Das Leben des Brian, Teil II

"Pro Deutschland" droht aktuell damit, öffentlich "The Innocence of Muslims"  aufzuführen. Ich frage mich, was genau man da eigentlich zeigen will,...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

denn einen sol­chen Film gibt es offen­bar gar nicht. Als PR-Stunt war die Ankün­di­gung jeden­falls über­aus erfolg­reich. Aber die “Pro”-Bewegung hat sich ledig­lich ins Kiel­was­ser einer viel grö­ße­ren poli­ti­schen Mani­pu­la­ti­ons­num­mer gehängt.

Ich habe kei­ne Ahnung, was es mit dem Moham­med-Video, den welt­weit eher schlecht aus­fal­len­den Kri­ti­ken und deren Fol­gen auf sich hat. Und damit ste­he ich nicht gera­de allein da. Unter der Flut von Kom­men­ta­ren, die in den letz­ten Tagen von Links bis Rechts, von Oben und Unten, von Main­stream bis Sidestream zu der Cau­sa erschie­nen, habe ich kei­ne ein­zi­ge wirk­lich befrie­di­gen­de Ana­ly­se gefunden. 

Wie aus dem Nichts sind Anfang des Monats knapp 14 Minu­ten lose anein­an­der­ge­füg­ter Sze­nen aus einem angeb­lich voll­stän­di­gen Spiel­film mit dem Titel “The Inno­cence of Mus­lims” im Netz auf­ge­taucht (in der Tat war das Mate­ri­al schon seit Juli zu sehen, ohne, daß es irgend­je­man­dem son­der­lich auf­ge­fal­len wäre). Die­ser wur­de nach Berich­ten von einem obsku­ren Hin­ter­mann namens “Sam Baci­le” oder “Nakou­la Bas­se­ley Nakou­la” pri­vat pro­du­ziert und angeb­lich auch insze­niert. Die­ser gibt sich offen­bar bald als israe­li­scher Staats­bür­ger, bald als kop­ti­scher Christ aus Ägyp­ten aus, und war in der Ver­gan­gen­heit in Dro­gen­ge­schäf­te und Finanz­be­trü­ge­rei­en ver­strickt. Der Stoff, aus dem gekauf­te “front men” gemacht sind, also.

Angeb­lich soll auch ein gewis­ser Ste­ve Klein sei­ne Hän­de mit ihm Spiel haben, Mit­glied einer Grup­pe namens “Cou­ra­ge­ous Chris­ti­ans United”. Von ihm exis­tiert unter ande­rem ein Auf­ruf an in den USA leben­de Kop­ten, sich der ame­ri­ka­ni­schen “reli­giö­sen Rech­ten” im Kampf gegen den Islam und für die “Frei­heit” von God’s Own Coun­try anzuschließen.

Der Film selbst nun spot­tet jeder Beschrei­bung. Sei­ne Dra­ma­tur­gie und Dia­lo­ge sind höl­zern und infan­til. Die Akteu­re sind größ­ten­teils euro­päisch­stäm­mi­ge Schau­spie­ler in bun­ten Gewän­dern und fal­schen Bär­ten, wie in den alten Bibel­fil­men. Das ist aber auch das ein­zi­ge, was Baci­le mit Cecil B. DeMil­le gemein­sam hat. Das Gan­ze wirkt wie Schü­ler­thea­ter vor einer Blue­s­creen, in die Wüs­ten­hin­ter­grün­de ein­ko­piert wur­den, wodurch die Dar­stel­ler in man­chen Sze­nen in der Luft zu schwe­ben schei­nen. Die Ton­auf­nah­men sind von schlech­ter Qua­li­tät (man hört noch den Hall der Gara­ge oder Hal­le, in der das gedreht wur­de) und wir­ken selt­sam zusammengeflickt.

Bei man­chen Sze­nen pas­sen Text und Lip­pen­be­we­gun­gen nicht; ein­deu­tig wur­den sie erst nach­träg­lich syn­chro­ni­siert. Das betrifft alle Stel­len, in denen expli­zit von Moham­med und dem Koran die Rede ist. In der Tat haben eini­ge Dar­stel­ler des Meis­ter­werks beteu­ert, daß es in dem Dreh­buch, das sie bekom­men hat­ten, gar kei­nen Bezug zu Moham­med und dem Islam gege­ben habe: man habe sie über die wah­ren Absich­ten des Film getäuscht. (An die­ser Stel­le etwa stammt der ers­te Teil des Sat­zes von “Moham­med”, der den Koran erwähnt, aus einer deut­lich ande­ren Auf­nah­me, und von einem deut­lich ande­ren Spre­cher, als der darauffolgende.)

Moham­med sieht merk­wür­di­ger­wei­se frap­pie­rend genau so aus, wie Jesus von Naza­reth in unzäh­li­gen Fil­men dar­ge­stellt wur­de. Sein Ver­hal­ten erin­nert an den psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Chris­tus aus Scor­se­ses “Die letz­te Ver­su­chung Chris­ti”, das Ergeb­nis aller­dings eher an Mon­ty Python’s “Leben des Bri­an”, was die Absur­di­tät, nicht aber den Humor betrifft. (Neben­bei bei­des Skan­dal­fil­me, denen bei ihrem Erschei­nen Blas­phe­mie vor­ge­wor­fen wurde.)

Im Gegen­satz zu die­sen mut­maß­li­chen Vor­bil­dern ist “Inno­cence of Mos­lems” rein als geziel­te und plat­te Belei­di­gung kon­zi­piert. Weder über die Kop­ten­ver­fol­gung noch über Moham­med und den Koran hat der Film irgend­et­was Sub­stan­zi­el­les zu sagen (im Gegen­satz etwa zu Geert Wil­ders Pro­pa­gan­da­vi­deo “Fit­na”). Es han­delt sich also mit­nich­ten um “Kri­tik am Islam und Auf­klä­rung über sein wah­res Wesen”, und das kann nun wirk­lich jeder Depp sehen, der sich die Mühe macht, das Teil auch noch anzuschauen.

Der ein­zi­ge Zweck des Film­chens bestand also offen­bar dar­in, die roten Knöpf­chen zu drü­cken und genau die Ergeb­nis­se in Liby­en, Yemen, Ägyp­ten, Ban­gla­desch, Soma­lia und ande­ren Län­dern her­vor­zu­brin­gen, die in den letz­ten Tagen die Run­de durchs glo­bal vil­la­ge mach­ten. Viel Mühe muß­ten sich die Pro­du­zen­ten dabei nicht geben, denn das Ziel­pu­bli­kum ist in die­ser Hin­sicht noto­risch anspruchs­los und zuver­läs­sig: bekannt­lich lie­ben Mos­lems welt­weit nichts mehr, als sich “belei­digt” zu füh­len, um mal wie­der einen Anlaß zu haben, irgend­je­man­den und irgend­et­was dafür büs­sen zu las­sen. Wozu ihnen offen­bar auch jeder Vor­wand will­kom­men ist, wes­we­gen wir uns unse­re Kro­ko­dils­trä­nen über ihre kul­tu­rel­len Sen­si­bi­li­tä­ten spa­ren dür­fen. Viel­leicht schwappt auch gera­de mal wie­der der “Youth Bul­ge” über, oder viel­leicht gibt es in Ägyp­ten zuviel “Volk ohne Raum” und zuvie­le Un- und Unter­be­schäf­tig­te, die nicht wis­sen, wohin mit ihrer Energie.

Den­noch bleibt es ver­blüf­fend, daß ein der­art läp­pi­sches Stück aus­rei­chend gewe­sen sein soll, welt­wei­te Unru­hen zu pro­vo­zie­ren, inklu­si­ve Mord und Tot­schlag und der Stür­mung von Bot­schaf­ten, deren Län­der, wie eben Deutsch­land, rein gar nichts mit der Sache zu tun haben.

Eine ara­bisch syn­chro­ni­sier­te Ver­si­on der 14 Minu­ten wur­de Anfang Sep­tem­ber, pas­sen­der­wei­se kurz vor einem gewis­sen Jah­res­tag, hoch­ge­la­den und ver­brei­tet. Was für ein Zufall. Es kann kein Zwei­fel bestehen, daß dies in der Absicht geschah, es knal­len zu las­sen. Die Fra­ge ist nun:  Von wem? War­um? Das berühm­te “cui bono?” ist dies­mal nicht ohne wei­te­res einzusehen.

Neh­men wir an, daß tat­säch­lich irgend­wel­chen Dun­kel­män­nern aus dem “lun­a­tic frin­ge” der Chris­ti­an Right der Coup gelun­gen wäre, dank der noto­ri­schen Bere­chen­bar­keit mos­le­mi­scher Aus­ti­cker einen welt­wei­ten Pro­pa­g­an­da­coup zu lan­den. Das wäre sozu­sa­gen die offi­zi­el­le “9/11”-Version der Geschich­te. War­um tre­ten die­se dann nicht laut­stark an die Öffent­lich­keit, um den Tru­bel zu nut­zen und ihre Bot­schaft zu ver­brei­ten? Wenn nun aber Klein oder Bacile/Nakoula wirk­lich für die Sache der ägyp­ti­schen Kop­ten strei­ten, dann muß man ihnen min­des­tens Idio­tie oder gar blan­ken Zynis­mus vor­wer­fen: denn damit hät­ten sie ihre wehr­lo­sen und ohne­hin schon stark unter Pogrom­druck ste­hen­den Glau­bens­brü­der in Ägyp­ten erst recht in die Bre­douil­le gebracht.

Oder sit­zen die Draht­zie­her in Isra­el und ver­fol­gen das Ziel, jenen, die immer noch an einen “ara­bi­schen Früh­ling” glau­ben, dras­tisch das Schreck­bild der isla­mi­schen Bedro­hung vor Augen zu füh­ren? Oder ste­cken gar die Sala­fis­ten oder ähn­li­che Grup­pen selbst dahin­ter, die bekannt­lich ger­ne auf Eska­la­ti­on und Auf­putschung set­zen, und sich nicht zu scha­de sind, ihrer sagen­haf­ten Erz­fröm­mig­keit zum Trotz auch mal selbst blas­phe­mi­sche Kari­ka­tu­ren zu pro­du­zie­ren, wenn es dazu dient, Anhän­ger hin­ter sich zu scharen?

Oder hat, ganz klas­sisch, der CIA oder ein ande­rer Geheim­dienst bei der Ver­brei­tung des Vide­os nach­ge­hol­fen? Haben die USA ein Inter­es­se an Eska­la­tio­nen in mos­le­mi­schen Län­dern, um mili­tä­ri­sche Inter­ven­tio­nen zu recht­fer­ti­gen? Oder war alles ganz anders? War die “Gad­da­fi­sie­rung” des ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaf­ters in Liby­en doch kein spon­ta­nes film­kri­ti­sches State­ment, son­dern viel­mehr Rache für die Tötung eines liby­schen Al-Qai­da-Füh­rers durch ame­ri­ka­ni­sche Droh­nen im Juni 2012?  Und auch hier gibt es so man­che Pointe.

Dazu die Asia Times:

Es war ein­mal ein böser Ter­ro­rist namens Abu Yahya al-Libi, der wäh­rend Geor­ge Dabbelju’s “Krieg gegen den Terror“von der Ach­se des Guten gefan­gen genom­men und gefol­tert wurde.

Abu Yahya al-Libi war, wie der Name schon sagt, Liby­er. Er ver­mo­der­te drei Jah­re in den Ein­ge­wei­den des Bagram-Gefäng­nis­ses von Kabul, schaff­te es aber, aus die­ser angeb­lich undurch­dring­li­chen Fes­tung im Juli 2005 zu entkommen.

Zu die­ser Zeit lag die Ach­se des Guten glück­lich im Ehe­bett mit Oberst Muammar Gad­da­fi in Liby­en ‑des­sen Sicher­heits­kräf­te, zur Freu­de der Bush-Regie­rung ihr “Bes­tes” gaben, um Sala­fis­ten, Dschi­ha­dis­ten und Ter­ro­ris­ten à la Al-Qai­da zu eli­mi­nie­ren oder zumin­dest zu isolieren.

2011 beschloß dann die Ach­se des Guten unter einer neu­en Regie­rung, daß es an der Zeit wäre, den ach so vor­gest­ri­gen “Krieg gegen den Ter­ror” zu ver­ab­schie­den, und eine neue, popu­lä­re­re Plat­te auf­zu­le­gen: die “huma­ni­tä­re Inter­ven­ti­on”, auch bekannt als “kine­ti­sche Mili­tär­ak­ti­on”.

So erstand al-Libi von den Toten – und kämpf­te nun Sei­te an Sei­te mit der Ach­se des Guten, um den nun­mehr “bösen” Oberst Gad­da­fi zu stür­zen (und, wenn mög­lich, kalt­zu­ma­chen). Al-Libi hat­te sich zum “Frei­heits­kämp­fer” gewan­delt – wenn er auch kei­nen Hehl dar­aus mach­ten, daß er aus Liby­en ein isla­mi­sches Emi­rat machen wollte.

Die Flit­ter­wo­chen dau­er­ten nicht lan­ge. Im Sep­tem­ber 2012 ver­öf­fent­lich­te Al-Qai­da-Füh­rer Ayman al-Zawa­hi­ri ein 42-minü­ti­ges Video, um den Jah­res­tag des “9/11” zu “fei­ern”, in dem er bekannt gab, daß sein zwei­ter Mann umge­legt wor­den war – nie­mand anders als Abu Yahya al-Libi, getö­tet durch eine von Prä­si­dent Barack Obama’s famo­sen Droh­nen, in Wazi­ris­tan, am 4. Juni des Jahres.

Auf­ge­putscht von al-Zawa­hi­ris Video zün­de­te ein zor­ni­ger, bewaff­ne­ter Mob die ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaft in Beng­ha­zi an. Der US-Bot­schaf­ter, Chris­to­pher Ste­vens, wur­de getö­tet. Es nutz­te nichts, daß Ste­vens unter den “NATO-Rebel­len”, deren Rei­hen gespickt waren mit Dschi­ha­dis­ten vom Typus al-Libi, und die offi­zi­ell Liby­en “befreit” hat­ten, als Held galt. Ste­ven hat­te dafür sei­nen Bot­schaf­ter­pos­ten als Beloh­nung bekom­men, kurz nach­dem der “böse” Gad­da­fi end­lich sodo­mi­siert, gelyncht und gekillt wor­den war – natür­lich von einem zor­ni­gen, bewaff­ne­ten Mob, was sonst?

Wie will also Washing­ton die liby­schen Täter “zur Ver­ant­wor­tung zie­hen”? Wenn es sich dabei um die­sel­be Ban­de han­delt, die schon den “bösen” Gad­da­fi kalt­ge­macht hat?

All dies ist ein Remake des alten Afgha­ni­stan-Strei­fens aus den Acht­zi­ger Jah­ren;  zuerst nennt man sie “Frei­heits­kämp­fer”, aber wenn sie uns angrei­fen, hei­ßen sie plötz­lich wie­der “Ter­ro­ris­ten”.

Nun haben wir also sala­fis­ti­sche Dschi­ha­dis­ten in Liby­en mit NATO-Waf­fen, und von den Sau­dis finan­zier­te sala­fis­ti­sche Dschi­ha­dis­ten mit tür­ki­scher Basis in Syri­en in den Start­lö­chern, die mit­tels “Terror”-Klassikern wie dem Ein­satz von Sui­zid­bom­bern drauf und dran sind, das Assad-Regime zu stürzen.

Wie das alles der “New World Order” dient, wie­viel davon Teil eines Pla­nes und einer kom­pli­zier­ten Stra­te­gie und wie­viel davon bloß aus dem Ruder gelau­fen ist, das alles kann wohl momen­tan nie­mand schlüs­sig beantworten.Und wer kann ernst­haft von sich behaup­ten, daß er noch Über­blick hät­te über die Vor­gän­ge in Syri­en, Liby­en und ande­ren ara­bi­schen Län­dern? Die Flut der Infor­ma­ti­on und Des­in­for­ma­ti­on ist unüber­schau­bar angewachsen.

Wil­liam But­ler Yeats twit­ter­te vor ein paar Tagen:

Tur­ning and tur­ning in the wide­ning gyre
The fal­con can­not hear the falconer;
Things fall apart; the cent­re can­not hold;
Mere anar­chy is loo­sed upon the world,
The blood-dim­med tide is loo­sed, and everywhere
The cere­mo­ny of inno­cence is drowned;
The best lack all con­vic­tion, while the worst
Are full of pas­sio­na­te intensity.

Jeder zieht sich in das ihm bekann­te Schne­cken­haus zurück. Dort ist die Welt wie­der in Ord­nung. Neh­men wir etwa Richard Her­zin­ger, den unwahr­schein­li­chen Neo­co­nis­si­mus der Welt, der Gerüch­ten zufol­ge aus einer Alp­traum­hirn­bla­se Carl Schmitts ent­stan­den soll. Her­zin­gers Heils­leh­re ist der Glo­ba­lis­mus ame­ri­ka­ni­scher Mach­art, sein Pro­phet Karl Pop­per, nach dem er sich stramm aus­rich­tet. Und so ist er der drol­li­gen Mei­nung, daß sich die Welt manichä­isch in “offe­ne” und “geschlos­se­ne” Gesell­schaf­ten auf­tei­le. Eine ort­lo­se Front­zie­hung also, die auf dem Papier sicher sehr hübsch aus­sieht. Aber auch die schöns­te “offe­ne Gesell­schaft” kommt nicht ohne Freund-Feind-Bestim­mung aus, wie ja schon der Titel von Pop­pers berühm­tem Buch sagt.

Ange­sichts der Bil­der von isla­mi­schen Mobs hat Her­zin­ger merk­lich der Bam­mel ergrif­fen, und nun scheint er end­gül­tig reif für das von ihm ver­ach­te­te Poli­ti­cal­ly Incor­rect. Man ver­glei­che das fol­gen­de mit der ande­ren Ver­si­on der Geschich­te aus der Asia Times:

Der Sturm auf die deut­sche Bot­schaft in Khar­tum hat auf dra­ma­ti­sche Wei­se bewie­sen, dass den Deut­schen und Euro­pä­ern alle Distan­zie­rungs­ver­su­che von den USA nichts nüt­zen, wenn der isla­mis­ti­sche Extre­mis­mus sei­nen mör­de­ri­schen Hass gegen die “deka­den­te” und “gott­lo­se” west­li­che Zivi­li­sa­ti­on, aus­tobt. Der Glau­be vie­ler Euro­pä­er, für ihre ver­meint­lich tie­fe­re kul­tu­rel­le Ein­füh­lung in die Emp­find­lich­kei­ten “der Mus­li­me”, von isla­mis­ti­schen Ideo­lo­gen mit Dia­log­be­reit­schaft hono­riert zu wer­den, beruht auf Wunschdenken.

Wer sich zudem von Rück­zug und Nach­ge­ben gegen­über der eben­so pau­scha­li­sie­rend wie roman­ti­sie­rend so genann­ten “mus­li­mi­schen Welt” Ent­ge­gen­kom­men, gar inner­li­che Läu­te­rung und Mäßi­gung von Sei­ten isla­mis­ti­scher Extre­mis­ten ver­spro­chen hat­te, wird durch die Gewalt­wel­le in Ägyp­ten, Liby­en, Tune­si­en, Jemen und Sudan schmerz­haft belehrt.

Dabei sind die mili­tan­ten Sala­fis­ten und die in ihrem Gefol­ge agie­ren­den ter­ro­ris­ti­schen Dschi­ha­dis­ten, die die aktu­el­len Unru­hen ein­ge­fä­delt haben,

… und die von den USA und der NATO unter­stützt wur­den, um Ghad­da­fi und Assad zu stürzen …

län­ger­fris­tig nicht ein­mal die größ­te Gefahr. Beson­ders vir­tu­os spie­len der­zeit die mäch­ti­gen ägyp­ti­schen Mus­lim­brü­der – deren Ein­fluss nach dem Sturz Assads auch in Syri­en immens sein wird – die Opti­on aus, den Wes­ten per Erpres­sung am Gän­gel­band zu führen.

Einer­seits distan­zie­ren sie sich von gewalt­tä­ti­gen Über­grif­fen, ander­seits schü­ren sie die angeb­lich spon­ta­ne Empö­rung gegen den omi­nö­sen anti­mus­li­mi­schen Film, der als Vor­wand für die orga­ni­sier­ten Unru­hen dient. Dem Wes­ten sagen sie damit: Beugt euch unse­ren Stan­dards von der Rang­fol­ge von Reli­gi­on und Poli­tik, dafür däm­men wir unmit­tel­ba­re Gewalt gegen euch ein. So wer­det ihr mit den kom­men­den Macht­ha­bern in Ägyp­ten, als die ihr uns anzu­er­ken­nen habt, gut auskommen.

Der Fall Ägyp­ten liegt damit zwi­schen dem Sudan, wo die Regie­rung selbst hin­ter den Aus­schrei­tun­gen steckt, und Liby­en, wo ein undurch­sich­ti­ges Gemisch aus Dschi­ha­dis­ten und Res­ten des Gad­da­fi-Regimes einer ten­den­zi­ell pro­west­li­chen Regie­rung den Krieg erklärt.

Und nun noch die­sen Satz auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen, und wir wis­sen, wohin der Hase läuft:

Ist der Wes­ten nicht bereit, Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zes­se wie in Liby­en not­falls auch mili­tä­risch abzu­si­chern, wird er gleich­sam blind und wider Wil­len doch wie­der in den Sumpf der Gewalt gezogen.

Das alte Pro­pa­gan­da-Lied der Bush-Ära also: wir mei­nen es doch nur gut, aber “they hate our free­dom!”, weil sie grund­los böse sind, den Koran böse aus­le­gen und so wei­ter und so fort. Was nun also als nächs­tes, Richard? Noch mehr Men­schen­rechts­krie­ge und “huma­ni­tä­re Inter­ven­tio­nen” gegen die Ach­se des Bösen (ist ja nur zu ihrem Bes­ten)? Wollt ihr die tota­le offe­ne Gesell­schaft? Und wollt ihr sie noch tota­ler und radi­ka­ler, als wir uns jetzt über­haupt vor­stel­len können?

Wer A sagt, muß auch B sagen? Jetzt haben wir das “demo­kra­tisch-säku­la­re” Virus in den Kör­per der “ara­bi­schen Gesell­schaf­ten” inji­ziert, und statt locker­zu­ma­chen und so frei, offen und “tole­rant” wie Unser­ei­ner zu wer­den, beneh­men sie sich wie tol­le Hun­de. Weil sie offen­bar noch nicht wis­sen, wie gut ihnen “west­li­che Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­se” tun wür­den, wäre es viel­leicht das Bes­te, sie ein­fach tot­zu­schla­gen, solan­ge, bis nur mehr “säku­la­re Demo­kra­ten” den Nahen Osten bevöl­kern (hat ja in Deutsch­land auch funktioniert).

Ähn­li­che Fra­gen müß­te man an PI-Stam­m­au­tor Micha­el Stür­zen­ber­ger rich­ten, der schreibt:

Wir befin­den uns his­to­risch in der glei­chen Situa­ti­on wie 1938, als die Appea­ser um Cham­ber­lain den Nazis in Mün­chen die Stie­fel leck­ten. Jeder weiß, dass Ein­kni­cken gegen­über der Gewalt­an­dro­hung von tota­li­tä­ren Ideo­lo­gen in die Kata­stro­phe führt. Aber Geschich­te muss sich wohl per­ma­nent wie­der­ho­len, denn die Men­sa­chen ler­nen offen­sicht­lich nichts. Es ist abso­lut ver­ab­scheu­ungs­wür­dig, was hier abläuft, und es grenzt regel­recht an Volks­ver­rat. Wir wer­den von der poli­ti­schen und media­len Main­stream-Kas­te an die Macht­in­ter­es­sen der ara­bisch-mos­le­mi­schen Welt verkauft.

Irgend­je­mand soll­te die­se armen Tröp­fe, die bei­de auf ihre Wei­se die Re-Edu­ca­ti­on-Mythen ihres in grau­er Vor­zeit besieg­ten Vol­kes tief ver­in­ner­licht haben, end­lich auf­we­cken, und ihnen klar­ma­chen, daß in die­sem glo­ba­len Spiel nicht nur die ara­bisch-mos­le­mi­sche Welt “Macht­in­ter­es­sen” hat, und daß die­se ara­bisch-mos­le­mi­sche Welt seit Jahr­zehn­ten einer mas­si­ven raum­frem­den Macht­po­li­tik aus­ge­setzt ist, die bis­her das Leben von Hun­der­tau­sen­den Men­schen gekos­tet hat.

Daß die “poli­ti­sche und media­le Main­stream-Kas­te”, gera­de im Hau­se Sprin­ger mit sei­nen Bro­ders und Her­zin­gers, genau jenen Her­ren dient, deren Fah­nen PI und Kon­sor­ten mit Vor­lie­be schwen­ken, weil sie immer noch glau­ben, damit auf der Sei­te der good guys zu ste­hen, die indes­sen auf sie spu­cken. Und sie sind wil­lent­lich blind dafür, daß die­se viel­leicht doch nicht so good sind, wie es den Anschein hat.

Man kann aber lei­der nicht oft genug sagen, daß die Kaval­le­rie dies­mal nicht kom­men wird, um eine Atom­bom­be auf die Japa­ner zu wer­fen. Daß besag­te Kaval­le­rie eher ein­schrei­ten wird, um auch noch die letz­ten Kar­tof­feln, die sich India­ner­forde­run­gen wie Volks­sou­ve­rä­ni­tät und ähn­li­chen faschis­ti­schen Schm­uh in den Kopf gesetzt haben, zu Chips zu ver­ar­bei­ten.  Und, wenn wir schon mit­ten im The­ma der Mani­pu­la­ti­ons­la­by­rin­the sind: man muß auch immer wie­der sagen, daß jeder, der heu­te noch an die “off­zi­el­le” Ver­si­on des 9/11-Mythos glaubt, dem Kle­ri­ker aus der Gali­lei-Legen­de gleicht, der sich wei­ger­te, durch das Fern­rohr zu bli­cken. Es gibt hier kei­ne Ent­schul­di­gung  mehr – alles, was man dazu wis­sen muß und kann, ist frei verfügbar.

Stür­zen­ber­ger schreibt:

Die poli­ti­sche Sze­ne Deutsch­lands gleicht momen­tan einem Hüh­ner­stall, in den ein Fuchs hin­ein­ge­lau­fen ist. Völ­lig auf­ge­regt flat­tern die Main­stream-Poli­ti­ker wie auf­ge­reg­te Hühn­chen auf ihren Stan­gen her­um und gackern empört über ein harm­lo­ses Filmchen.

Ja, aber ist ihm auf­ge­fal­len, daß er selbst, die hal­be PI- und die gesam­te Pro-Sze­ne laut mit­ga­ckern und nicht weni­ger toll auf ihren Stan­gen hüp­fen? “Sie has­sen unse­re Frei­heit! Da seht ihr es mal wie­der! Wir haben es immer schon gesagt!”, gackern sie tri­um­phie­rend, und mer­ken nicht, daß sie min­des­tens so paw­lo­wisch reagie­ren wie die ihre hit­zi­gen Feind­bil­der.  Und mir scheint, ihre Häupt­lin­ge spre­chen mit gespal­te­ner Zun­ge. Man­fred Rouhs von der Pro-Bewe­gung etwa:

Wir wol­len den Film zei­gen, um eine Dis­kus­si­on mög­lich zu machen. Auch, wenn uns viel­leicht die Mach­art nicht gefällt, muß doch die Mei­nungs- und Kunst­frei­heit gegen reli­gi­ös begrün­de­te Into­le­ranz geschützt wer­den. Da lei­der kein deut­scher Film­ver­leih die Initia­ti­ve ergrif­fen und eine Auf­füh­rung des umstrit­te­nen Films ange­kün­digt hat, springt pro Deutsch­land ein und füllt die bestehen­de Lücke.

Das ist eine Fra­ge der Zivilcourage!

Wozu braucht man für ein 14-minü­ti­ges Ama­teur­vi­deo, das jeder­mann via You­tube zugäng­lich ist, einen “Film­ver­leih”? Ich bin ja nun gespannt, ob es Pro-Deutsch­land gelingt, den voll­stän­di­gen angeb­li­chen Spiel­film aus dem Hut zu zau­bern, und wenn das Wun­der voll­bracht ist, wün­sche ich viel Spaß mit wei­te­ren grau­sam schlech­ten und nach­träg­lich per Syn­chro­ni­sa­ti­on plump mani­pu­lier­ten 90 Minuten.

Um die Idio­tie noch voll­stän­dig zu machen, haben Pro-Deutsch­land einen ame­ri­ka­ni­schen Knall­kopf wie den durch ange­kün­dig­te und mit­ver­ant­wor­te­te öffent­li­che Koran­ver­bren­nun­gen noto­risch gewor­de­nen “Pas­tor” Ter­ry Jones (der lus­ti­ger­wei­se den­sel­ben Namen wie ein Mit­glied der Mon­ty Python’s hat) “ein­ge­la­den”, des­sen Tätig­kei­ten sie schön­lü­gen, daß sich die Bal­ken bie­gen, vor allem die in den eige­nen Augen.

Oder bluf­fen die Pro-Ver­ant­wort­li­chen nur? Wenn das nicht Instinkt­lo­sig­keit ist, son­dern eine Metho­de, sich ins Gespräch zu brin­gen, dann kön­nen mir die Spre­cher von Pro aber nicht erzäh­len, daß sie nicht ins­ge­heim dar­auf hof­fen, daß es auch in Deutsch­land kra­chen wird. Die Wahr­schein­lich­keit, daß es dazu kom­men wird, ist nicht gering. Auch die übli­chen Ver­däch­ti­gen ken­nen ihre Pap­pen­hei­mer. Innen­mi­nis­ter Fried­rich wird in den Medi­en zitiert: “ ‘Pro Deutsch­land’ gießt grob fahr­läs­sig Öl ins Feu­er”. Das ist völ­lig richtig!

Man könn­te aber auch sagen, daß sie ver­su­chen, Feu­er an die Lun­ten zu legen, um per Test­spren­gung zu demons­trie­ren, daß sich auch in Deutsch­land ers­te isla­mi­sche Dyna­mit­la­ger ange­sam­melt haben, und daß es kei­ne gute Idee ist, die­se wei­ter wach­sen zu las­sen. Self-ful­fil­ling pro­phe­cy oder Quod erat demonstran­dum? Und das hät­te frei­lich wie­der eini­ge Legi­ti­mi­tät für sich. So oder so wer­den sich alle Betei­lig­ten, “Appea­ser” wie Pro­vo­ka­teu­re fra­gen müs­sen, wie­viel Gewalt sie bereit sind, im Namen ihrer poli­ti­schen Zie­le in Kauf zu neh­men, wie­viel Gewalt sie für unver­meid­lich und “alter­na­tiv­los” hal­ten, als Kol­la­te­ral­scha­den oder als Erweckungsknall.

Und wie soll sich nun der anstän­di­ge Kon­ser­va­ti­ve ver­hal­ten, der ange­ekelt ist von man­chen angeb­li­chen “Frei­hei­ten” des “Wes­tens”, der es kei­nes­wegs für eine ver­tei­di­gungs­wür­di­ge Errun­gen­schaft hält, daß Reli­gio­nen belei­digt wer­den dür­fen und jeder Dreck und jede minus­be­seel­te Infa­mie als “Mei­nungs­frei­heit” oder “Kunst” aus­ge­ge­ben wird? Sei­ne Reak­ti­on wird wohl wie die von Die­ter Stein ausfallen:

Daß die Par­tei „Pro Deutsch­land“ aus kal­ku­lier­ter Pro­vo­ka­ti­on den Film „Inno­cence of Mus­lims“ („Die Unschuld der Mos­lems“) in Ber­lin zei­gen will, ist schä­big und uneh­ren­haft. Es soll hier in zyni­scher Wei­se innen­po­li­tisch Kapi­tal aus einem erns­ten Kon­flikt geschla­gen wer­den. Mit einer kon­ser­va­tiv-patrio­ti­schen Grund­li­nie und der „Bewah­rung des christ­li­chen Abend­lan­des“, wie die Grup­pie­rung erklärt, hat ein sol­ches Vor­ge­hen nichts zu tun.

Die­se bil­li­ge Pro­vo­ka­ti­on voll­zieht sich noch dazu in einem Moment, als in Syri­en die christ­li­che Min­der­heit vor dem Exo­dus steht. Ihre Exis­tenz ist dabei nicht bedroht vom Assad-Regime, son­dern von den zumeist isla­mis­ti­schen Rebel­len, die Kir­chen anzün­den und Jagd auf Chris­ten machen. Gleich­zei­tig befin­det sich der Papst im Liba­non und ruft unter­schied­li­che Reli­gio­nen und Kon­flikt­par­tei­en zur Beson­nen­heit und Ver­mitt­lung auf.

Gut – aber ist gera­de im Hin­blick auf die kon­ser­va­ti­ve Sache nicht das eigent­li­che Pro­blem, daß die Pro-Bewe­gung in einer Öffent­lich­keit agiert, in der mit dop­pel­tem Maß gemes­sen wird, und daß sie dem­entspre­chend han­deln muß? Alle Welt ver­lang­te letz­ten Monat, daß wir uns geschlos­sen über die Ver­ur­tei­lung von “Pus­sy Riot” in Russ­land empö­ren sol­len. Im eige­nen Land ist man nicht gar so tole­rant und offen, wenn die Pro­vo­ka­ti­on dort geschieht, wo es wirk­lich weh tut. Hier steckt der Kon­ser­va­ti­ve, der weder Kir­chen noch Kora­ne geschän­det sehen möch­te, in einem sktruk­tu­rel­len Dilemma.

Ich sage, und viel­leicht irre ich mich: in der momen­ta­nen Lage sind Zurück­hal­tung und Skep­sis das Rich­ti­ge. Wir soll­ten uns nicht zu gackern­den Hüh­nern machen las­sen; wir soll­ten über­haupt den Stall ver­las­sen. Wir soll­ten alle Kabel aus­fin­dig machen und ent­fer­nen, die uns noch mit roten Knöp­fen ver­bin­den. Sonst machen auch wir uns nur zu Spiel­bäl­len und Schachfiguren.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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