Sezession
28. Januar 2013

Masken

Götz Kubitschek / 21 Kommentare

sezession52Die Themenstellung der 52. Sezession („Wir selbst“, hier vorbestellen) hat drei Autoren dazu gebracht, Verhaltenslehren des Widerstands zu formulieren. Der eine (Richard Millet) steht nicht ohne Stolz im Wind, der ihm seit einigen unbotmäßigen Äußerungen aus der intellektuellen Szene Frankreichs ins Gesicht bläst - Martin Lichtmesz berichtete darüber.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Der zweite (Sebastian Hennig) schreibt schon immer als Künstler – und muß zur Kenntnis nehmen, daß ihm einiges widerfährt, seit er nicht nur im Neuen Deutschland, sondern auch „bei den Rechten“ veröffentlicht. Harald Seubert schließlich sucht nach der Anschlußfähigkeit des nicht angepaßten Denkens. Er empfiehlt, den ganz eigenen Weg mit Geschick zu gehen und nicht ins Messer zu laufen

„Der Rechte in der Richte – ein Außenseiter“ schrieb Botho Strauß vor zwanzig Jahren im „Anschwellenden Bocksgesang“ (Karlheinz Weißmann erinnert im Heft daran), und das meint: in einer in die Schieflage geratenen Gesellschaft Gleichgewicht herzustellen und die Sache im Lot zu halten versuchen, indem man sich weit hinauslehnt. Inzwischen muß man sagen: Dieser Außenseiter, dieser Rechte in der Richte (der unter anderen Umständen diese Aufgabe nicht wahrnehmen müßte) ist seit Erscheinen des „Bocksgesangs“ vom Außenseiter zum Ausgestoßenen geworden – so sehr haben sich noch einmal die Gewichte verlagert.

Das ist für die Redaktion einer rechtsintellektuellen Zeitschrift eine zwiespältige Situation: Längst nicht jeder, der sympathisiert, möchte sich gedruckt sehen – zu groß sind wohl die Vorteile, noch nicht zu den ausgestoßenen Außenseitern zu gehören. Andererseits ist die Kartei der heimlichen Leser imposant, und man kann sich sicher sein: Diese Leser lesen wirklich und halten sich das Blatt nicht bloß, weil es sich so gehören könnte. Ein befreundeter Redakteur sprach gar von einer „doppelten Lektüre“, die nicht wenige seiner Kollegen absolvierten: Hinter der Maske ruhten die Augen nicht mehr auf dem, was sich schicke, sondern wanderten aus zu der Lektüre, die noch etwas verspräche – sprach’s und zeichnete ein weiteres Abonnement, diesmal für einen Kollegen, der sich selbst nicht traute. Uns solls recht sein.

Natürlich geht es auch weniger feuilletonistisch: Viel Spott ist ausgeschüttet worden über jene jungen Männer, die zuerst in Wien, dann auch in Frankfurt und in anderen Städten maskiert tanzten, um eine neue politische Bewegung bekannt zu machen. Der Impuls: politisches Gleichgewichtsgefühl. Diese „Identitären“ (Martin Lichtmesz stellte sie im bis auf wenige Exemplare vergriffenen Heft 51 der Sezession vor) wählen solche Formen der Störung durch Masken-Tanz, weil sie sich verbergen wollen: Wer will schon als Teilnehmer an einer zwar gewaltlosen, aber doch rechten Aktion enttarnt werden?

Bei allem Verständnis dafür aber darf man nicht verkennen, daß die Maske in der politischen Auseinandersetzung kein positiv besetztes Symbol ist. Ihre Verwendung erinnert ans Theater und an das Rollenspiel, das die Narren dieser Tage aufführen, bevor sie am Aschermittwoch hinter der Maske wieder hervortreten und ihr wahres Gesicht zeigen müssen. Die Politik erträgt Masken nur dann, wenn sie als solche nicht erkennbar, sondern mit ihrem Träger verschmolzen sind wie eine zweite Haut – wie sonst wären die Sympathiewerte zu erklären, die der knallharte Kommunist Jürgen Trittin hinter seiner Maske eines bürgerlich-sozialen Finanzexperten einfährt?

Authentizität ist ein Schlüsselwort politischer public relation. Die Affenmaske, der Schweinskopf und die Gespensterlarve der Identitären sind keine Sympathieträger und keine zweite Haut. Und so ist der maskierte Protest dieser Gruppe nur innerhalb ihrer eigenen Szene zu einem Symbol des Widerstands geworden. Dabei könnten die Fratzen weit darüber hinaus auf einen elenden Sachverhalt verweisen: So frei, wie das System sich präsentiert, kann es nicht sein, wenn es selbst maßvollen Protest zur Maskerade zwingt. Daß es diese Mimikry auch noch für den Beweis hält, hier habe jemand etwas zu verbergen und werde zurecht ins Abseits befördert, gehört zur ausdifferenzierten Form einer „Herrschaft des Verdachts“, über die bei Hegel schon das Wesentliche zu lesen war.

Der Rechte in der Richte – heute oft der Gerichtete! Und doch gibt es – das ist ein Glück – immer wieder solche, denen es plötzlich zu würdelos erscheint, weiterhin eine Maske zu tragen. Auf diese Gesichter kommt es an. Mit ihrem Auftritt steht und fällt die Frage, ob noch einmal etwas ins Lot kommen kann.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (21)

Holzfäller
28. Januar 2013 08:23

diesmal für einen Kollegen, der sich selbst nicht traute.

z Meine Güte, was ist wohl von jemandem zu erwarten der sich noch nicht einmal traut ein Heft zu abonnieren. Liest es dann womöglich auch erst heimlich wenn Frau oder Mama fest schlafen. Die Reconquista der Männlichkeit muß derweil noch ein bisserl warten.

Rumpelstilzchen
28. Januar 2013 13:48

"die Kartei der heimlichen Leser" hinter der Maske

Daß viele Redakteure und Journalisten hinter der Maske mitlesen, davon ist auszugehen. Viele Journalisten lesen wohl eher ein Forum als den dazu gehörenden Artikel und bilden daraus wieder ihre Beiträge, und da ist ein rechtes und aufrechtes Forum viel interessanter als ein wirklichkeitsfremdes Linksforum oder ein verbohrtes Rechtsforum (soll es ja auch geben).
Ich denke, die Masken werden bald fallen, denn viele Beiträge der Sezession haben die journalistische Qualität etwa einer FAZ ( bei natürlich pointiertem Inhalt) und den linken Blättern laufen die Leser davon.
Es bleibt spannend.

OG d.R.
28. Januar 2013 14:42

Liebe Sezession,

gutes Titelbild, die Masken des schwäbischen Karnevals haben was Unsterbliches!

Falls veritable Autoren nur aus Angst vor Ausgestoßensein nicht schreiben mögen, so besteht seit alters her die Möglichkeit sich pseudonym oder anonym mitzuteilen. Der Sache tut dies keinen Abbruch, ganz im Gegenteil wie das Doppelblind-Verfahren beweist, wovon insbesondere neue oder neubenamte Autoren profitieren.

Im Übrigen könnte eine nicht parteigebundene Zeitschrift durchaus auch mal geschickten Schriftleitern mit Parteibindung ein Forum bieten, wobei das Bekenntnis natürlich in den Hintergrund und das Thema in den Vordergrund treten muss. Welcher rechte „Außenseiter“ bricht sich einen Zacken aus der Krone, wenn er Arne Schimmer, Karl Richter oder Thorsten Thomsen, die auch so gut wie der geschätzte Karl Heinz Weißmann mit Sprache und Text umgehen können, nur statt CDU und FAZ andere Präferenzen haben, publiziert? Es käme auf einen Versuch an. Die Leserreaktionen dürften interessant werden!

Zu guter Letzt noch zu einigen Promachoi der rechten Weltnetzpublizistik, die sich über Jahre regelmäßig in die Herzen der Leser schreiben: zum Beispiel Griesgram, Axel Möller, Frank Kretzschmar oder Eulenfurz. Warum nicht mal einen dieser Helden für einen Gastbeitrag anfragen?

Mit kameradschaftlichen Grüßen
OG

Toni Roidl
28. Januar 2013 14:44

Ich sehe es so: Jeder, wie er kann. Wenn ein maskierter Rechter eine Stelle in den Medien, im Kulturbetrieb, in der Behörde o.Ä. hält, die er unmaskiert nie bekommen oder behalten hätte, kann er dort mehr Einfluss nehmen, als wenn er unmaskiert ins zitierte Messer läuft.

Das Verrückte ist, dass einem selbst ausgewiesene Linke im persönlichen Gespräch vielfach Recht geben, aber dann die Schultern zucken: "Ja sicher, aber wenn Du das sagst..."

Raskolnikow
28. Januar 2013 15:06

Ah! Wir selbst also!

Die (nicht gestellte) Frage, ob der eine oder andere aus dem Volk da draußen mein Interesse zu wecken vermöchte, müsste ich mit einem klaren "Nein!" beantworten. Will heißen: mir ist bis itzo noch niemand in die Quere gekommen, dem ich ein Weniges meiner Zeit schenken würde.

Trotzdem schwärt doch ein nebliges Interesse an all den Rumpelstilzchen, Zadoks und Inselbauern, oder überhaupt den paar Zurechnungsfähigen, die da irgendwo ja wohl sein müssen ...

Da ich mich nun weder für die identitäre Maske noch für das entlarvte Antlitz entscheide; den Auftritt an sich also gehörig zu meiden gedenke; freut es mich als Sociopathen außerordentlich, etwas von "Euch selbst" zu erfahren, ohne mit Euch in tatsächlichen Contact treten zu müssen. (Mich in jenes "Wir" einzuschließen, wage ich nicht ...)

Das Heft könnte doch der Beginn eines Kennenlernens sein, das vielleicht schon überfällig ist. Es ist immer noch zuviel Unklares zwischen allen. Einige von euch haben Leichen im Keller, das weiss ich, aber dies genügt nicht.

Pachelbel oder Strauß, Kellers "Grüner Heinrich" oder Arno Schmidts "Faun" ...? Mögt ihr lieber Quattro-Staggioni-Pizza oder Ente süss-sauer? Vertrauen wir uns ein paar Geheimnisse an! Ich kann euch nicht zuschanden reiten, wenn ihr mir dabei nicht wenigsten ein klein wenig helft.

Sicher müssen wir das Pathos der Distanz aufrecht erhalten. Wir wollen uns das Versprechen geben, auf ewig einander fremd zu bleiben. Aber ob ihr dem Frugalen oder dem Erlesen zugeneigt seid, das sollte der Nähe nicht zu viel mit sich führen.

Und nein, Rumpelstilzchen, meine Maske wird nicht fallen, auch wenn ich nicht zu den angesprochenen honorigen Capacitäten gehöre, sondern nur die Rolle eines mediocren Lesers zu spielen habe ...

Es ist die heutige eine Zeit, in der man mehr als sonst jemals die große Auszeichnung der Einsamkeit genießen sollte. Nur mein (stets einsamer) Geburtstag ist mir noch mehr von Wonnen umflort, als die Tage sonst. Was könnte ein "Wir" mir schon bieten? (Bei allem Respect!)

Nun ist's an dem, dass sich die Auserwählten jeden Tag ihres Glückes bewußt werden, ihr Glück sozusagen fassen können und dann hinter dem Vorhang hervortreten und die Larve sinken lassen - aber ich bin von denen keiner.

Mir ist die Sicherheit var. meine Sicherheit weitaus kostbarer, als Freiheit. Liebend gern gebe ich ein gutes Stück von obbesagter Freiheit preis, für ein Mehr an Sicherheit. Und wo könnte ich geschützter sein vor den gaffenden Augen des Mobs als in meinem Refugium, in welchem ich hause gleich einem waidwunden Vieh!

Bücher, die richtigen Bücher sind nicht zuletzt Rüstung, Schutz! Nichts hält Dir das Mistgetier wirksamer vom Leib, als geziertes Geschwätz und ein sinnloses Quantum Bildung. Bildung die von oben nach unten verabreicht wird, wohl wissend, dass sie nicht mundet, nicht munden kann, denn derart kräftige Speise ist der Pöbel nicht gewohnt. Doch ich verliere mich ...

Bitte zweifelt nicht an meiner Aufrichtigkeit und Wackerheit.

Gespannt auf die 52,

R.

Couperinist
28. Januar 2013 15:21

Ich finde eure Zeitschrift und überhaupt euer Projekt großartig ! Hab neulich wieder einen Bekannten in ungläubiges Staunen versetzt darüber, dass es eine rechtsintellektuelle Zeitschrift/ Seite gibt. Rechts und intellektuell passten schwerlich zusammen, da Werte wie Heimat, Identität, Religion, Tradition keine Kopfgeburten seien. Ich erwiderte, dass man deren Wichtigkeit aber durchaus intellektuell begründen kann. Er ist jedenfalls neugierig geworden.

Inselbauer
28. Januar 2013 15:42

"Maske und Gesicht. Eine Reise von Deutschland nach Deutschland", das ist der Titel eines Propaganda-Schinkens von Hanns Johst. Der Titel ist ganz gut, wenn die Prosa auch ein Schmarren ist vor dem Herrn. Dieses Doppelleben würde ich auch nicht ablegen, wenn das Reich wieder Gestalt gewinnen könnte, es ist etwas sehr Deutsches. Franz Fühmann fährt als Maskenmann ins Bergwerk, Schabowski wählt die CDU, die bösen Rechten sind herzliche, faire Menschen (...) was will man mehr

Benjamin Jahn Zschocke
28. Januar 2013 19:37

Und wieder nur Namen wie "Couperinist", "Inselbauer", "Raskolnikow" oder "OG d.R."
www.aufregen-aber-den-kopf-moechte-ich-dann-doch-nicht-hinhalten.de/peinlich

Inselbauer
28. Januar 2013 22:32

Lieber Herr Zschocke, seien Sie mir nicht bös, aber mein Name ist Siegfried Mayr und den Kopf halte ich für ganz andere Sachen hin als für farbige Leinwände, Sie Mr. Feucht Hinderdenohren!

Fredy
28. Januar 2013 22:43

@Jahn Zschocke

Es kann nicht jeder vom rechten bzw. nationalen Klientel leben und malen, schreiben, Bücher verlegen etc. Der, der die Möglichkeiten hat, kann dankbar sein und das Ideal leben, sollte aber nicht auf andere herabschauen, von denen er lebt. Das Land benötigt zuerst auch Schlosser und Metzger, Rechtsanwälte, Versicherungsangestellte, Polizisten, Unternehmer und Beamte. Und die können sich das Sezessions-Abo nur leisten, weil sie Masken tragen.

Sagt jemand, der seinen Kopf hinhält. Nur nicht hier.

OG d.R.
28. Januar 2013 23:51

@ Benjamin Jahn Zschocke:

Der allzu blauäugige Ritter vom rechten Nomen Proprium landet heute im Gefängnis, im Exil oder in der Arbeitslosigkeit (siehe auch Toni Roidls Beitrag weiter oben). Welche der 3 Optionen eintrifft, ist nur eine Frage des ritterlichen Temperaments. Gewiß braucht es eine vollständige Anschrift, um die gedruckte Sezession zu bekommen und auch um hier mitzumischen muss man eine gültige E-Postadresse hinterlegen. Das war es aber auch schon. Alles andere ist Zierrat. Die Ideen fließen auch so.

Löffelstiel
29. Januar 2013 02:10

Lieber Raskolnikow,
Sie haben in mir eine Saite zum Klingen gebrach ; das erfreut das Sinnesorgan Ohr und gibt es gerne an Herz und Hirn weiter.

Doch: Ein Geheimnis bewahrt nur dann seine Kraft, wenn es geheim ist und bleibt ('Sesem öffne dich...', ach, wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß'...) Anvertrauen gelingt nur'unter vier Augen ('schwör mir, daß Du das niemanden weitersagst') zwischen zwei Freunden, Beichtvater und Sünderlein, zwischen Arzt und Patient, zwischen Mensch und Gott (Gebet). Oder?

Ein Anderes ist ein Geheim-Bund. Dazu bedarf es einer ausgesprochen charismatischen Persönlichkeit. Möchten wir in unseren Breitengraden diese, ich sag's mal salopp, Geheimniskrämerei ritualisieren?

Daß Kunde geben, Kundtun eine befreiende Wirkung hat und andere anzustecken vermag, Gleiches zu tun, ist einleuchtend. Und doch hat z. B. HEINO das ganz alleine geschafft, sich hinzustellen und Lieder von Jenen zu schmettern, die ihm spinnefeind sind. Sein Gesang ist wirklich, Gleichnis und Bekenntnis: 'von dem ich singen und sagen will'. Hat es in den letzten Jahren, ja Jahrzehnten geschafft, sich wieder und hinzustellen und aus voller Brust zu singen? Zu diesen 'niederen Regionen' sollten wir unsere Tentakel ausfahren. Dennn dort ist Schwerkraft zu Hause und - Unschuld.

Rumpelstilzchen
29. Januar 2013 09:08

WIR SELBST

1. JF 25.1. Alain de Benoist "Stachel im Fleisch"
Das Ziel des Bloc Identitaire ist es " die jungen Franzosen und Europäer zusammenzuschließen, die stolz auf ihre Wurzeln und ihr Erbe sind", (während Marine le Pen diese Ausrichtung kritisiert).
Der BI hat nicht die Kapazität, sich zur Partei umzuformen, bleibt Stachel im Fleisch.
2. FAS 27.1 Feuilleton
Buchbesprechung Tom Wolfe "Back to Blood" , das Buch des Amerikaners erscheint auf Deutsch. "Den Titel hat man vorsichtshalber nicht übersetzt. In diesem Buch geht es um die Rückbesinnung auf die Herkunft, nachdem multikulturelle Experimente gescheitert sind."
"Alle Menschen, überall, haben keine andere Wahl als - zurück zum Blut" so endet der Prolog."

EUROPA WIRD AUCH IN VIRGINIA VERTEIDIGT.

@Raskolnikow
Bangemachen gilt nicht. Demaskierung ist um Mitternacht. Und es ist nicht mal fünf vor Zwölf. Freiheit kommt vor Sicherheit.
Sicherheit ist der Minimalkonsens der bornierten Rechten: in Ruhe und Ordnung weiterkonsumieren.

Raskolnikow
29. Januar 2013 09:18

"Nur ..."
(Benjamin Jahn Zschocke)

Nur? Nur Raskolnikow?

Mein Teuerster, es war wie immer mein altruistisches Ansinnen, Ihnen und den Anderen mit ein paar launigen Sätzchen honigliche Süsse zu schenken. Nicht mehr und vor allem nicht weniger. Im Gegenzug bat ich um ein paar Geständnisse.

Dass ich mich "aufregte", setzte voraus, dass mich die Menschen interessieren. Ich habe die Anderen aber so nötig, wie die mich! Solange sich um mich herum alle als gute Nutztiere erweisen, bin ich zufrieden. Ich bin in meinem Alltag keiner von denen, welche begierig sind auf "gute Gespräche" oder die gar der Freunde bedürfen. Was mich beschäftigt, steht geschrieben in all den Büchern, die mich umgeben, oder die ich ersehne.

Ich darf wohl noch bekennen, dass ich auch daherohalben viel lese, ich auf allzuvielen Gebieten des Lebens selbst dem dümmlichsten Marktweiblein unterlegen bin. So möchte ich wenigstens etwas haben, was mich durchhalten lässt. Dies macht mich fähig, täglich in den einen oder anderen Krieg zu ziehen.

Nur um wohlgelitten zu sein, werde ich nicht umfallen! Lieber Herr Zschocke schreiben Sie in Ihren Zeitschriften, machen Sie Kunst, arbeiten Sie in Actionscomitees, machen Sie die Menschen und die Welt besser ... aber lassen Sie mir meine Scepsis! (Ich hoffe, der Antagonismus zwischen den Fetten und den Naiven nimmt im Heft ein wenig Raum ein; er scheint mir recht characteristisch für "Uns".)

Zumal ich, wie gesagt, viel zu träge bin, um activ zu werden oder mich "aufzuregen" (Wann tat ich dies jemals?) Sintemalen es mir nicht einmal möglich ist, mit der Nahrung zu haushalten. Ich neige zu unmäßiger Aufnahme von Speisen aller Art. Zschockes wenig verschämte Replik zum Beispiel versetzte mich derart in Unruhe, dass ich eine ganze Schachtel Weinbrandbohnen verschlang.

Und schon, geliebter Löffelstiel, habe ich ein Geheimnis verraten ... ! In der Sache mit den Geheimnissen haben Sie vielleicht recht, aber Unschuld giebt es nirgends, glauben Sie mir!

Sollten meine Ein- und Auswürfe Unmut erregen, kann ich mich ihrer auch enthalten. Für diesen Fall: Lebt wohl!

Doch bedenkt dies: Weder ists's mein Begehr Euch zu reduzieren, auf was auch immer, noch möchte ich Euch erhöhen. Aber bitte glaubt nicht eine Sekunde lang, dass es mir unmöglich wäre, Euch die Augen zu öffnen!

Wer da dürstet nach Licht, rufe getrost meinen Namen!

Raskolnikow.

derherold
29. Januar 2013 09:40

"Das Verrückte ist,..."

Da ist nichts verrückt.
Jeder Lehrer weiß, was "mangelnde kognitive Fähigkeiten" sind, jeder Forscher auf dem Gebiet der Einwanderung weiß, daß "Sprachkurse" völlig bedeutungslos sind und jeder aus Stadtkämmerei/Dezernat für Finanzen einer weniger wohlhabenden Stadt weiß, daß die Einwanderung von Deklassierten ihre Gemeinwesen (für immer) verarmt.

Da ist eine Mischung auf Vorteilsnahme, Narzißmus, "Verteidigung der eigenen Biographie", Unterordnung.

Wenn der Propagandaapparat eines Staates schon das absolute Gegenteil von dem präsentieren muß, was seine (Mini-)Kader wissen, ist es weit gekommen.

Rumpelstilzchen
29. Januar 2013 11:21

@ Raskolnikow
Lieber Raskolnikow,
Sie möchten etwas haben, das Sie durchhalten läßt: vielleicht das Büchlein:"Vom Sinn der Tapferkeit" von Josef Pieper oder doch lieber den Trüffel-Sahne Likör einer Regensburger-Confisserie, den ich mir heute abend gönne. Habe in jungen Jahren pfundweise Marzipanbrot verschlungen, wenn ich mich aufregte, soviel zum Geheimnisverrat.
Sie sind durchaus wohlgelitten, gerade weil Sie nicht umfallen und sich in ihrer ganzen Leibesfülle zeigen. Ihre Einwürfe erregen keinen Unmut, eher die Auswürfe. Und jetzt mache ich mich auf zu den netten Marktweiblein.
R.

Konservativer
29. Januar 2013 13:13

Raskolnikow, ich mag Ihre Beiträge kaum mehr missen. Also rufe ich: "Bleiben Sie !"
Sie gewähren Einblicke in eine für mich fremde, faszinierende Welt. Sprachvirtuosität und Sprachkunst finden sich in der Unterschicht, der ich angehöre, eher selten.

Ich lese viel, will sagen gute Bücher sind mein Lebenselexier. Irgendetwas bleibt immer hängen, so etwas wie ein Konzentrat des bereits Gelesenen. Mit diesem Konzentrat läßt es sich leben ohne (am Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen) zu verzweifeln.
Weiters tun, was getan werden kann.

Was Klarnamen anbelangt halte ich mich zurück. In meinen Tätigkeitsfeld wurde die Maxime "Rote Karte gegen Rechts" von "oben" verordnet.
Wenn ich mit meinen Kollegen freimütig sprechen, meine politische Verortung offenbaren würde, dann wäre für mich "schluß mit lustig".

Gottfried
29. Januar 2013 20:05

Den finsteren Gevatter Raskolnikow dürfen wir nicht gehen lassen nicht!

Wo schlecht Wort von schlechten Gesellen ertönt, da setzt sich auch meine Garstigkeit denn wohl gerne nieder.
Einfacher Sohn eines bösen groben Hinterpommernvolkes, wo wohl hunderte Male häufiger als ein kuhäugiges "ja"-Gemuhe in trüben Schenken das Wort "nein" oder das Wort "aber" ertönte, die Rauflustigkeit in einer Welt, wo sich sonst nur allzu leichtfertig seicht Gesinde sogleich verbrüdert in kitschiger Seligkeit, eine Zuflucht gefunden hatte.

In Vereinen, die sich der Ertöchtigung des Leibes widmen, dort wo man der Sangeskunst gemeinsam frönt, innere Zwiefalt treibt mich denn doch mitunter dazu, gewissen plump-gewöhnlichen Zusammenstößen der "Menschen" in dieser BUNTEN Republik beizuwohnen.

Wiewohl den Lederschuh zuvor polierend, in ein eitel Gewand geworfen, frei der modischen Löcher und der gekauften abgetragenen Echtheit und als Kauz, der dem Ideale des verschlurften halbstarken Americanos wohl nicht die rechte Devotion erweisen kann, die Tarnung verschmähend, hat sich doch so manches Mal dieser oder jener linksradikale Reaktionär in meine Nähe getraut.

Gewisse Berührungen des Geistes, die sonst sich nur ereignen, wo niederes Volk, die Putzfrau, der Kraftfahrer u.ä., sich mangels Bildung nicht so hineinzuspintisieren vermögen in die Gedankenwelt des Humanismus. Diese Gefahr aus der Mitte ist noch viel größer, als Wilhelm Heitmeyer es andeutet, EU-Leugner, ESM-Leugner, wie oft bin ich schon aus Gesellschaften guter Menschen geflohen in angenehm schlechte Vorstadtcafestuben, ich weiß, wovon ich rede.

Meyer
29. Januar 2013 20:55

Herr Zschocke,

Ihr Aufregen ist unehrlich, sogar gedanklich unschlüssig.

1. Würden sie einem Freiheitlichen geraten haben, sich in der DDR auf einem Flugblatt wider die SED namentlich zu verewigen oder einem Angehörigen des Kommunistischen Widerstandes gegen das Dritte Reich? Würden Sie es getan haben, so hätten Sie diesen Leuten unweigerlich den Rat gegeben, sich selbst zu opfern.

2. Wenn Sie nun auffordern, hier in der Bundesrepublik zu tun, so steht dahinter entweder derselbe Rat, wie in den obigen Beispielen. Unter den Bednigen würde Mut dazuzugehören, weil man Nachteile, ggf. sogar ein hohes Risiko eingeht.
Alternativ könnte Ihr Rat demenstsprechend lauten, wenn man nichts zu verlieren hat, weil es überhaupt kein Risiko gibt.

3. Nun gehen Sie selbst ja mit "gutem Beispiel" voran. Dies nun entweder, weil man tatsächlich nichts zu befürchten hat, dann wäre es eine Farce, oder weil sie Vorbild in Selbsopferung, bzw. Risikoaussetzung sein wollen.

Dazu: Wenn Ihnen Ihr eigenes Vorbild nicht reicht, sollten Sie eher schweigen. Das Starke des Vorbildes wird zunivchte gemacht durch die Schwäche der Anklage.

Also beschränken Sie sich auf das löbliche Vorbild.

Oder?

Vielleicht ist es auch gar nicht so löblich. Vielleicht ist es nur sehr heißspornhaft und unüberlegt. Ich hätte einem Arminius nicht geraten, die Römer aus Frontalstellung heraus anzugreifen. Sie - im übertragenden Sinne - hätten. Ein junger Fahnenjunker darf noch ein Heißsporn sein. Ein Führer hat vor dem Wagen zu Wägen!
Und das Wägen beinhaltet einen funktionalen Prozeß. Worin liegt der Vorteil, der Preisgabe der Persönlichen Daten? Wozu kämpfen in Frontalstellung, wenn man im provozierten Hinterhalt erfolgreicher sein wird?
Mut erfodret es nur, wenn tatsächlich ein Gegner vorhanden ist, der die einfach gewonnen Daten nutzt. Wenn er dies tut, so ist es doch nicht der Kindergartenverein der örtlichen Antifa-Würstchen, die einem auch nur etwas ähnliches wie Sorge bereiten könnten. Das sind Nullnummern. Aber wenn es eine - im Übrigen gesetzeswidrige - Bedrohung gibt, dann ist es das erpresserische Verhalten der ""Verfassungsschutzbehörden". Und wenn Sie Ihr Geld mit Kunst verdienen, die von Gesinnungsgenossen gefördert und erworben wird, dann nur zu. Dann ist publicity weniger Mut, sondern sogar ein Geschäftsmodell.
Auch ich habe mir die Frage gestellt, ob man hoch zu Roß mit aufgeklappten Helmvisier ins Tunier reitet. Allerdings gibt es hier kein Tunier, der Gegner hat keine Tunierlanze. Der hat ein MG. Und bekanntermaßen müssen vor einem MG auch die Olympischen Spiele weichen, auch die antiken. Aber schlimmer als das MG ist das Curare. Identitätsschutz ist eine Sigfridslinie!

Ihr offenes Visier ist nur Attitüde! Behalten Sie sie. Für andere ist es entweder sinnlos oder im schlimmsten Fall verantwortungslos. Deshalb keinem zu raten. Es wäre sogar falsch. So falsch wie einem Taliban zu raten im abgschossenen amerikanischen Hubschrauber eine Visitenkarte mit Name, Firma und Anschrift zu hinterlassen.

Bei dieser Gelegenheit: Kunst ist kein Bewegungsgrund sondern lediglich ein Indikator für längst zurückgelegte Bewegung. Aber nur die Bewegung ist von Bedeutung, der Indikator nur Indikator. Ohne Bedeutung.

Götz Kubitschek
29. Januar 2013 21:32

diskussiönchen beendet.
gruß!
kubitschek

eulenfurz
1. Februar 2013 10:59

Die Occupy-Bewegung, die Unsterblichen oder auch die Identitären sind sicherlich inspiriert von Szenen und Aussagen des Filmes "V wie Vendetta".

Wer? Wer ist nur die Form als Konsequenz der Funktion des Was. Und was ich bin, das ist ein Mann mit Maske!

Sicherlich ist es wunderbar konservativ, dem Pöbel sein elitäres Gesicht zu zeigen. Doch die Psychomacht hat alle Mittel, dieses zu entstellen.

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