In der rosaroten Gehirnwindung

"Rosarote" nannte Armin Mohler die Linksliberalen, und passenderweise ist auch das Papier ihres österreichischen Flaggschiffes,...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

des Stan­dards, ent­spre­chend ein­ge­färbt. Der Erfolg der Links­li­be­ra­len wie der besag­ten Zei­tung liegt im klu­gen Mar­ke­ting: wer die dazu­ge­hö­ri­gen Mei­nungs­sets adap­tiert, darf sich intel­li­gent, auf­ge­klärt, “welt­of­fen”, mora­lisch und sonst­wie auf der “rich­ti­gen” Sei­te ste­hend dün­ken; wer sich mit dem Stan­dard bli­cken läßt, zückt sei­nen Intellektuellenausweis.

Die­se Prä­ten­tio­nen geben dem Unfug, den die Links­li­be­ra­len zu ver­zap­fen ver­ste­hen, erst ihre rich­ti­ge Wür­ze. Als schla­gen­des Bei­spiel dafür kam mir neu­lich ein an sich unbe­deu­ten­der Kom­men­tar des lang­jäh­ri­gen Stan­dard-Chef­re­dak­teurs Ger­fried Sperl (Jahr­gang 1941) unter.  Anlaß gab der Som­mer­loch­scho­cker des “Batman”-Attentäters James Hol­mes, der wäh­rend einer Film­vor­füh­rung 12 Men­schen töte­te und 58 ver­wun­de­te. Der Arti­kel ist ein lehr­rei­ches Gen­re­stück über die Beschaf­fen­heit der rosa­ro­ten Gehirnwindungen.

Sperl beginnt mit einer den ame­ri­ka­ni­schen “libe­rals” abge­guck­ten Kla­ge über das Waf­fen­be­sitz­recht in den USA, das im Zuge “der reli­gi­ös ver­bräm­ten Gewalt­ideo­lo­gie des Prä­si­den­ten Geor­ge W. Bush” dahin­ge­hend ver­schärft wor­den sei, daß das klas­si­sche Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung zum Recht auf  “Recht auf pri­va­te Prä­ven­tiv­schlä­ge” aus­ge­wei­tet wor­den sei: “Die ame­ri­ka­ni­sche ‘Zivil­ge­sell­schaft’ ist seit­her bewaff­net bis an die Zähne.”

Ob das nun eine tat­säch­lich so signi­fi­kant neue Ent­wick­lung ist, wage ich zu bezwei­feln. Eben­so, daß die “pri­va­ten Prä­ven­tiv­schlä­ge” (was immer das sein soll) ange­stie­gen wären oder gar als “Recht” wahr­ge­nom­men wür­den. Jim Goad wies zudem im Taki­mag dar­auf hin, daß die fried­li­che Schweiz eine der höchs­ten Schuß­waf­fen­be­sitz­er­quo­ten der Welt hat, wäh­rend Mexi­co trotz stren­ge­rer Waf­fen­ge­set­ze eine mehr als drei­mal so hohe Mord­ra­te auf­weist als die USA. An den Waf­fen allein kann es also wohl nicht lie­gen, daß Amok­lauf und school shoo­tings als ame­ri­ka­ni­sche Spe­zia­li­tä­ten gel­ten, die sich frei­lich im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung (=Ame­ri­ka­ni­sie­rung) auch in Euro­pa ausbreiten.

Sperl stellt sich nun die Fra­ge, war­um Barack Oba­ma zum “Batman”-Amoklauf “geschwie­gen” hat. Sperl erklärt sich das damit, daß der Prä­si­dent offen­bar nicht an wun­de Punk­te der US-Gesell­schaft zu rüh­ren wagt. Was die­se nun genau sei­en sol­len außer den Waf­fen­be­sitz­ge­set­zen und ‑quo­ten, deu­tet er nur rau­nend an. Das hört sich dann so an:

Der Atten­tä­ter selbst, neben Pis­to­len auch mit Sturm­ge­wehr im Gewalt­ge­päck, wur­de selbst von euro­päi­schen Medi­en (z. B. “Spie­gel online”) sofort im Sin­ne einer Bier­tisch­dia­gno­se als “Wahn­sin­ni­ger” bezeich­net. Und eine Woche nach der Tat berich­te­ten US-Zei­tun­gen von Besu­chen Hol­mes’ bei einer Psy­cho­the­ra­peu­tin, ohne von ihr eine Bestä­ti­gung ein­ge­holt zu haben.

Also schön: ein jun­ger Mann, nach Berich­ten ohne Freun­de und ohne sozia­les Netz­werk, hin­ter­läßt kurz vor sei­nem Aus­ti­cker eine bizar­re Spur auf einer Sex-Dating-Sei­te, färbt sich die Haa­re clown­soran­ge,  mas­sa­kriert im Kampf­an­zug ein Dut­zend belie­bi­ger Men­schen in einem Block­bus­ter-Kino, stellt sich der Poli­zei mit den Wor­ten “Ich bin der Joker”, und läßt bis dato nicht die lei­ses­te Begrün­dung für sei­ne Tat durch­bli­cken. Kei­ner­lei poli­ti­sches Mani­fest oder pri­va­tes Bekennt­nis, nichts. Der Täter behaup­tet nun, er lei­de an “Amne­sie” und kön­ne sich an nichts erinnern.

Hm. Da kann ja nur der berüch­tig­te reak­tio­nä­re “Bier­tisch” auf die dumpf-abwe­gi­ge Idee kom­men, daß es sich hier um die Tat eines “Wahn­sin­ni­gen” han­delt!  Aber schon naht das Licht der links­li­be­ra­len Auf­klä­rung, um uns dar­an zu erin­nern, daß hier natür­lich wie­der nur “die Gesell­schaft” schuld sein kann:

Wie beim (mut­maß­li­chen) nor­we­gi­schen Mas­sen­mör­der Anders Brei­vik wird ver­sucht, den Täter von der Gesell­schaft, in der er gelebt hat, zu iso­lie­ren – ohne über ein Beweis­mit­tel zu verfügen.

Und nun kommt die zen­tra­le The­se: Hol­mes und Brei­vik wür­den nur des­halb ohne viel Feder­le­sens zu Ver­rück­ten erklärt, weil sie einen qua­si posi­tiv dis­kri­mi­nie­ren­den Schutz der Gesell­schaft genie­ßen wür­den, womit deren impli­zi­ter Ras­sis­mus mal wie­der deut­lich zuta­ge trä­te (das ist nun fast schon originell):

Hät­ten Hol­mes oder Brei­vik eine ara­bi­sche Abstam­mung, wäre den Jour­na­lis­ten nie in den Sinn gekom­men, die Atten­tä­ter als Fall für die Ner­ven­kli­nik zu beschrei­ben. Abge­se­hen davon, dass Isla­mis­ten in der Regel kei­ne Psych­ia­ter oder Psy­cho­lo­gen auf­su­chen: Die­se Art von Gewalt­tä­tern wird sofort mit Reli­gi­on und Her­kunfts­volk iden­ti­fi­ziert, der Islam ganz all­ge­mein als mit­ver­ant­wort­lich bezeich­net, und sei es auch nur in Form der Auf­for­de­rung, isla­mi­sche Funk­tio­nä­re und Ima­me hät­ten sich sofort von jeg­li­cher Art der Gewalt zu distanzieren.

Ganz in der Tra­di­ti­on sei­nes Vor­gän­gers hät­te Oba­ma nach dem “Batman”-Massaker nicht geschwie­gen, wäre Hol­mes vor sei­ner Tat vom Pro­tes­tan­tis­mus zum Islam über­ge­tre­ten. Er hät­te zwar nicht wie Bush zu einem Kreuz­zug auf­ge­ru­fen, aber er hät­te ver­schärf­te Sicher­heits­maß­nah­men ver­fügt. Und die Mos­lems von Colo­ra­do wären sofort gefilzt und über­wacht wor­den. Um sei­ne Wie­der­wahl­chan­cen offen­zu­hal­ten, hät­te Oba­ma das tun müs­sen (wenn er inner­lich nicht ohne­hin schon “umge­dreht” ist).

Für nicht­mus­li­mi­sche Täter gilt also nicht nur die indi­vi­du­el­le Schuld, son­dern auch noch der “Ver­dacht” einer redu­zier­ten, weil krank­haft geschwäch­ten Ver­ant­wor­tung. Mus­li­mi­sche Täter sind nicht nur per­sön­lich voll ver­ant­wort­lich. Ihr enge­res und wei­te­res Umfeld ist mitschuldig.

Das gilt nicht nur für die USA, son­dern auch für Euro­pa. Sie­he Norwegen.

Ich ver­su­che das mal zu ent­wir­ren: 1. Sperl erhebt den Vor­wurf, daß Hol­mes und Brei­vik “von der Gesell­schaft”, in der sie “gelebt” haben, “iso­liert” wer­den, ohne daß deren Mit­ver­ant­wor­tung betrach­tet wer­de. 2. Sperl erhebt den Vor­wurf, daß mos­le­mi­sche Ter­ro­ris­ten nicht von der Gesell­schaft, in der sie gelebt haben, iso­liert wer­den und deren Mit­ver­ant­wor­tung behaup­tet wer­de. Ha.

Wie rollt man so einen heil­lo­sen clus­ter­fuck auf? Kann es sein, daß es “den Jour­na­lis­ten” ange­sichts von isla­mi­schen Ter­ro­ris­ten weni­ger aus Ras­sis­mus oder ähn­li­chen Vor­ur­tei­len nicht “in den Sinn” kommt, von kli­ni­scher Patho­lo­gie zu spre­chen, weil die­se in der Regel einen klar defi­nier­ten poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Hin­ter­grund haben, vor allem aber die Täter sel­ten als Ein­zel­gän­ger han­deln, son­dern in der Regel im Ver­bund mit weit­läu­fi­gen ter­ro­ris­ti­schen Netzwerken?

Kann es sein, daß es hier einen deut­lich auf­fal­len­den Unter­schied zwi­schen isla­mi­schen Ter­ro­ris­ten und “ein­sa­men Wöl­fen” aus der ame­ri­ka­ni­schen Kil­lerfolk­lo­re wie Charles Whit­man, Geor­ge Sor­di­ni, Che­ung Hu-Cho und eben James Hol­mes gibt, die völ­lig auf eige­ne Faust und ohne jeg­li­che poli­ti­sche Moti­va­ti­on agierten?

Gibt es außer­dem kei­ne gra­vie­ren­den Unter­schie­de zwi­schen dem sicht­lich ver­wirr­ten und sprach­lo­sen Hol­mes und dem hoch­ar­ti­ku­lier­ten, hoch­ideo­lo­gi­sier­ten Brei­vik, der sei­ne Gerichts­ver­hand­lung bewußt als Büh­ne für sei­ne “Mes­sa­ge” und nar­ziß­ti­sche Selbst­in­sze­nie­rung nutz­te? Zwi­schen Hol­mes, der sei­ne Opfer nach dem Zufalls­prin­zip wähl­te, und Brei­vik, der eine ganz bestimm­te poli­ti­sche Ziel­grup­pe attackierte?

Und vor allem: es ist kei­nes­wegs so, daß “die Jour­na­lis­ten” beflis­sen gewe­sen wären, Hol­mes oder Brei­vik all­zu rasch in die Gum­mi­zel­le zu win­ken. Eine sol­che Geschich­te muß man mel­ken, soviel es eben geht. Jim Goad bemerk­te, daß seit dem Mas­sa­ker in Den­ver ganz Ame­ri­ka auf den den Bei­nen sei, um krampf­haft einen Schul­di­gen zu fin­den – wie schon im Fall Jared Lough­ner vor einem Jahr. Dabei gab es schier nichts, was bis­her nicht genannt wur­de: Action­fil­me, Waf­fen­lob­bies, Waf­fen­ge­set­ze, Anti-Staats­pa­ra­noia, “Hate Speech”, die Tea Par­ty, die Occu­py-Bewe­gung, der Kapi­ta­lis­mus, das Chris­ten­tum, der Haß auf “judäo-christ­li­che Über­zeu­gun­gen” und so wei­ter und so fort. Goad dazu trocken:

They’ve obvious­ly ruled out the shooter.

Der unend­lich kom­ple­xe­re Fall Brei­vik wur­de nun in der Tat “von der Gesell­schaft, in der er gelebt hat” iso­liert – aber einem ganz ande­ren Sin­ne, als sich Sperl das wohl vor­stellt. Denn Brei­vik leb­te in einer “Gesell­schaft” die von einer lin­ken, poli­tisch-kor­rek­ten Poli­tik gesteu­ert wird, deren Ideo­lo­gie nahe­zu unein­ge­schränkt die Mas­sen- und Main­stream­m­edi­en, Uni­ver­si­tä­ten und den öffent­li­chen Raum beherrscht.  Man hat­te aller­dings auch rasch ein “enges und wei­te­res Umfeld” gefun­den, das man nun nach Her­zen­lust beschul­di­gen und dif­fa­mie­ren konn­te: die “Counterjihad”-Bewegung und all­ge­mein die mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus- und islam­kri­ti­sche Rechte.

Die­ser saf­ti­gen poli­ti­schen Chan­ce stand eine psych­ia­tri­sche Dia­gno­se Brei­viks eher im Weg (auch wenn sie dia­lek­tisch inso­fern ver­sa­til ist, als mit ihr die gesam­te “Counterjihad”-Bewegung als Fall für die Klaps­müh­le dar­ge­stellt wer­den kann). In der Tat bleibt die Fra­ge, ob Brei­vik patho­lo­gisch oder nicht, zurech­nungs­fä­hig oder nicht ist, wei­ter­hin umstrit­ten. Bis dato gab es meh­re­re wider­spre­chen­de Gut­ach­ten. Der aktu­el­le Stand ent­spricht mei­nem eige­nen Urteil von Anfang an: daß er “an einer Per­sön­lich­keits­stö­rung lei­de, aber zurech­nungs­fä­hig sei” (Wiki­pe­dia).

Lin­ke ent­las­ten ger­ne ande­re Lin­ke, Mos­lems und Ein­wan­de­rer, indem sie Tat­be­stän­de “iso­lie­ren” und den Blick auf das bloß Indi­vi­du­el­le len­ken. Das ist aber bloß eine Fra­ge der tak­ti­schen Per­spek­ti­ve. Gegen­über der Sei­te, die sie angrei­fen und bekämp­fen wol­len, sind sie bekannt­lich nicht gera­de zöger­lich, sofort die weit­ge­faß­tes­ten “Mitschuld”-Klammern auf­zu­ma­chen und die wil­des­ten Ankla­gen zu erhe­ben. Davon abge­se­hen ten­die­ren sie auf­grund ihrer Ideo­lo­gie gene­rell dazu, “die Gesell­schaft” (und damit ist immer ihre eige­ne gemeint) für kri­mi­nel­le Unta­ten ver­ant­wort­lich zu machen, wäh­rend Rech­te oder Kon­ser­va­ti­ve eher dazu nei­gen, die Eigen­ver­ant­wort­lich­keit des Indi­vi­du­ums zu betonen.

Daß aber gera­de bei dem Auf­tau­chen von patho­lo­gi­schen Mas­sen­mör­dern und Ter­ro­ris­ten, die ja in der Regel nach einem öffent­li­chen Effekt gie­ren, bei­de Fak­to­ren, das Indi­vi­du­um und die Gesell­schaft, in der es lebt, eine Rol­le spie­len, soll­te aller­dings jedem über die Schlag­zei­len hin­aus­den­ken­den Men­schen klar sein. Ter­ro­ris­mus und Amok­lauf sind gewiß erns­te gesell­schaft­li­che Kri­sen­sym­pto­me. Von links her sind sie aller­dings nur sehr ein­ge­schränkt in den Griff zu kriegen.

Mei­nungs­ma­cher wie Sperl erin­nern mich immer wie­der dar­an, daß es heu­te die ehren­volls­te Auf­ga­be der Nicht-Lin­ken ist, dicke Bret­ter zu boh­ren, die Strän­ge des Knäu­els zu sor­tie­ren und prä­zi­se Dif­fe­ren­zie­run­gen vor­zu­neh­men.  Und ich mei­ne, daß die momen­tan bes­te und viel­schich­tigs­te Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen Din­gen in mei­nem Bonus-Essay zu die­ser Antho­lo­gie der Edi­ti­on Antai­os zu fin­den ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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