Sezession
19. Oktober 2012

Eine Lanze für Michael Stürzenberger

Gastbeitrag / 3 Kommentare

von Manfred Kleine-Hartlage

Die "Weißmann-Stürzenberger-Kontroverse", aus der seit Martin Lichtmesz' Artikel "Weißmann, Stürzenberger und das Elend der Islamkritik" zusehends eine Lichtmesz-Stürzenberger-Kontroverse geworden ist, ist gestern von Martin Lichtmesz in diesem Blog um ein weiteres Kapitel bereichert worden. Die Antwort auf Stürzenbergers giftige Unterstellungen war notwendig, und Lichtmesz hat diese Unterstellungen - die ja letztlich nicht nur ihm galten, sondern der gesamten Neuen Rechten und ihrer politischen Theorie - Punkt für Punkt zerpflückt. So weit, so gut.

Weniger gut und Anlaß für meinen Artikel sind die letzten drei Absätze, die ich deshalb hier noch einmal zitiere:

Sollten solche krassen Fehlleistungen [Gemeint ist die Interpretation des Anti-Mohammed-Videos als "Dokumentarfilm", MKH] keine Ausrutscher sein, sondern symptomatisch für den Wirklichkeitszugang der „Islamkritik“, dann haben wir es weniger mit „Kritik“ als mit bloßer Krawallmache zu tun. Ich höre diese Art von Aktivismus oft mit dem Argument verteidigt, daß sie zumindest in einem Teilbereich aufklärend und wachrüttelnd wirke. Wenn sich etwas ändern soll, dann brauche man nicht nur Weißmanns, sondern auch Bierzeltredner, die die Massen mobilisieren und motivieren.

Ich habe Respekt vor den Machertypen und Praktikern, kann aber den Glauben an diese Romantik des Brachialen und des Polternden beim besten Willen nicht teilen. Ich hege die tiefste Skepsis, daß aus blindwütiger Schwarzweißmalerei etwas Vernünftiges und Brauchbares erwachsen kann. Rein praktisch sehe ich nur die Installation eines Dampfablaßventils, das von einem erkenntnisfeindlichen weltanschaulichen Rahmen ummauert bleibt. Das Klischeebild „Hemdsärmelige Täter gegen intellektuelle Quatschköppe“, das nun in Anschlag gebracht wird, ist irreführend, die faule Ausrede der getroffenen Hunde, die laut bellen.

Es bleibt aber unerläßliche Pflicht, stets eine genaue Erkenntnis der Lage zu gewinnen. Gerade das Beispiel dieser Art von „Islamkritik“ zeigt, wie einengend und blockierend sich derartige Mentalitäten und Einäugigkeiten auswirken können. Die Qualität der Ansprechenden wird sich in der Qualität der Angesprochenen spiegeln, was nur erneut dazu führen wird, daß der „colère des imbéciles“ (Georges Bernanos) die Welt überflutet.

Provokation ist keine Krawallmache, auch wenn sie Krawalle der Gegenseite hervorruft; sie könnte es nicht, wenn es das, was sie sichtbar machen soll, nicht gäbe. Übrigens: Wenn Stürzenberger wirklich so naiv wäre, den bewußten Film für eine Eins-zu-eins-Abbildung des Lebens von Mohammed zu halten statt für eine simple Provokation, dann hätten wir es erst recht nicht mit "Krawallmache" zu tun, sondern eben mit Naivität. Ich glaube aber nicht, daß er so naiv ist.

Ferner ist an dem Argument, daß man nicht nur die intellektuellen Vordenker benötigt, sondern auch die, die eine Botschaft ins Volk tragen, nicht die Spur von Romantik. Es ist einfach nur realistisch. Politik und Metapolitik sind unterschiedliche Schlachtfelder, auf denen unterschiedliche Gesetze gelten. Metapolitik will Begriffe prägen, deuten und besetzen, um Eliten (und erst auf diesem Umweg Massen) beeinflussen; Politik, speziell politische Propaganda, zielt direkt auf Massen. Ich kann nicht erkennen, welchen Sinn es haben soll, einem Kämpfer vorzuwerfen, daß er sich an diejenigen Regeln hält, die auf seinem Schlachtfeld nun einmal gelten. Die Finger vom Schmutz der Politik zu lassen, wenn sie einem nun einmal nicht liegt, ist jedermann unbenommen. Ob allerdings ein Konzept, das ausschließlich auf Metapolitik setzt und auf den direkten Appell ans Volk nicht nur selbst verzichtet, sondern ihn mit aristokratischem Naserümpfen auch dann verächtlich macht, wenn Andere ihn suchen, bezweifle ich.

Praktisch die gesamten Funktionseliten unseres Landes sind geistig, moralisch und materiell korrupt. Sie sind für Argumente nicht erreichbar, weil Argumente - zumindest gute Argumente - weder karrierefördernd noch prestigeträchtig sind; nicht einmal essen kann man sie. Für Menschen, die ihre eigene Vernunft rein instrumentell verwenden, sind sie buchstäblich "nicht zu gebrauchen". Metapolitik wird die etablierten Eliten nur marginal erreichen; sie wird sich darauf konzentrieren müssen, Gegeneliten heranzubilden. Deren Angehörige werden aber leicht zu komischen Figuren, wenn es ihnen an einem Resonanzboden fehlt. Wo keine Masse, da keine Elite. Die Massenloyalität gegenüber dem herrschenden Regime zu unterminieren: Das ist Politik, nicht Metapolitik. Es ist im Kern Propaganda.

Propaganda kann "brachial und polternd" sein, muß es aber nicht, und was Stürzenberger angeht, ist sie es nicht - oder doch zumindest weitaus weniger als die Art von Propaganda, die die Gegenseite uns täglich serviert, man denke allein an den "Kampf gegen Rechts" oder die Kriegshetze gegen Syrien. Was immer man Stürzenberger (und überhaupt der liberalen Islamkritik, die aber nicht einfach die Islamkritik ist) an Verkürzungen vorwerfen mag: Was er über den Islam sagt, ist wahr, was auch Lichtmesz nicht bestreitet; und wenn es auch im politischen Feld nicht die Wahrheit gibt (auch das Mohammed-Filmchen ist selbstverständlich nicht einfach die Wahrheit), so gibt es sehr wohl die Unwahrheit, und eine Propaganda, die wenigstens ohne Unwahrheiten auskommt, steht allein damit schon turmhoch über allem, was in der etablierten deutschen Politik und Publizistik gang und gäbe ist. (Das gilt zumindest für Stürzenbergers Islamkritik. Was seine Ausfälle gegen Lichtmesz und zum Teil auch gegen die Sezession angeht, so sei ihm zugute gehalten, daß sich hier der Zorn des heftig Kritisierten mit aufrichtigem Unverständnis gegenüber Positionen mischt, mit denen er anscheinend bisher noch nicht konfrontiert wurde, und die in seiner politischen Landkarte nicht vorgesehen sind.) Wenn es also stimmt, daß "die Qualität der Ansprechenden sich in der Qualität der Angesprochenen spiegelt", dann brauchen die, die sich von Stürzenberger angesprochen fühlen, den Vergleich mit der Anhängerschaft der etablierten Parteien gewiß nicht zu scheuen.

Womit wir bei Stürzenbergers "weltanschaulichem Rahmen" wären, also der liberalen Ideologie, von der er ausgeht, und die in der Tat Erkenntnisblockaden begünstigt, wie Lichtmesz richtig feststellt und hier bei der Sezession keiner bestreiten wird. Allerdings ist "das Klischeebild 'Hemdsärmelige Täter gegen intellektuelle Quatschköppe', das nun in Anschlag gebracht wird", keine Spezialität von liberalen Islamkritikern. Der vulgäre antiintellektuelle Affekt zeigte dieser Tage in den Kommentarsträngen sehr verschiedener, auch rechter Blogs seine Fratze; das ist eine Frage der Bildung, nicht der Ideologie.


 Gastbeitrag

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Kommentare (3)

Ben_Diako
19. Oktober 2012 08:00

Ich wäre ingesamt dankbar, wenn die Frequenz der Artikel auf Sezession.de abnehmen würde. Mehr Innerlichkeit!

antwort kubitschek
es kommen auch wieder ruhigere zeiten. derzeit brennt halt ein feuerchen. lesen Sie fleißig, es geht ja um essentielles.

Druide
19. Oktober 2012 08:34

Diese ganze Problematik scheint mir - wie so oft - mit einem gründlichen Mangel an politischem Instinkt unter uns Deutschen verknüpft zu sein. Dieser verrät nämlich, wann und wofür Metapolitik und wann und wofür das genuin Politische maßgeblich und sinnvoll ist. Wann Kompromiß und wann die ganze wahrheit auf den Tisch muss.

Viele wollen immer sofort alles ("Komm wir gründen wieder eine neue Partei.."). Andere sehen mangels einer tragenden Basis jedenfalls momentan keinen Sinn sich unnütz zu verschleißen (Stichwort: Elfenbeinturm).

Immerhin müssen sich die Macher der Sezession nicht vorhalten lassen ihre begrenzeten Resourcen zu verschwenden. (Und das erst recht nicht von Großmäulern, die sich hinter Pseudonymen verbergen.)
Was den Kosten-Nutzen-Vergleich angeht habe ich bei den Praktikern aber erhebliche Zweifel. Da wird mit viel viel Aufwand immerhin nicht nichts geschafft.

Dass Du, Manfred, dem Leser hier die elementaren Grundzüge politisch tatktierenden Handelns und Abwägens erläutern musst, verrät aber die Unreife unseres der Machtausübung gänzlich entwöhnten Spektrums. Es sind letztlich Kindergartendiskussionen, die insoweit ihren Sinn haben, als dass wir häufig anonym Kommunizierenden noch herausfinden müssen/mussten, inwieweit ein Zusammengehen für beide Seiten gewinnbringend ist.

Denn die kommunikative Hauptregel des "getrennt Marschieren und vereint Schlagens" lautet: Ich äußere mich öffentlich grundsätzlich nur zu den Dingen der Mitstreiter, die ich unterstütze. Zu dem Rest schweige ich einfach. Punkt.

Der größte Gag bislang war jedoch, als man bei PI die Nazikeule gegen Sezession & Co. auspackte, während Kewil sich darüber beschwerte, dass die Gutmenschen immer die Nazikeule einsetzen. Ich konnte (diesmal) noch darüber lachen.

Raskolnikow
19. Oktober 2012 09:35

Bedauerlicherweise,

zeigen diese Dispute vor allem Eines: die Korrumpierung der Begriffe durch die Herrschenden, die auch Kleine-Hartlage (in einem überaus präzisen Beobachtungen entsprungenen Beitrag) anspricht, machte auch vor den Dissidenten nicht halt.

"Konservative Vordenker" und "Rechtsintellektuelle" aus dem Umfeld von Sezession, JF etc... , die ich momentan als die einzig ernstzunehmenden Oppositionellen erkennen kann, setzen ihren Franz-Joseph unter Pamphlete und Begriffe, die man nur als liberal-sozialistische Programme auffassen kann.

Man fordert Meinungsfreiheit (!), Mitbestimmung für das Volk (Offenbar eine Wurst nach der jeder, wirklich jeder, schnappen muss!), sind stolz auf Schwarz-Rot-Gold (die deutsche Tricolore, Symbol der Revolution, kratzt man am Lack, sind Hakenkreuz und Hammer-Sichel-Ährenkranz schon zu erkennen), gleiches Recht für alle und ist sich nicht so ganz im Klaren über den Kapitalismus ...

Und alle sitzen diesem seit 300 Jahren völlig unbewiesenen Postulat auf, die Wahrheit läge irgendwie bei der Mehrheit - man bekennt sich dann, natürlich, auch zur Demokratie, zur wahren und echten Demokratie natürlich, die ja noch nicht verwirklicht sei. (Die diesbezüglichen Paralellen zu den Kommunisten bringen einen zum Lachen, dass man schier bersten möchte. )

Man könnte noch eine Weile so weitermachen, denn im Grunde, sind sich doch alle auf der vielbesungenen metapolitischen Ebene viel näher, als sie es wahrhaben wollen. Sozusagen als ein paar stichelnde und subtil streitende Damen beim Kaffeekränzchen im metasozialistischen Salon. (Gerade auf den Fauteuils zur Rechten!)

Damit ist klar geworden, dass es eine ernstzunehmende konservative Opposition nicht gibt. Wer spricht denn aus, dass "das Volk" weder zu einer qualifizierten Meinung oder, logisch!, noch zu einem vernünftigen Urteil in der Lage ist? Wer zweifelt die "Errungenschaften" der Aufklärung denn wirklich, tief und nachhaltig an (Blöder Goethe!)? Wer widerspricht dem revolutionären Prinzip des "Fortschritts"? Wer will den Staat legitimiert von oben und nicht von unten? Und so weiter ...

Tragischerweise hat der Comte de Maistre diesen ganzen Quatsch schon zu Zeiten der Revolution 1789 argumentativ völlig zerlegt. Damals hat ihn keiner gelesen, alle waren berauscht vom Fortschritt, von der Befreiung ... Und heute? Wer kann als großer, nein größter, Kämpfer für die Rechte des Volkes und der Nation noch was mit de Maistre anfangen ...

Kurz: Ich denke, Ihr solltet Euch alle vertragen! Denn das, was da gerade herrscht, vernichtet Europa, und damit die Welt, in einer solchen Rasanz, dass uns allen die Spucke wegbleibt. Eure Wege zögern das Verglimmen noch etwas hinaus ...

Gnadenerheischendst,

R.

antwort kubitschek:
dieser hinweis auf die gut getarnten fallen der mitmach-demokratie gefällt mir so gut, daß ich hiermit die debatte schließe.

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