Geisteswissenschaft: das Jahr und sein Thema

pdf der Druckfassung aus Sezession 19/August 2007

sez_nr_1910Wir befinden uns im Jahre 2007, dem Jahr der Geisteswissenschaften und dem der Delphine. Es ist bekannt, daß Delphine intelligente Tiere sind. Trotzdem sind sie vom Aussterben bedroht und werden von wohlmeinenden Zeitgenossen unter Schutz gestellt. Mit dem Jahr der Delphine wird (vor allem in Form von Werbespots) an die Zeitgenossen appelliert, keinen Verhaltensweisen zu frönen, die Delphine gefährden könnten, wie beispielsweise das Konsumieren unkorrekt gefangenen Thunfischs. Ähnliches liegt dem Jahr der Geisteswissenschaften zugrunde. Auch hier soll offenbar etwas geschützt werden, was so „schön zum Herzen spricht" wie ein Delphin.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Zunächst drängt sich aller­dings der Ein­druck auf, daß es sich um eine höhe­re Form des Selbst­be­trugs han­delt, wie man ihn aus der Hoch­pha­se der new eco­no­my kennt: Ein Hau­fen Krea­ti­ve bas­telt ein Wer­be­kon­zept, nennt es Arbeit und ver­dient einen Hau­fen Geld damit. Im Hin­ter­grund steht der Gedan­ke, daß man die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten toll und wich­tig nen­nen muß, weil sie es auch sind. Noch ein biß­chen wei­ter im Hin­ter­grund steht aber das Gesetz, daß ein Gegen­stand, für den ein „Jahr” aus­ge­ru­fen wer­den muß, nicht toll und wich­tig ist, son­dern gestützt wer­den muß. Und in der Tat geht es beim „Jahr der Geis­tes­wis­sen­schaft” nicht um eine der Leis­tungs­schau­en, die zum Prä­di­kat „Eli­te­uni­ver­si­tät” füh­ren sol­len. Schon eher geht es um das Zur­schau­stel­len von Män­geln mit dem Ziel, Hil­fe von außen zu erhalten.
Es gab bereits vor dem „Jahr der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten” Ver­su­che, Miß­stän­de zu benen­nen und Maß­nah­men zu ent­wi­ckeln, um die „Kri­se” zu been­den. Aller­dings stan­den bei dem Mani­fest Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, das unter ande­rem von den Phi­lo­so­phen Carl Fried­rich Geth­mann und Jür­gen Mit­tel­straß an der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten erar­bei­tet und am 25. Novem­ber 2005, dem Tag der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten (den es seit 2002 gibt), vor­ge­stellt wur­de, eher struk­tu­rel­le Pro­ble­me im Vor­der­grund. Dar­in heißt es: „Sor­ge um die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ist begrün­det. Sor­ge dar­um, was mit ihnen geschieht, und Sor­ge dar­um, was sie sich antun. Die Sor­ge ist auch nicht neu.”
Die Autoren gehen davon aus, daß die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten im wesent­li­chen zwei Pro­ble­me haben: ein theo­re­ti­sches und ein insti­tu­tio­nel­les. Von ihrem Ursprung, den die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ja in der Phi­lo­so­phie haben, sei nicht viel geblie­ben. Ob nun Wahr­heits­funk­ti­on (Kant) oder Bil­dungs­pro­gramm (Hum­boldt) – bei­des habe sich inso­fern erle­digt, als ein sys­te­ma­ti­scher Cha­rak­ter neben der rei­nen Aus­bil­dungs­funk­ti­on nicht mehr zu erken­nen sei. Es herr­sche kein zweck­frei­es Wis­sen­wol­len mehr, was natür­lich den all­ge­mei­nen Umstän­den geschul­det sei. Und selbst aus der Phi­lo­so­phie sei, da nur noch Phi­lo­so­phie­ge­schich­te, eine Geis­tes­wis­sen­schaft geworden.
Die Autoren wei­sen die Leh­re von den „zwei Kul­tu­ren” und der „Kom­pen­sa­ti­on” als gut­ge­meint (was ja bekannt­lich das Gegen­teil von gut ist) zurück: Da die moder­ne Welt kein Bewußt­sein von sich selbst habe und der tech­ni­sche Ver­stand als das Maß aller Din­ge gel­te, sol­len die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten die dar­aus resul­tie­ren­den Ori­en­tie­rungs­pro­ble­me behe­ben helfen.
Damit stellt sich die Fra­ge nach dem For­schungs­be­griff der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten im Unter­schied zu dem der Natur­wis­sen­schaf­ten. Der­zeit ist eine Refor­mu­lie­rung der „Auf­ga­ben­stel­lung der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten” auf neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Basis im Gan­ge, die deren auto­no­mes For­schungs­ver­ständ­nis auf­zu­lö­sen droht. Die Gegen­stän­de der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten sind jedoch Pro­duk­te mensch­li­cher Hand­lun­gen und müs­sen durch Rekurs auf Hand­lungs­zwe­cke erklärt wer­den. Hier setzt der Phi­lo­soph Micha­el Pau­en mit sei­nem neu­en Buch Was ist der Mensch? Die Ent­de­ckung der Natur des Geis­tes (Mün­chen: DVA 2007, 270 S., br, 19.95 €) an und erklärt, daß es kein Dilem­ma zwi­schen Natu­ra­lis­mus und Men­schen­bild gebe. In sei­nem erstaun­lich unter­halt­sam geschrie­be­nen und klar geglie­der­ten Buch wider­legt er auf brei­ter his­to­ri­scher und sys­te­ma­ti­scher Basis die Annah­me, daß die Hirn­for­schung unser Men­schen­bild dra­ma­tisch, etwa in Fra­gen der Frei­heit unse­res Han­delns, ver­än­dern würde.

Pau­ens his­to­ri­sches Argu­ment bezieht sich auf den Erfolg der Natur­wis­sen­schaf­ten, die die Phä­no­me­ne bes­ser erklä­ren konn­ten als meta­phy­si­sche Annah­men. Damit ist zunächst nicht mehr als ein Hin­weis auf die Lösung gege­ben, da sich in Zukunft die Sach­la­ge anders dar­stel­len könn­te. Sein sys­te­ma­ti­sches Argu­ment lau­tet des­halb, daß es kei­ne prin­zi­pi­el­len Schwie­rig­kei­ten gebe, zen­tra­le geis­ti­ge Eigen­schaf­ten auf natür­li­che Pro­zes­se zurück­zu­füh­ren. Auf das Bei­spiel der Wil­lens­frei­heit bezo­gen heißt das, daß Deter­mi­na­ti­on nicht zur Unfrei­heit führt. Im Gegen­teil: Der Zufall wür­de Unfrei­heit zur Fol­ge haben. Die Fra­ge ist also nur, wie eine Hand­lung deter­mi­niert ist. Ob der Han­deln­de dies selbst tut oder nicht. Nun ist fest­zu­hal­ten, daß eine solch extre­me Ansicht über die Unver­ein­bar­keit der Wil­lens­frei­heit mit natur­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen eine Min­der­hei­ten­mei­nung dar­stellt, die durch Pau­en nicht letzt­gül­tig ent­kräf­tet wird, so daß er auf empi­ri­sche Unter­su­chun­gen, die Gegen­tei­li­ges nahe­le­gen, zurück­grei­fen muß. Pau­ens Buch führt damit auf ein zen­tra­les The­ma des Jah­res der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten: die Fra­ge, ob die Unter­schei­dung zwi­schen Geis­tes- und Natur­wis­sen­schaf­ten sys­te­ma­tisch über­zeu­gend ist.
Das Dilem­ma, das ent­steht, wenn man ver­sucht die­se Ein­tei­lung streng durch­zu­hal­ten, zeigt Vol­ker Ger­hardt im Mer­kur 696 unter der Über­schrift „Im Jahr des Geis­tes” auf. Davon unbe­rührt ist aber der Begriff des Geis­tes selbst. Wenn die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten in Deutsch­land im Gegen­wind des Zeit­geis­tes ste­hen, so tun sie dies vor allem, weil sie ver­ges­sen haben, was der Geist ist. Davon zeugt der Tagungs­band eines bereits im Juli 2005 anläß­lich des Erschei­nens des letz­ten Ban­des des His­to­ri­schen Wör­ter­buchs der Phi­lo­so­phie in Ber­lin abge­hal­te­nen Sym­po­si­ums, der jetzt erschie­nen ist: Geis­tes­wis­sen­schaf­ten – im Gegen­wind des Zeit­geis­tes? (Stutt­gart: Franz Stei­ner 2007, 75 S., br, 16 €) Die Ver­mu­tung des Her­aus­ge­bers Klaus-Micha­el Kodal­le, daß, was den Recht­fer­ti­gungs­druck der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten betrifft, etwas „durch­ge­am­tet” wer­den darf, wider­legt er gleich selbst: „Jene zielof­fe­ne Selbst­ent­fal­tung aber wird von star­ken Kräf­ten wohl des­halb für obso­let gehal­ten, weil in ihr ein Rest­be­stand älte­rer Eli­te­vor­rech­te wahr­ge­nom­men wird.” Dem hält unter ande­rem Her­mann Lüb­be ent­ge­gen, daß das geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­um zuneh­mend prak­tisch nutz­bar sei: Die Geschichts­wis­sen­schaft soll ein 1984 ver­hin­dern, die Phi­lo­so­phie Ori­en­tie­rungs­wis­sen vor allem in ethi­scher Hin­sicht erzeu­gen und Poli­tik­wis­sen­schaft die Ideen­ge­schich­te als Zeug­haus (Krea­ti­vi­täts­re­ser­ve) nut­zen (Münk­ler). All das klingt wenig über­zeu­gend. Inter­es­sant ist der ame­ri­ka­ni­sche Blick auf die geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Selbst­be­spie­ge­lung in Euro­pa. Die Rawls-Schü­le­rin Sus­an Nei­man führt aus, daß sich aus­ge­rech­net im prag­ma­ti­schen Ame­ri­ka die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten nicht recht­fer­ti­gen müs­sen. Die Unter­schie­de sei­en fun­da­men­tal. Das Ver­hält­nis zur eige­nen Fach­ge­schich­te, das Ver­hält­nis von Fort­schritt und Ori­gi­na­li­tät, die Bedeu­tung von Beweis und Rhe­to­rik, kurz die Rol­le des Indi­vi­du­ums in der Wis­sen­schaft, wird in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten anders gewich­tet. Es kom­me dort vor allem dar­auf an, daß Inhalt und Aus­druck in der Per­sön­lich­keit des Geis­tes­wis­sen­schaft­lers eine Ver­bin­dung ein­ge­hen. Hier ist die Unter­schei­dung auf­ge­nom­men, die auf der Unter­schei­dung Kants zwi­schen Ver­stand und Ver­nunft basiert. Aller­dings ver­schwim­men bei Nei­mann die Gren­zen zwi­schen Phi­lo­so­phie und Geis­tes­wis­sen­schaft, denn nicht jede Geis­tes­wis­sen­schaft hat es mit der Ver­nunft zu tun, son­dern hin und wie­der schlicht mit Fak­ten­sam­meln oder der Edi­ti­on von Tex­ten. Neben die­sen grund­sätz­li­chen Fra­gen soll­te das Jahr der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, von dem bereits mehr als die Hälf­te fol­gen­los ver­stri­chen ist, die Aus­wüch­se the­ma­ti­sie­ren, die an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten All­tag sind. Die Ein­füh­rung der BA/­MA-Stu­di­en­gän­ge soll­te bei­spiels­wei­se Abhil­fe bei den lan­gen Stu­di­en­zei­ten schaf­fen und ist doch nur Aus­druck der Flucht vor der Wirk­lich­keit. Anstatt die Stu­den­ten zum zügi­gen Abschluß zu zwin­gen, wird ein neu­es Sys­tem ein­ge­führt. Ein­fa­cher und kon­se­quen­ter wäre der ande­re Weg gewe­sen. Doch unver­hüllt Dis­zi­plin zu ver­lan­gen, erfor­dert Sicher­heit und Kom­pe­tenz. Die wer­den wir in Zukunft immer weni­ger haben. Bereits heu­te ist die geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung von Unsi­cher­heit geprägt: Man ist nett zuein­an­der. Ver­ris­se sucht man in den geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Fach­or­ga­nen ver­geb­lich: Man könn­te ja falsch lie­gen, also lie­ber ver­hal­te­nes Lob anbrin­gen. Das kos­tet nichts und ist genau­so bil­lig zu haben, wie der kor­rekt erleg­te Thunfisch.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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