10. November 2012

Beim Bloc Identitaire in Orange: Hintergründe

Martin Lichtmesz

Ein paar Hintergründe zu der "Convention Idéntitaire" in Orange von letztem Wochenende. Die kleine Stadt im südfranzösischen Bezirk Vaucluse ist seit 2009 Schauplatz der alljährlichen Gipfeltreffen der Gruppierung "Bloc Idéntitaire", die nun ihr zehnjähriges Bestehen feierte. Ermöglicht wird dies durch den rechtskonservativen Bürgermeister Jacques Bompard, der die Stadt seit 1996 regiert.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Aus welcher Richtung in Orange der Wind weht, kann man etwa an einer Tafel ablesen, die an dem Veranstaltungsort "Prinzenpalast" angebracht wurde, einem exiquist scheußlichen Kasten, der das von malerischen, sandfarbenen Häusern geprägte Bild des Place Portoules gewaltsam auseinandersprengt:

  Dieses zweifellos äußerst häßliche Gebäude wurde von der vorhergehenden sozialistischen Landesregierung geplant und gebaut... Kosten: 19,5 Millionen Euro. Die Bürger von Orange bezahlen seit 15 Jahren dafür.

Dergleichen liest man mit nicht geringer Genugtuung. Als Trost befindet sich in unmittelbarer Nähe ein herrlich erhaltenes römisches Theater aus dem 1. Jahrhundert. Steigt man auf den Hügel gegenüber dem Veranstaltungsort kann man in der Ferne den sich wuchtig in die Landschaft schiebenden Block des Mont Ventoux, den Petrarca im Jahre 1336 mit erheblichen Folgen für die abendländische Literatur bestieg. Im Herzen der Innenstadt steht eine Statue des Kreuzfahrers Raimbaut II. aus dem 19. Jahrhundert, die von den identitären Veranstaltern als Plakatmotiv gewählt wurde. (Nichtsdestotrotz gibt es freilich auch hier Dönerbuden, Chinarestaurants, McDonald's und eine islamische Minderheit.)

Orange bietet also eine angemessene historische Einbettung für die Selbstdarstellung einer Gruppe, die vor rund drei Wochen landesweit Aufsehen durch die Besetzung einer sich im Bau befindlichen Moschee in Poitiers erregte. Bis dato bleibt der "Bloc idéntitaire" allerdings eher eine Randerscheinung der französischen Rechten: erschienen sind insgesamt nicht mehr als 500 Besucher, deutlich weniger als bei unserem hauseigenen zwischentag.

Die das rechte Lager Frankreichs dominierende Front National blieb auf Distanz, und deren Jungstar Marion Maréchal-Le Pen sagte kurzfristig ihren Besuch auf der Convention ab. Fern blieb auch die ebenfalls geladene FPÖ (die, wie wir feststellen konnten, unter den französischen Rechten ziemliches Ansehen genießt), und der flämische Vlaams Belang sendete lediglich ein "Grußwort" der Abgeordneten Hilde de Lobel. Allein von der italienischen Lega Nord war ein Vertreter erschienen, der sich mit ein paar ungeschickten Statements hervortat.

Auf diesen eher unbedeutenden Nebendarsteller Mario Borghezio hat sich in der Folge auch die Presse gestürzt: der einzige Bericht, der via AFP-Verteiler in die französischen Mainstreammedien einging, und noch während der Tagung erschien, berichtet von Applaus für als Bäh-bäh eingestufte Sager Borghezios wie "unsere Rasse" und "die Weißen von Europa".  Überflüssig war auch seine Lobpreisung des 1945 als Kollaborateur hingerichteten Schriftststellers Robert Brasilach - natürlich ebenfalls ein gefundenes Fressen für den AFP-Journalisten, dem daraufhin am nächsten Tag wegen "unausgewogener Berichterstattung" der Zutritt verweigert wurde.

Während sich zwei Drittel des Artikels dem reizwörtergesättigten Auftritt Borghezios widmen, wird die vorgehende Rede von Bloc-Identitaire-Häuptling Fabrice Robert nur kurz gestreift: danach würden jene Gesetze, die die "Aufstachelung zum Rassenhaß" unter Strafe stellen, in erster Linie benutzt, um den autochthonen Selbstbehauptungswillen zu kriminalisieren, während der "anti-weiße" oder "anti-französische" Rassismus ignoriert werde.

Es hat wohl Methode, daß sich der Pressebericht über andere auf dem Kongreß behandelte Themen wie Islamisierung und Multikulturalisierung, die durchaus breiteres Anschlußpotenzial haben, ausschweigt. In diesem Zusammenhang wurden ebenso die "laizistische" Frage (das französische Pendant zur Grundgesetzdebatte) wie die demographische Krise diskutiert - zu letzterem Thema sprach kein Geringerer als der "französische Herwig Birg" Yves-Marie Laulan. Das ist eine Debatte, die in Frankreich kaum mehr zu unterdrücken ist.
Vor zwei Jahren erschien etwa das Buch "Les yeux grand-fermés" (Die weit geschlossenen Augen) von Michèle Tribalat, einer Wissenschaftlerin des staatlichen "Nationalen Instituts für Demographie" (INED) mit Sitz in Paris. Darin stellt Tribalat eine wachsende Tendenz der freiwilligen ethnischen Segregation der Einwanderungsgruppen fest, verbunden mit dem Aufkommen von Rassismus gegen Weiße und der Ausbreitung des Islams in den Banlieues, den sie als eine "Bedrohung" einstuft. Eine ehrliche Diskussion dieser Dinge werde durch die "Ideologie des Antirassismus" und den Druck der Meinungsmacher verhindert.

Andere Hochrechnungen schätzen, daß bereits jede dritte Kind, das in Frankreich geboren wird, nicht-europäischer Herkunft ist. Der angesehene Schriftsteller Renaud Camus spricht inzwischen offen von einer "Kolonialisierung" Frankreichs und vom "grand remplacement", vom großen Bevölkerungsaustausch, der mit einem kalten (und manchmal bereits heißen) Bürgerkrieg  einhergehe. In diesen Kontext muß man auch die virtuelle "Kriegserklärung" der Génération Identitaire stellen, die seit Wochen ihre virale Runde durch das Netz macht.

Auf der Siegesfeier François Hollandes am Place de la Bastille wurden unter anderem algerische, kamerunische und marokanische Flaggen geschwenkt, neben roten und regenbogenfarbenen.  Jene, die hier ihren Willen zu ihrer eigenen nationalen Identität und ihren Unwillen zur Assimilation bekundet haben, sehen in Hollande offenbar "ihren" Präsidenten für ihre Interessen. Tatsächlich gaben die Stimmen der moslemischen Wähler den Ausschlag für den Wahlsieg des Sozialisten.

Der Mainstream-Bericht über den Kongreß von Orange wurde auf allen Verteilerseiten mit einem Archivbild geschmückt, das Demonstranten in Paris mit einer flatternden Trikolore zeigt. Das ist seltsam, denn es waren ausreichend Pressefotografen vor Ort, wo die Trikolore trotz der bunten Häufung heraldisch schöner, regionaler Fahnen so gut wie gar nicht zu sehen war. Darin drückt sich offenbar eine polemische Positionierung gegen die Republik aus, die Auffassung, sie habe sich heute vollends in eine links besetzte "Willensnation" verwandelt, und, in den Worten Jean Raspails, "das Vaterland verraten".

Der bewußte Verzicht auf die Tricolore ist von der inneren Logik her nachvollziehbar, wird auf Dauer der Breitenwirkung der Bewegung aber eher im Wege stehen: denn die Symbole der Nation, die 1789 geboren wurde, werden kaum mehr aus dem Fleisch, Blut, Herz und Hirn der Mehrheit der Franzosen zu entfernen sein.

Darüberhinaus brauchen auch die schönsten Regionen ein nationales Dach, das sie in eine politische Einheit bündelt, und das ist ebenso unerläßlich wie schwierig. Charles de Gaulle soll einmal bemerkt haben, daß es unmöglich sei, ein Land zu regieren, in dem es 200 verschiedene Käsesorten gibt. Jedenfalls hat auch die Frage nach regionaler und nationaler Identität durchaus Anschlußpotenzial, wobei zu klären ist, wie sich diese Identitäten in größere Zusammenhänge fügen sollen. Die SPD-nahe Antifa-Seite Blick nach Rechts über Marion Maréchal-Le Pens Absage:

Beim Fernsehsender BFM TV erklärte sie, der Bloc sei nach ihren Kenntnissen „eine Agitprop- und Aktivisten-Partei“, also nicht eine seriöse Erscheinung wie die von ihr geführte Partei. Ferner gebe es zu wichtige ideologische Differenzen: die „Identitaires“ seien „Europäisten und Regionalisten“. Tatsächlich setzt der Bloc auf eine Art Dreiklang der zu verteidigenden „Identitäten“ – regionale, nationale und europäische –, die wie eine Art russischer Puppen ineinander greifen sollen. Aus Sicht des FN dagegen muss allein die Nation im Mittelpunkt stehen.

Der "Dreiklang" nun scheint eine sinnvolle Idee zu sein, auch als notwendiger Schritt über die alten Nationalismen und nationalistischen Befangenheiten hinaus. Wenn ich dergleichen auf einer linken Seite referiert lese, wie immer mit spitzen Fingern und spitzen Lippen formuliert, frage ich mich immer, was die Autoren sich denn als Alternativmodell vorstellen, um Europa eine politische Ordnung zu geben.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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