Deutscher Blätterwald (1) – Papst, Besetzung, Entweihung, Syrien

Die aktuelle Ausgabe der Jungen Freiheit (Nr. 8/13), ab heute im Handel, steht im Zeichen der Religion, angesichts des überraschenden Papst-Rücktritts nicht verwunderlich.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

In sei­ner wöchent­li­chen Kolum­ne nähert sich Chef­re­dak­teur Die­ter Stein Bene­dikt XVI. respekt­voll.  Zustim­mend zitiert er den deut­schen Papst, der bei sei­nem Deutsch­land­be­such 2011 erklärte:

Die geschicht­li­chen Bei­spie­le zei­gen: Das mis­sio­na­ri­sche Zeug­nis der ent­welt­lich­ten Kir­che tritt kla­rer zuta­ge. Die von ihrer mate­ri­el­len und poli­ti­schen Last befrei­te Kir­che kann sich bes­ser und auf wahr­haft christ­li­che Wei­se der gan­zen Welt zuwen­den, wirk­lich welt­of­fen sein.

Stein schluß­fol­gert:

Es ist zu hof­fen, daß Bene­dikt ein Papst nach­folgt, der der Ver­welt­li­chung und Auf­lö­sung sei­ner Kir­che durch Rela­ti­vis­mus ähn­lich mann­haft entgegentritt.

Die­sem Wunsch gibt es nichts hin­zu­zu­fü­gen – außer viel­leicht einer Lis­te von poten­ti­el­len Nach­fol­gern, die auf S. 8 von Ronald Glä­ser prä­sen­tiert wird. Eine Sei­te zuvor wür­digt Ger­not Faci­us die Ära Bene­dikt XVI. Abge­run­det wird die Elo­ge auf den deut­schen Papst durch eine Zusam­men­stel­lung von kur­zen Stel­lung­nah­men zum ers­ten Amts­ver­zicht eines Stell­ver­tre­ters Chris­ti seit 1294 (es äußern sich unter ande­rem Mar­tin Loh­mann und Jür­gen Liminski).

Micha­el Paul­witz wid­met sich indes einem Vor­fall in Ham­burg. Dort wird eine (evan­ge­li­sche) Kir­che in eine Moschee umge­wan­delt. Offen­si­ve Ver­drän­gung? Nein, stellt Paul­witz klar:

Die Dik­ta­tur des Rela­ti­vis­mus, die der schei­den­de Papst Bene­dikt XVI. kri­ti­siert hat – in Ham­burg-Horn und Esch­wei­ler kann man sie in all ihren Spiel­ar­ten stu­die­ren. Hier liegt der Kar­di­nal­feh­ler, der die Ein­wan­de­rung aus ande­ren Kul­tur­rau­men erst zum Pro­blem anwach­sen last. Wer die eige­ne Iden­ti­tät auf­gibt, über­läßt das Ter­rain denen, die sich ihrer Iden­ti­tät gewiß sind. Nicht die ver­meint­li­che Stär­ke des Islam, son­dern eige­ne Schwä­che läßt immer mehr Deut­schen die Hei­mat zur Frem­de werden.

Die Hei­mat wird zur Frem­de: Ähn­li­ches könn­te auch man­chem Ein­woh­ner der nord­rhein-west­fä­li­schen Stadt Esch­wei­ler dro­hen. Dort wur­de die Turm­uhr­glo­cke der katho­li­schen Sankt-Boni­fa­ti­us-Kir­che abge­stellt. Sie sei zu laut, so die Begrün­dung der Stadt­ver­wal­tung. Den Dezi­bel-Vor­ga­ben ent­spricht aber offen­sicht­lich der Ruf des Muez­zins am loka­len Markt­platz. Der wird nun jeden Frei­tag erklin­gen, um die mus­li­mi­schen Gläu­bi­gen zum Gebet zu rufen – so wie bereits in drei ande­ren Städ­ten der Regi­on Aachen auch. Doch auch hier darf man die „Schuld“ für die Preis­ga­be christ­li­chen Rau­mes kei­nes­wegs bei den Mus­li­men suchen: Sie haben mit dem Kirch­turm­be­schluß nichts zu tun, über­kor­rek­te Stadt­be­diens­te­te und glau­bens­fer­ne Poli­ti­ker rei­chen völ­lig aus. Das Urteil über die Glo­cke sprach natür­lich nicht die tür­kisch-isla­mi­sche DITIB (die in ihrem Fal­le auf das fünf­ma­li­ge frei­ta­g­li­che Aus­ru­fen zuguns­ten eines ein­zi­gen Males ver­zich­tet), son­dern die Stadt­ver­wal­tung, der Beschluß bezüg­lich des Muez­zin-Rufes erfolg­te letz­ten Endes durch den Bürgermeister.

Viel wur­de berich­tet über die „Beset­zung der Beset­zer“ in der Wie­ner Votiv­kir­che durch eine „iden­ti­tä­re“ Grup­pe. In der Febru­ar-Aus­ga­be (Leit­the­ma: Kli­ma­po­li­tik) des rech­ten Nach­rich­ten­ma­ga­zins Zuerst! erschien zuvor ein anschau­li­cher Bericht über das eigen­wil­li­ge „Kir­chen­asyl“ im neu­go­ti­schen Got­tes­haus, der Hin­ter­grün­de benennt und die Rol­le der eta­blier­ten Poli­tik sowie der Cari­tas schildert.

Die eigent­li­che Stär­ke des Peri­odi­kums ist jedoch nach Ansicht vie­ler Leser die außen­po­li­ti­sche Bericht­erstat­tung, die vom Kon­takt­netz des Chef­re­dak­teurs Manu­el Och­sen­rei­ter pro­fi­tiert. So fin­det sich in der aktu­el­len Aus­ga­be ein Inter­view Och­sen­rei­ters mit dem syri­schen Jour­na­lis­ten Abdal­la Abdul-Wahab, der über die Machen­schaf­ten der „Frei­en Syri­schen Armee“ (FSA) auf­klä­ren möch­te und – ohne dabei das Assad-Regime zu ver­herr­li­chen – ein­dring­lich vor dem radi­kal-reli­giö­sen Hin­ter­grund der im Wes­ten mit­hin als „säku­lar“ oder gar „demo­kra­tisch“ apo­stro­phier­ten hete­ro­ge­nen Oppo­si­ti­on warnt.

In dem Ansin­nen, der häu­fig ein­sei­tig regie­rungs­feind­li­chen Syri­en-Bericht­erstat­tung der bun­des­deut­schen Medi­en etwas Sub­stan­ti­el­les ent­ge­gen­zu­stel­len, begeg­net sich Och­sen­rei­ters Zuerst! mit Jür­gen Elsäs­sers Com­pact-Maga­zin. Elsäs­ser, lin­ker Sou­ve­rä­nist mit aus­ge­präg­tem Hang zur Geheim­dienst­for­schung, stellt dem Febru­ar-Heft (2/2013) sei­ner Zeit­schrift das Titel­the­ma „Deut­sche Rake­ten gegen Syri­en“ vor­an. Zu Wort kommt in die­sem Heft auch Kars­ten Voigt, SPD-Poli­ti­ker und 22 Jah­re lang MdB. Die­ser (anders als Elsäs­ser) eher trans­at­lan­tisch ori­en­tier­te Poli­ti­ker spricht sich im Compact-Gespräch gegen eine Mili­tär­in­ter­ven­ti­on in Syri­en aus.

Für emp­feh­lens­wert befin­det Elsäs­ser aktu­ell die ARD-Repor­ta­ge Die Syri­en-Fal­le, mit der die erdrü­cken­de Anti-Assad-Infor­ma­ti­ons­flut, so Elsäs­ser, wenigs­tens ein seriö­ses Gegen­stück erhalte.

Kri­tik­los zuguns­ten der inner- (und außer-)syrischen Oppo­si­ti­on argu­men­tiert der­weil vehe­ment der ein­fluß­rei­che ara­bi­sche TV-Sen­der Al Jaze­e­ra. Daß dies nicht allen Redak­teu­ren schmeckt, erfährt der Com­pact-Leser in der Aus­ga­be 3/2013, die ab 28. Febru­ar im Han­del erhält­lich sein wird und u. a. ein Inter­view mit dem (ehe­ma­li­gen) Ber­li­ner Büro­lei­ter des genann­ten Sen­ders ent­hält, der exakt wegen eben­je­ner ten­den­ziö­sen Bericht­erstat­tung sei­nes bis­he­ri­gen Arbeit­ge­bers den Hut nahm.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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