Sezession
22. Februar 2013

Das Imperium wird niemals enden

Martin Lichtmesz

RomeneverendedÜber dem täglichen Abhauen und Abbeißen von Hydraköpfen sollte man nicht vergessen, daß man als "politischer  Existenzialist" verpflichtet ist, zur Gegenwart ein relativierendes, ja im sokratischen Sinne ironisches Verhältnis zu pflegen. Es darf ihr kein Recht zur "Totalherrschaft" eingeräumt werden. Es geht hier um die Frage, wie wir trotz unserer Machtlosigkeit unsere Freiheit und Integrität bewahren können.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Denn machtlos sind wir zweifellos. Der "Feuerball der Narreteien" (Botho Strauß) wächst täglich, und verschlingt den "kleinen Planeten des Geistes". "Der Zeitgeist korrumpiert fast jeden", "der Strom treibt uns mit", schrieb Ellen Kositza neulich in der Jungen Freiheit, resigniert oder auch nur realistisch: "Rudern wir ruhig ein wenig dagegen. Die Richtung wird sich nicht ändern." Wir wenigen Dissidenten stehen abseits und sehen zu, wie der babylonische Turm hoch und höher gebaut wird, wie eine gewaltige Dampfwalze nach und nach alles plattmacht, was wir sind, was wir glauben und was wir lieben.

Die Frage nach der Ursache dieser Entwicklungen ist schon oft gestellt und noch öfter beantwortet worden. Ich glaube allerdings, daß grundsätzlich alle Antworten am Ende nur Teilantworten sein können. Wir mögen etwa imstande sein, die global players der großen Politik zu benennen, oder historische, psychologische und geistesgeschichtliche Ursachen zu ergründen. Das mag alles zu wertvollen Erkenntnissen führen, mag uns lähmen und fesseln oder befreien und zur Tat anstacheln, es bleibt immer nur Stückwerk, und schlimmstenfalls kann es auch blenden: "Wer alles durchschaut hat, sieht am Ende nichts mehr", schrieb C. S. Lewis. Ich habe in einem Essay versucht, diese Problematik im Bild der "unsichtbaren Gegner" zu fassen.

1977 drehte der katholische Ikonoklast Robert Bresson einen seiner eindrucksvollsten Filme: "Le diable, probablement" handelt von dem 20jährigen Studenten Charles, dem die Anpassung an die als zutiefst destruktiv, als "Kultur des Todes" wahrgenommene Konsumgesellschaft ebenso wenig gelingt wie die Rückkehr zum christlichen Glauben. Vom Engagement in linksradikalen Gruppen wendet er sich bald ab, seine Liebesbeziehungen scheitern, ein Gespräch mit einem äußerst unysmpathisch gezeichneten Psychotherapeuten erweist sich zusätzlich als desillusionierend, am Ende steht der Selbstmord.

Bresson war bekannt für einen eigenwilligen Inszenierungsstil: er drehte ausschließlich mit Laiendarstellern, die ihre Sätze mehr "aufsagten" als "spielten". Nicht nur damit entfernte er sich weit von dem, was man allgemein als "Realismus" im Film betrachtet. In einer zentralen Szene des Films beginnen die Fahrgäste eines Busses plötzlich einen seltsamen Dialog. Charles und sein Freund haben eben einen Vortrag über Massenvernichtungswaffen besucht; zuvor haben sie schockierende Filme über Umweltzerstörung und -vergiftung gesehen.

Charles: Das Unglaubliche ist, daß es ausreicht, einfach die Fakten zu verleugnen, um die Menschen wieder zu beruhigen.

Michel: Was denn für Fakten? Das ist übernatürlich. Nichts ist sichtbar.

Charles: Du spinnst doch! ... Die Regierungen sind kurzsichtig.

1. Fahrgast: Beschuldigen Sie nicht die Regierungen. Keine Regierung auf dieser Welt kann heute von sich behaupten, daß wirklich sie es ist, die regiert. Die Massen bestimmen heute die Marschrichtung. Dunkle Kräfte, deren Gesetze unergründlich sind.

2. Fahrgast: Es ist wahr, daß uns irgendetwas gegen unseren Willen treibt.

3. Fahrgast: Man muß einfach nur weiter und weiter marschieren... und wir machen alle mit, wir wollen ja keine Spielverderber sein.

4. Fahrgast: Wer ist es, der sich über die Menschheit lustig macht?

3. Fahrgast: Ja, wer ist es, der uns an der Nase herumführt?

1. Fahrgast (sarkastisch): Der Teufel, möglicherweise.

Diable


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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