Fall Drygalla: Guter Polizist, böser Polizist

Das kennt man aus amerikanischen Filmen: ein Bulle übernimmt die Einschüchterung, der andere gibt sich freundlich und verständnisvoll,...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

so lan­ge, bis der Ver­hör­te durch das Wech­sel­bad psy­chisch weich­ge­klopft ist und sein Geständ­nis ablegt.

Dar­an muß­te ich wie­der ange­sichts der Titel­sei­te der aktu­el­len Zeit den­ken, die sich unter der Schlag­zei­le “Was darf man in einer Demo­kra­tie?” zur Ret­tung der ver­lo­re­nen Ehre der Nad­ja Dry­gal­la auf­schwingt. Den Rit­ter in glän­zen­der Rüs­tung gibt Jens Jes­sen (sekun­diert von Dani­el Cohn-Ben­dit) mit einem empö­rung­ge­sät­tig­ten Artikel.

Er nennt die Medi­en­hatz auf Dry­gal­la einen “Schau­pro­zeß”, ihren Raus­schmiß aus dem Olym­pia-Team eine “Feig­heit” und einen “Skan­dal”, spricht von “Pres­se­ver­hö­ren”, “Sip­pen­haft”, “exis­tenz­be­dro­hen­dem Ver­dacht” und zieht Ver­glei­che zu den “Pro­zes­sen der Sta­lin- und Hit­ler­zeit” und der RAF-Sym­pa­thi­san­ten­jagd der Sieb­zi­ger Jah­re. Dies alles wür­de beherrscht durch eine “fins­te­re, aber­gläu­bi­sche Vor­stel­lung” von “Kon­takt­schuld”, die nach sofor­ti­ger Qua­ran­tä­ne des mut­maß­lich Infi­zier­ten ver­langt: “Häß­li­cher kann mensch­li­ches Den­ken kaum sein.”

Das ist alles völ­lig rich­tig, nur wirkt es nicht  nur ein biß­chen heuch­le­risch, ein sol­ches “J’ac­cu­se!” aus­ge­rech­net in der Zeit zu lesen. Die­se ist bekannt­lich eines der eif­rigs­ten Zen­tral­or­ga­ne des poli­ti­schen Kaker­la­ken­den­kens und des “Kamp­fes gegen Rechts”, der eben am effek­tivs­ten dadurch geführt wird, daß eine dif­fu­se Angst vor “Kon­takt­schuld” erzeugt und zur akti­ven Denun­zia­ti­on der dämo­ni­schen Diver­s­an­ten auf­ge­ru­fen wird. Ins­be­son­de­re das von der Zeit mit­ge­stif­te­te Netz gegen Nazis dient die­ser apar­ten Auf­ga­be, wobei es sich von selbst ver­steht, daß in den glei­chen Topf auch alles geschmis­sen wird, was auch nur rechts von der CDU steht.

Hin­zu kommt, daß Jes­sen die Schuld für die­se Aus­wüch­se am fal­schen Ort sucht. Ein Bekann­ter schrieb mir treffend:

Er macht für die sog. Affä­re (wie auch für den Bay­reuth-Eklat) die unzu­rei­chen­de “Auf­ar­bei­tung” des Nazi-/ Neo­na­zi­tums ver­ant­wort­lich, anstatt die Dyna­mik des struk­tu­rel­len Anti­fa­schis­mus zu benen­nen. Außer­dem hinkt sein Ver­gleich mit den Berufs­ver­bo­ten gegen Lin­ke in den 1970ern: Denn damals war der Staat (auf­grund eines nach­wir­ken­den alten Staats­ethos) zwar gegen sehr lin­ke Beam­te ein­ge­stellt, aber die Gesell­schaft war dafür. Heu­te sind Staat und Gesell­schaft einig gegen Rechts!

“Sozia­le Iso­la­ti­on ist das Zusam­men­ge­schla­gen­wer­den auf Raten.” (Micha­el Klo­n­ovs­ky). So gese­hen kom­men die guten Cops viel zu spät, denn das Opfer hat sei­nen ers­ten Schlä­ge und Trit­te schon abge­kom­men. Die Gesich­ter und Namen Dry­gal­las und ihres Freun­des Micha­el Fischer sind tage­lang durch die Mas­sen­pres­se gegan­gen, und wenn auch die Ehre der Sport­le­rin letz­ten Endes und zumin­dest auf dem Papier halb­wegs geret­tet wur­de, so kann man sich doch unschwer den öffent­li­chen und pri­va­ten Druck aus­ma­len, der nun auf dem Paar las­tet – von der erheb­li­chen Hypo­thek für bei­der Berufs- und Kar­rie­re­aus­sich­ten ganz zu schweigen.

Vor allem aber ist dem päd­ago­gi­schen Zweck der erzwun­ge­nen sozia­lis­ti­schen Selbst­kri­tik Dry­gal­las (es gibt die­sen Som­mer eini­ge Fäl­le von der Sor­te) aus­rei­chend Genü­ge getan: stra­fe einen, erzie­he Tau­sen­de. Was wie immer hän­gen blei­ben wird, ist die Bot­schaft, daß auch nur die Kon­takt­nä­he zu (wie auch immer gear­te­ten) “rech­ten” Per­so­nen schwers­te Kon­se­quen­zen mit sich zieht. Und daß man gegen­über den zum Abschuß frei­ge­ge­be­nen Men­schen kei­ner­lei Hem­mun­gen mehr haben muß, was Anstand und Respekt, ele­men­ta­re Höf­lich­keit und Gerech­tig­keit betrifft. Man hat damit qua­si den Per­sil­schein zum Schwein­sein, und kann sich davon auch noch mora­li­sche Plus­punk­te erhof­fen. Und es gibt genug Men­schen, die bei einem sol­chen Ange­bot mit Ver­gnü­gen zugreifen.

Die Vor­stel­lung, daß der Rech­te kei­ne Rech­te habe, ethisch defekt sei und gene­rell kei­ne anstän­di­ge Behand­lung ver­die­ne, ist inzwi­schen weit ins Bewußt­sein der brei­ten Mas­se ein­ge­si­ckert.  Ein wesent­li­cher Bau­stein, damit dies funk­tio­niert, ist die sozia­le Angst:  wenn schon der blo­ße Kon­takt schul­dig und anrü­chig macht, muß man sich umso beflis­se­ner beei­len, die eige­ne Wes­te sau­ber zu bürs­ten, und am bes­ten so, daß es mög­lichst vie­le Leu­te zu sehen bekommen.

Jeder, der das schon ein­mal am eige­nen Lei­be erlebt hat, weiß, wie schnell sich in ein­schlä­gi­gen Situa­tio­nen Freun­de und Bekann­te in Heuch­ler, Lüg­ner und Pet­zer ver­wan­deln kön­nen, wie schnell die dem Men­schen inne­woh­nen­de Schä­big­keit und Klein­ka­riert­heit zum Vor­schein kommt. Bei ande­ren wird wie­der­um die Lust her­vor­ge­kit­zelt, ein­mal den Rich­ter, Kom­mis­sar und Inqui­si­tor spie­len zu dür­fen. Und auf die­sen trau­ri­gen Grund­ge­ge­ben­hei­ten baut das Sys­tem der “Herr­schaft des Ver­dachts” auf.

In der­sel­ben Aus­ga­be der Zeit erklärt Dani­el Cohn-Ben­dit, daß “Kampf gegen Rechts” und Dau­er­be­wäl­ti­gung zwar an sich gut sei­en, aber nicht zur Gesin­nungs­schnüf­fe­lei aus­ar­ten dürf­ten. An der gespal­te­nen Zun­ge erkennt man den guten, alten, ver­lo­ge­nen Dany wie­der. Der “Kampf gegen Rechts” ist in Deutsch­land eben nicht von “Unfä­hig­keit” geprägt, wie er sagt, son­dern von höchs­ter Effizienz.

Für die­se ist es völ­lig egal, ob Dry­gal­la und Fischer noch­mal davon­kom­men oder nicht. Das blaue Auge reicht schon aus. Nach­dem die “bösen Cops” zuge­schla­gen haben, dür­fen nun die “guten Cops” wie Jes­sen ran, ihre Rüs­tung auf libe­ra­len Hoch­glanz polie­ren und sich im all­ge­mei­nen Kulis­sen­schie­ben ganz nach vor­ne drängeln.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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