Sezession
22. Februar 2013

Das Imperium wird niemals enden

Martin Lichtmesz

Auch der bereits erwähnte C. S. Lewis war Autor von Science-Fiction- und Fantasy-Romanen. Weniger bekannt ist, daß er ein engagierter Apologet des Christentums von funkelnder Intelligenz war, vielleicht der vielschichtigste, den das letzte Jahrhundert hervorgebracht hat. In seinen unter dem Titel "Mere Christianity" gesammelten Reden (1942-44, erstmals erschienen 1952) findet sich ein faszinierender Gedanke:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Eines der Dinge, die mich erstaunten, als ich ernsthaft das Neue Testament zu lesen begann, war die Häufigkeit, mit der von einer dunklen Macht im Universum die Rede war - von einem mächtigen, bösen Geist, der hinter Tod, Krankheit und Sünde stünde. Das Christentum stimmt mit der dualistischen Auffassung überein, daß sich dieses Universum im Kriegszustand befindet. Aber es glaubt nicht an einen Krieg zwischen unabhängigen Mächten. Es glaubt an einen Bürgerkrieg, eine Rebellion, daran, daß wir in einem Teil des Universums leben, der vom Rebellen (sc. gegen Gott, also: Luzifer) beherrscht wird.

Vom Feind besetztes Gelände - das ist es, was diese Welt ist. Das Christentum ist die Geschichte des rechtmäßigen Königs, der incognito - man kann sogar sagen: verkleidet - in sein Land zurückkehrt und uns alle dazu aufruft, an einer großen Sabotagekampagne teilzunehmen.

Er greift die Frage Bressons auf und beantwortet sie im Sinne des Glaubens:

Ich weiß, daß man mich nun fragen wird: "Wollen Sie etwa ernsthaft, am hellichten Tage, unseren alten Freund, den Teufel, mit Hufen, Hörnern und all dem Zeug, wieder in die Diskussion einführen?" Nun, was die Tageszeit mit diesen Dingen zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht. Ich bestehe auch nicht gerade auf Hufen und Hörnern.  Aber was den Rest angeht, so ist meine Antwort: "Ja, das tue ich."  Ich behaupte nicht, daß ich irgendetwas über seine persönliche Erscheinung wüßte. Sollte irgendjemand ein Interesse daran haben, ihn besser kennenlernen zu wollen, so würde ich ihm sagen: "Nur keine Sorge. Wenn Sie das wirklich wollen, dann wird ihr Wunsch erfüllt werden. Ob Sie daran Freude haben werden, wenn das passiert, steht auf einem anderen Blatt."

Vielen werden solche Gedanken als Ärgernis oder Torheit erscheinen; für das Entscheidende an ihnen kann ich jedoch auch einen alten deutschen Heiden als Zeugen aufrufen, der viel über den "Fliegengott, Verderber, Lügner" nachgedacht hat, und der uns daran erinnert hat, daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist. Die wechselnden irdischen Statthalter der Lüge, der Unterdrückung und des Wahnsinns sind es ebenso, wie der nicht endende Kampf gegen sie, der nicht zuletzt in der eigenen okkupierten Seele beginnt.

Und schließlich wäre hier auch noch von einem anderen Partisanen und Saboteur gegen die Totalherrschaft der zeitlichen Ordnungen zu sprechen. Im "Waldgang" schreibt Ernst Jünger:

Wo es Unsterblichkeit gibt, ja wo nur der Glaube an sie vorhanden ist, da sind auch Punkte anzunehmen, an denen der Mensch durch keine Macht und Übermacht der Erde erreicht oder beeinträchtigt, geschweige denn vernichtet werden kann. Der Wald ist Heiligtum. Die Panik, die man heute weithin beobachtet, ist bereits der Ausdruck eines angezehrten Geistes, eines passiven Nihilismus, der den aktiven herausfordert. Der freilich ist am leichtesten einzuschüchtern, der glaubt, daß, wenn man seine flüchtige Erscheinung auslöscht, alles zu Ende sei. Das wissen die neuen Sklavenhalter, und darauf gründet sich die Bedeutung der materialistischen Lehren für sie. Sie dienen im Aufstand zur Erschütterung der Ordnung und sollen nach errungener Herrschaft den Schrecken verewigen. Es soll keine Bastionen mehr geben, auf denen der Mensch sich unangreifbar und damit furchtlos fühlt.

Demgegenüber ist es wichtig, zu wissen, daß jeder Mensch unsterblich und daß ein ewiges Leben in ihm ist, unerforschtes und doch bewohntes Land, das er selbst leugnen mag, doch das keine zeitliche Macht ihm rauben kann. Der Zugang bei vielen, ja bei den meisten mag einem Brunnen gleichen, in welchen seit Jahrhunderten Trümmer und Schutt geworfen sind. Räumt man sie fort, so findet man am Grunde nicht nur die Quelle, sondern auch die alten Bilder vor. Der Reichtum des Menschen ist unendlich größer, als er ahnt. Es ist ein Reichtum, den niemand rauben kann und der im Lauf der Zeiten auch immer wieder sichtbar anflutet, vor allem, wenn der Schmerz die Tiefen aufgegraben hat. Das ist es, was der Mensch wissen will. Hier liegt das Zentrum seiner zeitlichen Unruhe. Das ist die Ursache seines Durstes, der in der Wüste wächst — und diese Wüste ist die Zeit.

 

Bilder: "Le diable probablement" (Der Teufel möglicherweise), F 1977, von Robert Bresson.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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