Sezession
1. Dezember 2011

Bernhard Schlinks literarische Wahrheit

Felix Menzel

pdf der Druckfassung aus Sezession 45 / Dezember 2011

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

  • Sezession

45Wenn ein Romanautor, dessen bedeutendstes Werk bereits zur Schullektüre geworden ist, von einer »Kultur des Denunziatorischen« spricht und sich im gleichen Atemzug dezidiert von den moralisierenden Mythen über den Nationalsozialismus freischwimmt, dann kann in der Bundesrepublik Deutschland der große Aufschrei eigentlich nicht ausbleiben. Aber er blieb aus.

Bernhard Schlink, der 1995 mit dem Vorleser einen internationalen Literaturerfolg erzielt hat, kam bisher ungeschoren davon, obwohl er zu drastischen Worten griff. Am 25. Mai 2011 konnte Schlink ohne Störgeräusche an der Universität Freiburg über sein Thema sprechen und die Niederschrift einen Monat später im Merkur publizieren. Etwa zeitgleich erschienen seine Heidelberger Poetikvorlesungen (Gedanken über das Schreiben, Zürich 2011), in denen er sich unter anderem der Frage nähert, welchen Spielraum literarisches Schreiben über die Vergangenheit habe.

Schlink berichtet darin von seinem »absichtslosen Gefühl«, die literarische Wahrheit in Geschichten zu präsentieren, die mit der historischen Wirklichkeit brechen. Was Schlink damit meint, deutete sich bereits im Vorleser an: Erinnerung ist zunächst nicht politisch-historisch, sondern eine ganz persönliche Angelegenheit. Die Literatur kann dabei sogar über das Autobiographische hinausgehen und die Vielfalt der Menschen zu jeder Zeit erahnen. Die Hauptperson Michael Berg, die eigentlich bei den NS-Prozessen im Nachkriegsdeutschland »das gemeinsame Eifern teilen« wollte, um »dazuzugehören«, gerät in eine Zwickmühle: Die Frau auf der Anklagebank erinnert ihn an seine ersten sexuellen Erfahrungen. Mit den Mythen, den Stereotypen über eine Vergangenheit, die nicht vergehen darf, ist bereits diese Schilderung aus der Feder Schlinks unvereinbar und daher unerhört.

»Vielleicht kommt die Forderung, Fiktionalisierungen müßten repräsentativ sein und typische Personen und typische Situationen darstellen, auch weniger aus der Sorge um die Wahrheit als aus dem Bedürfnis, ein bestimmtes Bild der Ereignisse zu bewahren und zu beschützen.« Schlink zufolge handelt es sich um das Bedürfnis, »aus dem wir Mythen und Märchen erzählen«. Dabei bleibt die Vielfalt des Lebens, die sich selbst in Extremsituationen erhält, auf der Strecke: »Deutsche waren Täter und Opfer, die Menschen in den besetzten Ländern wurden unterdrückt und haben kollaboriert, Juden haben gelitten und waren beteiligt.« Schlink hätte das nicht wiederholen müssen. Der Vorleser enthält schon alles. Seine neuen Essays sind keine waghalsigen Versuche, keine Abkürzungen großer Werke aufgrund dringender Probleme, die ein schnelles Veto der Intellektuellen verlangen. Es sind Vergewisserungen, die notwendig sind, weil alle, die unvoreingenommen über die deutsche Vergangenheit sprechen wollen, gegen eine Betonwand aus Ignoranz anrennen oder aber Opfer einer Hexenjagd werden. Diese Mechanismen sind allseits bekannt, interessant sind aber die Schlüsse des schreibenden Professors der Rechtsphilosophie. In dem weitestgehend unbeachtet gebliebenen Essay »Der Preis der Gerechtigkeit« (abgedruckt in: Vergewisserungen, 2005), erschienen im November 2004 im Merkur, stellt Schlink die Systemfrage. Nicht die Wirtschaft, wie derzeit auf allen Kanälen zu hören, sondern Recht und Moral seien die führenden sozialen Systeme unserer Gesellschaft – mit verhängnisvollen Folgen. Die »Verrechtlichung und Vergerechtlichung« führe zu illusionären Erwartungen, die die Wirklichkeit ausblendeten. »Unter der Herrschaft des normativen Paradigmas werden die Rechnungen später präsentiert, sind dann aber höher«, betont Schlink. »Manchmal können Unrecht und Ungerechtigkeit politisch, wirtschaftlich oder pädagogisch sinnvoll und sittlich vertretbar sein, und in der Liebe geht es ohnehin nicht fair zu. Immer ist die Wirklichkeit so, wie sie ist.«


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.