Sezession
27. Juli 2012

Fundamentalismus ohne Fundament?

Gastbeitrag

von Martin Böcker

Manfred Kleine-Hartlage hat auf meinen Beitrag zur Beschneidungsdebatte mit seinem Artikel über den „Fundamentalismus ohne Fundament“ geantwortet, womit eine kleine Debatte entstanden ist, die ich gern fortgesetzt hätte. Mit Martin Lichtmesz' "Identitären Notizen zur Beschneidungsfrage" ist meine Antwort jedoch hinfällig geworden. Sicher, ich komme auf anderem Wege zum selben Ergebnis, was auch interessant gewesen wäre. Aber irgendwann ist eine Debatte über ein relativ nebensächliches Thema, jedenfalls wenn man weder Jude noch Moslem ist, totgetreten.

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Ich möchte aber trotzdem auf Kleine-Hartlages Beschreibung meines politischen Denkens reagieren. Er meint, ich hätte einen antiliberalen Affekt, ich würde eine Dichotomie zwischen abstrakter Verfassung und Gewachsenem konstruieren, ja sogar darauf herumreiten, daß uns das Grundgesetz von den „Siegermächten“ aufgezwungen wurde. Ich würde schließen, „daß jegliche Tradition, die nicht aus liberal-aufklärerischem Denken“ stamme, und sei es das Ritual der Beschneidung, „ein geeignetes Gegengewicht“ gegen totalitäre Tendenzen darstelle. In letzter Konsequenz würde ich sogar unterschiedliches Recht für unterschiedliche Gruppen fordern, den liberalen Rechtsstaat nur „unter dem Gesichtspunkt seiner aufklärerischen, revolutionär-zersetzenden Tendenzen“ betrachten. Zudem würde ich nicht definieren, was ich wolle und mich stattdessen darauf konzentrieren, was ich nicht wolle. Am Ende wird mir sogar Fundamentalopposition gegen die Verfassung unterstellt, Kleine-Hartlage schlägt sogar den ganz großen Bogen bis zur Konservativen Revolution.

Das ist alles unzutreffend.

Ich übe keine Fundamentalopposition gegen die Verfassung, sondern wäge die Rechte auf Religionsfreiheit und körperliche Unversehrtheit anders ab. Mir ist klar, daß ein Ergebnis solcher Abwägungen immer auch von persönlichen Einstellungen abhängig ist, also nie alle zufrieden sein werden. Dementsprechend bin ich der Meinung, daß eine Grenzziehung im Sinne von "ganz oder gar nicht", also entweder jede Körperverletzung im Namen der Religion erlauben oder überhaupt keine,  nicht der richtige Weg ist, um sich einem abstrakten Ideal von Gerechtigkeit anzunähern. Die Probleme der Umvolkung, Entchristianisierung und Entortung können nicht mit dem Verbot der Beschneidung gelöst werden und sollten daher nicht als Argument dafür verwendet werden.

Es ist auch nicht so, daß mir das Fundament fehlen würde: Ich bete einen Zimmermann an, der vor knapp 2000 Jahren gestorben ist. Regelmäßig bitte ich seine Mutter (die ohne Geschlechtsverkehr und durch einen Geist schwanger wurde) darum, sie möge bei ihm doch bitteschön ein gutes Wort für mich und meine Lieben einlegen. Ich hänge mir eine FSK18-Abbildung seines grausamen Foltertodes gut sichtbar in die Wohnung und verzehre mindestens einmal pro Woche ein speziell zubereitetes Stück Esspapier, das ich nach einem rituellen Akt (der ausschließlich von Männern durchgeführt werden darf) für den Körper des Zimmermanns halte. Dazu gehört das Verbot von Dingen, welche viele Menschen mit gutem Gewissen machen, und die jedem mal passieren können. Und ich werde meinem Nachwuchs beibringen, daß diese Geschichte die einzige Wahrheit ist, und daß die Leugnung dieser Wahrheit den Weg in die Hölle zur Folge haben kann. Die psychischen Folgen dieser Mischung aus absurder Geschichte, schlechtem Gewissen und Höllenangst sind nicht vorherzusehen.

In Anbetracht dieser meiner Un-Vernunft bin ich relativ verständnisvoll für die seltsamen Rituale anderer Religionen, die zwar nicht der Wahrheit entsprechen, aber von manchen Leuten doch aufrichtig dafür gehalten werden. Mein Affekt ist weniger antiliberal und mehr kleinbürgerlich: Wenn's die Angelegenheit meines Nachbarn ist, und ich es auch nicht so schlimm finde, dann geht's mich einfach nichts an.

 

 


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