Sezession
20. Oktober 2012

Besetztes Gelände und Islamkritik

Martin Lichtmesz

Die Kontroverse mit pi-news und seinen strammeren Aktivisten hat mir wieder einmal gezeigt, wieviel Schutt noch auf dem "besetzten Gelände" der deutschen Seele liegt. In einem 2010 erschienenen Kaplakenbändchen habe ich mich an einer Art Archäologie der (Film-)Bilder versucht, die den Blick auf unsere Geschichte und Identität prägen und zum Teil auch verstellen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wer eine solche Mission unternimmt, ist nicht nur Schutt-, sondern auch Minenräumer. Eine solche Mine ist etwa die Nazikeule, die immer dann hochgeht, wenn die Frage nach einer deutschen Identität gestellt wird, die über postnational akzentuierte Grundgesetz-Bekenntnisse und ähnliches hinausreicht. Je nach Gegenüber fällt die Antwort mal mehr, mal weniger elastisch oder dogmatisch aus. Es besteht jedoch allgemeine Einigkeit, daß man als Deutscher um eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts nicht herumkommt. Meine Zugangsweise ist hier vor allem die eines Psychologen der "Seelengeschichte" der Deutschen.

Aus dieser Sicht ist der in der "islamkritischen" Szene verbreitete USA/Israel-Surrogat-Nationalismus, der bezeichnenderweise immer in dieser keineswegs zwingenden Kombination auftaucht, eher ein psychologisches als ein politisches Phänomen. Ähnlich ist es vermutlich um das "Feindbild Muslim" bestellt, das über weite Strecken auch als Projektionsfläche für unbewältigte eigene Befindlichkeiten herhalten muß.

Das ist besonders auffällig in jener Rhetorik, die den Koran mit "Mein Kampf" und den Islam mit "Faschismus" gleichsetzt, und damit nicht nur einen "absoluten" Feind markiert, sondern auch eine deutsche Belastung aus der Vergangenheit gleich einem schwarzen Peter in die Gegenwart verschiebt. Daß dies so leidenschaftlich von Deutschen betrieben wird, die gleichzeitig einen "demophoben" Horror vor ihrem "Deutschsein" jenseits von "Grundgesetz", "Freiheit" und "Verfassung" haben, sollte aufhorchen lassen. "Der KIimawandel, das ist der NAZI", hörte ich einmal aus dem Mund eines besonders fanatischen Öko-Aktivisten. Das ist die Chiffre, die heute überall Geltung haben soll. "Der Islam" soll nun nach manchen Islamkritikern unser  aktueller "Nazi" sein, und damit hätten wir Deutsche wohl die Chance, endlich wirklich zu den "good guys" aufzuschließen, indem wir den Faschismus "diesmal" stoppen.

Das ist besonders frappant bei Michael Stürzenberger: ebenso wie er von "Islamofaschisten" redet, die weltweit vom Griff ihrer "Gehirnwäsche"-Ideologie "befreit" werden müssten, spricht er von "Nazi-Deutschen", die von den US-Amerikaner glücklich "befreit" wurden - und zwar nicht nur vom "Faschismus", sondern, wie seine reflexartige Handhabung der Nazikeule und -mine zeigt, wohl auch von ihrer deutschen Identität überhaupt, die nur mehr in Form einer Art Wertebekenntnis erlaubt ist. Aber selbst in solchen Affekten drückt sich das eher dumpf erahnte als klar formulierte Gefühl aus, daß ein "Grundgesetz" dazu da sein sollte, das Eigene zu schützen, und nicht, es aufzulösen (zu welchem Zwecke es ja heute überwiegend ausgelegt wird).

Stürzenberger erweckt mit seinen Attacken gerne den Eindruck, islamische Länder per se wären voll mit gehirngewaschenen, fühllosen Dschihad-Robotern, die blindlings die Anweisungen des Koran in ihrer zugespitztesten Auslegung ausführen, und ihre Staaten allesamt finstere hypertotalitäre Maschinen, die auf "den Westen" und die Welteroberung zurollen.  Das erinnert frappant an das Bild, das die US-Propaganda im Zweiten Weltkrieg von Deutschland zeichnete, besonders eindrücklich auf den Punkt gebracht in der Disney-Produktion "Education for Death" (1943).

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=D8bCuNiJ-NI]

Ein ähnlich krass übertriebenes Bild zeichnete auch der zur Schulung von Besatzungssoldaten produzierte Film "Your Job in Germany" (USA 1946), geschrieben von dem deutschstämmigen Kinderbuchautor Theodore "Dr." Seuss, der auch für einige besonders perfide Propagandacartoons verantwortlich zeichnet - etwa diesen hier, der die Internierung von US-Japanern in Konzentrationslagern rechtfertigt.

Die Deutschen erscheinen in diesem Film als eine Rasse von hochmütigen, unmenschlichen und gehirngewaschenen Quasi-Werwölfen, deren "Taqqiya" man nicht vertrauen könne, und denen man erst mühsam "Demokratie" und Humanität einkloppen müsse. Die an das deutsche Publikum selbst gerichteten "Re-Education"-Filme verzichteten verständlicherweise auf solche direkten Diffamierungen und setzten stattdessen wie "Die Todesmühlen" (1946) von Hanuš Burger und Billy Wilder auf Schockeffekte.

Beide Ansätze waren Phänomene der Übergangszeit: die US-Soldaten "fraternisierten" sich natürlich schnell mit der deutschen Bevölkerung, während des hungernde und erschöpfte, vor der Aufgabe des Aufbaus stehende Nachkriegspublikum für schlechtes Gewissen wenig Zeit und Energie hatte. Subkutan hat sich das "Image", das Filme dieser Art und ihre Nachfolger erzeugten, in gefilterter Form durchgesetzt. Heute ist es weitgehend zum Allgemeingut geworden, tief eingesunken in das kollektive Bewußtsein und Unterbewußtsein der Deutschen, und es beeinflußt in erheblichem Maße sowohl die Rhetorik der "politisch Korrekten" als auch, wie der Typus Stürzenberger zeigt, die Rhetorik der (vermeintlich) "politisch Inkorrekten".


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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