Sezession
1. November 2012

Hallo, Wien! (Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten, Folge 3)

Martin Lichtmesz

Der medienwirksame "Tanzüberfall" einer "identitären" Gruppe aus Wien hat nun Nachahmer in Deutschland gefunden. Mit einem Mikro-Ghettoblaster bewaffnet haben maskierte Aktivisten im Zeichen des "Lambda" für ein paar Minuten einen Multikulturkongreß in Frankfurt am Main mit Hardbass-Musik zugedröhnt. Video und Verweise zu der Showeinlage gibt es hier.   

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Im Vergleich zu der Moscheebesetzung in Poitiers durch die französischen Original-"Identitären" wirken derartige Spaß-Guerilla-Aktionen freilich noch etwas juvenil und in Bezug auf die Botschaft diffus und allgemein. Fraglich ist auch, ob sich die Verwendung von Masken in Hinsicht auf die Außenwirkung nicht kontraproduktiv auswirken könnte. In diese Falle sind auch die "unsterblichen" Kammernossen vom sogenannten "Nationalen Widerstand" mit ihrem "Volkstod"-Spuk getappt.  Auf mich macht das ganze jedenfalls eher einen gruseligen als einen "lustigen" Eindruck.

Während die Bastelei am "Design" der identitären Internet-Welle auf Hochtouren läuft, hinkt die theoretische Verdichtung und Verortung noch nach. Vielleicht funktioniert es aber auch so besser als andersrum? Eine gelungene, attraktive Ästhetik ist für politische Bewegungen oft schon die halbe Miete. Besonders auf diversen Tumblr-Blogs wird zur Zeit am laufenden Band ikonoklastischer Agitprop produziert, und das mit einer Verve und einem Witz, wie man ihn bisher auf dem rechten Ufer eher selten gesehen hat.

Die Methode ist simpel: einmal kurz in der großen Kiste der Popkultur gewühlt, passendes Stück herausgefischt, "identitären" Logo-Stempel drauf, und schon ist das jeweilige Bild annektiert.  Das ergibt manchmal geradezu surreale Effekte. Besonders bunt treibt es etwa dieser Blogger.  Dabei gibt es nichts und niemand, das vor seinem Zugriff sicher wäre:  Breaking Bad, South Park, Avatar, Fight Club, 300, Fritz Langs Nibelungen, Star Trek, Harry Potter, Der Fluch der Karibik, Heino, Bela Lugosi,  Helge Schneider, John Wayne, Sophie Scholl... alles wird zu einem wilden, internettauglichen, quasi "postmodernen" Mix verrührt.

Ähnlich haben es auch die europaweit stilbildenden Poundistas vorgemacht. 2009 tauchten in ganz Rom kryptische Poster mit dem Konterfei des 1980 verstorbenen linken Liedermachers Rino Gaetano auf, ohne jeglichen Kommentar, nur versehen mit dem Schildkröten-Emblem der "Casa Pound" - eine lakonische Provokation und "Vereinnahmung", die sich für Interpretationen elastisch hält.

Man mag nun eine gewisse Ironie darin finden, daß Bewegungen, die sich "identitär" nennen, über Codes und Ikonen kommunizieren, die eher international und universal sind, und noch dazu zu einem guten Teil amerikanischer Herkunft.  Das gilt auch für die Verwendung von Guy-Fawkes- oder Halloween-Masken, die weltweit von Aktivisten jeglicher politischer Couleur getragen werden. Eine identitäre Theorie müßte berücksichtigen, daß wir Post-Abendländer heute von (sagen wir) Moskau bis San Francisco in einer Welt leben, über die sich das weite Dach einer gemeinsamen Populärkultur spannt, an der wir täglich konsumierend teilnehmen, die uns täglich formt und beeinflußt.

Das isolierte, sich scharf in seiner Eigenart abgrenzende "Gallierdorf" gibt es dagegen schon lange nicht mehr: heute sind wir alle mehr oder weniger "Römer".  Wenn nun etwa die Wiener Identitären versuchen würden, ausschließlich über heimische, zum Tourismusklischee verkommene Ikonen für ihre Sache zu werben, würde die Nummer schnell in einer Selbstparodie und einer "Mir-san-mir"-Klamotte enden (wobei in Österreich allgemein dem Schicksal der Operette oder der Kabarettnummer kaum zu entrinnen ist, unabhängig davon, was man vorhat. Man denke auch an den daueraktuellen Wappenspruch "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst".)


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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