Sezession
11. Februar 2013

Von Phänomenen und Strukturen – eine Antwort an meine Kritiker

Gastbeitrag

von Manfred Kleine-Hartlage

Erik Lehnert hat die seit Monaten sich dahinscharmützelnde "Islamdebatte" zum Anlaß genommen, einige grundsätzliche Überlegungen zur Struktur solcher Debatten anzustellen. Sie sind in der 52. Sezession abgedruckt. Lehnert zufolge hängt ihr Wert für den Leser davon ab,

daß man entschlüsseln kann, aus welcher Perspektive ein Debattenbeitrag verfaßt ist. Das setzt wiederum voraus, daß man weiß, daß es ... keine unabhängig von uns existierende Wahrheit gibt, sondern daß diese Wahrheit im wesentlichen von der Perspektive desjenigen abhängt, der sich über einen Gegenstand verbreitet.

Wenn Lehnert damit nur sagen wollte, daß man denselben Gegenstand aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten kann, und daß der relative Wert einer bestimmten Perspektive davon abhängt, ob und wie weit sie zur Erhellung einer bestimmten Fragestellung beiträgt, so würde kein vernünftiger Mensch ihm widersprechen wollen. Allerdings wäre eine solche Binsenwahrheit es kaum wert,

auf eng begrenztem Raum und mit eng begrenzten Ressourcen

breitgetreten zu werden, und in der Tat will Lehnert auch auf etwas ganz anderes hinaus:

Der Historiker wird sich eher den Phänomenen zuwenden und letztendlich die Auffassung vertreten, daß sich die Wirklichkeit nicht in Formeln fassen läßt. (...)

Der Soziologe hat die Ebene der Phänomene und Individuen verlassen, um sich den Strukturen zuzuwenden. Das Hauptaugenmerk seiner Analyse liegt dann auf diesen Strukturen, von denen Abweichungen nur in anderen Strukturen möglich sind: Diese Nivellierung ist sicher sinnvoll, um bestimmte Entwicklungen zu erhellen. Die Wirklichkeit erfassen kann sie nicht.

Lehnert behauptet also, der Unterschied zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie bestehe darin, daß die eine sich mit Phänomenen, die andere mit Strukturen befasse. Da aber - dies ist jedenfalls die Quintessenz - "Phänomene" in der Wirklichkeit existierten, "Strukturen" jedoch nur in den Köpfen der Soziologen, könne die eine Disziplin "Wirklichkeit erfassen" - und die andere eben nicht. Es fällt schwer, in solchen Thesen etwas anderes zu sehen als die anspruchsvoll formulierte Version des populären Vorurteils, Soziologen würden nur herumlabern.

Wenn es stimmen würde, daß man nur durch die Beschäftigung mit "Phänomenen", nicht aber durch die mit Strukturen "Wirklichkeit erfassen" könne, dann hieße das, daß man "Wirklichkeit erfaßt", wenn man sich mit Bäumen, nicht aber, wenn man sich mit dem Wald beschäftigt; daß also Bäume real sind, der Wald aber nicht.

Dabei stimmt schon die Prämisse nicht: Es ist schlechterdings objektiv - und daher auch für Historiker - unmöglich, eine Aussage über Phänomene zu treffen, die nicht zugleich eine Aussage über ihre Struktur ist, allein schon, weil jeder Begriff eine Strukturaussage impliziert. Daß manche Historiker die in ihren Thesen enthaltenen Strukturaussagen nicht hinreichend reflektieren, steht auf einem anderen Blatt, ist aber keine wissenschaftliche Tugend, auch keine geschichtswissenschaftliche; schon gar nicht ist es ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie.

Darüberhinaus gehört es selbstverständlich zu den Aufgaben der Geschichtswissenschaft, Strukturen zu erforschen, und dies gegebenenfalls auch auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau, sozusagen aus der Vogelperspektive, aus der die einzelnen Phänomene vergleichsweise winzig sind und als Teile eines übergreifenden Musters, eines Mosaiks erscheinen, das weitaus mehr ist als bloß die Summe der Steinchen, aus denen es besteht. Es wäre doch absurd - um nur dieses Beispiel zu nennen - zu bestreiten, daß Ernst Noltes Thesen zum Europäischen Bürgerkrieg unter anderem eine empirisch wohluntermauerte Theorie über die Struktur der europäischen Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellen.

Soziologische Theoriebildung wiederum zielt darauf ab, empirische Phänomene zu erklären (worauf denn sonst?) und gerade nicht, sie zu ignorieren. Indem die Soziologie soziale Phänomene als Ergebnis sozialer Strukturen und ihrer immanenten Dynamik beschreibt, erschließt sie sich einen Zugang zu gleichartigen Phänomenen, die unter Umständen räumlich und zeitlich weit voneinander entfernt auftreten und deshalb von einem phänomenologischen Ansatz her nicht miteinander in Beziehung zu bringen sind und nichts miteinander zu tun zu haben scheinen: zum Beispiel, daß muslimische Organisationen an Christen im Westen im Wesentlichen dieselben Erwartungen richten, die sie deren Glaubensbrüdern im Nahen Osten schon vor Jahrhunderten erfolgreich aufgezwungen haben; oder daß bei linker Politik, egal, ob sie in Frankreich 1789, in Russland 1917 oder in Deutschland 2013 verfolgt wird, grundsätzlich das Gegenteil dessen herauskommt, was (angeblich) herauskommen soll; oder daß dieselben Mechanismen, mit denen Ortsvereine von alten Sozialdemokraten sich gegen neue Themen und Perspektiven abschotten - und ich weiß, wovon ich rede -, auch in scheinbar ganz andersgearteten politisch-ideologischen Zusammenhängen auftauchen.

Dabei ist die Besonderheit der Soziologie nicht, daß sie die einzelnen Phänomene von der Struktur her deutet, innerhalb deren sie auftreten; das kann ein Historiker gegebenenfalls genauso machen.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.