Der Sinn der Gewohnheit

pdf der Druckfassung aus 20/Oktober 2007

sez_nr_205von Gerald Hüter

Aufgrund seines enorm plastischen, zeitlebens lernfähigen, sich durch sinnliche Erfahrungen strukturierenden Gehirns ist jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt seines Lebens darauf angewiesen, neue Sinneseindrücke und die durch neue Wahrnehmungen im Gehirn generierten Erregungsmuster mit den durch vorangegangene Erfahrungen entstandenen und stabilisierten synaptischen Verschaltungsmustern in Einklang zu bringen, ihnen also „Sinn" zu verleihen. Was er dadurch an Stabilität gewinnt, verliert er an Flexibilität oder - auf das Thema dieses Heftes gemünzt - Fähigkeit zur Alternative. Alles nämlich, was ein Mensch an wichtigen Erfahrungen über sich selbst, über seinen Körper und seine Beziehung zur äußeren Welt gesammelt hat, ist in Form bestimmter Verschaltungsmuster von Nervenzellen in seinem Gehirn als innere Repräsentanz verankert worden, das meiste bereits während der Kindheit, vieles davon auch schon vor der Geburt.

 Gastbeitrag

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Jede neue Wahr­neh­mung, also ein neu­er Duft, eine neue Berüh­rung, ein neu­es Geräusch oder ein neu­er Sin­nes­ein­druck erzeugt im Gehirn ein ent­spre­chen­des Akti­vie­rungs­mus­ter, ein „Wahr­neh­mungs­bild”. Im Gehirn wird nun ver­sucht, ein bereits vor­han­de­nes Ner­ven­zell-Ver­schal­tungs­mus­ter zu akti­vie­ren (ein „Erin­ne­rungs­bild”), das irgend­wie zu dem durch die neue sinn­li­che Wahr­neh­mung ent­stan­de­nen Akti­vie­rungs­mus­ter paßt. Stim­men bei­de Bil­der (das vor­han­de­ne Erin­ne­rungs­bild und das neue Wahr­neh­mungs­bild) völ­lig über­ein, so wird der neue Ein­druck als bekannt abge­tan und ent­spre­chend (rou­ti­ne­mä­ßig) beant­wor­tet. Kann kei­ner­lei Über­lap­pung zwi­schen dem Neu­en und irgend­ei­nem bereits vor­han­de­nen Bild her­ge­stellt wer­den, so pas­siert gar nichts. Das neue Wahr­neh­mungs­bild wird gewis­ser­ma­ßen als ein nicht zu den bis­he­ri­gen Erfah­run­gen pas­sen­des Trug­bild verworfen.
Inter­es­sant wird es immer dann, wenn das aus dem Gedächt­nis abge­ru­fe­ne Erin­ne­rungs­bild zumin­dest teil­wei­se zu dem neu­en Wahr­neh­mungs­bild paßt. Dann wird das alte Mus­ter so lan­ge geöff­net, erwei­tert und umge­stal­tet, bis das durch die neue Wahr­neh­mung ent­stan­de­ne Akti­vie­rungs­mus­ter in das nun modi­fi­zier­te Erin­ne­rungs­bild inte­griert wer­den kann. Das wird dann als erwei­ter­tes inne­res Mus­ter fest­ge­hal­ten und für künf­ti­ge Wahr­neh­mun­gen zum Abgleich erneut abge­ru­fen. Die­ses Mus­ter bestimmt nun auch die künf­ti­gen Erwar­tun­gen. Ein Mensch nimmt also nie alles wahr, was ihm ange­bo­ten wird, son­dern nur das, was irgend­wie zu sei­nen Vor­stel­lun­gen und Erwar­tun­gen (also zu sei­nen bis­her gemach­ten Erfah­run­gen) paßt, also bereits par­ti­ell sinn­voll ist.

Zug um Zug wer­den auf die­se Wei­se die kom­pli­zier­ten Ner­ven­zell­ver­schal­tun­gen in den ver­schie­de­nen Regio­nen auf­ge­baut. Die von den Sin­nes­or­ga­nen ankom­men­den Erre­gungs­mus­ter wer­den dabei benutzt, um immer sta­bi­le­re und zuneh­mend kom­ple­xer wer­den­de „inne­re Bil­der” in Form bestimm­ter Ver­schal­tungs­mus­ter in den ver­schie­de­nen Hirn­re­gio­nen zu ver­an­kern. Das gilt nicht nur für das Sehen und die Ver­an­ke­rung inne­rer „Seh­bil­der”, son­dern eben­so für das Tas­ten und die Her­aus­bil­dung inne­rer „Tast- und Kör­per­bil­der”, für das Hören und die Ent­ste­hung ent­spre­chen­der „Hör­bil­der” und das damit ein­her­ge­hen­de Ver­ste­hen und Ver­an­kern von Spra­che, letzt­lich auch für das Inter­es­se am Zuhö­ren. Auf glei­che Wei­se ent­wi­ckelt sich die Fähig­keit, aus Gero­che­nem inne­re „Geruchs­bil­der” anzu­le­gen und mit ande­ren Sin­nes­wahr­neh­mun­gen und den dadurch erzeug­ten inne­ren Bil­dern zu ver­bin­den. Ja, sogar die von den Mus­keln bei Ver­än­de­run­gen ihres Tonus zum Gehirn wei­ter­ge­lei­te­ten Signa­le wer­den benutzt, um inne­re Reprä­sen­tan­zen von kom­ple­xen Bewe­gungs­ab­läu­fen, gewis­ser­ma­ßen inne­re „Bewe­gungs- und Hand­lungs­bil­der” in bestimm­ten Berei­chen des Gehirns anzu­le­gen und bei Bedarf abzurufen.
Die­je­ni­ge Hirn­re­gi­on, in der all die­se kom­ple­xen, nut­zungs­ab­hän­gi­gen neu­ro­na­len Ver­schal­tun­gen letzt­end­lich zusam­men­lau­fen, ist eine Regi­on, die sich beim Men­schen zuletzt und am lang­sams­ten ent­wi­ckelt, und die auch bei unse­ren nächs­ten tie­ri­schen Ver­wand­ten weit­aus küm­mer­li­cher aus­ge­bil­det ist. Ana­to­misch heißt sie Fron­tal- oder Stirn­lap­pen. Sie ist in beson­de­rer Wei­se dar­an betei­ligt, aus ande­ren Berei­chen des Gehirns ein­tref­fen­de Erre­gungs­mus­ter zu einem Gesamt­bild zusam­men­zu­fü­gen und auf die­se Wei­se von „unten”, aus tie­fer­lie­gen­den und frü­her aus­ge­reif­ten Hirn­re­gio­nen ein­tref­fen­de Erre­gun­gen und Impul­se zu hem­men und zu steu­ern. Ohne Fron­tal­hirn kann man kei­ne zukunfts­ori­en­tier­ten Hand­lungs­kon­zep­te und inne­ren Ori­en­tie­run­gen ent­wi­ckeln, kann man nichts pla­nen, kann man die Fol­gen von Hand­lun­gen nicht abschät­zen, kann man sich nicht in ande­re Men­schen hin­ein­ver­set­zen und deren Gefüh­le tei­len, auch kein Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl emp­fin­den. Unser Fron­tal­hirn ist die Hirn­re­gi­on, in der wir uns am deut­lichs­ten von allen Tie­ren unter­schei­den. Und es ist die Hirn­re­gi­on, die in beson­de­rer Wei­se durch den Pro­zeß struk­tu­riert wird, den wir Erzie­hung und Sozia­li­sa­ti­on nennen.

Auf die Fra­ge, wovon die­ses Sinn-Stif­ten­de, für die Hand­lungs­pla­nung ver­ant­wort­li­che Bewer­tungs- und Ent­schei­dungs­sys­tem im fron­ta­len Kor­tex gesteu­ert wird, gibt es eine über­ra­schen­de Ant­wort: durch die im Ver­lauf von Erzie­hung und Sozia­li­sa­ti­on in der jewei­li­gen Her­kunfts­fa­mi­lie und der jewei­li­gen Her­kunfts­kul­tur gemach­ten Erfah­run­gen. Die hier im Ver­lauf von Erzie­hung und Sozia­li­sa­ti­on erfah­rungs­ab­hän­gig her­aus­ge­bil­de­ten Netz­werk­struk­tu­ren bil­den die Grund­la­ge all jener Meta­kon­zep­te und Meta­kom­pe­ten­zen, mit deren Hil­fe jeder Mensch sei­ne Erfah­run­gen bewer­tet, sei­ne Ent­schei­dun­gen trifft und sei­ne Zie­le fest­legt. Sie sind also ent­schei­dend dafür, wie und wofür ein Mensch sein Gehirn nutzt – und damit auch wei­ter struk­tu­riert. Dabei muß jeder Mensch ver­su­chen, immer wie­der eine Kohä­renz zwi­schen sei­nen bis­her gemach­ten Erfah­run­gen und den Erfor­der­nis­sen sei­ner sich stän­dig wan­deln­den Lebens­welt her­zu­stel­len – indem er in sich und in sei­ner Welt nach Sinn, also nach Sta­bi­li­tät sucht.
Ein sehr ent­schei­den­der Aus­lö­ser für die fort­wäh­ren­de Anpas­sung der hand­lungs­lei­ten­den Mus­ter an die in der jewei­li­gen Fami­lie, der Sip­pe oder der jewei­li­gen Gemein­schaft herr­schen­den Struk­tu­ren ist die Angst – ent­we­der die Angst vor (für ein Kind real lebens­be­dro­hen­der) Aus­gren­zung durch Ver­las­sen­wer­den oder die Angst vor einer ange­droh­ten Stra­fe oder die Angst vor der Ver­wei­ge­rung einer Beloh­nung in Form von Zuwen­dung und Wert­schät­zung, die das betref­fen­de Kind erfährt. In allen die­sen Fäl­len kommt es zur Akti­vie­rung der soge­nann­ten emo­tio­na­len Zen­tren im Gehirn (lim­bi­sches Sys­tem). Mit die­ser Akti­vie­rung geht eine ver­mehr­te Pro­duk­ti­on und Aus­schüt­tung von sol­chen Boten­stof­fen ein­her, die im nor­ma­len Rou­ti­ne­be­trieb des Gehirns nie in die­sen Men­gen frei­ge­setzt wer­den (Dopa­min, Neuro­pep­ti­de, Enke­pha­li­ne). Durch die Wir­kung die­ser soge­nann­ten neu­ro­plas­ti­schen Boten­stof­fe wer­den nach­ge­schal­te­te Ner­ven­zel­len in den höhe­ren asso­zia­ti­ven Berei­chen des Gehirns dazu ver­an­laßt, ver­mehrt Fort­sät­ze aus­zu­bil­den, neue syn­ap­ti­sche Ver­bin­dun­gen her­zu­stel­len bzw. bestehen­de Kon­tak­te enger zu knüp­fen. Auf die­se Wei­se kommt es zu einer außer­or­dent­lich effek­ti­ven Sta­bi­li­sie­rung und Bah­n­ung der zur Lösung eines bestimm­ten Pro­blems (zur Ver­mei­dung der ange­droh­ten Bestra­fung oder zur Erlan­gung der in Aus­sicht gestell­ten Beloh­nung) akti­vier­ten neu­ro­na­len Ver­knüp­fun­gen und syn­ap­ti­schen Ver­schal­tun­gen. So lernt jedes Kind bereits sehr früh und auch ent­spre­chend nach­hal­tig all das, wor­auf es für ein mög­lichst unge­stör­tes Zusam­men­le­ben in sei­ner jewei­li­gen Gemein­schaft ankommt.
Eben­so wirk­sam, aber wesent­lich sub­ti­ler – und im Gegen­satz zu die­sem „Dres­sur­ler­nen” von allen Betei­lig­ten weit­ge­hend unbe­merkt – erfolgt das soge­nann­te Reso­nanz- oder Imi­ta­ti­ons­ler­nen. Durch sol­che Spie­ge­lun­gen des Ver­hal­tens von Vor­bil­dern, meist noch ver­stärkt durch ent­spre­chen­de Hin­wei­se und Maß­re­ge­lun­gen, ler­nen Kin­der sehr schnell und außer­or­dent­lich effi­zi­ent, wie sie sich ver­hal­ten müs­sen, um in die Gemein­schaft zu pas­sen, in die sie hin­ein­wach­sen. Am deut­lichs­ten zuta­ge tre­ten sol­che durch Spie­ge­lung und Imi­ta­ti­on erlern­ten Ver­hal­tens­wei­sen immer dann, wenn man Gele­gen­heit bekommt, ein Kind in Gegen­wart eines beson­ders prä­gen­den Vor­bil­des zu beob­ach­ten. Beson­ders bei klei­nen Kin­dern wird dann sicht­bar, wie sehr sie sich bemü­hen, die Kör­per­hal­tung, die Mimik und Ges­tik des bewun­der­ten Vor­bil­des nach­zu­ah­men. Das kön­nen Vater oder Mut­ter sein, häu­fig aber auch ein etwas älte­res Geschwis­ter oder Spiel­ka­me­ra­den und nicht sel­ten auch irgend­ein „Idol” aus Kino oder Fernsehen.

Weni­ger deut­lich sicht­bar, aber aus den ver­ba­len Äuße­run­gen und Kom­men­ta­ren zumin­dest anfäng­lich noch erkenn­bar, eig­nen sich Kin­der auch bestimm­te geis­ti­ge Hal­tun­gen und Vor­stel­lun­gen von Vor­bil­dern an. Dabei wer­den die­se Ideen im Lauf ihrer wei­te­ren Ent­wick­lung im eige­nen Den­ken immer wie­der „durch­ge­spielt” und so oft wie­der­holt, bis die dabei akti­vier­ten neu­ro­na­len Erre­gungs­mus­ter so gebahnt und sta­bi­li­siert wor­den sind, daß sie dem Kind auch wei­ter­hin als struk­tu­rell ver­an­ker­te Kor­re­la­te, als inter­na­li­sier­te Vor­stel­lun­gen zur Ver­fü­gung ste­hen, um dar­aus Ori­en­tie­run­gen und geis­ti­ge Grund­hal­tun­gen abzu­lei­ten und sub­jek­ti­ve Bewer­tun­gen neu­er Ein­drü­cke und Erfah­run­gen vor­zu­neh­men. Etwa ab dem vier­ten Lebens­jahr läßt sich beob­ach­ten, daß Kin­der nun auch all jene Stra­te­gien ihrer Vor­bil­der über­neh­men, die die­se zur Regu­la­ti­on ihrer eige­nen emo­tio­na­len Befind­lich­keit ein­set­zen. Dazu zäh­len sowohl das „Ver­ste­cken” von Gefüh­len wie auch das über­trie­be­ne Zur­schau­stel­len von emo­tio­na­len Ges­ten und mimi­schen Aus­drucks­for­men. Anhand sei­ner Vor­bil­der lernt das Kind nun zuneh­mend bes­ser, sei­ne Gefüh­le zu beherr­schen oder zum Errei­chen bestimm­ter Zie­le bestimm­te emo­tio­na­le Aus­drucks­for­men ein­zu­set­zen. Die ursprüng­li­che Offen­heit des kind­li­chen emo­tio­na­len Aus­drucks wird nun immer stär­ker in eine pri­va­te Gefühls­welt inter­na­li­siert. Vor allem in den west­li­chen Kul­tu­ren führt das zu einer zuneh­men­den Ent­kopp­lung der durch Mimik und Ges­tik zum Aus­druck gebrach­ten und der tat­säch­lich sub­jek­tiv emp­fun­de­nen Gefüh­le. Die eige­nen Gefüh­le wer­den so immer stär­ker kon­trol­liert und vom Kör­per­emp­fin­den abgetrennt.
Die wich­tigs­te, für unse­re eige­ne Ori­en­tie­rung und unser Selbst­ver­ständ­nis aus den Ergeb­nis­sen der moder­nen Hirn­for­schung ableit­ba­re Erkennt­nis lau­tet: Ein zeit­le­bens lern­fä­hi­ges Gehirn ist auch zeit­le­bens pro­gram­mier­bar. Aber wenn erst ein­mal durch eine bestimm­te Art der Nut­zung bestimm­te Bah­n­un­gen ent­stan­den sind, wir also durch uns selbst und durch Anpas­sungs­leis­tun­gen pro­gram­miert sind, wird es schwie­rig, die­se Pro­gram­mie­run­gen spä­ter wie­der auf­zu­lö­sen. Und dies wie­der­um ist gefähr­lich, weil aus der Sta­bi­li­tät eine enges Kor­sett, aus einer gedeih­li­chen Anpas­sungs­leis­tung eine dem sich stets ver­än­dern­den Leben abträg­li­che Starr­heit wer­den kann.

„Nicht alle, die etwas zu sehen glau­ben, haben die Augen offen; und nicht alle, die um sich bli­cken, erken­nen auch, was um sie her­um und mit ihnen geschieht. Eini­ge fan­gen erst an zu sehen, wenn nichts mehr zu sehen da ist. Erst wenn sie Haus und Hof zugrun­de gerich­tet haben, begin­nen sie, umsich­ti­ge Men­schen zu wer­den. Zu spät hin­ter die Din­ge zu kom­men, dient nicht zur Abhil­fe, wohl aber zur Betrüb­nis.” Bal­tha­sar Gra­cián, 1647

Um der­ar­ti­ge Fehl­ent­wick­lun­gen zu ver­mei­den – auch das ist eine neue Erkennt­nis der moder­nen Hirn­for­schung, die ledig­lich das bestä­tigt, was vie­le Men­schen seit lan­gem bereits ver­mu­tet hat­ten -, kön­nen wir zwei unter­schied­li­che Wege ein­schla­gen: einen beque­men und einen unbequemen.
Der beque­me Weg ist der, den wir schon ken­nen und auf dem wir im Ver­lauf unse­rer bis­he­ri­gen Ent­wick­lung bereits reich­lich Erfah­rung zu sam­meln Gele­gen­heit hat­ten. Es ist der Weg, auf dem man mit all sei­nen Feh­lern und Beschränkt­hei­ten ein­fach immer so wei­ter­zu­ge­hen ver­sucht wie bis­her. Die­ser Weg wird dann mit der Zeit immer beschwer­li­cher, bis man irgend­wann sich selbst und sei­ne bis­he­ri­ge Art zu den­ken und Pro­ble­me zu lösen voll­kom­men in Fra­ge stel­len muß. Ver­mut­lich ist dies genau der Moment, in dem man anfäl­lig wird für die simp­len Strick­mus­ter radi­ka­ler Alternativen.
Der zwei­te Weg ist der sanf­te­re: Die Benut­zung des eige­nen Gehir­nes wird auch ohne Not immer wie­der in Fra­ge gestellt, die Anpas­sungs­lei stung wird stän­dig voll­bracht. Die­sen ande­ren, müh­sa­men Weg geht nie­mand frei­wil­lig, der sich nicht dazu ver­pflich­tet fühlt. Er läßt sich auch nur beschrei­ten, indem man sei­ne Hal­tun­gen und sei­ne Ein­stel­lun­gen gegen­über sich selbst und all dem, was einen umgibt, immer wie­der über­prüft. Unse­re ein­mal ent­stan­de­nen Hal­tun­gen und Ein­stel­lun­gen sind uns meist eben­so­we­nig bewußt wie die Macht, mit der sie uns zu einer ganz bestimm­ten Art der Benut­zung unse­res Gehirns zwin­gen. Unacht­sam­keit bei­spiels­wei­se ist eine Hal­tung, die nicht viel Hirn bean­sprucht. Wem es gelingt, künf­tig etwas acht­sa­mer zu sein, der wird auto­ma­tisch bei allem, was er fort­an wahr­nimmt, was er in sei­nem Gehirn mit die­sen Wahr­neh­mun­gen ver­bin­det (akti­viert) und was er bei sei­nen Ent­schei­dun­gen berück­sich­tigt, mehr „Hirn” benut­zen als jemand, der wei­ter­hin ober­fläch­lich oder unacht­sam mit sich selbst und mit all dem, was ihn umgibt, umgeht. Acht­sam­keit ist daher eine ganz wesent­li­che Vor­aus­set­zung für eine ande­re, vor­aus­schau­en­de Art der Benut­zung des Gehirns.
Was sich durch Acht­sam­keit auf der Ebe­ne der Wahr­neh­mung und Ver­ar­bei­tung an grund­sätz­li­chen Erwei­te­run­gen der Nut­zung des Gehirns errei­chen läßt, kann auf der Ebe­ne der für unse­re Ent­schei­dun­gen und für unser Han­deln ver­ant­wort­li­chen neu­ro­na­len Ver­schal­tun­gen wie­der­um durch eine bestimm­te Hal­tung erreicht wer­den: durch Behut­sam­keit. Mit man­geln­der Behut­sam­keit, also mit Rück­sichts­lo­sig­keit, läßt sich ein bestimm­tes Ziel viel­leicht beson­ders rasch errei­chen. Kom­ple­xe Ver­schal­tun­gen braucht man, benutzt man und fes­tigt man mit die­ser Hal­tung jedoch nicht.
Aus sich selbst her­aus kann ein Mensch die­se Hal­tun­gen eben­so­we­nig ent­wi­ckeln wie die Fähig­keit, sich in einer bestimm­ten Spra­che aus­zu­drü­cken. Er braucht dazu ande­re Men­schen, die die­se Hal­tun­gen zum Aus­druck brin­gen. Und, was noch viel wich­ti­ger ist, er muß mit die­sen Men­schen in einer engen emo­tio­na­len Bezie­hung ste­hen. Sie müs­sen ihm wich­tig sein, und zwar so, wie sie sind, mit allem, was sie kön­nen und wis­sen, auch mit dem, was sie nicht wis­sen und nicht kön­nen. Er muß sie mögen, nicht weil sie beson­ders hübsch, beson­ders schlau oder beson­ders reich sind, son­dern weil sie so sind, wie sie sind. Kin­der kön­nen einen ande­ren Men­schen so offen, so vor­be­halt­los und so um sei­ner selbst wil­len lie­ben. Sie über­neh­men des­halb auch die Hal­tun­gen und die Spra­che der Men­schen, die sie lie­ben, am leichtesten.

Lie­be erzeugt ein Gefühl von Ver­bun­den­heit, das über den­je­ni­gen hin­aus­reicht, den man liebt. Es ist ein Gefühl, das sich immer wei­ter aus­brei­tet, bis es schließ­lich alles umfaßt, was einen selbst und vor allem die­je­ni­gen Men­schen, die man liebt, in die Welt gebracht hat und in die­ser Welt hält. Wer so vor­be­halt­los liebt, fühlt sich mit allem ver­bun­den, und dem ist alles wich­tig, was ihn umgibt. Er liebt das Leben und freut sich an der Viel­falt und Bunt­heit die­ser Welt. Er genießt die Schön­heit einer Wie­se im Mor­gen­tau eben­so wie ein Gedicht, in dem sie beschrie­ben, oder ein Lied, in dem sie besun­gen wird. Er emp­fin­det eine tie­fe Ehr­furcht vor allem, was lebt und Leben her­vor­bringt, und er ist betrof­fen, wenn es zugrun­de geht. Er ist neu­gie­rig auf das, was es in die­ser Welt zu ent­de­cken gibt, aber er käme nie auf die Idee, sie aus rei­ner Wiß­be­gier­de zu zer­le­gen. Er ist dank­bar für das, was ihm von der Natur geschenkt wird. Er kann es anneh­men, aber er will es nicht besit­zen. Das ein­zi­ge, was er braucht, sind ande­re Men­schen, mit denen er sei­ne Wahr­neh­mun­gen, sei­ne Emp­fin­dun­gen, sei­ne Erfah­run­gen und sein Wis­sen tei­len kann. Wer sein Gehirn als ein zeit­le­bens lern­fä­hi­ges, für neue Erfah­run­gen offe­nes, in frei­er Selbst­be­stim­mung nutz­ba­res, weder pro­gram­mier- noch mani­pu­lier­ba­res Organ ent­wi­ckeln und erhal­ten will, der müß­te also eigent­lich lie­ben lernen.
Man kann es auch anders sagen: Er müß­te wie ein Kind blei­ben und sich die lie­ben­de Zunei­gung, die Acht­sam­keit und Behut­sam­keit impli­ziert, bewah­ren. Aber der Anpas­sungs­pro­zeß an die Vor­stel­lungs­welt und die Ver­hal­tens­wei­sen der Erwach­se­nen for­dert etwas ande­res. Ohne es selbst zu bemer­ken, ent­fernt sich der Mensch im Ver­lauf sei­nes not­wen­di­gen Anpas­sungs­pro­zes­ses immer wei­ter von dem, was sein Den­ken, Füh­len und Han­deln ursprüng­lich, als er noch ein klei­nes Kind war, pri­mär geprägt hat­te: Die eige­ne Kör­per­er­fah­rung und die eige­ne Sin­nes­er­fah­rung. Indem er all das zu unter­drü­cken beginnt, was bis­her der selbst­ver­ständ­lichs­te und urei­gens­te Teil sei­nes Selbst war, wird er sich selbst zuneh­mend fremd. Sein Kör­per und die aus sei­ner Kör­per­lich­keit erwach­sen­den Bedürf­nis­se wer­den – weil sie dem star­ken Bedürf­nis nach Zuge­hö­rig­keit und Aner­ken­nung, nach Iden­ti­täts­ent­wick­lung und Selbst­ent­fal­tung im Wege ste­hen – als Hin­der­nis betrach­tet und des­halb unter­drückt und abgetrennt.
Das haben wir alle als Kin­der und Jugend­li­che so oder so ähn­lich auf mehr oder weni­ger inten­si­ve Art am eige­nen Lei­be erfah­ren. In man­chen Kul­tu­ren ist der Druck zu sol­cher Ent­frem­dung und Instru­men­ta­li­sie­rung des Kör­pers stär­ker, in ande­ren viel­leicht auch gerin­ger als bei uns. Aber gänz­lich ent­ge­hen kann ihm kein Kind, das in einer Gemein­schaft von Men­schen auf­wächst, die bestimm­te Vor­stel­lun­gen davon haben, wie man als Mensch zu sein hat, um als Mit­glied in die­ser Gemein­schaft akzep­tiert zu wer­den. Genau das, näm­lich das Bedürf­nis, irgend­wie dazu­ge­hö­ren zu wol­len, ist der Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis die­ses son­der­ba­ren Anpas­sungs­pro­zes­ses, der Men­schen dazu bringt, ihr Gefühl von ihrem Ver­stand und ihren Kör­per von ihrem Gehirn abzutrennen.

Weil wir Men­schen, vor allem als Kin­der, allein über­haupt nicht über­le­bens­fä­hig sind, bleibt einem Kind gar kei­ne ande­re Mög­lich­keit, als sich an die Denk- und Ver­hal­tens­mus­ter der Fami­lie, der Sip­pe, der Gemein­schaft anzu­pas­sen, von der sein Über­le­ben abhängt. Glück­li­cher­wei­se bleibt den Kin­dern die bewuß­te Ent­schei­dung zwi­schen dem eige­nen Tod und der Instru­men­ta­li­sie­rung, Abtren­nung oder Ver­leug­nung des eige­nen Kör­pers erspart. Bevor sie zu begrei­fen imstan­de sind, was da von ihnen ver­langt wird, ist es bereits geschehen.
Aus „neu­ro­bio­lo­gi­scher” Per­spek­ti­ve macht die Unter­drü­ckung von Gefüh­len, die Tren­nung zwi­schen Den­ken und Füh­len und die Abspal­tung des Kör­pers vom Gehirn kei­nen Sinn. Bes­ser ver­ständ­lich und leich­ter erklär­bar wer­den all die­se Tren­nun­gen aber dann, wenn man sie aus „sozio­lo­gi­scher” Per­spek­ti­ve betrach­tet, wenn man also danach fragt, wel­chen Sinn sie für den Zusam­men­halt von und für das über­le­ben des ein­zel­nen in einer Gemein­schaft haben. Die­se Fra­ge ist oben schon beant­wor­tet wor­den: Nur über die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung des Ver­hal­tens, nur durch die Ent­las­tung des ein­zel­nen durch gemein­schaft­lich aner­kann­te Maß­stä­be im Spre­chen, Tun, Reagie­ren kann eine Gemein­schaft als Gemein­schaft leben und ihre ein­zel­nen Mit­glie­der „sta­bi­li­sie­ren”, ihrem Leben einen „Sinn” geben. Auch von der Kehr­sei­te die­ser Medail­le war die Rede: Starr­heit und dump­fe Über­nah­me des Her­ge­brach­ten füh­ren zum Ver­lust der Offen­heit und der Krea­ti­vi­tät, zu all­ge­mei­ner Ver­un­si­che­rung und Angst, zum Zer­fall sozia­ler Bin­dun­gen und zur Unter­bre­chung der trans­ge­nera­tio­na­len Wei­ter­ga­be von Erfahrungen.
Das mensch­li­che Gehirn ist auf Offen­heit und das Knüp­fen von Ver­bin­dun­gen, auf „Kon­nek­ti­vi­tät” ange­legt, und alles, was die Bezie­hungs­fä­hig­keit von Men­schen – zu sich selbst, zwi­schen ihrem Den­ken und Füh­len, zwi­schen Gehirn und Kör­per, aber auch zu ande­ren Men­schen, zur eige­nen Geschich­te, zur Kul­tur und zur Natur – ver­bes­sert und stärkt, führt zwangs­läu­fig zur Aus­bil­dung einer grö­ße­ren Kon­nek­ti­vi­tät, zu einer inten­si­ve­ren Ver­net­zung neu­ro­na­ler Ver­schal­tun­gen und damit auch zu einem kom­ple­xer aus­ge­form­ten Gehirn. Wie lan­ge eine Gesell­schaft Bestand haben kann, die gegen das eine oder das ande­re Prin­zip der inne­ren Struk­tu­rie­rung des mensch­li­chen Gehirns ver­stößt, bleibt abzuwarten.

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