Intellektuellenpolitik – Stefan Breuers “Carl Schmitt im Kontext”

von Günter Maschke

(Rezension aus Sezession 52 / Februar 2013)

Meist ist auch der stattlichste Baum nur Teil eines Waldes,...

 Gastbeitrag

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und des­halb ist es not­wen­dig, einen Den­ker im Kon­text zu betrach­ten. Aus­ge­rech­net gegen­über Carl Schmitt, dem rast­los kon­takt­freu­di­gen Anre­ger, wird die­se Ein­sicht gern ignoriert.

So fin­den sich in der ozea­ni­schen, längst nicht mehr über­schau­ba­ren Sekun­där­li­te­ra­tur zwar Aber­hun­der­te von Tex­ten, die man als »Schmitt- und …«-Stu­di­en bezeich­nen mag: Schmitt und Agam­ben, Schmitt und Ben­ja­min, Schmitt und Cior­an, Schmitt und Der­ri­da, Schmitt und Güters­loh, Schmitt und­so­wei­ter; doch der Nähr­wert der meis­ten die­ser Abhand­lun­gen ist gering, und sie ver­dan­ken sich zu ihrem grö­ße­ren Teil dem feuil­le­to­nis­ti­schen Anknüp­fungs­ge­wer­be und dem aka­de­mi­schen Per­mu­ta­ti­ons-Zir­kus – die geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tä­ten sind schon lan­ge Fabri­ken, bei denen es auf den Aus­stoß ankommt und nicht auf den Nut­zen der Erzeugnisse.

Was fehlt, sind Unter­su­chun­gen zu Autoren, die Schmitts Moti­ve teil­ten und sogar wei­ter­ent­wi­ckel­ten, etwa Paul Bara­don, Carl Bil­fin­ger, Axel Frei­herr v. Man­dels­loh, Hein­rich Rog­ge, Gus­tav Adolf Walz, Ernst Wol­gast: Es sind vor allem Völ­ker­recht­ler, deren Bezie­hung zu Schmitt im Dun­kel bleibt.

Der Grund dafür wie auch der für die gerin­ge Zahl der Mono­gra­phien über den Völ­ker­recht­ler Schmitt – von rund 430 Büchern über ihn behan­deln gan­ze fünf oder sechs die­ses The­ma – fin­det sich wohl in der sonst so ger­ne beschwo­re­nen »Aktua­li­tät« des Wer­kes Schmitts. Der längst in Gang gekom­me­ne Welt­bür­ger­krieg mit sei­nem gna­den­lo­sen mili­tä­ri­schen Huma­nis­mus, mit sei­ner noch zuneh­men­den Unun­ter­scheid­bar­keit von Krieg und Frie­den, mit sei­ner Per­ver­tie­rung des Gerech­ten Krie­ges und sei­nen ver­lo­ge­nen Moralt­rom­pe­te­rei­en (wäh­rend­des­sen der Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger den Mas­sen­mord per Fern­be­die­nung, sprich Droh­nen­krieg, aus­üben läßt) – das ist die Rea­li­tät, die rhe­to­risch beklagt und ana­ly­tisch gemie­den wird. Die­se bös­ar­ti­ge Welt des Uni­ver­sa­lis­mus hat Schmitt wäh­rend des Inter­bell­ums vor­her­ge­se­hen. Heu­te ist sie wahr gewor­den und fin­det auch noch ihre Rechtfertiger.

Auch Ste­fan Breu­er mei­det in sei­nem neu­en Buch die­sen so aktu­el­len Kon­text und befaßt sich nur mit der Zeit von 1918 bis 1933. Er schil­dert, ohne die in Deutsch­land fast übli­che mali­ce gegen­über Schmitt, des­sen Bezie­hung zu eini­gen Intel­lek­tu­el­len der Wei­ma­rer Zeit. Schmitts Ver­wur­ze­lung in der Mün­che­ner Bohe­me der Kriegs- und Nach­kriegs­zeit wird, durch­aus kun­dig, beschrie­ben; beson­de­res Augen­merk fin­det dabei Theo­dor Däub­ler und des­sen Kul­tur­kri­tik in sei­nem Opus magnum, Das Nord­licht. Jeder Bewun­de­rer Däub­lers weiß, daß in die­sem ca. 1200 Sei­ten umfas­sen­den Vers-Werk eini­ge gro­tes­ke Stil­blü­ten wuchern. Es des­halb »eine mons­trö­se Schwar­te« zu nen­nen und sei­nen gro­ßen Dich­ter als »das männ­li­che Gegen­stück zu Frie­de­ri­ke Kemp­ner« zu bezeich­nen, erheischt Satisfaktion.

Danach befaßt sich Breu­er unter ande­rem mit dem Ein­fluß von Sieyes auf Schmitt und erör­tert die Bezie­hung zu Max Weber. »Mons­trös« darf man hier Breu­ers Repe­ti­ti­on des längst Bekann­ten nen­nen. Spä­ter geht es um den Ein­fluß Schmitts auf Zeit­schrif­ten der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« (die Vali­di­tät die­ses Begriffs bezwei­felt Breu­er mit gro­ßem Recht) wie Der Ring und Deut­sches Volks­tum, und damit um Schmitts Schü­ler Ernst Forst­hoff, Ernst Rudolf Huber und Karl Loh­mann, die sei­ne Gedan­ken wäh­rend der Prä­si­di­al­re­gie­run­gen in klei­ner Mün­ze unters Volk brach­ten. Erfreu­li­cher­wei­se macht Breu­er dabei deut­lich, daß es Schmitt zwar kaum um die »Ret­tung Wei­mars« ging, immer­hin aber um das Fern­hal­ten Hit­lers von der Macht. Man muß frei­lich auch hier fest­stel­len, daß dies alles schon weid­lich behan­delt wur­de (auch von Breu­er in frü­he­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen), so daß die etwas lang­wei­li­ge Aura von – zuwei­len anspruchs­vol­len – Gedächt­nis­übun­gen ent­steht. Gewiß, Wie­der­ho­lung ist die Mut­ter der Stu­di­en, aber »man kann alles üwert­riewe«, hät­te Schmitt dazu gesagt.

Am ergie­bigs­ten sind da noch Breu­ers Schil­de­run­gen der dama­li­gen »Links-Schmit­tia­ner« Otto Kirch­hei­mer, Ernst Fra­en­kel und Franz Neu­mann, die doch bis 1933 eif­rig und ver­eh­rend zu den Füßen des Meis­ters saßen und so frei waren, des­sen Argu­men­te für ihre Inten­tio­nen zu nutzen.

Breu­ers Buch, wegen sei­ner ziem­lich durch­ge­hen­den Fair­neß gegen­über Schmitt lobens­wert, hin­ter­läßt einen zwie­späl­ti­gen Ein­druck. Es täuscht, einer Unsit­te beson­ders in roma­ni­schen Län­dern fol­gend, Kapi­tel vor, die letzt­lich selb­stän­di­ge Auf­sät­ze sind, und fin­giert auf die­se Wei­se eine nicht vor­han­de­ne Kohä­renz. Vor allem aber ver­schwin­den hin­ter der »Intel­lek­tu­el­len­po­li­tik« die Poli­tik und das Politische.

Weder Genf noch Ver­sailles, weder die Rhein­land­be­set­zung noch der Arti­kel 48 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung, weder die von den Sie­ger­mäch­ten betrie­be­ne Fort­set­zung des Krie­ges mit ande­ren Mit­teln noch die damals immer neu ein­set­zen­de Demü­ti­gung Deutsch­lands auf inter­na­tio­na­lem Par­kett wer­den wirk­lich sicht­bar – sie sind bei Breu­er nur ein bläß­li­cher Hin­ter­grund. Eini­ge weni­ge ener­gi­sche Sei­ten, und Schmitts Ideen wären faß­ba­rer und unfaß­ba­rer gewor­den und hät­ten mit den Män­geln des Buches versöhnt.

Ste­fan Breu­er: Carl Schmitt im Kon­text. Intel­lek­tu­el­len­po­li­tik in der Wei­ma­rer Repu­blik, Ber­lin: Aka­de­mie Ver­lag 2012.  303 S., 49.80 €

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