18. September 2012

Das Leben des Brian, Teil II

Martin Lichtmesz

"Pro Deutschland" droht aktuell damit, öffentlich "The Innocence of Muslims"  aufzuführen. Ich frage mich, was genau man da eigentlich zeigen will, denn einen solchen Film gibt es offenbar gar nicht. Als PR-Stunt war die Ankündigung jedenfalls überaus erfolgreich. Aber die "Pro"-Bewegung hat sich lediglich ins Kielwasser einer viel größeren politischen Manipulationsnummer gehängt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ich habe keine Ahnung, was es mit dem Mohammed-Video, den weltweit eher schlecht ausfallenden Kritiken und deren Folgen auf sich hat. Und damit stehe ich nicht gerade allein da. Unter der Flut von Kommentaren, die in den letzten Tagen von Links bis Rechts, von Oben und Unten, von Mainstream bis Sidestream zu der Causa erschienen, habe ich keine einzige wirklich befriedigende Analyse gefunden.

Wie aus dem Nichts sind Anfang des Monats knapp 14 Minuten lose aneinandergefügter Szenen aus einem angeblich vollständigen Spielfilm mit dem Titel "The Innocence of Muslims" im Netz aufgetaucht (in der Tat war das Material schon seit Juli zu sehen, ohne, daß es irgendjemandem sonderlich aufgefallen wäre). Dieser wurde nach Berichten von einem obskuren Hintermann namens "Sam Bacile" oder "Nakoula Basseley Nakoula" privat produziert und angeblich auch inszeniert. Dieser gibt sich offenbar bald als israelischer Staatsbürger, bald als koptischer Christ aus Ägypten aus, und war in der Vergangenheit in Drogengeschäfte und Finanzbetrügereien verstrickt. Der Stoff, aus dem gekaufte "front men" gemacht sind, also.

Angeblich soll auch ein gewisser Steve Klein seine Hände mit ihm Spiel haben, Mitglied einer Gruppe namens "Courageous Christians United". Von ihm existiert unter anderem ein Aufruf an in den USA lebende Kopten, sich der amerikanischen "religiösen Rechten" im Kampf gegen den Islam und für die "Freiheit" von God's Own Country anzuschließen.

Der Film selbst nun spottet jeder Beschreibung. Seine Dramaturgie und Dialoge sind hölzern und infantil. Die Akteure sind größtenteils europäischstämmige Schauspieler in bunten Gewändern und falschen Bärten, wie in den alten Bibelfilmen. Das ist aber auch das einzige, was Bacile mit Cecil B. DeMille gemeinsam hat. Das Ganze wirkt wie Schülertheater vor einer Bluescreen, in die Wüstenhintergründe einkopiert wurden, wodurch die Darsteller in manchen Szenen in der Luft zu schweben scheinen. Die Tonaufnahmen sind von schlechter Qualität (man hört noch den Hall der Garage oder Halle, in der das gedreht wurde) und wirken seltsam zusammengeflickt.

Bei manchen Szenen passen Text und Lippenbewegungen nicht; eindeutig wurden sie erst nachträglich synchronisiert. Das betrifft alle Stellen, in denen explizit von Mohammed und dem Koran die Rede ist. In der Tat haben einige Darsteller des Meisterwerks beteuert, daß es in dem Drehbuch, das sie bekommen hatten, gar keinen Bezug zu Mohammed und dem Islam gegeben habe: man habe sie über die wahren Absichten des Film getäuscht. (An dieser Stelle etwa stammt der erste Teil des Satzes von "Mohammed", der den Koran erwähnt, aus einer deutlich anderen Aufnahme, und von einem deutlich anderen Sprecher, als der darauffolgende.)

Mohammed sieht merkwürdigerweise frappierend genau so aus, wie Jesus von Nazareth in unzähligen Filmen dargestellt wurde. Sein Verhalten erinnert an den psychopathologischen Christus aus Scorseses "Die letzte Versuchung Christi", das Ergebnis allerdings eher an Monty Python's "Leben des Brian", was die Absurdität, nicht aber den Humor betrifft. (Nebenbei beides Skandalfilme, denen bei ihrem Erscheinen Blasphemie vorgeworfen wurde.)

Im Gegensatz zu diesen mutmaßlichen Vorbildern ist "Innocence of Moslems" rein als gezielte und platte Beleidigung konzipiert. Weder über die Koptenverfolgung noch über Mohammed und den Koran hat der Film irgendetwas Substanzielles zu sagen (im Gegensatz etwa zu Geert Wilders Propagandavideo "Fitna"). Es handelt sich also mitnichten um "Kritik am Islam und Aufklärung über sein wahres Wesen", und das kann nun wirklich jeder Depp sehen, der sich die Mühe macht, das Teil auch noch anzuschauen.

Der einzige Zweck des Filmchens bestand also offenbar darin, die roten Knöpfchen zu drücken und genau die Ergebnisse in Libyen, Yemen, Ägypten, Bangladesch, Somalia und anderen Ländern hervorzubringen, die in den letzten Tagen die Runde durchs global village machten. Viel Mühe mußten sich die Produzenten dabei nicht geben, denn das Zielpublikum ist in dieser Hinsicht notorisch anspruchslos und zuverlässig: bekanntlich lieben Moslems weltweit nichts mehr, als sich "beleidigt" zu fühlen, um mal wieder einen Anlaß zu haben, irgendjemanden und irgendetwas dafür büssen zu lassen. Wozu ihnen offenbar auch jeder Vorwand willkommen ist, weswegen wir uns unsere Krokodilstränen über ihre kulturellen Sensibilitäten sparen dürfen. Vielleicht schwappt auch gerade mal wieder der "Youth Bulge" über, oder vielleicht gibt es in Ägypten zuviel "Volk ohne Raum" und zuviele Un- und Unterbeschäftigte, die nicht wissen, wohin mit ihrer Energie.

Dennoch bleibt es verblüffend, daß ein derart läppisches Stück ausreichend gewesen sein soll, weltweite Unruhen zu provozieren, inklusive Mord und Totschlag und der Stürmung von Botschaften, deren Länder, wie eben Deutschland, rein gar nichts mit der Sache zu tun haben.

Eine arabisch synchronisierte Version der 14 Minuten wurde Anfang September, passenderweise kurz vor einem gewissen Jahrestag, hochgeladen und verbreitet. Was für ein Zufall. Es kann kein Zweifel bestehen, daß dies in der Absicht geschah, es knallen zu lassen. Die Frage ist nun:  Von wem? Warum? Das berühmte "cui bono?" ist diesmal nicht ohne weiteres einzusehen.

Nehmen wir an, daß tatsächlich irgendwelchen Dunkelmännern aus dem "lunatic fringe" der Christian Right der Coup gelungen wäre, dank der notorischen Berechenbarkeit moslemischer Austicker einen weltweiten Propagandacoup zu landen. Das wäre sozusagen die offizielle "9/11"-Version der Geschichte. Warum treten diese dann nicht lautstark an die Öffentlichkeit, um den Trubel zu nutzen und ihre Botschaft zu verbreiten? Wenn nun aber Klein oder Bacile/Nakoula wirklich für die Sache der ägyptischen Kopten streiten, dann muß man ihnen mindestens Idiotie oder gar blanken Zynismus vorwerfen: denn damit hätten sie ihre wehrlosen und ohnehin schon stark unter Pogromdruck stehenden Glaubensbrüder in Ägypten erst recht in die Bredouille gebracht.

Oder sitzen die Drahtzieher in Israel und verfolgen das Ziel, jenen, die immer noch an einen "arabischen Frühling" glauben, drastisch das Schreckbild der islamischen Bedrohung vor Augen zu führen? Oder stecken gar die Salafisten oder ähnliche Gruppen selbst dahinter, die bekanntlich gerne auf Eskalation und Aufputschung setzen, und sich nicht zu schade sind, ihrer sagenhaften Erzfrömmigkeit zum Trotz auch mal selbst blasphemische Karikaturen zu produzieren, wenn es dazu dient, Anhänger hinter sich zu scharen?

Oder hat, ganz klassisch, der CIA oder ein anderer Geheimdienst bei der Verbreitung des Videos nachgeholfen? Haben die USA ein Interesse an Eskalationen in moslemischen Ländern, um militärische Interventionen zu rechtfertigen? Oder war alles ganz anders? War die "Gaddafisierung" des amerikanische Botschafters in Libyen doch kein spontanes filmkritisches Statement, sondern vielmehr Rache für die Tötung eines libyschen Al-Qaida-Führers durch amerikanische Drohnen im Juni 2012?  Und auch hier gibt es so manche Pointe.

Dazu die Asia Times:

Es war einmal ein böser Terrorist namens Abu Yahya al-Libi, der während George Dabbelju's "Krieg gegen den Terror"von der Achse des Guten gefangen genommen und gefoltert wurde.

Abu Yahya al-Libi war, wie der Name schon sagt, Libyer. Er vermoderte drei Jahre in den Eingeweiden des Bagram-Gefängnisses von Kabul, schaffte es aber, aus dieser angeblich undurchdringlichen Festung im Juli 2005 zu entkommen.

Zu dieser Zeit lag die Achse des Guten glücklich im Ehebett mit Oberst Muammar Gaddafi in Libyen -dessen Sicherheitskräfte, zur Freude der Bush-Regierung ihr "Bestes" gaben, um Salafisten, Dschihadisten und Terroristen à la Al-Qaida zu eliminieren oder zumindest zu isolieren.

2011 beschloß dann die Achse des Guten unter einer neuen Regierung, daß es an der Zeit wäre, den ach so vorgestrigen "Krieg gegen den Terror" zu verabschieden, und eine neue, populärere Platte aufzulegen: die "humanitäre Intervention", auch bekannt als "kinetische Militäraktion".

So erstand al-Libi von den Toten - und kämpfte nun Seite an Seite mit der Achse des Guten, um den nunmehr "bösen" Oberst Gaddafi zu stürzen (und, wenn möglich, kaltzumachen). Al-Libi hatte sich zum "Freiheitskämpfer" gewandelt - wenn er auch keinen Hehl daraus machten, daß er aus Libyen ein islamisches Emirat machen wollte.

Die Flitterwochen dauerten nicht lange. Im September 2012 veröffentlichte Al-Qaida-Führer Ayman al-Zawahiri ein 42-minütiges Video, um den Jahrestag des "9/11" zu "feiern", in dem er bekannt gab, daß sein zweiter Mann umgelegt worden war - niemand anders als Abu Yahya al-Libi, getötet durch eine von Präsident Barack Obama's famosen Drohnen, in Waziristan, am 4. Juni des Jahres.

Aufgeputscht von al-Zawahiris Video zündete ein zorniger, bewaffneter Mob die amerikanische Botschaft in Benghazi an. Der US-Botschafter, Christopher Stevens, wurde getötet. Es nutzte nichts, daß Stevens unter den "NATO-Rebellen", deren Reihen gespickt waren mit Dschihadisten vom Typus al-Libi, und die offiziell Libyen "befreit" hatten, als Held galt. Steven hatte dafür seinen Botschafterposten als Belohnung bekommen, kurz nachdem der "böse" Gaddafi endlich sodomisiert, gelyncht und gekillt worden war - natürlich von einem zornigen, bewaffneten Mob, was sonst?

Wie will also Washington die libyschen Täter "zur Verantwortung ziehen"? Wenn es sich dabei um dieselbe Bande handelt, die schon den "bösen" Gaddafi kaltgemacht hat?

All dies ist ein Remake des alten Afghanistan-Streifens aus den Achtziger Jahren;  zuerst nennt man sie "Freiheitskämpfer", aber wenn sie uns angreifen, heißen sie plötzlich wieder "Terroristen".

Nun haben wir also salafistische Dschihadisten in Libyen mit NATO-Waffen, und von den Saudis finanzierte salafistische Dschihadisten mit türkischer Basis in Syrien in den Startlöchern, die mittels "Terror"-Klassikern wie dem Einsatz von Suizidbombern drauf und dran sind, das Assad-Regime zu stürzen.

Wie das alles der "New World Order" dient, wieviel davon Teil eines Planes und einer komplizierten Strategie und wieviel davon bloß aus dem Ruder gelaufen ist, das alles kann wohl momentan niemand schlüssig beantworten.Und wer kann ernsthaft von sich behaupten, daß er noch Überblick hätte über die Vorgänge in Syrien, Libyen und anderen arabischen Ländern? Die Flut der Information und Desinformation ist unüberschaubar angewachsen.

William Butler Yeats twitterte vor ein paar Tagen:

Turning and turning in the widening gyre
The falcon cannot hear the falconer;
Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world,
The blood-dimmed tide is loosed, and everywhere
The ceremony of innocence is drowned;
The best lack all conviction, while the worst
Are full of passionate intensity.

Jeder zieht sich in das ihm bekannte Schneckenhaus zurück. Dort ist die Welt wieder in Ordnung. Nehmen wir etwa Richard Herzinger, den unwahrscheinlichen Neoconissimus der Welt, der Gerüchten zufolge aus einer Alptraumhirnblase Carl Schmitts entstanden soll. Herzingers Heilslehre ist der Globalismus amerikanischer Machart, sein Prophet Karl Popper, nach dem er sich stramm ausrichtet. Und so ist er der drolligen Meinung, daß sich die Welt manichäisch in "offene" und "geschlossene" Gesellschaften aufteile. Eine ortlose Frontziehung also, die auf dem Papier sicher sehr hübsch aussieht. Aber auch die schönste "offene Gesellschaft" kommt nicht ohne Freund-Feind-Bestimmung aus, wie ja schon der Titel von Poppers berühmtem Buch sagt.

Angesichts der Bilder von islamischen Mobs hat Herzinger merklich der Bammel ergriffen, und nun scheint er endgültig reif für das von ihm verachtete Politically Incorrect. Man vergleiche das folgende mit der anderen Version der Geschichte aus der Asia Times:

Der Sturm auf die deutsche Botschaft in Khartum hat auf dramatische Weise bewiesen, dass den Deutschen und Europäern alle Distanzierungsversuche von den USA nichts nützen, wenn der islamistische Extremismus seinen mörderischen Hass gegen die "dekadente" und "gottlose" westliche Zivilisation, austobt. Der Glaube vieler Europäer, für ihre vermeintlich tiefere kulturelle Einfühlung in die Empfindlichkeiten "der Muslime", von islamistischen Ideologen mit Dialogbereitschaft honoriert zu werden, beruht auf Wunschdenken.

Wer sich zudem von Rückzug und Nachgeben gegenüber der ebenso pauschalisierend wie romantisierend so genannten "muslimischen Welt" Entgegenkommen, gar innerliche Läuterung und Mäßigung von Seiten islamistischer Extremisten versprochen hatte, wird durch die Gewaltwelle in Ägypten, Libyen, Tunesien, Jemen und Sudan schmerzhaft belehrt.

Dabei sind die militanten Salafisten und die in ihrem Gefolge agierenden terroristischen Dschihadisten, die die aktuellen Unruhen eingefädelt haben,

... und die von den USA und der NATO unterstützt wurden, um Ghaddafi und Assad zu stürzen ...

längerfristig nicht einmal die größte Gefahr. Besonders virtuos spielen derzeit die mächtigen ägyptischen Muslimbrüder – deren Einfluss nach dem Sturz Assads auch in Syrien immens sein wird – die Option aus, den Westen per Erpressung am Gängelband zu führen.

Einerseits distanzieren sie sich von gewalttätigen Übergriffen, anderseits schüren sie die angeblich spontane Empörung gegen den ominösen antimuslimischen Film, der als Vorwand für die organisierten Unruhen dient. Dem Westen sagen sie damit: Beugt euch unseren Standards von der Rangfolge von Religion und Politik, dafür dämmen wir unmittelbare Gewalt gegen euch ein. So werdet ihr mit den kommenden Machthabern in Ägypten, als die ihr uns anzuerkennen habt, gut auskommen.

Der Fall Ägypten liegt damit zwischen dem Sudan, wo die Regierung selbst hinter den Ausschreitungen steckt, und Libyen, wo ein undurchsichtiges Gemisch aus Dschihadisten und Resten des Gaddafi-Regimes einer tendenziell prowestlichen Regierung den Krieg erklärt.

Und nun noch diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen, und wir wissen, wohin der Hase läuft:

Ist der Westen nicht bereit, Demokratisierungsprozesse wie in Libyen notfalls auch militärisch abzusichern, wird er gleichsam blind und wider Willen doch wieder in den Sumpf der Gewalt gezogen.

Das alte Propaganda-Lied der Bush-Ära also: wir meinen es doch nur gut, aber "they hate our freedom!", weil sie grundlos böse sind, den Koran böse auslegen und so weiter und so fort. Was nun also als nächstes, Richard? Noch mehr Menschenrechtskriege und "humanitäre Interventionen" gegen die Achse des Bösen (ist ja nur zu ihrem Besten)? Wollt ihr die totale offene Gesellschaft? Und wollt ihr sie noch totaler und radikaler, als wir uns jetzt überhaupt vorstellen können?

Wer A sagt, muß auch B sagen? Jetzt haben wir das "demokratisch-säkulare" Virus in den Körper der "arabischen Gesellschaften" injiziert, und statt lockerzumachen und so frei, offen und "tolerant" wie Unsereiner zu werden, benehmen sie sich wie tolle Hunde. Weil sie offenbar noch nicht wissen, wie gut ihnen "westliche Modernisierungsprozesse" tun würden, wäre es vielleicht das Beste, sie einfach totzuschlagen, solange, bis nur mehr "säkulare Demokraten" den Nahen Osten bevölkern (hat ja in Deutschland auch funktioniert).

Ähnliche Fragen müßte man an PI-Stammautor Michael Stürzenberger richten, der schreibt:

Wir befinden uns historisch in der gleichen Situation wie 1938, als die Appeaser um Chamberlain den Nazis in München die Stiefel leckten. Jeder weiß, dass Einknicken gegenüber der Gewaltandrohung von totalitären Ideologen in die Katastrophe führt. Aber Geschichte muss sich wohl permanent wiederholen, denn die Mensachen lernen offensichtlich nichts. Es ist absolut verabscheuungswürdig, was hier abläuft, und es grenzt regelrecht an Volksverrat. Wir werden von der politischen und medialen Mainstream-Kaste an die Machtinteressen der arabisch-moslemischen Welt verkauft.

Irgendjemand sollte diese armen Tröpfe, die beide auf ihre Weise die Re-Education-Mythen ihres in grauer Vorzeit besiegten Volkes tief verinnerlicht haben, endlich aufwecken, und ihnen klarmachen, daß in diesem globalen Spiel nicht nur die arabisch-moslemische Welt "Machtinteressen" hat, und daß diese arabisch-moslemische Welt seit Jahrzehnten einer massiven raumfremden Machtpolitik ausgesetzt ist, die bisher das Leben von Hundertausenden Menschen gekostet hat.

Daß die "politische und mediale Mainstream-Kaste", gerade im Hause Springer mit seinen Broders und Herzingers, genau jenen Herren dient, deren Fahnen PI und Konsorten mit Vorliebe schwenken, weil sie immer noch glauben, damit auf der Seite der good guys zu stehen, die indessen auf sie spucken. Und sie sind willentlich blind dafür, daß diese vielleicht doch nicht so good sind, wie es den Anschein hat.

Man kann aber leider nicht oft genug sagen, daß die Kavallerie diesmal nicht kommen wird, um eine Atombombe auf die Japaner zu werfen. Daß besagte Kavallerie eher einschreiten wird, um auch noch die letzten Kartoffeln, die sich Indianerforderungen wie Volkssouveränität und ähnlichen faschistischen Schmuh in den Kopf gesetzt haben, zu Chips zu verarbeiten.  Und, wenn wir schon mitten im Thema der Manipulationslabyrinthe sind: man muß auch immer wieder sagen, daß jeder, der heute noch an die "offzielle" Version des 9/11-Mythos glaubt, dem Kleriker aus der Galilei-Legende gleicht, der sich weigerte, durch das Fernrohr zu blicken. Es gibt hier keine Entschuldigung  mehr - alles, was man dazu wissen muß und kann, ist frei verfügbar.

Stürzenberger schreibt:

Die politische Szene Deutschlands gleicht momentan einem Hühnerstall, in den ein Fuchs hineingelaufen ist. Völlig aufgeregt flattern die Mainstream-Politiker wie aufgeregte Hühnchen auf ihren Stangen herum und gackern empört über ein harmloses Filmchen.

Ja, aber ist ihm aufgefallen, daß er selbst, die halbe PI- und die gesamte Pro-Szene laut mitgackern und nicht weniger toll auf ihren Stangen hüpfen? "Sie hassen unsere Freiheit! Da seht ihr es mal wieder! Wir haben es immer schon gesagt!", gackern sie triumphierend, und merken nicht, daß sie mindestens so pawlowisch reagieren wie die ihre hitzigen Feindbilder.  Und mir scheint, ihre Häuptlinge sprechen mit gespaltener Zunge. Manfred Rouhs von der Pro-Bewegung etwa:

Wir wollen den Film zeigen, um eine Diskussion möglich zu machen. Auch, wenn uns vielleicht die Machart nicht gefällt, muß doch die Meinungs- und Kunstfreiheit gegen religiös begründete Intoleranz geschützt werden. Da leider kein deutscher Filmverleih die Initiative ergriffen und eine Aufführung des umstrittenen Films angekündigt hat, springt pro Deutschland ein und füllt die bestehende Lücke.

Das ist eine Frage der Zivilcourage!

Wozu braucht man für ein 14-minütiges Amateurvideo, das jedermann via Youtube zugänglich ist, einen "Filmverleih"? Ich bin ja nun gespannt, ob es Pro-Deutschland gelingt, den vollständigen angeblichen Spielfilm aus dem Hut zu zaubern, und wenn das Wunder vollbracht ist, wünsche ich viel Spaß mit weiteren grausam schlechten und nachträglich per Synchronisation plump manipulierten 90 Minuten.

Um die Idiotie noch vollständig zu machen, haben Pro-Deutschland einen amerikanischen Knallkopf wie den durch angekündigte und mitverantwortete öffentliche Koranverbrennungen notorisch gewordenen "Pastor" Terry Jones (der lustigerweise denselben Namen wie ein Mitglied der Monty Python's hat) "eingeladen", dessen Tätigkeiten sie schönlügen, daß sich die Balken biegen, vor allem die in den eigenen Augen.

Oder bluffen die Pro-Verantwortlichen nur? Wenn das nicht Instinktlosigkeit ist, sondern eine Methode, sich ins Gespräch zu bringen, dann können mir die Sprecher von Pro aber nicht erzählen, daß sie nicht insgeheim darauf hoffen, daß es auch in Deutschland krachen wird. Die Wahrscheinlichkeit, daß es dazu kommen wird, ist nicht gering. Auch die üblichen Verdächtigen kennen ihre Pappenheimer. Innenminister Friedrich wird in den Medien zitiert: "'Pro Deutschland' gießt grob fahrlässig Öl ins Feuer". Das ist völlig richtig!

Man könnte aber auch sagen, daß sie versuchen, Feuer an die Lunten zu legen, um per Testsprengung zu demonstrieren, daß sich auch in Deutschland erste islamische Dynamitlager angesammelt haben, und daß es keine gute Idee ist, diese weiter wachsen zu lassen. Self-fulfilling prophecy oder Quod erat demonstrandum? Und das hätte freilich wieder einige Legitimität für sich. So oder so werden sich alle Beteiligten, "Appeaser" wie Provokateure fragen müssen, wieviel Gewalt sie bereit sind, im Namen ihrer politischen Ziele in Kauf zu nehmen, wieviel Gewalt sie für unvermeidlich und "alternativlos" halten, als Kollateralschaden oder als Erweckungsknall.

Und wie soll sich nun der anständige Konservative verhalten, der angeekelt ist von manchen angeblichen "Freiheiten" des "Westens", der es keineswegs für eine verteidigungswürdige Errungenschaft hält, daß Religionen beleidigt werden dürfen und jeder Dreck und jede minusbeseelte Infamie als "Meinungsfreiheit" oder "Kunst" ausgegeben wird? Seine Reaktion wird wohl wie die von Dieter Stein ausfallen:

Daß die Partei „Pro Deutschland“ aus kalkulierter Provokation den Film „Innocence of Muslims“ („Die Unschuld der Moslems“) in Berlin zeigen will, ist schäbig und unehrenhaft. Es soll hier in zynischer Weise innenpolitisch Kapital aus einem ernsten Konflikt geschlagen werden. Mit einer konservativ-patriotischen Grundlinie und der „Bewahrung des christlichen Abendlandes“, wie die Gruppierung erklärt, hat ein solches Vorgehen nichts zu tun.

Diese billige Provokation vollzieht sich noch dazu in einem Moment, als in Syrien die christliche Minderheit vor dem Exodus steht. Ihre Existenz ist dabei nicht bedroht vom Assad-Regime, sondern von den zumeist islamistischen Rebellen, die Kirchen anzünden und Jagd auf Christen machen. Gleichzeitig befindet sich der Papst im Libanon und ruft unterschiedliche Religionen und Konfliktparteien zur Besonnenheit und Vermittlung auf.

Gut - aber ist gerade im Hinblick auf die konservative Sache nicht das eigentliche Problem, daß die Pro-Bewegung in einer Öffentlichkeit agiert, in der mit doppeltem Maß gemessen wird, und daß sie dementsprechend handeln muß? Alle Welt verlangte letzten Monat, daß wir uns geschlossen über die Verurteilung von "Pussy Riot" in Russland empören sollen. Im eigenen Land ist man nicht gar so tolerant und offen, wenn die Provokation dort geschieht, wo es wirklich weh tut. Hier steckt der Konservative, der weder Kirchen noch Korane geschändet sehen möchte, in einem sktrukturellen Dilemma.

Ich sage, und vielleicht irre ich mich: in der momentanen Lage sind Zurückhaltung und Skepsis das Richtige. Wir sollten uns nicht zu gackernden Hühnern machen lassen; wir sollten überhaupt den Stall verlassen. Wir sollten alle Kabel ausfindig machen und entfernen, die uns noch mit roten Knöpfen verbinden. Sonst machen auch wir uns nur zu Spielbällen und Schachfiguren.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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