, vor allem für den Got­tes­dienst und die Wid­mung ins Buch. Ich weiß, daß Sie und Ber­gel und vie­le ande­re zu einem für die Ent­wick­lung einer ›Nor­mal-Bio­gra­phie‹ ver­hee­ren­den Zeit­punkt in die Kno­chen­müh­le des 20. Jahr­hun­derts gera­ten sind. Ich kann mir, das sag­te ich schon, schlech­ter­dings nicht aus­ma­len, was einem kör­per­lich, see­lisch und geis­tig ange­tan wer­den kann, wenn man schmort und nicht weiß, ob man der letz­te Trot­tel ist, der noch nicht aus­ge­packt hat (obwohl es nichts aus­zu­pa­cken gibt), oder am Ende doch der ers­te Stein, den die Bela­ge­rer aus der Mau­er brechen.

Ich glau­be nicht, daß ich irgend etwas ver­mit­teln kann zwi­schen Ber­gel und Ihnen, das ist jetzt ver­mut­lich auch gar nicht mehr not­wen­dig. Wenn ich über Ihre Roma­ne, über Ber­gels Wor­te zur Sache und über den Schrift­stel­ler­pro­zeß an sich schrei­ben soll­te, dann wird dies ein sehr fried­fer­ti­ger, bloß dar­stel­len­der Text sein, dem alles Angriffs­lus­ti­ge, Ent­lar­ven­de feh­len und in dem die Demut vor Ihrer und der ande­ren Schrift­stel­ler Lebens­last zum Aus­druck kom­men wird. Sie sind sehr kon­se­quent den Weg zu den Ärms­ten der Armen in die Gefäng­nis­se gegan­gen und sind den­noch – das bewun­de­re ich! – ein in der Kunst der iro­ni­schen Selbst­dar­stel­lung bewan­der­ter Mann geblie­ben. Wie anders soll­te ich die Kutsch­fahrt deu­ten, die Sie, bewaff­net mit einem roten Hand­schuh, antra­ten und die vom Dorf ent­we­der als Marot­te, Wun­der­lich­keit, Lebens­lust oder Eitel­keit wahr­ge­nom­men wer­den muß­te – bevor Sie der Sache dann durch jene wun­der­ba­re Ges­te die Spit­ze nah­men: durch die Ein­la­dung an die Zigeu­ner­kin­der, mit­zu­fah­ren und das Win­ken mit dem Hand­schuh zu über­neh­men. In die­ser hal­ben Stun­de steck­te für mich glei­cher­ma­ßen die Sehn­sucht nach Hier­ar­chie neben der Bre­chung die­ser über­trie­ben aran­gier­ten Her­ren­fahrt, die Freu­de am pral­len Leben, eines Ihrer Selbst­bil­der, eine ech­te Zunei­gung zu den klei­nen Leu­ten, ein Abschied vom deut­schen Sie­ben­bür­gen für immer und so weiter.

Sie wol­len die Insze­nie­rung Ihres Lebens selbst in der Hand behal­ten. Für ein paar Stun­den tauch­te ich als eine auf­merk­sa­me Neben­rol­le in Ihrem Dreh­buch auf und brach­te es ein wenig durch­ein­an­der. Ich war ger­ne da.

Nächs­tens mehr (wür­de Höl­der­lin sagen).«

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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