Die Vorläufigkeit unserer Umstände – Martin Mosebachs “Der Ultramontane”

(Rezension aus Sezession 52 / Februar 2013)

Daß der Schriftsteller und Büchnerpreisträger Martin Mosebach gläubiger....

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Katho­lik und sou­ve­rä­ner Ver­tei­di­ger der vor­kon­zi­lia­ren, latei­ni­schen Lit­ur­gie ist, hat sich unter Kon­ser­va­ti­ven her­um­ge­spro­chen. Sei­ne Häre­sie der Form­lo­sig­keit (zunächst Karo­lin­ger, spä­ter Han­ser) gehört zu den Schlüs­sel­wer­ken, die im Staats­po­li­ti­schen Hand­buch des Insti­tuts für Staats­po­li­tik jedem gut­sor­tier­ten Bücher­schrank anemp­foh­len sind. Mose­bach selbst wird in Band 3 die­ses Hand­buchs als Vor­den­ker gewür­digt. Sei­ne Text­samm­lung Der Ultra­mon­ta­ne unter­streicht sei­nen Ruf und bestä­tigt sei­ne Würdigung.

Mose­bach ist zwei­fels­oh­ne selbst ein Ultra­mon­ta­ner, also einer jener fast ana­chro­nis­ti­schen Katho­li­ken, deren Loya­li­tät zu einem ent­schei­den­den Teil nicht ihrem Vater­land, son­dern dem Papst in Rom gilt: jen­seits der Ber­ge – ultra mon­tes. Wo die­ser Begriff nach der Reichs­grün­dung von 1871 den Preu­ßen als Schmäh­wort gegen den unzu­ver­läs­si­gen, katho­li­schen Süden dien­te, hat er heu­te jede Wucht verloren.

»Ultra­mon­ta­nis­mus heißt, ein Gefühl für die Vor­läu­fig­keit unse­rer Umstän­de zu ent­wi­ckeln, zu ler­nen, sie als Über­gangs­pha­se zu begrei­fen«, heißt es im Titel-Auf­satz. Ist das nicht tröst­lich ange­sichts des offe­nen Wahns vie­ler intel­lek­tu­el­ler Dis­kus­sio­nen und poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen unse­rer Gegen­wart? Und kräf­tigt es nicht jeden Kon­ser­va­ti­ven, »daß die Gesell­schaft sei­nes Hei­mat­lan­des in den Fra­gen von Recht und Moral nicht das letz­te Wort zu spre­chen hat«? Ultra­mon­ta­nis­mus näm­lich »ist die gro­ße, anti­to­ta­li­tä­re Ver­wei­ge­rung«, und dies ernst­ge­nom­men führt zu Wider­stands­ak­ten, wo sich die »deut­sche Zivil­re­li­gi­on und ihre Dok­tri­nen« das Set­zen von Maß­stä­ben vor­be­hal­ten möchten.

Mose­bach hat das unge­wollt bewie­sen, als er im Juni 2012 The­sen zum Druck frei­gab, die eigent­lich nur ein Dis­kus­si­ons­im­puls für eine Tagung über die Gren­zen der Kunst sein soll­ten. »Vom Wert des Ver­bie­tens« (Text 13 im Buch) ent­hält Mose­bachs Ver­ste­hen-Wol­len gläu­bi­gen Unmuts gegen blas­phe­mi­sche Dar­stel­lun­gen des­sen, was für einen Künst­ler wohl Spiel­mas­se, für einen Gläu­bi­gen indes objek­ti­ve Wahr­heit ist. Mose­bach hat­te nach dem Erst­druck sei­ner Über­le­gun­gen in der Frank­fur­ter Rund­schau nicht mit der Vehe­menz der Reak­tio­nen gerech­net, vor allem nicht mit dem Unwil­len des Feuil­le­tons, wohl­wol­lend und nüch­tern zu lesen. Er wird aus die­ser Debat­te eini­ges gelernt haben und auf einen ent­rüm­pel­ten Bekann­ten­kreis blicken.

Indes: Man täte dem Buch unrecht, woll­te man es bri­sant lesen. Nach der Lek­tü­re der 16 im Band ver­sam­mel­ten Tex­te geht man gelas­se­ner durch den Tag. Glanz­stü­cke sind jene über »Das Gebet« und über das Amts­ver­ständ­nis Bene­dikts XVI.: »Er ist ja nur der Papst«. Hier dient Mose­bach der Spra­che – und wür­de wohl, lob­te man ihn, zur Ant­wort geben, er sei ja nur der Autor.

Mar­tin Mose­bach: Der Ultra­mon­ta­ne. Alle Wege füh­ren nach Rom, Augs­burg: Sankt Ulrich 2012. 160 S., 16.95 €

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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